Die Brust: Wissen statt Kategorisierung und Bewertung

Die Brust: Wissen statt Kategorisierung und Bewertung

„Als Gesellschaft haben wir einen übertriebenen Fokus auf die weibliche Brust. […] Es ist nicht erklärbar, warum die Brust so oft genutzt wird, um Frauen zu bewerten und kategorisieren und unfrei zu machen.“, so Professorin Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtsmedizin an zwei Vivantes-Kliniken in Berlin.

Die Brust – kein anderes Organ hat eine so wichtige Funktion, aber sie darf nicht einfach mal sein. In der SWR-Dokumentation „Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype?“ dreht sich alles um das weibliche Organ, dass eine lebenswichtige Funktion hat und das permanent reglementiert und sexualisiert wird.

Für eine Studie wurden 18.500 Frauen in 40 Ländern – auch Deutschland – befragt. „Wie zufrieden bist du mit Deinen Brüsten? Findest Du sie schön? Würdest du was verändern?“ Das Ergebnis besagt, dass ca. 25 % der Frauen mit ihrer Brust zufrieden sind – und über 70% der Befragten unzufrieden. 54 % der befragten Frauen aus Deutschland wünschten sich eine größere Brust.

Die Brust

Die Brust sitzt auf dem Brustmuskel, besteht aber selbst nur aus Drüsengewebe und Fett; sie hat keine eigene Muskulatur und lässt sich nicht trainieren. Ihren Halt hat sie ausschließlich durch Haut und Bindegewebe.

Brüste bewegen sich unabhängig vom Körper, quasi wie eine wabernde Masse, auf die G-Kräfte einwirken, wie auf einen Formel-1-Fahrer in einer Kurve. „Die Bewegung geht vor und zurück, zu den Seiten, nach oben und unten – alles gleichzeitig“, sagt die Dr. Nicola Renwick von der Universität Portsmouth. Die Biomechanikerin filmt die Brustbewegungen beim Sport mit High-Speed-Kameras und erklärt, dass das einer der Gründe ist, warum junge Mädchen aufhören Sport zu machen. „Sie schämen sich, weil die Brüste so stark wackeln.“ Dr. Renwick vergleicht die Aufnahmen ohne und mit verschiedenen Sport-BHs und kann genau sagen, wie das Bekleidungsstück einen guten Halt bietet. Für eine „starke Unterstützung“ muss sich die Brustbewegung um 70% verringern.

Kaum eine Frau weiß, wann ein Sport-BH wirklich gut sitzt. Viele denken, dass ein guter Halt durch Kompression entsteht, doch das funktioniert im besten Fall noch bei kleineren Brüsten. Größere Brüste brauchen bessere Unterstützung, einen Halt, der vom Unterband des BHs kommt. Teilweise ist sogar die Unterstützung jeder Brust einzeln sinnvoll, um seinem Leben und seinem Sport schmerzfrei nachgehen zu können. Kleiner (Fun-)Fact: Es gibt sogar Studien, die nahelegen, dass sich das Verletzungsrisiko am Kreuzband für Frauen erhöht, wenn sie einen Sport-BH tragen, der sie nicht genug stützt.
Natürlich hängt die richtige Auswahl der Sport-BHs immer von Sportart und Brustgröße ab. Während beim Yoga ein Soft-BH genügen kann, bietet der jedoch bei einem 10-km-Lauf keine ausreichende Unterstützung.

„Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype?“

In der sehr empfehlenswerten Dokumentation finden unterschiedliche Perspektiven ihren Platz. Von Schwangerschaft bis (Leistungs-)Sport, von der evolutionären über die medizinische bis zur gesellschaftlichen Betrachtung bieten die verschiedenen Blickwinkel zum Teil erschreckende Wahrheiten, denen wir zukünftig im Alltag besser begegnen könnten.

Louise (Lou), eine junge Frau, die beide Brüste wegen einer Krebserkrankung abnehmen lassen musste und sich gegen einen Brustaufbau bzw. eine -rekonstruktion entschieden hat. Sie versucht sich in ihrem Körper wieder wohlzufühlen und kämpft gleichzeitig gegen eine Gesellschaft, die bewertet, verletzende Fragen stellt und sie auf ihre (fehlenden) Brüste reduziert. Lou möchte anderen jungen Frauen Hoffnung geben, dass Frau ohne Brüste leben und sich trotzdem noch weiblich fühlen kann. Dabei erfährt sie wichtige Unterstützung von der Sexologin Johanna Pantel.

Jenna, ist eine 28-jährige Hip-Hop-Tänzer- und Trainerin mit Körbchengröße G. Sie erzählt von ihrem Weg, sich nicht mehr für ihre Brüste zu schämen und wünscht sich, dass Mädchen die Unterstützung zum „richtigen“ Umgang mit ihren Brüsten bereits im Sportunterricht lernen würden.

Auch Almuth Schult, 3-fache Mutter, Fußballerin und Welttorhüterin, stellt klar, wie unangenehm und schmerzhaft es sein kann, seinen Sport ohne die richtige Ausrüstung machen zu müssen. Dazu gehört ihrer Meinung nach auch ein gutsitzender Sport-BH. Denn wenn man sich darum keine Gedanken machen muss, ist das volle Potential der eigenen Leistungsfähigkeit abrufbar.

Die hochschwangere Annika, Produktmanagerin und Ingenieurin der Elektrotechnik, und ihre Hebamme Maike Campen, kommen ebenfalls zu Wort. Sie sprechen über die hormonell bedingte Brustvergrößerung während der Schwangerschaft, über die Pflege und über die Herausforderungen, die mit dem Stillen auf die junge Mutter zukommen.

Fazit

Die Sendung hat mich mit dem Wissen und den unterschiedlichen Perspektiven auf die weibliche Brust begeistert und berührt. Es ist offensichtlich, dass wir gesellschaftlich noch einiges zu tun haben, damit eine Brust „nur“ eine Brust ist. Die Bewertung von anderen, die Kategorisierung und die Sexualisierung sollten längst nicht mehr die Gewichtung haben, die aktuell stets spürbar ist.

