Taff kommt sie im Film rüber – viele kennen die beiden Tarantino-Filme Kill Bill Vol. 1 und Vol. 2. Es ist bewundernswert, wie sie sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht. „Die Braut triumphiert immer“, bringt Cat Thomas, Kostümbildnerin der Filme, die Story auf den Punkt. Eine Frau, die allen Widerständen trotzt, ihren „Mann“ steht und am Ende gewinnt.
Doch wie so oft in Hollywood trügt der Schein – und schöne Kulissen verbergen die bittere Wahrheit, in der Männer ihre Macht demonstrieren, ausleben und leider auch missbrauchen.
Bewegtes Leben
Uma Thurman, geboren 1970, ist die Tochter von Robert Thurman, einem buddhistischen Gelehrten und dem ehemaligen Model Nena von Schlebrügge. Sie haderte in der Schulzeit mit ihrem Aussehen, ihrer Größe und dem ungewöhnlichen Elternhaus, indem auch der Dalei Lama regelmäßig zu Gast war. Sie stand oft abseits und tat sich bei dem Aufsatz im Religionsunterreicht mit der Frage „Wer bin ich?“ sehr schwer. Erst im Schultheater stellte sie fest, dass sie mit der Darstellung anderer Rollen deutlich besser umgehen konnte als mit der Frage nach ihrem eigenen Sein.
In die Öffentlichkeit trat sie bereits mit 15 Jahren. Sie war das Titelbild der Vogue und trat damit in die Fußstapfen ihrer Mutter. Dennoch gefiel ihr das Mindset der Branche nicht – sinngemäß: Kauf mehr Zeug, damit Du besser aussiehst und Männer Dich lieben werden.
Die Schauspielerin
Zwei Jahre später begann ihre Karriere als Schauspielerin. Ihr Bekanntheitsgrad stieg durch eine ihrer ersten Filmrollen in „Henry & June“ (1990). Ihre Darstellung von June Miller wurde mit einer Oscar- und Golden Globe-Nominierung belohnt. Den internationalen Durchbruch erzielte sie als Mia Wallace in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ als selbstzerstörerische Gangsterbraut (1994).
Es folgten weitere Filme, bis sie beim Dreh zu „Gattaca“ von Andrew Niccol (1997) Ethan Hawke kennen und lieben lernt. Die beiden heiraten und bekamen 1998 eine Tochter. Die Mutterrolle fordert und beflügelt Uma Thurman und sie sieht ihre Herausforderung in der Darstellung der Debbie Miller im Film „Hysterical Blindness“ von Regisseurin Mira Nair. Sie überzeugte mit der Rolle und wurde 2003 mit dem Golden Globe Award in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin – Mini-Serie oder TV-Film ausgezeichnet.
Regisseur Tarantino wollte mit ihr drehen und bereits 3 Monate nach der Geburt ihres Sohnes 2002 begann das Training und die Arbeit an „Kill Bill“ unter dem Produzenten Harvey Weinstein, DEM bekannten Giganten der Filmindustrie. Das Training war intensiv und sie musste nach der Schwangerschaft erst wieder in Form kommen. Nachdem klar war, dass es keinen hautengen sexy Jumpsuit geben würde, denn das gab es schon vielfach, sollte die Figur mit dem Kostüm etwas Starkes bekommen, das die Geschlechterrollen aufbrechen würde. Der gelbe Anzug, wurde so konzipiert, dass sie schnell raus- bzw. reinschlüpfen konnte, damit sie sie ihren Sohn weiterhin stillen und danach direkt weiterdrehen konnte.
Das Machtgefälle in der Unterhaltungsindustrie
„Vor der Kamera ist Uma Thurman die schlagfertige Frau, die es mit jedem aufnimmt. Hinter den Kulissen war Tarantino ziemlich grob zu ihr.“, so Filmkritikerin Violet Lucca. „Für eine Szene spuckte er ihr ins Gesicht, er traute Uma nicht zu, es von alleine richtig zu machen. Er hat sie oft mit einer Kette gewürgt, während der großen Schlacht mit Gogo – und immer wieder beschimpft: ‚Mach’s besser!‘, ‚Mach’s besser!‘“. Kostümbildnerin Cat Thomas erklärt: „Quentin ist ein Perfektionist. Der Tag ist für ihn erst zu Ende, wenn er das bekommen hat, was er will. Er versteht es, die richtigen Knöpfe bei seinen Schauspielern zu drücken und sie dazu zu bringen, sich unwohl zu fühlen.“
Tarantino zwingt Uma, in einer Szene mit 60 km/h durch den Dschungel zu rasen, damit ihre Haare im Wind wehen. Sie kommt ins Schleudern und hat einen Unfall, bei dem sie eine Gehirnerschütterung und bleibende Schäden an Nacken und Knien erleidet. Die Aufnahmen des Unfalls sollten nie an die Öffentlichkeit gelangen – und den Produzenten, darunter Harvey Weinstein, gelingt das immerhin 15 Jahre lang, bis 2018.
