Geburten, Übergewicht, schweres Tragen und auch Sport mit vielen Sprungbewegungen lassen den Beckenboden leiden. Du musst häufiger „Piesel”-Stopps einlegen, ab und an (oder regelmäßig) passieren Dir trotzdem „Unfälle“. Einige Warnsignale, die auf einen geschwächten Beckenboden deuten, werden aber nicht wahrgenommen: Zum Beispiel, wenn Du Dich beim Sex nicht mehr so fühlst wie früher und Deine Orgasmen wesentlich schwächer oder nicht mehr spürbar sind. Auch wiederkehrende Hüft- oder Rückenschmerzen können ein Hinweis auf einen schwachen Beckenboden sein.
Zum Glück ist der Beckenboden ein Muskel. Das heißt, Du kannst ihn trainieren, wie jeden anderen Muskel. Ideal für die Beckenboden-Fitness ist, wenn man einen Beckenbodentrainer (wie z. B. Elvie) mit einem gezielten Krafttraining kombiniert.
„Aber mein Arzt sagt, Krafttraining ist schlecht für meinen Beckenboden!“
Beim Stichwort „Krafttraining“ schrillen bei vielen Frauen (und leider auch Ärzt:innen) die Alarmglocken. Es hält sich der Mythos, dass Frauen mit Beckenbodenproblemen bloß kein Krafttraining machen sollen, um den Beckenboden nicht noch weiter zu schädigen. Das ist schade, denn Krafttraining ist nicht gleich Krafttraining!
Dauerhaftes Herumspringen (z. B. beim Crossfit oder auf dem Trampolin) kann den Beckenboden tatsächlich weiter schwächen. Auch beim plötzlichen Hochreißen schwerer Gewichte solltest Du aufpassen.
Stärke Deine Mitte
Krafttraining an einem Gerät kann, eine korrekte Ausführung ist die Voraussetzung, Harndrang, Inkontinenz und Schlimmerem vorbeugen. Denn eine Stärkung der Core-Muskeln, also aller Muskeln der Körpermitte zwischen Zwerchfell und Hüfte, führt automatisch zu einer leistungsfähigeren Beckenbodenmuskulatur. Vor allem ein Training der tieferliegenden Bauchmuskeln hilft dem Beckenboden.
Manuela Dziabel, Mastertrainerin bei fit20 Deutschland, empfiehlt: „Ideal für die Kräftigung des Beckenbodens ist ein hochintensives Krafttraining. Hochintensiv heißt in diesem Fall, dass man mit einem hohen Gewicht an einem Gerät trainiert, aber ganz langsam, quasi in Zeitlupe, mit wenigen Wiederholungen. Das Gewicht wird natürlich individuell an die Kund:innen angepasst. Der Körper soll herausgefordert, aber nicht geschwächt werden. Ruckartige Bewegungen sind ausgeschlossen und der Beckenboden wird geschützt. Durch die besondere Trainingsform beim hochintensiven Krafttraining werden die Core-Muskulatur und der Beckenboden bei den meisten Geräten automatisch mittrainiert. Das hilft besonders den Menschen, die nicht genau wissen, was sie wann und wie anspannen müssen, um ihren Beckenboden zu stärken.“
Um schädigende Ausweichbewegungen zu vermeiden, solltest Du nach Möglichkeit mit geschulten Personal-Trainer:innen arbeiten. Die kennen sich sehr gut aus und wissen genau, wann sie Dich korrigieren und wann sie Dich anfeuern müssen, damit Du Dein Ziel erreichst.“
Anspannen, atmen – wie geht das jetzt?
Die Übungen müssen korrekt ausgeführt und die Atmung richtig mit der Anspannung/Entspannung des Beckenbodens kombiniert werden. Es darf nicht das Gefühl entstehen, dass die Belastung durch das Gewicht „nach unten durchgereicht“ wird. Es gilt also, den Druckaufbau und das nach-unten-pressen zu vermeiden.
Den Beckenboden stärkst Du vor allem in der Bauchpresse und in der Abduktions- und Adduktionsmaschine. Spanne unbedingt den Beckenboden in der Belastungsphase der Übung an, um den Trainingseffekt zu verstärken und den Beckenboden zu schützen.