Mit den Worten von Jenna möchte ich schließen: „Es geht darum, ein gesundes Mindset zu besitzen. Je mehr wir darüber reden und es nicht mehr zu einem Tabu- oder sexuellen Thema machen, sondern wirklich zu einem Thema wie Fingernägel, Haare und Make-up, wird jede Frau viel glücklicher damit sein, ihre Brust genauso zu haben, wie sie ist.

Verlinkung:

ARD Mediathek, SWR: Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype? (verfügbar bis 17.11.2029) 

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Brustkrebs: Fragen und Antworten

Alt werden – ein Prozess auf unserem Lebensweg

Alt werden – ein Prozess auf unserem Lebensweg

Wie lange können wir fit und gesund bleiben? Was passiert mit uns, wenn wir ein Pflegefall werden? Ist unsere Wohnung dann noch von uns bewohnbar? Die Dokumentation des Bayrischen Rundfunks mit dem Titel „Senioren: Wie werde ich gut und zufrieden alt“ setzt sich mit der Frage des Altwerdens auseinander. Die BR-Redakteurin Anke Klingemann ist quer durch Deutschland gereist, um Antworten zu finden. Auch unsere Frauengesundheits-Redakteurin Iris hat sich zum Altwerden schon einige Gedanken gemacht. Sie ist in diesem Jahr 63 Jahre alt geworden und fragt: „Bin ich mit 63 schon alt? Ich bin mir nicht sicher. Äußerlich bin ich noch immer dieselbe, aber mein Denken an die Zukunft hat sich verändert, langsam und schon seit ein paar Jahren. Heute denke ich eher an Rente als an Fernreise und eher an altersgerechtes Wohnen als an Bergwanderung.“

Alt werden – ein Schritt weiter in ein endliches Leben

Alt werden beginnt nicht an einem bestimmten Tag, sondern ist langsam fortschreitender Prozess. Es ist kein Zustand, der plötzlich über einen hereinbricht, sondern eine Reihe kleiner Übergänge, in denen sich Körper, Geist und Alltag verändern. „Senior:in“ ist man nicht plötzlich, man wird es mit der Zeit.

Viele Menschen wünschen sich, gesund zu bleiben, kein Pflegefall zu werden und möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Über das Älterwerden selbst denken viele erst spät nach. Dieses Zögern ist einerseits beruhigend, andererseits verliert man dabei die Zeit, sich bewusst auf die Veränderungen des Alterns einzustellen.

Der Alterungsprozess trifft Frauen auf besondere Weise. Sie tragen meist über viele Jahre Verantwortung für Familie, Beruf, Haushalt und Pflege anderer – und wenn die Kinder aus dem Haus sind oder der Partner nicht mehr da ist, ändert sich das eigene Leben noch einmal grundlegend. Viele Frauen erleben den Erkennungsmoment als Zäsur: Plötzlich haben sie Zeit für sich selbst und die Fragen nach Sinn, nach Zukunft und nach der eigenen Kraft stehen im Raum. Altwerden ist für Frauen nicht nur eine biologische Entwicklung, sondern ein Prozess, in dem Rollenbilder aufbrechen und neue Möglichkeiten entstehen.

Körperliche Veränderungen verstehen und annehmen

Mit zunehmendem Alter verändert sich unser Körper: Unsere Haut bekommt Falten, die Muskelkraft und Beweglichkeit nehmen ab, unser Immunsystem arbeitet anders. Bei Einigen stellen sich Krankheiten ein, die früher kein Thema waren. Diese Veränderungen sollten wir nicht beklagen, sondern sie als Teil unseres Lebens erkennen und ihnen mit Achtsamkeit begegnen.

Regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, bewusste Entspannung und turnusmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen nicht nur, die Beschwerden zu mildern, sondern auch das Gefühl der Selbstbestimmung dauerhaft zu erhalten. Wenn wir lernen, auf unseren Körper zu hören, können wir leichter erkennen, wann Ruhe nötig ist – und wann wir trotz kleiner Einschränkungen aktiv bleiben können.

Reife Frau in den Wechseljahren, die zu Hause unter Hitzewallungen leidet und sich mit einem an den Laptop angeschlossenen Ventilator abkühlt.

Für Frauen ist der Übergang ins höhere Alter eng mit der Menopause verknüpft. Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Gewichtszunahme können belastend sein, doch ebenso sie sind ein Signal zur Neuentdeckung unseres Körpers. Frauen berichten häufig, dass sie lernen müssen, die enger werdenden Grenzen zu akzeptieren, ohne gleich den Mut zu verlieren.

Wer versteht, dass nicht Perfektion, sondern Wohlbefinden das Ziel ist, entdeckt auch neue Seiten an sich – Stärke, Gelassenheit und eine innere Schönheit, die nicht am Geburtsdatum hängt.

Psychische Stärke: Wie wir Zufriedenheit kultivieren

Ein guter Umgang mit dem Alter(n) hängt nicht allein vom Körper ab. Was wir psychisch erleben, wie wir denken, worauf wir unseren Fokus richten, wie wir mit Verlusten umgehen – all das bestimmt maßgeblich, wie zufrieden wir sind. Einsamkeit, der Abschied von geliebten Menschen, veränderte Rollen (z. B. wenn Kinder flügge werden) können belastend wirken.

In der Dokumentation wird deutlich, dass Beziehungen wichtig sind – zu Freunden, zu Familienmitgliedern, aber auch zu neuen Kontakten und Gemeinschaften. Wer sich in Gruppen engagiert, wer Hobbys nachgeht, wer sich selbst neue Ziele setzt, kann sich seine Lebensfreude bewahren und gelegentliche Sorgen leichter relativieren.