#metoo
„Er hat viele Filme und Filmemacher groß herausgebracht,“ sagt Cat Thomas, “und es ist schlimm, wenn sich Menschen, die Gutes tun, als Monster entpuppen.“ Im Oktober 2017 erheben mehrere Frauen bei der New York Times schwere Vorwürfe gegen den Produzenten – wegen jahrzehntelanger sexueller Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung. Uma Thurman postet einen #metoo-Beitrag, der an Weinstein gerichtet ist und erklärt am Ende: „[…] Ich warte, bis ich weniger wütend bin. Und wenn ich so weit bin, werde ich sagen, was ich zu sagen habe.“ Im Februar 2018 hat sie ihre Wut im Griff und bricht ihr Schweigen in einem Interview mit der New York Times. Sie berichtet über zwei sexuelle Übergriffe, die sie durch ihn erleben musste. Im weiteren Verlauf des Interviews wird das Machtgefälle innerhalb der Unterhaltungsbranche sichtbar. Sie erklärt, dass sie während der Dreharbeiten zu „Kill Bill“ von Tarantino mehrfach beschimpft und gefährdet wurde und dauerhafte Verletzungen davongetragen hat.
Ihr Statement und Engagement
Unbeirrt von Drohungen geht sie ihren Weg, um die Ungerechtigkeit und die Doppelmoral der Filmindustrie gegenüber Frauen ans Licht zu bringen. Jede Frau soll über ihren Körper und ihre Zukunft selbstbestimmt verfügen können, daher zeigt ihre starke Stimme Missstände auf und setzt sich für ihre Kolleginnen ein.
Als der Texas Heartbeat Act am 01.09.2021 in Kraft tritt, protestieren Frauen im ganzen Land. Das Gesetz verbietet Abtreibungen ab der 6. Schwangerschaftswoche und ermöglicht Privatpersonen zu klagen, gegen jeden, der eine Abtreibung durchführt oder dabei behilflich ist. Auch Vergewaltigungstatbestände ändern daran nichts. Sollte die Klage erfolgreich sein, erhalten die Kläger mindestens 10.000 US-Dollar „Belohnung“!
Uma Thurman unterstützt die entrüsteten Frauen mit den Worten: „An alle Frauen und Mädchen in Texas, die Angst davor haben, traumatisiert und von räuberischen Kopfgeldjägern gejagt zu werden, an alle Frauen, die darüber empört sind, dass der Staat uns unsere Körperrechte nimmt, und an alle, die verletzlich sind und Schande erleiden müssen, weil sie eine Gebärmutter haben, sage ich: Ich sehe Euch. Habt Mut. Ihr seid wunderschön. Ihr erinnert mich, an meine Töchter.“ Ihre Stellungnahme wird von vielen Medien aufgegriffen. Sie nutzt ihre Reichweite, um auf die emotionale und psychische Not der texanischen Frauen aufmerksam zu machen und das System anzuprangern, dass Frauen Körperautonomie und Würde abspricht.
Seit der Geburt ihrer Tochter engagiert sie sich bei Room to Grow als Markenbotschafterin und nationales Vorstandsmitglied. Die Organisation hilft Familien und Kindern in Armut und setzt sich für Chancengleichheit ein. Sie hat einen Sitz im Kuratorium von Tibet House US , eine Organisation, die sich für die Bewahrung der tibetischen Kultur und die Unterstützung tibetischer Frauen und Familien einsetzt, insbesondere in Bezug auf Bildung und Gesundheitsversorgung.
Sie besucht Veranstaltungen der Human Rights Campaign (HRC), eine der größten und einflussreichsten LGBTQ+-Rechteorganisationen der USA, um Gleichberechtigung, Anti-Diskriminierungsgesetze und soziale Akzeptanz zu fördern.