Wenn Du den Beckenboden noch nicht gezielt anspannen kannst, hilft es, bereits vor dem Start des Sportprogramms eine Weile mit einem Beckenbodentrainer zu arbeiten. Er veranschaulicht Dir per App, wie Du Deinen Beckenboden gezielt aktivieren kannst.
Lasse zwischen dem Krafttraining und dem Beckenbodentraining per Gerät/App jeweils ein paar Tage Pause, damit sich Dein Beckenboden erholen kann.
Mehr Lebensqualität und andere Effekte
Das Training zahlt sich aus: Du verspürst mehr Energie, vieles im Alltag (Schweres tragen, Treppen steigen) fällt Dir leichter und die „Piesel“-Stopps verringern sich. Ein schöner Nebeneffekt des Krafttrainings ist, dass die Figur geformt und gestrafft wird. Gerade bei einem hochintensiven Krafttraining gehen die positiven Effekte noch darüber hinaus: Durch die Kräftigung wird der Stoffwechsel angeregt und der Grundumsatz steigt. Das heißt, Du verbrennst sogar dann mehr Kalorien, wenn Du „nur“ auf der Couch liegst.
Lass Dich also nicht vom Krafttraining abschrecken, aber wähle Deine Trainingsmethode mit Bedacht. Wenn Du den Beckenbodenmuskel noch nicht gut spüren kannst, bereite das Training mindestens ein paar Monate mit einem Beckenbodentrainer per App vor, damit Du bei den Übungen an den Geräten gezielt anspannen und entspannen kannst.
Ein Testimonial
Ich bin eigentlich wegen starker Rückenschmerzen mit dem Krafttraining gestartet. Dass ich inzwischen, mit Mitte 50, heftige Probleme mit dem Beckenboden hatte, habe ich dort gar nicht erwähnt. Ich dachte, das tut ja nichts zur Sache. Es schränkte mich aber sogar bei der Arbeit ein. Ich bin beruflich viel unterwegs. Immer musste ich vorher auskundschaften: „Gibt es dort ein WC? Wie lang ist die Strecke dahin? Muss ich einen Zwischenstopp einplanen?“ Trotzdem ist es mehrfach in der Woche zu „Unfällen“ gekommen. Nach einem halben Jahr Krafttraining waren meine Rückenschmerzen verschwunden, deshalb bin ich dabeigeblieben. Nach einem Dreivierteljahr fiel mir auf einmal auf, dass ich schon seit Wochen keinen „Unfall“ mehr gehabt hatte und auch keine Zwischenstopps einlegen musste. Ich fühle mich jetzt viel wohler.
Sarah, fit20 Kundin (Name von der Redaktion geändert)
Die Autorin: Nina Weber – Personal Trainerin, Texterin, Schreibcoach und Buchberaterin
Nina Weber ist Personal Trainerin, Texterin, Schreibcoach und Buchberaterin. Sie hilft Dir, Deine Gedanken schnell und überzeugend in Texte zu packen. Ihre Spezialität ist das Journaling, geführte Schreibsessions, um beruflich und persönlich voranzukommen.
Mit Dir selbst im Einklang sein und Dich in Deinem Körper wohlfühlen. Umgang mit übertriebenen Erwartungen und ständigem Frust. In Deinem Bereich das Optimum erreichen und weiterhin Perfektion anstreben. Das alles sind Gründe und Ansätze, mit denen Menschen versuchen, ihre Sucht nach einem optimalen Leben zu befriedigen.
Aber: bin ich nicht gut, wie ich bin? Muss es immer weiter, höher und schneller sein? Was ist ein optimaler Tag, optimales Essen oder die optimale Leistungsfähigkeit? Und ist es für meinen Körper wichtig bzw. richtig und gesund, diesen Status zu erreichen? Oder schade ich ihm damit?
Viele Fragen, die jeder Mensch für sich beantworten muss.