Frauen sind Meisterinnen darin, sich anzupassen und Lebenskrisen zu meistern. Gleichzeitig stehen sie im Alter vor besonderen Herausforderungen: Sie sind oft verwitwet, leben allein und habe eine geringere Rente. Umso wichtiger sind Freundinnen, Nachbarinnen, Frauenkreise – das sind nicht nur soziale Kontakte, sondern ein Netz, das Tragfähigkeit beweist. Wer neugierig bleibt, Neues ausprobiert und auch einmal „Nein“ sagt, stärkt seine innere Widerstandskraft.

Viele Frauen berichten, dass sie im Alter ein neues Selbstbewusstsein gewinnen: Die Angst, nicht zu genügen, tritt zurück, und an ihre Stelle tritt das Wissen, dass man in seinem Leben schon so vieles geschafft hat.

Selbstbestimmung, Autonomie und Teilhabe

Ein häufig genanntes Ziel in der Dokumentation: Solange wie möglich im eigenen Zuhause bleiben können. Das klingt erstmal einfach, kann aber im täglichen Leben mit vielen Anforderungen verbunden sein: barrierefreie Wohnung, persönliche Betreuung, erreichbare Läden und ärztliche Versorgung – insgesamt ein Umfeld, das hilft statt einschränkt. Wer früh daran denkt, dass Wohnung und Alltag altersgerecht gestaltet werden können, hat später mehr Sicherheit und ein gewisses Maß an Freiheit.

Auch die Entscheidungsmöglichkeit über medizinische Versorgung oder Pflege ist zentral. Immer öfter fragen sich ältere Menschen: Wie will ich im Alter leben? Wer trifft Entscheidungen für mich, wenn ich sie selbst nicht mehr treffen kann? Das bewusste Auseinandersetzen mit solchen Fragen macht nicht nur praktische Dinge leichter, sondern gibt das Gefühl, über das eigene Leben zu bestimmen. Hier ist es – vielleicht nicht angenehm – aber absolut hilfreich, sich so früh wie möglich mit Themen wie Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Testament oder seinem digitalen Erbe auseinanderzusetzen.

Oft ist die Unabhängigkeit von Frauen hart erarbeitet. Im Alter stellen sie sich dann trotzdem die Fragen: Wie lange kann ich mein eigenes Zuhause bezahlen? Wie organisiere ich meine Versorgung, wenn ich Hilfe brauche? Auch hier gilt: Wer sich früh Gedanken macht und rechtzeitig plant, baut ein gutes Netzwerk auf oder trifft klare Absprachen mit Familie und Freundeskreis.

Gerade Frauen, die viele Jahre für andere gesorgt haben, müssen lernen, an sich selbst zu denken. Teilhabe heißt, nicht nur passiv versorgt zu werden, sondern aktiv am Leben teilzunehmen – ob im Ehrenamt, in einem Verein oder einfach durch das Treffen mit anderen.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Leben im Alter

Altwerden ist keine rein private Angelegenheit. Viele Bedingungen dafür – gute Pflege, barrierefreier Wohnraum, eine Gesundheitsversorgung, die für weniger mobile Menschen funktioniert, ein soziales Umfeld ohne Ausgrenzung – sind gesellschaftliche Aufgaben. Die Dokumentation macht deutlich, dass Wünsche und Bedürfnisse der Älteren oft unterschätzt oder spät wahrgenommen werden. Frauen haben oft geringere Rentenansprüche, weil sie in Teilzeit gearbeitet oder unbezahlte Sorgearbeit geleistet haben. Altersarmut trifft sie daher besonders häufig.

Eine alte Frau zählt die Münzen in ihrer Hand. Das Bild ist düster und es sind nur wenige Münzen.

Es braucht Politik, Nachbarschaften, Institutionen, die zuhören, gestalten und unterstützende Strukturen schaffen: bezahlbarer Wohnraum und betreutes Wohnen, wohnortnahe und sichere Pflegeangebote, Angebote für Gemeinschaft, Möglichkeiten zur Teilhabe und eine bessere Rentenpolitik. Nur so kann das Alter nicht zur Phase werden, in der Menschen nur in ein System gepresst werden, sondern eine Phase, in der sie weiterhin wirken, mitgestalten und genießen können.

Die Chance, sich neu zu erfinden

Schließlich zeigt die Dokumentation, dass Altwerden nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Gewinn. Erfahrung, Gelassenheit, eine andere Perspektive aufs Leben. Wer gelernt hat, was wirklich zählt, wer Prioritäten neu bewertet hat, sieht oft klarer, worauf es ankommt: Beziehungen, Zeit, Wertschätzung. Viele Ältere berichten davon, dass sie sich freier fühlen, bewusster genießen, weniger in Eile sind – und dass es möglich ist, in späteren Jahren Frieden mit sich selbst zu schließen. Alt sein heißt also nicht resignieren, sondern neu definieren, was Lebensqualität ist.

So sehr das Alter mit Verlusten verbunden sein kann – es bietet auch Chancen. Altwerden bedeutet für Frauen nicht, unsichtbar zu werden, sondern sichtbar für das, was sie sind: stark, erfahren, voller Geschichten und voller Leben. Viele Frauen entdecken in späteren Jahren Hobbys, die sie früher nie ausprobiert hätten. Sie reisen, lernen Sprachen, malen, singen, tanzen. Sie erlauben sich, Dinge zu tun, die vielleicht jahrzehntelang hintenangestellt waren. Altwerden kann ein Neubeginn sein: Die Erfahrung aus all den Jahren schenkt Sicherheit, die Freiheit von Verpflichtungen öffnet Türen. Das, was bleibt, ist oft das Wesentliche: Freundschaften, Liebe, der Genuss von Zeit, die man nicht mehr hetzend verbringen muss.