Hinweis in eigener Sache
Wir konnten hier nur einen kleinen Spot auf ihre Karriere und ihr Wirken und Engagement werfen. Ihre familiären Verhältnisse haben wir weniger in den Fokus gestellt. Ihr Leben und Wirken lassen sich aber in den aufgeführten Verlinkungen gut nachvollziehen, wenn Du Dich für Uma interessierst.
Bei meinen Recherchen zu Uma Thurman, bin ich auf einen Arte Beitrag – oder eher eine ganze Serie von Mini-Dokumentationen – gestoßen. Die komprimierten Informationsbeiträge haben mich begeistert. Nur 5 min lang und sehr kurzweilig, informativ und witzig. Ehe ich mich versah, hatte ich mir drei Dokus angesehen, bevor ich mich wieder dem Schreiben zuwenden konnte 😊.
So landete ich bei Arte und der Doku-Serie „Flick Flack – Kultur über Kopf“ und zu meiner Suche wurde mir „Wenn Frauen zurückschlagen“ angezeigt. Inhaltlich geht es um Frauen, die für sich einstehen und sich verteidigen – auf der Leinwand. Diese Bilder sind in den letzten Jahrzehnten löblicherweise mehr geworden. Während es vorher nur den „sanften Weg“ in der weiblichen Darstellung gab, hat sich das mittlerweile deutlich gewandelt. Dennoch ist ein Unterschied erkennbar, ob die Filme von Männern gedreht werden oder ob Feministinnen Regie führen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen und den „Male Gaze“ – den männlichen Blick – außen vorlassen. Historisch betrachtet sind Gewaltakte von Frauen eine Reaktion auf ihre Unterdrückung. Die Suffragetten, die für das Wahlrecht der Frauen kämpften, wehrten sich u. a. mit Bomben. Diese Erkenntnis führt zu der Fragestellung, ob es sinnvoll sein könnte, Männern Angst zu machen. Virginie Despentes, Schriftstellerin, Regisseurin und Feministin, hat es so formuliert: „Doch an dem Tag, an dem die Männer Angst haben müssen, dass ihr Schwanz mit einem Cutter zerfetzt wird, wenn sie versuchen, einer Frau Gewalt anzutun, werden sie plötzlich ihre ‚männlichen Triebe‘ besser beherrschen können.“
Und da Uma Thurman in diesem Beitrag nur eine „Randerscheinung“ ist, werde ich ihr Thema später aufgreifen. In der Zwischenzeit möchte ich Dir die Doku-Serie von Arte „Flick Flack – Kultur über Kopf“ ans Herz legen. Mich haben die Informationsvielfalt und -dichte, die interessanten Perspektiven und die Würze der Kürze richtig begeistert. Daher habe ich Dir hier eine kleine Auswahl zusammengestellt.
„Diven – göttlich kapriziös“ stellt kurzweilig fest, dass Hildegard von Bingen unwissentlich die erste Diva (lat. Göttin) war, da ihre Stimme als göttlich galt. Doch der Begriff bekam im Laufe der Zeit einen sexistischen Beigeschmack. Zudem verschwand die männliche Form der Diva „Divo“ aus dem Sprachgebrauch und weibliche Diven galten als launenhaft und gefährlich. Der Begriff wurde immer negativer besetzt, so dass es in den 90-ern zu einer Umkehrung kam und die Bezeichnung „Diva“ zur positiven Selbstaneignung genutzt wurde. (verfügbar bis zum 26.07.2028)
„Michèle Lamy: Im Ringkampf gegen Konventionen“ – die Französin ist eine Königin der Popkultur und hat es geschafft, das Schönheitsideal auf den Mond zu schießen. (verfügbar bis zum 26.07.2028)
Der Frage „Ist Feminismus Science Fiction?“ geht dieser Beitrag nach. „Science-Fiction ist das Erzählen von „Was wäre wenn“: Was wäre, wenn alle Männer an einem Virus sterben würden und nur Frauen überleben würden? Was wäre, wenn organische Roboter mit Venusmenschen von einem anderen Planeten EINS wären? Was wäre, wenn die Gesellschaft für alle gleich wäre? Die SF ist keineswegs ein fiktionales Genre, das nur für Jungen interessant ist, sondern im Gegenteil ein mächtiges feministisches Werkzeug, das Autorinnen seit Jahrhunderten dazu dient, den realen Sexismus zu hinterfragen.“ (Quelle Arte) (verfügbar bis zum 11.09.2029)
In „Wendy Carlos: Elektro für alle“ erfährst Du, wie die erste Frau ein ganzes Album mit elektronischer Musik selbstständig komponiert, produziert und herausgebracht hat. Und das in den 70er Jahren und einer Männerdomäne. (verfügbar bis zum 31.07.2028)
In „Frauen zeigen Größe“ geht es um die Perspektive und das Körpergefühl mit der eigenen Körpergröße. Das Größe für Frauen herausfordernd sein kann, Hollywood nicht damit klarkommt, dass Schauspieler kleiner als Schauspielerinnen sein können und wie andere Weltsichten möglich sind, wird sehr charmant aufgezeigt. (verfügbar bis zum 18.09.2029)
Es gibt noch so viele Folgen mit unterschiedlichen Themen, so dass ich mir noch einige davon anschauen werde. Hast Du auch mal reingeschaut? Was meinst Du? Schreib mir gern einen Kommentar 😊.