Wir leben im „Zeitalter der Selbstoptimierung“ – sagen Trendforscher – und meinen eine Bewegung, die längst in unserer Gesellschaft Fuß gefasst hat. Ein Drittel der Bevölkerung folgt dem Trend. Sie haben sich auf den Weg gemacht, sich selbst zu optimieren.
Die ZDF-Doku stellt drei Menschen vor, die ihr Selbst, ihren Alltag und ihr Leben auf unterschiedliche Art und Weise verbessert haben.
Sophia Thiel (26) ist Fitness-Influencerin, nahm 30 kg ab und entdeckte das Bodybuilding für sich. Sie war ein Social Media Star und verschwand plötzlich aus allen Medien. Sie erzählt, was ihr passiert ist, warum der Rückzug für sie wichtig war und wie sie heute mit dem sozialen Druck umgeht.
Bild: Sophia vorher (li) und nachher (re)
Andreas Breitfeld (46) ist ein Hacker – genauer gesagt ein „Biohacker“. Sein Leben wird von technischen Hilfsmitteln gesteuert, sie bestimmen seinen Tagesablauf und kontrollieren fortlaufend seine Vitalwerte. Warum ihn diese Art der Selbstoptimierung nach einem Burnout rettete, beschreibt er in der Doku.
Bild: Andreas bei seiner Morgenroutine
Karina Löckener (31) und Philip Wrozyna (32) haben sich von materiellen Dingen in ihrem Leben getrennt und wollen in Zukunft in ihrem Bulli leben. Schrittweise verändern die beiden Rohveganer ihr Verhalten. Sie essen ausschließlich rohe Lebensmittel und verzichten auf tierische Produkte, Öl und Gewürze. Kühlschrank und Herd brauchen sie nicht mehr. Sie erklären, wieso die Selbstoptimierung ihr Weg ist, um zu sich zurückzufinden und ein Leben in der Natur zu führen.
Bild: Karina beim Brennesselbaden
Das Fazit der Filme-Macherinnen
„Und so sehr sich die Wege unserer Protagonisten unterscheiden, haben sie doch einiges gemeinsam: Diese Menschen suchen ihr Glück in der Optimierung. Eigentlich würden wir den Weg unserer Protagonisten nun gerne weiterverfolgen: Schafft Sophia es auch in Zukunft auf sich und ihre mentale Gesundheit Acht zu geben? Bringt Andreas das Biohacking groß raus und wachen wir vielleicht alle irgendwann mit seiner Rotlichtroutine auf? Und: Wo geht die Reise von Karina und Philip mit ihrem Bus hin?“ (Quelle des Zitats: Begleittext zum Beitrag in der ZDF-Mediathek, 37 Grad – Die Ich-Vermesser)
Der frauengesundheit.life Redaktion hat der Beitrag sehr gut gefallen, weil er so viele Perspektiven aufzeigt, aber die Ziele und Vorgehensweisen immer wieder kritisch hinterfragt.
Gehörst Du auch zu den Ich-Vermessern oder Selbstoptimieren? Welchen Weg hast Du für Dich gefunden? Magst Du uns in den Kommentaren davon erzählen? Vielleicht können wir aus Deinen Erfahrungen, Entscheidungen und Problemen lernen und uns noch tiefer in dieses spannende Thema einarbeiten.
Wir haben Dir noch ein paar weitergehende Informationen zusammengestellt:
Wenn man die Stille mag. Wenn man gern für sich ist. Wenn man die Einsamkeit willkommen heißt. Der Artikel der introvertierten Eva Lohmann im Onlinemagazin Edition F zeigt eine Perspektive auf, die im Alltag unsichtbar bleibt.
Introvertiert zu sein fühlt sich zum Teil an, als wäre man falsch, so ganz anders als alle anderen um einen herum. Warum? Weil man anders agiert als ein großer Teil der Mitmenschen. Wie zieht man sich zurück? Wie erklärt man seiner Familie, dass man Zeit für sich und auch wirkliche Ruhe braucht? Welcher Druck baut sich in einem auf, wenn sich auf der Suche nach Stille Gedanken breit machen, die ein schlechtes Gewissen der Familie gegenüber heraufbeschwören?