Aktiv werden – ein leichter Weg

Auch ohne große Veränderungen im Umfeld kann man selbst vieles tun, damit das Altwerden einfacher gelingt. Kleine Rituale, neue Gewohnheiten, Offenheit für Veränderung helfen. Mehr Bewegung, geistige Herausforderungen durch Lesen oder Lernen, bewusst den Kontakt zu Mitmenschen suchen, aber auch Grenzen setzen: nicht zu viel erwarten, nicht zu viel vergleichen. Es kann hilfreich sein, über Wünsche und Ängste offen zu sprechen. Freundschaften, Hobbys, Sinn stiftende Tätigkeiten sind keine Luxus-Extras, sondern wichtig für das innere Gleichgewicht.

Hast Du noch Gedanken oder Tipps für unsere Leser:innen, dann hinterlasse uns gern einen Kommentar.

Hab einen leichten Übergang ins neue (Zeit-)Alter

Deine Iris


Hier noch die Links mit weiteren Informationen

Bayrischer Rundfunk
„Senioren: Wie werde ich gut und zufrieden alt?“ (verfügbar bis 18.07.2029)

Beiträge zum Thema „Altwerden“, die wir schon veröffentlicht haben

Die Vorsorgevollmacht – Entscheidungen für den Fall der Fälle
Die Patientenverfügung, das verbindliche Recht auf Selbstbestimmung
Die Betreuungsverfügung und der Grundsatz der Erforderlichkeit
Digitales Erbe – Was passiert mit Deinen Online-Daten nach dem Tod?
Mein letzter Wille – Warum ein Testament so wichtig ist und was Du beachten solltest

Gelbsucht bei Neugeborenen: Neue Methode zur Früherkennung

Gelbsucht bei Neugeborenen: Neue Methode zur Früherkennung

Neugeborenen-Gelbsucht (lateinisch Ikterus) ist eine bekannte Erkrankung, die sich durch eine Gelbfärbung der Haut, Schleimhäute und Augen äußert. Zudem geht häufig eine Braunfärbung des Urins und heller Stuhlgang damit einher. Unbehandelt kann sie zu schweren Schäden am Gehirn führen und sogar tödlich verlaufen.

Nach der Geburt entsteht durch den Zerfall von überschüssigen roten Blutkörperchen der Farbstoff Bilirubin, der sich in der Haut und den Augäpfeln ablagert und die Verfärbung verursacht. Typischerweise tritt die Gelbsucht zwei bis drei Tage nach der Geburt auf, da die Leber den Abbau des Bilirubins erst nach und nach bewältigen kann, und klingt meist innerhalb einer Woche wieder ab.

Durch die frühzeitige Erkennung lässt sich eine notwendige Behandlung rechtzeitig einleiten, das allein bietet Schutz vor dauerhaften Schädigungen. Dabei könnte eine neue Screening-Technologie hier eine entscheidende Rolle spielen.

Darüber sprechen wir mit Gerald Kaasen von der Medizintechnik Kaasen GmbH in Lünen.

Herr Kaasen, Ihr Unternehmen blickt auf über 20 Jahre Erfahrung in der Unterstützung junger Familien zurück und bietet innovative Produkte wie Milchpumpen und Beckenbodentrainer an, um den Alltag von Eltern und Kindern zu erleichtern. Nun sind Sie Vertriebspartner für ein neuartiges Gelbsucht-Screening für Neugeborene. Was hat Sie dazu bewogen, diese Technologie in Ihr Portfolio aufzunehmen?

Schätzungsweise sterben weltweit jedes Jahr mehr als 114.000 Neugeborene an den Folgen einer Gelbsucht (Quelle: https://picterus.com/jaundice/ ). Zum Glück haben wir in Deutschland eine deutlich bessere Versorgungslage. Jedoch werden Mutter und Kind bei uns tendenziell immer früher aus dem Krankenhaus entlassen, was mit der Kostenstruktur zusammenhängt. Vor der Entlassung wird die Bilirubin-Konzentration noch überprüft. Ist diese tendenziell erhöht, werden Mutter und Kind für den Folgetag wieder zur Überprüfung ins Krankenhaus einbestellt.
Also anstatt die beiden zur Ruhe kommen zu lassen, um sich einzugewöhnen, müssen sie am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus, damit der Wert überprüft wird. Hat er sich verbessert fährt man wieder nach Hause. Ist er gleichbleibend, kann die gleiche Prozedur am darauffolgenden nächsten Tag wiederholt werden. Ein Stress, der letzten Endes nicht mehr sein muss.

Als medizintechnisches Unternehmen ist es unsere Herzensangelegenheit, Lösungen anzubieten, die dazu beitragen, die Versorgung von Neugeborenen und ihren Familien zu verbessern. Das Gelbsucht-Screening ist aus unserer Sicht eine sehr vielversprechende Maßnahme, um die Familie keinen unnötigen Belastungen auszusetzen.

Wie funktioniert dieses Screening genau?

Das norwegische Unternehmen Picterus AS hat eine innovative Methode entwickelt, die Gelbsucht mithilfe einer Smartphone-Kamera und einer speziellen Farb-Kalibrierungskarte erkennen kann. Dabei wird eine App verwendet, um den notwendigen Abstand und die richtige Positionierung zu gewährleisten. Die App erfasst automatisch sechs Bilder (von einem kleinen Ausschnitt des Brustbereichs des Neugeborenen und der Farbkarte) und analysiert diese mithilfe eines patentierten Berechnungsmodells.

Innerhalb weniger Sekunden liefert das System einen Messwert, mit etwa derselben Sicherheit, wie eine transkutane Messung an der Schläfe des Kindes mit einem speziellen Gerät. Vereinfacht gesagt, erfolgt ein Abgleich der Hautfarbe und der Gelbfärbung mit einem definierten Farbschema.

Das klingt nach einer innovativen und gleichzeitig einfachen Methode. Kann jede Person mit einem geeigneten Smartphone dieses Screening durchführen?