Hintergrund zur Doku-Serie: Flick Flack | Kultur über Kopf
„Flick Flack – ist ein Kulturphänomen, ein Trend, ein Porträt … locker und witzig, aufgedröselt in 4 Minuten. Flick Flack will neugierig machen und unterhalten und gleichzeitig eine prägende Geschichte aus der Vergangenheit oder unserer Gegenwart erzählen. Über die Aktualität hinaus, interessiert sich Flick Flack für bleibende Ereignisse, große Paukenschläge und Verblüffendes aus verschiedensten Genres: Kino, Musik, Bildende Kunst, Bühne, Architektur, Design, Literatur… Kultur bei ARTE: unterhaltsam und zugänglich.“ (Quelle: Arte)
Hass begegnet uns täglich: in sozialen Medien, auf der Straße, manchmal sogar im eigenen Umfeld. Er polarisiert, spaltet und hinterlässt Spuren – bei denen, die ihn verbreiten, und bei denen, die ihn erleben. Doch woher kommt dieser Hass? Warum scheint er in unserer Gesellschaft immer mehr Raum einzunehmen?
In der SWR Dokumentation „Tobi Krell – Wege aus dem Hass“ macht sich Fernsehreporter und -redakteur Tobi Krell auf den Weg, um der Entstehung von Hass auf den Grund zu gehen – und um Wege aufzuzeigen, wie man aus der Hassspirale aussteigen kann.
Er trifft Dominik Aigner, einen Kinderpsychologen, der sagt, dass Kinder noch nicht hassen können. Hass ist komplizierter als nur das Gefühl. Neben Affekten wie Wut, Zorn, Aggressivität und anderen Gemütszuständen passieren Dinge im Gehirn, die sich aber erst in der Pubertät entwickeln. Es ist eine Art Strategie, die eigenen unangenehmen Gefühle zu verarbeiten.
Hass kann Leben zerstören und die Menschen in der Doku wissen das. Lauren aus Toronto, die heute Menschen hilft, die aus der rechten Szene aussteigen wollen. Adnan, einen Stadtführer in Sarajewo, der Touristen die Geschichte des Bosnienkriegs nahebringt und ihn als Soldat erlebt hat. Und Any in Mexiko, die sich ihren schlimmen Kindheitserinnerungen gestellt hat und heute mit ihrer Tochter einen liebevollen Umgang hat. Sie alle machen sich für Aufklärung stark, indem sie ihre Geschichte teilen. Wie sie in den Hass reingerutscht, aber vor allem wie sie wieder herausgekommen sind.
Lauren, Mitte 30, Kanada
Lauren ist als Teenagerin in die Neonazi-Szene gekommen und hat viel Mist gebaut. Als ihr Vater, ihr bester Freund, unerwartet starb, zog sie sich zurück. Sie wusste nicht, wie sie mit ihrer Wut umgehen sollte. Die rechte Szene bot ihr ein Gefühl der Gemeinschaft, Verbindung und Zugehörigkeit. Menschen sind soziale Wesen, sie brauchen Gruppen für Sicherheit und Identität.
Sie wurde von ihren eigenen Leuten krankenhausreif getreten und erst da wird ihr bewusst, dass das keine Gemeinschaft ist. Um aus dem eigenen Hass aussteigen zu können, muss man eine andere emotionale „Heimat“ sehen. Lauren findet den Mut, wieder zu ihrer Familie zurückzukehren und stößt dabei auf offene Türen. Ihre Mutter hat erkannt, wie schnell der Hass eine Familie zerstören kann. Heute hilft sie Familien, die so hilflos sind, wie sie es damals auch war.