Eva las den Artikel „Caring for your Introvert“ von Jonathan Rauch im „the Atlantic“ und gewann eine wichtige Erkenntnis. Introvertierte Menschen verlieren beim Zusammenkommen mit anderen Menschen ihre Energie, da sie viele Eindrücke aufnehmen und verarbeiten müssen. Um wieder aufzutanken, sind das Alleinsein, die Konzentration auf sich selbst, notwendig. Extrovertierte Menschen gewinnen Kraft aus der Anwesenheit und dem Austausch mit anderen Menschen. Sie verlieren Energie, wenn sie allein sind.
In der Familie ist es doppelt schwer, sich die Freiräume zum Auftanken der Kraftreserven zu schaffen – und das, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Eva Lohmann hat das Buch „So schön still“ (Rowohlt-Verlag) geschrieben und berichtet darin über die Stärke introvertierter Kinder und Eltern. Sie macht deutlich, dass es auch gute Wege für Introvertierte gibt, die in der Familie funktionieren können.
38 Rinder leben bei Karin Mück und Jan Gerdes auf dem Hof Butenland. Die beiden haben im Jahr 2001 ihren „Lebenshof für Rinder“ gegründet.
Das Tierschutzprojekt ist auf dem Hof von Jan Gerdes angesiedelt. Jetzt genießen ehemalige Hochleistungskühe, die in ihrem Leben bereits über 100.000 Liter Milch gegeben haben, ihren Lebensabend.
Mittlerweile leben über 100 Tiere unterschiedlichster Spezies auf den Weiden und in den Ställen zusammen, viele davon sind dem Schlachthof nur knapp entkommen. Ole ist ein junger Ochse, der von Hand aufgezogen und dann beim Zirkus gelandet ist. Die meiste Zeit seines Lebens wurde allein gehalten, ohne den Schutz einer Herde – er kannte keine Artgenossen. Nach der Ankunft auf Hof Butenland musste er sich in die große Herde eingliedern und lernen, sich wie ein echter Ochse zu verhalten. Dank der liebevollen Unterstützung von Karin und Jan ist ihm das gelungen. Heute genießt er sein Leben.
Jan Gerdes haderte mit seinem Gewissen und ist nach einem Burnout aus der Viehwirtschaft ausgestiegen. Für 12 Kühe der fehlte der Platz auf dem Tiertransporter. Er entschied sich mit seiner Partnerin Karin, die Tiere auf dem Hof zu behalten – das war der Startpunkt von Hof Butenland. Jetzt dürfen seine Tiere so sein, wie sie sind: intelligente, fühlende und liebenswerte Wesen, die ihren Instinkten folgen, sich frei und selbstbestimmt bewegen. Dank Jan und Karin ist dabei eine Tier-Mensch-Beziehung mit einem respektvollen Umgang entstanden.
Übrigens: auf dem Hof genießen neben den Rindern auch Pferde, Schweine, Hunde, Katzen und allerlei Federvieh ihre Freiheit und ihr Leben.
„Bei mir wurde vor 20 Jahren Brustkrebs diagnostiziert. Das haut einen so richtig um! Auch dem eigenen Umfeld macht das zu schaffen“, sagt Brigitte Dillenhöfer vom Verein LebensLäufe e.V. „Man fällt in ein extrem tiefes Loch und fühlt sich ausgeliefert, da man nicht weiß, was jetzt passiert. Das gewohnte Dasein ist Geschichte, alles ist verloren und man muss seine Unabhängigkeit aufgeben, da man komplett fremdbestimmt von einer Klinik gemanagt wird. Man kommt sich schnell ohnmächtig vor: Termine werden verschoben, man fühlt sich abgefertigt und bekommt keinerlei Stabilität oder Sicherheit in dieser Situation.“
Doch die heute 85-Jährige ist froh, da sich das zum Teil verbessert hat. Sie erklärt, dass es mittlerweile in vielen Städten Brustkrebszentren gibt, die die Betroffenen in vielerlei Hinsicht unterstützen. In Dortmund gibt es drei und alle genießen einen sehr guten Ruf.