Ja, die App ist gemäß ihrer MDR-Zulassung nicht nur für medizinisches Fachpersonal, sondern auch für die Nutzung durch Eltern zugelassen. Die App liefert jedoch nur einen Messwert. Dieser muss fachlich eingeordnet werden, d. h. er muss von fachkundigen Personen, wie Hebammen, Ärzten und Ärztinnen oder Kinderkrankenpfleger:innen ausgewertet werden, um gegebenenfalls weitere Untersuchungen oder eine Behandlung einzuleiten.

Der Vollständigkeit halber muss dazu gesagt werden, dass die App zwar kostenfrei ist, aber die Farbkarte bei Picterus AS kostenpflichtig bestellt werden muss (aktuell ca. 8,00 € zzgl. Versand im Einzelbezug). Zusätzlich wird jeder Scan mit ca. 8,00 € berechnet. Und nicht zu vergessen, die Abstimmung mit fachkundigen Personen muss dann noch zusätzlich erfolgen.
Dennoch sehen wir den Mehrwert darin, dass Mutter und Neugeborenes deutlich weniger Aufregung durchmachen müssen, wenn die Messung zu Hause durchgeführt werden kann.

Sind bereits die Krankenhäuser in Deutschland mit dieser Technologie ausgestattet?

Leider noch nicht. Das System ist mittlerweile für alle Hauttöne zugelassen und noch so neu, dass viele Kliniken dieses Verfahren noch nicht kennen. Deshalb gehört es zu unseren aktuellen Aufgaben, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Technologie in Deutschland bekannter zu machen.

Wenn das Verfahren noch so neu ist, bietet es überhaupt die nötige Sicherheit?

Ja, sonst wäre die Zulassung nicht erfolgt.
Auch wenn die Anwendung heute sehr einfach ist, war es ein langer Weg bis zu diesem Punkt. Picterus wurde bereits vor 10 Jahren gegründet. In vielen langjährigen Forschungsprojekten in Norwegen, Schweden und der ganzen Welt (u. a. Philippinen, Uganda, Mexico, USA) wurden Erkenntnisse gewonnenen, die zu einer konsequenten Weiterentwicklung geführt haben. Dadurch ist es zu dem qualitativ hochwertigen, verlässlichen System geworden, das es jetzt ist.

Das neue Screening-Verfahren zur Früherkennung von Gelbsucht bei Neugeborenen stellt einen bedeutenden Fortschritt in der medizinischen Versorgung dar. Durch die einfache Anwendung und schnelle Auswertung bietet es eine zusätzliche Sicherheit für Eltern und medizinisches Fachpersonal, ohne die Familien durch (ggf. unnötige) Arzt- oder Klinikbesuche weiter zu belasten. Dennoch bleibt die flächendeckende Einführung in deutschen Kliniken eine Herausforderung, aber wir bleiben am Ball.

Herr Kaasen, vielen Dank für das informative Gespräch!

Der Autor:

Ein Mann, Gerald Kaasen, stehen an seinem Messestand und schaut in die Kamera.

Kontaktdaten:

Medizintechnik Kaasen GmbH
Zum Gewerbepark 4
44532 Lünen

Telefon: 02306 30609-0
E-Mail
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Weitere Links:

Website Picterus AS

Kinder- & Jugendärzte im Netz: Neugeborenen-Gelbsucht (Neugeborenen-Ikterus)

Wikipedia: Neugeborenengelbsucht

Schmerzen, ein Überblick: von der Entstehung bis zur Linderung

Schmerzen, ein Überblick: von der Entstehung bis zur Linderung

In der WDR Sendung Quarks „Aua! Die Wissenschaft vom Schmerz“ wird das Thema Schmerz genauer unter die Lupe genommen. Zum einen sind Schmerzen ein Warnsignal des Körpers, zum anderen behindern sie uns im Alltag. Sie schränken unsere Bewegungsfreiheit ein, verursachen einen dichten „Nebel“ im Kopf oder treiben Menschen in die Isolation. Wie ist der aktuelle Stand der Medizin und welche anderen Möglichkeiten stehen heute zur Verfügung, mit (dauerhaften) Schmerzen umzugehen?

Die kurzweilige Sendung ermöglich einen guten Einblick in den aktuellen Stand von Medizin und Forschung – von der Entstehung der Schmerzen, über die Wirkung von Schmerzmitteln und Placebos bis zu neuen Therapiemöglichkeiten bei chronischen Schmerzen.

Im Beitrag werden u. a. diese Fragen beantwortet:

  • Wie entsteht Schmerz?
  • Was ist der Unterschied zu chronischen Schmerzen?
  • Was passiert bei Akkupunktur?
  • Wie wirksam ist Hypnose zur Schmerzlinderung bei Endometriose?
  • Wie kann VR (Virtuelle Realität) bei der Schmerzreduktion unterstützen?
  • Wie wirkungsvoll ist die geistige Forderung, die Konzentration auf andere Themen (also quasi eine Ablenkung), hinsichtlich des Schmerzempfindens?
  • Wie gut funktionieren Placebos bei echten Schmerzen?

Mach Dich schlau und erfahre in knackigen 45 Minuten viel Wissenswertes rund um das Thema Schmerz.

Hier findest Du die gesamte Dokumentation:

ARD Mediathek – WDR Quarks vom 12.06.2025: Aua! Die Wissenschaft vom Schmerz (verfügbar bis 12.06.2030)

Wir haben uns bereits mit einem Schmerzthema beschäftigt. Lies gerne unseren Beitrag im Blog: Endometriose: Betroffene fordern Anerkennung und Bekanntheit!