Adnan, Anfang 50, Sarajevo
Bosnien ist ein Vielvölkerstaat mit Bosniaken, Serben und Kroaten, die viele Jahre friedlich miteinander gelebt haben. In den 90-ern zerfiel Jugoslawien und aus ehemaligen Nachbarn wurden Feinde. Der Hass der Menschen ist bis heute geblieben, auch wenn der Krieg bereits seit 30 Jahren vorbei ist. Adnan wurde mit 19 Jahren Soldat und erlebte die Jahre der Belagerung von Sarajevo. Er wusste nicht, was es heißt Soldat zu sein, aber statt durch die Straßen zu ziehen und in Clubs zu tanzen, stand er mit einer Kalaschnikow an der Front – mit dem Auftrag, die Feinde zu töten. „Im Krieg versuchen sie, Dich in eine Gruppe zu zwängen und alle anderen sind Feinde, legitime Ziele. Das ist Nationalismus.“
Wenn man Teil einer Gruppe ist, werden Vorstellungen, Ideale und Werte oft automatisch übernommen und selten hinterfragt. Das befeuert Vorurteile und Hass. Dennoch – mit Empathie lassen sich diese Vorurteile und der Hass „überschreiben“. Dafür braucht es echte Begegnungen und Gespräche. Nach dem Krieg hat er sich ins Auto gesetzt und ist über die Brücke nach Serbien gefahren. Dort hat er gemerkt, die Serben sind nicht alle böse. Es sind Menschen wie er, genauso traurig, verletzt und von der Politik ausgenutzt. Doch viele halten an ihrem Hass fest und vererben ihn ihre Kinder.
Das weiß auch Oha Maslo. Er ist Musiker und versucht die Menschen auf kulturellem Weg miteinander zu verbinden. Er hat in Mostar eine Musikschule für Kinder und Jugendliche gegründet. Dort sind alle Nationalitäten willkommen – von beiden Seiten des Flusses, aus unterschiedlichen Familien und Glaubensrichtungen.
Any, Mitte 30, Mexiko
Gewalt ist in Mexiko ein großes Problem. Any wohnt nahe der Grenze zu den USA. Sie spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie sagt, dass Menschen, die Gewalt erleben, selbst wütend und aggressiv werden. „Hass ist wie ein Virus, der an andere Menschen weitergegeben wird.“ Sie wurde auch mit dem „Virus“ infiziert. Any hat keine schönen Erinnerungen an Ihre Kindheit, die von Gewalt und Ablehnung geprägt war. Als sie mit 20 Mutter wurde, liebte sie ihre Tochter. Aber mit der neuen Aufgabe kamen ihre eigenen Traumata zurück. Sie brach zusammen und musste ihre Tochter zu ihrer Mutter geben.
Any fand den Weg zu ESPERE – der Schule der Vergebung und Versöhnung. Diese Schulen gibt es in ganz Mexiko und sie verzeichnen große Erfolge. Dort wird gelehrt, das Geschehene als ein Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren. Sie hat gelernt, mit dem Schmerz und ihren Verletzungen umzugehen. Ihre Tochter lebt seitdem wieder bei ihr. Any hat es geschafft, die Spirale des Hasses zu durchbrechen und dem „Virus“ der Gewalt Einhalt geboten.
Fazit
Mut macht der Gedanke, dass sich die Strategie „Hass“ wieder verlernen lässt. Durch Menschen, wie Any, Lauren, Adnan und die vielen Frauen und Männer, die einen anderen Umgang mit ihren Mitmenschen wählen und damit andere Menschen „anstecken“.
Das 18. Jahrhundert war kein Zeitalter, in dem sich Frauen frei entwickeln durften. Sie hatten Hausfrau und Mutter zu sein und ihrem Ehemann zu gehorchen. Bestimmte Instrumente, wie z. B. Orgel oder Cello, waren für sie tabu. Dabei hätten sie die Beine spreizen müssen und das galt höchst unsittlich. Auch eine Anstellung als Musikerin wäre undenkbar gewesen, und das nicht nur, weil die Kirche der Hauptarbeitgeber für Musiker war. Nur in der Abgeschiedenheit eines Nonnenklosters durften Frauen auch Komponistinnen sein, alle Instrumente spielen und eigene Stücke zu Gehör bringen.
Der Film „Mozart’s Schwester“ ist eine GEO-Filmdokumentation, die im November 2024 ihre Europapremiere in Salzburg feierte.
Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, von der Familie liebevoll „Nannerl“ genannt, wurde am 30. Juli 1751 in Salzburg geboren, ihr berühmter Bruder Wolfgang Amadeus folgte 5 Jahre später. Die beiden wurden von ihrem Vater, dem Geiger und späteren Vizekapellmeister, Leopold Mozart zu Hause unterrichtet. Sie erhielten eine gute Allgemeinbildung und die gleiche musikalische Ausbildung, in der sich das Talent der beiden Kinder schnell zeigte. Als sie 8 Jahre alt war, erhielt Maria Anna von ihrem Vater ein Notenbuch, dass sie zum Üben inspirierte und Stücke enthielt, mit denen sie zugleich ihre Fingerfertigkeit trainieren konnte. Ihr Bruder eiferte ihr schon mit 5 Jahren nach und konnte bereits zu diesem Zeitpunkt erste Stücke aus dem Notenbuch spielen, das bis heute als „Nannerl-Buch“ bekannt ist.
Der Vater wollte seine beiden Wunderkinder bekannt machen, ihre Karrieren fördern und organisierte 1762 eine erste Tournee nach Wien und München. Nannerl und Wolfgang Amadeus spielten im Alter von 10 und 6 Jahren zum ersten Mal vor dem Königspaar in Wien. Dieses Konzert brachte der Familie mehr Geld ein, als der Jahresverdienst des Vaters und sicherte so den Unterhalt der Familie. Die nächste Tournee sollte durch Europa gehen und insgesamt drei Jahre dauern, sie endete 1766 in London. Für die beiden Kinder war das eine aufregende Zeit, in der sie Sehenswürdigkeiten bestaunen und großartige Musiker kennenlernen konnten, auch wenn die langen Reisen in der Kutsche sehr beschwerlich waren. Nannerl hielt ihre Erinnerungen in einer Art Tagebuch fest und entwickelte in dieser Zeit ihre Fähigkeiten und ihr Talent weiter. Sie wurde mit viel Aufmerksamkeit bedacht, dennoch stand meist ihr kleiner Bruder im Mittelpunkt, war er doch 5 Jahre jünger.
Sie war 15 Jahre alt, als sie aus London wieder in Salzburg eintrafen – und damit galt sie als Erwachsene, die nicht mehr als Pianistin auftreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich die Gleichbehandlung der beiden Kinder, die der Vater stets praktiziert hatte. Fortan durfte nur noch Wolfgang Amadeus auf Tournee gehen. Die gesellschaftlichen Zwänge im Zeitalter der Vernunft (die ausschließlich den Männern zugeordnet war) ließen nichts anderes zu. Nannerl wurde von ihrer Mutter zu einer guten Hausfrau und Mutter ausgebildet. Sie muss sehr frustriert gewesen sein, denn ihr Tagebuch enthielt ab diesem Zeitpunkt nur noch Notizen über das Wetter. Sie nutzte die Musik als Ventil, spielte weiterhin für Bekannte, gab Klavierunterricht und besserte so das Familieneinkommen auf.
Mit ihrem Bruder hielt sie stetigen Briefkontakt. Leider sind ihre Briefe nicht mehr aufzufinden, doch ein Teil ihrer Kompositionen wurde in den Nachrichten von ihrem Bruder gefunden, in denen er sie lobt und ermuntert, weitere Stück zu komponieren.
Während der gemeinsamen Zeit in Salzburg, als sie 22 und er 17 Jahre waren – schrieb Wolfgang ein Klavierstück für vier Hände, das sie gemeinsam spielen konnten und in dem ihre kunstvolle Virtuosität sehr gut zur Geltung kam. Als ihre Mutter und ihr Bruder auf Reisen waren, um eine Anstellung für ihn zu finden, kümmerte Nannerl sich um den väterlichen Haushalt. Mit 33 Jahren ließ sie sich auf eine Vernunftehe mit Freiherrn Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg ein. Sie zog zu ihm und seinen fünf Kindern nach Sankt Gilgen, ein Ort fernab kulturellen Lebens, an einem See gelegen, dessen feuchte Luft ihren Instrumenten schadete. Sie brachte drei eigene Kinder zur Welt und konnte sich dank der Bediensteten im Adelshaus, weiterhin täglich drei Stunden ihren Übungen und der Musik widmen. Auch wenn das keinen Menschen weit und breit interessierte. Nur für ihren Bruder blieb sie die Person, auf deren musikalisches Urteil er allergrößten Wert legte.