Aufgaben der Brustkrebszentren
„In den Brustkrebszentren wird die Anfangsuntersuchung durchgeführt, die Krebsart bestimmt und der Behandlungs- und Therapieplan erstellt. Meistens stehen sind es Bestrahlungen, Operationen und Chemotherapien auf dem Behandlungsplan. Ob das einzeln oder in einer Kombination und in welcher Reihenfolge durchgeführt wird, ist von den Untersuchungsergebnissen abhängig.“
Der Vorteil dieser Zentren: jede Patientin hat einen Ansprechpartner und alle Unterlagen liegen an einer Stelle. Die Betroffenen brauchen sich nicht um die Koordination zu kümmern, d. h. sie müssen sich nicht mit den einzelnen Fachärzten und der Terminfindung rumärgern. Der Umgang mit der eigenen Situation kostet schon extrem viel Kraft.
Es ist also besser, sich im Raster der Brustkrebszentren zu befinden. Viele andere Krebsarten sind nicht so gut aufgestellt, es gibt riesigen Nachholbedarf.
Dauerhaft aus dem Leben geworfen
Nach der Diagnose folgt die Therapie mit zahlreichen Terminen und Zwischenuntersuchungen. In dieser Zeit richten die Frauen ihren Fokus auf die Krankheit, das vorherige Leben ist quasi nicht mehr präsent. Das macht es auch für die Angehörigen schwierig. Sie müssen – und wollen natürlich – helfen und nehmen Rücksicht, doch das kann enormen Stress verursachen. Erschwerend kommt hinzu, dass meist noch Medikamente eingenommen werden, die nur selten gut verträglich sind.
Die Anschlussheilbehandlung
Die Krankenkassen bieten nach der Therapie eine Anschlussheilbehandlung (AHB) an. In diesen drei bis vier Wochen soll die Psyche, der Geist und der Körper wieder aufgebaut werden, um gut zurück ins eigene Leben zu kommen. Doch das funktioniert meist nur begrenzt. Denn in diese Wochen müssen sich die Betroffenen eingestehen, dass sie nicht nahtlos an das Leben vor der Diagnose anzuknüpfen können. Durch die Erkenntnis, dass sie immer noch mental und körperlich geschwächt sind, fallen sie häufig in das nächste tiefe Loch.
„Einige Frauen“, so Brigitte Dillenhöfer, „möchten nicht länger von der Familie getrennt sein und lehnen diese Behandlung ab. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass es besser ist, die Zeit zu nutzen und sich auf das Angebot einzulassen. Damit kann man sich etwas besser auf die Zeit nach der Therapie vorbereiten und teilweise können die Kinder auch mitgenommen werden.“
Mehr als „nur“ Laufen gegen den Krebs
In Dortmund hatten einige Frauen mit einer Brustkrebsdiagnose im Jahr 2001die Idee, einen Verein „LebensLäufe e.V.“ zu gründen. „Wir – das sind vom Krebs Betroffene und Nicht-Betroffene – hatten eine Idee: wenn es medizinisch-wissenschaftlich sicher ist, dass sich durch ein gezieltes Lauftraining ein Großteil aller Tumore verhindern lässt, dann ist es einen Versuch wert, einfach mit dem Laufen zu beginnen.“
Sie erklärt, dass der Sport den körperlichen und mentalen Aufbau wunderbar fördert. „Uns geht es nicht nur ums Laufen, dazu kommen der Austausch während der Bewegung und die Sportübungen, die an das gesundheitliche Level der Teilnehmerinnen angepasst sind. Besonders hilfreich für die Frauen sind die ungezwungenen Gespräche, die sich um die „Kleinigkeiten“ drehen, die im Alltag eine enorme Belastung darstellen.
Während vieles wund ist und schmerzt, der Körper, die Kleidung, die Psyche, findet während der Sportstunde eine aktive Gestaltung des Austausches statt. Ob zu zweit, in einer Kleingruppe oder sogar in der großen Runde – die Hilfe von Menschen, die das schon erlebt haben, hat eine hohe Qualität und lässt sich leichter annehmen als die Hilfe der Familie und der Ärzte.