Hebamme – Ein unverzichtbarer Beruf mit großen Herausforderungen

Hebamme – Ein unverzichtbarer Beruf mit großen Herausforderungen

Hebammen haben eine wichtige Aufgabe in der Geburtshilfe und der Betreuung werdender Mütter. Für werdende Mütter wird es immer schwieriger, eine Hebamme zu finden, die sie durch ihre Schwangerschaft begleitet. Dabei ist der Hebammenmangel längst kein neues Thema mehr. In ländlichen Regionen gibt es oft nur wenige Hebammen, die eine große Anzahl an Frauen versorgen müssen. Die freiberuflichen Hebammen haben mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen, darunter hohe Versicherungskosten, unzureichende Honorare und unregelmäßige Arbeitszeiten.

Gerade die Geburtshilfe ist für viele Hebammen nicht mehr tragbar, weil die Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung immens hoch sind. Das führt dazu, dass immer weniger Hebammen Geburtshilfe anbieten und den Fokus auf die Vor- und Nachsorge legen. In vielen ländlichen Regionen gibt es mittlerweile kaum noch Hebammen, sodass Hebammen und Schwangere weite Strecken fahren müssen, um eine entsprechende Betreuung rund um die Geburt zu geben und zu erhalten. Auch die Arbeit in abgelegenen Regionen ist häufig mit großen Herausforderungen verbunden. Während die Hebammen in den Städten meist in Kliniken oder Geburtshäusern arbeiten, müssen sie auf dem Land oft lange Wegstrecken zurücklegen, um Frauen in der Schwangerschaft, unter der Geburt oder im Wochenbett zu betreuen. Das bedeutet nicht nur eine hohe zeitliche Belastung, sondern auch eine große logistische Herausforderung.

Hebamme untersucht Bauch einer schwangeren Frau mit CTG-Scan in der Praxis

Daniela Becherer – Hebamme mit Herz und Haltung im Schwarzwald

​In der SWR-Dokumentation „Friederike klopft an: Daniela – die Hebamme auf dem Land“ gibt Daniela Einblicke in ihren Alltag. Sie spricht über die Herausforderungen, die mit ihrer Arbeit verbunden sind, und darüber, wie sie versucht, sich selbst dabei nicht zu verlieren. Die Dokumentation zeigt, mit wie viel Herzblut sie sich für die bestmögliche Versorgung schwangerer Frauen auf dem Land einsetzt.​

Wer Daniela Becherer kennenlernt, merkt schnell: Diese Frau ist ganz in ihrem Element. Seit über 20 Jahren begleitet sie Frauen rund um Geburt, Schwangerschaft und Stillzeit – mit viel Engagement, medizinischem Wissen und menschlicher Wärme. Doch Daniela ist nicht nur Hebamme, sondern auch Mutter von zwei Töchtern. Sie weiß also genau, was diese Zeit für die Frauen bedeutet.

Familie als Rückhalt – und Herausforderung

Danielas Lebensmittelpunkt ist ihre Familie. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern lebt sie in einem kleinen Ort im Schwarzwald. Ganz in der Nähe, in St. Georgen, hat sie gemeinsam mit einer Gynäkologin und einer Hebammen-Kollegin Praxisräume gemietet. Ihre Kinder sind inzwischen im Schulalter, was den Familienalltag abwechslungsreich – und manchmal auch chaotisch – gestaltet. Die morgendlichen Abläufe gleichen einem kleinen Orchester: Brotdosen packen, Turnbeutel kontrollieren, Kinder motivieren, anziehen, verabschieden. Und dann: ab ins Auto, oft direkt zum ersten Hausbesuch. Doch das System Becherer funktioniert. Klare Absprachen, feste Rituale und die Bereitschaft aller, mitanzupacken, helfen dabei, dass sich niemand verliert. Daniela und ihr Mann teilen sich die Care-Arbeit so auf, dass Freiräume entstehen – auch wenn spontane Notfälle manchmal alles über den Haufen werfen. „Flexibilität ist bei uns kein Schlagwort – sondern gelebte Realität“, sagt Daniela mit einem Schmunzeln.

Hebamme sitzt im Auto auf dem Weg zu einer Patientin

Berufung mit System

In ihrer Hebammenpraxis bietet Daniela viele Leistungen an: Von der Schwangerenvorsorge über Geburtsvorbereitung bis zur Wochenbettbetreuung, Rückbildung und Stillberatung. Die Kurse finden entweder vor Ort oder – je nach Bedarf – auch online statt. Neben ihrem fachlichen Wissen hat sie eine zusätzliche Qualifikation als Krankenschwester, was ihr ermöglicht, über die Geburtsvorbereitung und -nachsorge hinaus, Müttern weitere Angebote zu machen

Auch die Naturheilkundliche Begleitung ist ihr wichtig. Akupunktur gehört für Daniela zur Vorbereitung der Mütter auf die Geburt dazu – nicht nur zur Linderung von Beschwerden, sondern auch zur mentalen Stärkung. Ihre Philosophie: Frauen in ihrer Selbstwirksamkeit zu unterstützen, deren Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen und Geburt nicht nur als medizinischen Vorgang, sondern als Lebensereignis zu begreifen.

Logistik trifft Herzarbeit

Der Alltag als Landhebamme bedeutet: viele Kilometer auf der Straße. Ihre Patientinnen wohnen weit verstreut in der ländlichen Region um Triberg, Schönwald und St. Georgen. Manchmal sind es täglich über 100 Kilometer, die sie zwischen Kursen, Hausbesuchen und Notfällen zurücklegt. In der Doku „Friederike klopft an“ schildert Daniela, wie ihre Arbeit sie manchmal bis an die Grenze der Erschöpfung bringt – weil sie nicht nur ihren Beruf liebt, sondern auch spürt, wie dringend sie gebraucht wird. Die Gesundheitsversorgung auf dem Land ist lückenhaft, Hebammen sind rar. Daniela steht oft unter Druck – emotional wie organisatorisch. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen. Um nicht auszubrennen, hat sich die Familie kleine, aber wirkungsvolle Routinen geschaffen: Gemeinsame Abendessen, Waldspaziergänge am Wochenende, Zeitfenster ohne Handy oder Dienstbereitschaft. Daniela nennt das „Anker im Alltag“. Und wenn ihr alles zu viel wird, geht sie zu ihren Bienen. Hier findet sie die Ruhe, die sie braucht, um ihre Akkus wieder aufzuladen.