Nach dem Tod ihres Bruders im Jahr 1791 versorgt sie den Biografen und einen Verlag mit Erinnerungen aus der gemeinsamen Kindheit. 10 Jahre später starb ihr Mann und sie zog im Alter von 50 Jahren mit den Kindern nach Salzburg zurück. Sie war als Baronin finanziell abgesichert, nahm aber ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin und Pianistin wieder auf. Da sie jetzt den Status einer Witwe hatte, durfte sie wieder öffentlich auftreten und wurde erneut als großes Talent bewundert und gefeiert. In den Folgejahren wurde sie von vielen Menschen besucht, die Mozarts Schwester kennenlernen wollten. Mit 74 Jahren erblindete Nannerl und starb im Oktober 1829 an „Entkräftung“.
Mein persönliches Resümee
Die Filmdokumentation „Mozart’s Schwester“ hat mich sehr beeindruckt. Die Mischung der filmischen Darstellung mit Expertenaussagen von Musiker:innen, Historiker:innen und Wissenschaftler:innen, bietet einen spannenden Einblick in die Zeit, das Talent von Maria Anna Mozart und die damalige Rolle der Frau als Musikerin.
Und ich frage mich, ob sie in einer anderen Zeit bessere Bedingungen vorgefunden hätte? Ob sie ebenfalls so berühmt wie ihr Bruder hätte werden können.
Interessanter Fakt
Im Film berichtet Gabriella Di Laccio, Sopranistin, Gründerin und Direktorin der DONNE Foundation (The Global Voice for Women in Music) davon, wie sie neugierig geworden ist, weil sie viele Konzerte besucht hat, in denen nie Stücke von Komponistinnen gespielt wurden. Sie hat recherchiert und bei einer Befragung (2022/2023) der Top 110 Orchester in 30 Ländern kam heraus, dass immer noch 92% der Stücke im Orchesterrepertoire von Männern komponiert wurden – und 87% von toten Männern mit weißer Hautfarbe. Immerhin – die Zahlen haben sich in der letzten Befragung schon positiv verändert, mehr dazu findest Du unter DONNE Foundation Research.
Auch wenn der Film sehr sehenswert ist, es gibt ihn leider nur im kostenpflichtigen TV. Aber auf Youtube findest Du hingegen einiges zu Maria Anna Mozart. Solltest Du weitere Aspekte finden, teile sie gern im Kommentar.
Deine Helga
Verlinkungen:
GEO Filmdokumentation: „Mozart‘s Sister“ zu sehen auf RTL+ (kostenpflichtig)
Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch eine Serie in der ARD Mediathek: Mozart/Mozart: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“, doch die SWR Serien-Kritik ist so übel ausgefallen, dass ich das hier nicht verlinken mag.
Durch die ZDF-Dokumentation „RoleModels“ sind wir auf Düzen Tekkal gestoßen. Die Trägerin des Verdienstkreuzes am Bande ist Journalistin, Politikwissenschaftlerin, Menschenrechtsaktivistin und Sozialunternehmerin mit kurdisch-jesidischer Herkunft.
Sie gehört der Glaubensgemeinschaft der Jesiden an, die als ethnisch-religiöse Minderheit vom Islamischen Staat (IS) gezielten Vernichtungskampagnen ausgesetzt ist. Der Genozid (Völkermord) der IS-Terroristen an den Jesiden im August 2014 forderte über 5.000 Todesopfer. Eine halbe Millionen Menschen mussten flüchten und viele leben heute noch in den Flüchtlingslagern in Kurdistan. Dort ist die Selbstmordrate höher denn je. Die Menschen sind verzweifelt. Sie haben den IS überlebt, um jetzt vergessen zu werden. Es ist ein Tod auf Raten, der nur sehr schwer zu ertragen ist.
Von der Journalistin zur Menschenrechtsaktivistin
Es waren „ihre Leute“, die bei dem Massaker vergewaltigt, geköpft und versklavt wurden und sie flog mit ihrem Vater in den Irak. Die Dokumentation der Reise ist zu einer Chronik eines Völkermordes geworden. Als Journalistin „besuchte“ Düzen Tekkal das Land ihrer Vorfahren, wurde dort ungewollt zur Kriegsberichterstatterin und kam als Menschenrechtsaktivistin nach Deutschland zurück. „Aktivismus bedeutet Entscheidungen zu treffen, die das Leben anderer Menschen verbessern, nicht in ein Rettertum zu gehen, sondern auf Augenhöhe Probleme herauszulesen und notwendige Hilfe anzubieten.“
Die Uraufführung des Dokumentarfilms „Háwar – meine Reise in den Genozid“ fand 2017 im UN-Headquarter vor den Vereinten Nationen statt und sorgte für große politische und mediale Aufmerksamkeit.