Gespräche die die Welt verbessern
Dabei geht es z. B. um Haare, Perücken, Fußpflege und Probleme mit den Lymphen, die noch lange Zeit nach der Anschlussheilbehandlung auftreten können. Dann wird der Arm dick, weil Lymphknoten entfernt wurden und der Lymphfluss unterbrochen ist. In der Sportstunde erfährt man auf kleinem „Dienstweg“, dass die Krankenkassen die Kosten für die Lymphdrainage übernehmen und es werden Übungen gezeigt, die einen besseren Lymphabfluss unterstützen.
Es geht auch um peinliche Situationen, wie z. B. im Schwimmbad. Die Brustprothese ist recht schwer, um optisch „normal“ zu wirken. Sie wird in eine extra dafür vorgesehene Tasche eines teuren Badeanzugs gesteckt. Doch bei der Wassergymnastik rutscht sie immer tiefer Richtung Bauchnabel. Der Stoff am oberen Körperende wird weniger, die Narbe ist deutlich zu sehen. Von außen betrachtet mag das eine Kleinigkeit sein, doch durch die Erkrankung und das gesamte Drumherum, ist das Nervenkostüm dünn und in solchen Momenten bricht eine ganze Welt zusammen.
Es geht um mehr als „nur“ Laufen, denn die Gespräche tun gut und helfen bei der Bewältigung des Alltags. Die Krankenkassen haben das erkannt und übernehmen die Teilnahmekosten als Reha-Maßnahme für 1,5 Jahre.
Der Verein „LebensLäufe e.V.“
Brigitte Dillenhöfer erzählt, das häufig davon gesprochen wird, schon während der Therapie mit dem Sport zu beginnen. Ihrer Erfahrung nach sollte das individuell dosierte sein, um mögliche Ausfallzeiten berücksichtigen zu können. In der Gruppe steigen jedoch die Erfolgsaussichten ein gutes Level zu erreichen, wenn die Betroffenen erst im Anschluss an die AHB damit starten. „Während man früher mit der Diagnose in Rente geschickt wurde, geht es heute wieder zurück ins Arbeitsleben. Während der beruflichen Wiedereingliederung sind viele Arbeitgeber bereit, die Frauen für den gesundheitlichen Aufbau im Verein freizustellen.“
Augenblicklich laufen freitags unter Coronabedingungen zwei Gruppen mit zusätzlichem Walking-Training. „Aktuell fehlen uns Trainer:innen, die im Reha-Sport tätig sind und Interesse daran haben, in einem gewissen Rahmen auf die Teilnehmenden einzugehen. Die aktiven Teilnehmer sind coronabedingt weniger geworden“, bedauert sie. „Viele Betroffene, Frauen oder Männer, genieren sich und wollen nicht über ihren Kummer sprechen. Sie öffnen sich leichter bei Menschen, die ähnliches erlebt haben und die Situation verstehen können, daher ist unser Angebot so wichtig.“
Der Verein hat Perspektiven auf eine neue Räumlichkeit. Dort könnte die Bewegung auch unter Corona-Auflagen stattfinden. Brigitte Dillenhöfer freut sich darauf und hofft, dass die Teilnehmerzahlen wieder steigen. Denn auch wenn die Krankenkasse nicht mehr zahlt, kann man dem Verein treu bleiben und mitmachen. „Der Mitgliedsbeitrag liegt bei 10,00 Euro im Monat“, schmunzelt sie, „dass das gut angelegt ist, sieht man an den Frauen, die schon viele Jahre dabei sind und mit ihrer Erfahrung und wertvollem Input unsere „Neuzugänge“ begleiten.“
Anmerkung der Redaktion: Nach unserem Wissenstand, hat sich der Dortmunder Verein „Lebensläufe e.V.“ aufgelöst. Es gibt jedoch viele Vereine in anderen Städten, in denen Betroffene aktiv sein können, wie z. B. den Förderverein Brustzentrum e.V. „Die Revierinitiative“, c/o Evangelische Kliniken Gelsenkirchen GmbH in Gelsenkirchen.