Imkerin versorgt ihre Bienen am Stock, einige Biene schwirren aus

Politisches Engagement als Teil der Lösung

Über ihre Arbeit hinaus engagiert sich Daniela für bessere Rahmenbedingungen in der Geburtshilfe. Sie war mehrere Jahre im Vorstand des Landesverbandes der Hebammen Baden-Württemberg tätig. Ihr Ziel: die Arbeitsbedingungen für Hebammen zu verbessern und die Versorgungslage auf dem Land weiter auszubauen.

Stimmen der betreuten Familien: Nähe, die bleibt

Wer mit Daniela gearbeitet hat, bleibt oft lange mit ihr verbunden. Die Rückmeldungen der Eltern sind voller Dankbarkeit – für ihre ruhige, stärkende Art, für die offenen Gespräche, die praktischen Tipps und den Humor, wenn’s mal schwierig wurde. Und nicht selten hört Daniela beim Hausbesuch ein fröhliches Kinderlachen: „Mama, die Hebamme ist wieder da!“

Zwischen Kraftakt und Herzenssache

Daniela Becherer ist eine Frau, die mit ihrer Arbeit einen echten Unterschied macht. Als Mutter, Partnerin, Hebamme und Netzwerkerin lebt sie ein Modell, das zeigt: Mit Organisation, Teamgeist – und ganz viel Herz – lässt sich auch ein scheinbar unmöglicher Alltag meistern. Ihre Geschichte ist eine, die Mut macht. Sie zeigt, wie wertvoll Hebammenarbeit ist – für jede einzelne Familie und für unsere Gesellschaft.


Für mehr Infos und persönliche Einblicke besucht gern Danielas Website: www.hebamme-becherer.de
Dokumentation Daniela – die Hebamme auf dem Land (SWR) (verfügbar bis 27.3.2027)
oder auch auf YouTube

Gendiagnostik – eine Möglichkeit Mutationen zu erkennen

Gendiagnostik – eine Möglichkeit Mutationen zu erkennen

In dem Beitrag von ARD Wissen „Willst Du wissen, wann Du stirbst? Frank Seibert und die Gendiagnostik“ macht sich Reporter Frank Seibert auf die Suche nach Menschen, die von einer vererbbaren Genmutation betroffen sein könnten. Er möchte wissen, wie sie damit umgegangen sind. In seiner persönlichen Familiengeschichte gibt es einige Krebserkrankungen und er möchte für sich klären, wie er mit der Möglichkeit der Gendiagnostik umgehen will.

Im Universitätsklinikum Bonn trifft er auf den Humangenetiker Prof. Dr. Stefan Aretz, der genetische Beratungen und Untersuchungen durchführt. Der Genetiker informiert ihn, dass in einem solchen Fall der Besuch einer humangenetischen Sprechstunde oder Beratung der erste Schritt ist. Dabei werden Informationen über drei Generationen zusammengesammelt, um zu schauen, ob bestimmte Kriterien erfüllt sind. Ist das der Fall, kann überlegt werden, ob eine genetische Testung durchgeführt wird. Sie erfolgt mittels einer kleinen Blutprobe, aus der die DNA extrahiert und die erforderliche Gensequenz ausgelesen wird.  Während der Zellteilung wird die Erbinformation kopiert. Dabei können sich Mutationen einschleichen. Doch viele der Mutationen werden direkt vom Körper repariert. Sollte die Veränderung jedoch in den Samen- oder Eizellen entstehen, besteht die Möglichkeit, dass Erkrankungen an die Kinder vererbt werden.

Betroffene und ihr Umgang mit der Gendiagnostik

Kim hat eine Mutation von ihrem Vater vererbt bekommen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass sie an Alzheimer erkranken wird. Kim hat die Beratung und den Gentest machen lassen, weil sie es genau wissen wollte. Als die Ärztin ihr das Ergebnis mitteilte, hat es sie trotzdem komplett aus der Bahn geworfen. Doch die Ungewissheit im Vorfeld hat sie als viel schlimmer empfunden.

Bei Uwe, der 57 Jahre alt ist und vor seiner Alzheimererkrankung nichts von seiner Genmutation wusste, fing es mit Wortfindungsstörungen an. Als er nach einem Spaziergang ohne seinen Enkel und den Kinderwagen zurückkam, war der Arztbesuch beim Neurologen und beim Humangenetiker fällig. Der Gendiagnostik zufolge hat er ein mutiertes Chromosom, das familiär vererbtes Alzheimer anzeigt. Bei dieser neurodegenerativen Krankheit werden die Gehirnzellen zerstört und Nervenbahnen verlieren den Kontakt zueinander. Durchschnittlich acht Jahre nach den ersten Symptomen führt die Erkrankung zum Tod.

Nur etwa 1% aller Alzheimerfälle sind erblich bedingt. Doch die vererbte Krankheit bricht deutlich früher aus, häufig schon zwischen 30 und 65 Jahren. Während das Gehirn abbaut, bleibt die körperliche Fitness bestehen. Dadurch ist die Pflege aufwändig und es ist schwierig, geeignete Pflegeplätze zu bekommen.

Uwe hat einen Sohn, der „unwissend“ bleiben möchte und keinen Test vornehmen lässt. Das Risiko bei an einer erblichen Alzheimer-Demenz zu erkranken, liegt für ihn bei 50%, weil er das Erbgut vom Vater und der Mutter in sich trägt. Bekommt er die Krankheit nicht, ist die Mutation bei ihm nicht vorhanden. Das bedeutet, seine Kinder sind ebenfalls frei davon. Bei der Alzheimer Erkrankung wird, anders als bei anderen Erbkrankheiten, keine Generation übersprungen.