Nach der Reise, die sie sehr geprägt hat, gründete sie mit ihrer Schwester den gemeinnützigen Verein HÀWAR.help, der sich für Menschen- und insbesondere Frauenrechte einsetzt.
Websiteauszug HÁWAR.help
„HÁWAR.help steht für eine friedliche und gerechte Welt, in der die Universalität der Menschenrechte geachtet wird: Jeder Mensch soll sich selbstbestimmt und in Sicherheit entfalten können.
Gegründet auf der Asche eines Genozids, möchten wir Menschlichkeit leben und Hoffnung spenden. Aus dem größten Schmerz, dem Völkermord an den Jesiden, wurde eine Entscheidung für den Kampf für Menschenrechte – und damit ein Kraftfeld. Aus der Verwundbarkeit wurde ein Verein: HÁWAR.help. Heute setzen wir Bildungs- und Entwicklungsprojekte in Irak, Syrien und Deutschland und mit Aufklärungsarbeit zu internationalen Krisen (z. B. Iran und Afghanistan) um.“ (Quelle: https://www.hawar.help/de/ueber-uns/mission/ am 20.02.2026)
Hoffnung
Düzen hat sich das Ziel gesetzt, Hoffnung zu vermitteln. Sie ist da, wo die Probleme sind. Sie kämpft unermüdlich, ist die laute Stimme der Frauen, die nicht für sich sprechen können. Sie ist unbequem und bleibt von Drohungen nicht verschont. Sie erklärt in der ZDF-Doku, dass viele Demonstrant:innen auf Kundgebungen (auch im Ausland) maskiert sind, aus Angst vor der Erkennung durch die Geheimdienste. Die Teilnehmer:innen sind sich der Gefahr bewusst, der sie sich aussetzen, denn die Identifizierungsversuche hören nicht an der Ländergrenze auf.
Doch sie sieht das sehr klar:
„Menschenrechtsaktivismus wird gebraucht. Offene Gesellschaften brauchen Antworten auf totalitäre Staaten, die uns sonst in Jahrhunderte katapultieren, die wir längst überwunden geglaubt haben. Daher wird unsere Arbeit immer wichtiger.“
Wichtiger ist nicht immer gut. In der Vergangenheit hat sie sich irgendwann aus den Augen verloren und versagte sich, angesichts des Leids, Freude empfinden zu dürfen. Dank ihrer Mutter konnte sie sich damals aus dieser dunklen Phase befreien und sie ist dankbar für die ganzen Mutmacher:innen und starken Frauen, denen sie bei ihrer Arbeit begegnet. Das erfüllt sie mit Freude und mit neuer Kraft. Für sie ist es ein kurzes und wichtiges Auftanken, um wieder vorangehen zu können und die Stimme zu erheben.
German Dream Award
Bereits im Jahr 2019 hat sie die Bildungsinitiative „German Dream“ gegründet, die sich für Chancengleichheit und Integration einsetzt und jungen Menschen Werte von Freiheit und Selbstbestimmung vermittelt. Seit 2022 verleiht die Initiative einen Award an Menschen, die für die Zukunft einstehen und Orientierung bieten. Es soll sichtbar werden, dass Deutschland ein Land der Chancen ist, die bewahrt werden müssen.
Daher setzt sich Düzen Tekkal öffentlich für die Aufklärung über humanitäre Krisen und Menschenrechtsverletzungen ein – sei es in Social Media, auf Veranstaltungen oder in politischen Gremien. Darüber hinaus kommentiert sie regelmäßig aktuelle politische Entwicklungen, wie etwa die Proteste im Iran, und fordert politische Verantwortung ein, etwa von Bundeskanzler Friedrich Merz, sich klarer für Menschenrechte und Freiheit starkzumachen.
Fazit
Wir konnten Dir an dieser Stelle nur einen kleinen Auszug geben und haben Dir weitere spannende Informationen unten verlinkt.
Düzen Tekkal ist ein starkes Vorbild und eine Frau, deren Worte Gewicht haben. Sie ist nah am Geschehen, sie ordnet ein und klärt auf. Es ist eine gute Idee, sie dauerhaft auf dem Schirm zu haben.