Während Alzheimer aktuell nicht behandelbar ist, gibt es auch behandelbare Genmutationen. Jana trägt das BRCA-Gen in sich, welches erblichen Brustkrebs auslösen kann.  

Die Krankheit muss zwar nicht zum Ausbruch kommen, aber das Risiko steigt durch die Mutation auf 70%. Als Jana 11 Jahre alt war, bekam ihre Mutter die Brustkrebs-Diagnose und ist trotz einer Chemotherapie früh gestorben. Von ihrer Schwester hat sie 2007 den Tipp bekommen, dass sie sich testen lassen kann. Während ihre Schwester negativ getestet wurde, wusste Jana schon intuitiv, dass sie an Brustkrebs erkranken wird. Sie hat in dem Gentest die Chance gesehen, dass sie durch das Wissen dem Krebs immer ein Stück voraus sein kann. Durch die engmaschige Vorsorge wurde der Tumor früh erkannt und für Jana war direkt klar, dass sie eine brustentfernende Operation durchführen lässt. Damit sinkt das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, auf unter 5%. Sie wollte keinen langen und schmerzhaften Prozess durchlaufen, den sie bei ihrer Mutter damals miterleben musste.

Risiko und Wahrscheinlichkeit einer erblichen Erkrankung

Bei erblichen Formen von Krebserkrankungen, kann über die Gendiagnostik nur ein erhöhtes Risiko festgestellt werden. Die Mutation zu haben, bedeutet nicht zwingend, dass sie ausbrechen wird.
Bei einer erblichen Alzheimer-Demenz und anderen Krankheiten sieht das anders aus und die Wahrscheinlichkeit liegt bei nahezu 100%. Nur der Ausbruchszeitpunkt bleibt ungewiss.

In einem solchen Fall Gewissheit zu bekommen, ist für jeden Menschen unterschiedlich wichtig. Daher muss vor der Testung und der Diagnose immer eine humangenetische Beratung durchgeführt werden. Dabei wird der Patient umfassend informiert und er muss sich auch über die Folgen des Wissens oder des Nicht-Wissens klar werden.

Kim war sich darüber bewusst, was auf sie zukommen kann. Und war doch nicht auf diesen Moment vorbereitet. Sie hat sich professionelle Hilfe gesucht, um sich ihren Ängsten und ihrem Lebensende zu stellen. Sie musste sich mit ihrem Tod auseinandersetzen und hat jetzt – mit 27 Jahren – schon die Details ihrer Beerdigung festgelegt. Für sie war es der richtige Schritt, auch wenn es schwer war, hat sie so wieder die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen. Kim hat einen Sohn und sie weiß nicht, ob er die Genmutation geerbt hat. Sie findet gut, dass ihr Sohn später selbst entscheiden kann, ob er wissend oder unwissend sein möchte.

Ihr sind auch schon Menschen begegnet, die es für unverantwortlich halten, ein Kind mit einer 50%ig wahrscheinlichen Genmutation in die Welt zu setzen. Doch diese Aussagen beinhalten einen weiteren Aspekt – auch Kims Leben ist nicht lebenswert.

Gendiagnostik bei Kindern

Wenn eine erblich bedingte Krankheit erst im Erwachsenenalter ausbrechen wird, ist die Gendiagnostik bei Kindern nicht möglich. Forschende diskutieren darüber, ob Genmutationen frühzeitig erkannt werden können, wenn es möglich wäre. Die weltweit größte Studie dazu wird in Großbritannien durchgeführt. Über zwei Jahre lang soll jeder zwölfte Säugling in England mit Erlaubnis der Eltern untersucht werden. Angeschaut werden dann die Gensequenzen der nach heutigem Stand behandelbaren Krankheiten.

Amanda Pichini, klinische Leiterin der Studie, erklärt, dass sie und ihre Kollegen nach über 200 Mutationen suchen – viele davon sind sehr selten. Damit soll Leben gerettet werden, denn viele Kinder mit seltenen Erbkrankheiten sterben früh oder sind sehr schwach. Mit den anonymisierten Daten soll eine Datenbank aufgebaut werden, auf die Forscher zugreifen können, um neue Medikamente zu entwickeln.
Im Alter von 16 Jahren dürfen diese Kinder selbst entscheiden, ob sie sich weiter testen lassen oder ob die Daten gelöscht werden sollen.

Unterstützung der Forschung

Wer sein Erbgut untersuchen lässt, kann sich auf seine Zukunft vorbereiten und gleichzeitig die Forschung voranbringen, wie Kim das gemacht hat. Sie hat geschaut, welche Forschungen es zu Alzheimer gibt und nimmt an einer Studie teil. Seit sieben Jahren lässt sie sich untersuchen, um dazu beizutragen, dass in Zukunft Medikamente gegen Alzheimer entwickelt werden können. Sie tut das nicht nur für sich, sondern auch für ihren Sohn, der noch 40 Jahre Zeit hat, bis die Krankheit vielleicht ausbrechen wird.

Alzheimer Untersuchungen haben eine lange Vorlaufzeit. Das Wissen um eine kommende Erkrankung ermöglicht den Wissenschaftlern einen genauen Blick auf die Veränderungen, die schon vor dem Ausbruch erfolgen.
Durch die frühzeitige und langfristige Begleitung von Patienten vor der Erkrankung, haben die Forscher festgestellt, dass bereits 10 bis 20 Jahre vorher Veränderungen im Gehirn auftreten. Daher war es Kim wichtig, ihren Teil zu weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen beizutragen.

Die ganze Dokumentation

ARD Mediathek, ARD Wissen, Dokumentation „Willst Du wissen, wann Du stirbst? Frank Seibert und die Gendiagnostik“ vom 26.09.2024 (45 Minuten)

Weitere Links:

Website Nicoletta Prevete Sei (D)ein Freund

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