Hochsensibilität und die Balance im Alltag

Hochsensibilität und die Balance im Alltag

HSP steht für „high sensitive person“ (Hochsensibilität) und bezeichnet Menschen, die Reize auf unterschiedlichen Ebenen schneller verarbeiten als das bei „normalen“ Menschen der Fall ist. Klingt erst einmal cool. Schneller mit- oder vorausdenken zu können, leichter zu lernen und empathischer zu sein, um besser auf die Mitmenschen eingehen zu können.

Was sich nach „sensibel, nur viel besser” anhört, bedeutet einen permanenten Balanceakt für die mit diesen Fähigkeiten ausgestatteten Menschen.

Der fühlbare Unterschied von normal- und hochsensiblen Menschen

Ich möchte Dir ein Beispiel geben. Stelle Dir vor, Du gehst durch eine Fußgängerzone. Es ist nicht so voll und während Du zügig an den Geschäften vorbeigehst, registrierst Du Folgendes:

  • Der Bäcker hat Brötchen im Angebot.
  • Der Schuhhändler dekoriert das Schaufenster gerade neu.
  • Der Bekleidungsladen macht einen Räumungsverkauf.

Geht eine hochsensible Person die gleiche Strecke in der gleichen Geschwindigkeit, nimmt sie – ohne die Möglichkeit es abzustellen – wesentlich mehr Informationen auf:

  • Der Bäcker hat Brötchen im Angebot: Drei Körnerbrötchen oder sechs Normale. Im Laden ist viel los, acht Personen stehen in der Schlange und die sechs Tische sind fast vollständig besetzt. Eine Verkäuferin und ein Verkäufer stehen hinter der Theke, während eine weitere Verkäuferin gerade ein Tablet mit zwei Sahnetorten, einem Kaffee und einem Latte Macchiato an den vorletzten Tisch bringt.
  • Beim Schuhhändler wird das Schaufenster gerade neu dekoriert. Zwei Drittel der Fläche sind schon in den neuen Frühjahrsfarben mit schönen Blüten und Kunstrasen gestaltet und 17 Schuhmodelle stehen bereits mit Preisen versehen an der richtigen Stelle. Die Dekorateurin steht auf weißen Socken im Fenster. Sie trägt eine weiße Jeans, ein rotes Langarmshirt und eine Holzkette. Ihre Kurzhaarfrisur hat blonde Strähnchen und ihre moderne Brille hat weiße Bügel.
  • Der Bekleidungsladen macht einen Räumungsverkauf. Der anstehende Umbau geht in 10 Tagen los, daher gibt es noch verschiedene Angebote. Die Bekleidungsständer sind mit „ab 19,95 Euro“, „ab 34,95 Euro“ und „ab 49,90 Euro“ bepreist. Eine Verkäuferin sortiert im Eingangsbereich anprobierte Ware wieder richtig ein. Zwei Frauen und ein Mann suchen gerade nach Oberteilen, ein kleines Kind ist völlig genervt und streitet sich mit seiner Mutter.

Das waren nur die visuellen Reize … es sind längst nicht alle Eindrücke, die ein hochsensibler Mensch auf einer Strecke von ca. 30 Metern wahrnimmt. Über die anderen Sinne werden weitere Reize in den Menschen befördert, die ebenfalls um ein Vielfaches höher sein können als bei einem normal-sensiblen Menschen: die Gesprächsfetzen der Mitmenschen, unterschiedlichen Gerüche und sogar Rempler sorgen für einen weiteren Zustrom von Informationen.

Das Gehirn wird quasi damit überflutet und versucht permanent, alles in geordnete Bahnen zu lenken, um die korrekte Verarbeitung sicherzustellen. Eine Selektion von „wichtig” und „unwichtig”, wie sie bei Normal-Sensiblen üblich ist, findet an dieser Stelle nicht oder nur in geringem Maße statt.

Die Auswirkungen

Das Gehirn wird ständig gefordert und hat einen dementsprechend hohen Energiebedarf. Der Körper macht mit, so gut er kann, doch irgendwann geht nichts mehr. Rückzug ist angesagt, es passen keine weiteren Reize mehr hinein. Ab ins Bett, Decke über den Kopf und hoffen, dass die Eingangsklingel vom Laden auf der anderen Straßenseite nicht permanent läutet. „Bitte, lass es im Haus jetzt still sein …“.

Kannst Du Dir vorstellen, wie krass es einem hochsensiblen Menschen in einem vollen, engen Bus mit Schulkindern, auf einer großen Veranstaltung mit vielen Menschen inklusive unterschiedlichster Stimmungslagen oder in einem Geschäftsmeeting gehen muss, in dem einer den anderen zu übertrumpfen versucht?

Will sich die hochsensible Person zurückziehen, weil das (Informations-)Maß wieder voll ist, sieht sie sich Kommentaren wie „Du kannst doch nicht schon müde sein!”, „Nie bleibst du bis zum Schluss!” oder „Stell Dich nicht so an!” ausgesetzt. Dann folgt die Überlegung, ob eine Rechtfertigung hilfreich ist oder nicht. Nur wenige können nachvollziehen, wie wichtig dieser Rückzug ist.

Der direkte Kontakt mit Menschen

Im persönlichen Kontakt mit Menschen werden nicht nur die visuellen und auditiven Impulse aufgenommen, auch olfaktorische und taktile Daten werden per Nase und Tastsinn übermittelt. Hochsensible in auch in der Lage, die tieferen Schichten, Themen und Probleme ihrer Mitmenschen wahrzunehmen.

Hochsensibilität bringt Klarheit!

Ein Beispiel: Ein Hochsensibler kann ziemlich genau zuordnen, warum ein Gesprächspartner gerade laut wird. Er erkennt häufig den eigentlichen Beweggrund und könnte diesen benennen.

Zusammenhänge erschließen sich ihm wesentlich schneller und mit größerer Klarheit, egal ob es um Lösungen für Projekte geht oder die Gruppendynamik in einem Team. Das klingt nach einem Vorteil, aber es wirft direkt ein neues Problem auf.

Der Nachteil der Klarheit!

Ein hochsensibler Mensch hat oft sofort eine Idee zur Problemlösung parat, doch damit stößt er nur selten auf Gegenliebe. Der normal-sensible Mensch fühlt sich eher überrumpelt und vorgeführt. Aus dieser Gefühlslage fällt es ihm schwer, den Lösungsvorschlag (dankbar) anzunehmen. Ob aus persönlicher Betroffenheit, persönlichem Neid oder persönlicher Angst: Es gibt nicht viele Menschen, die an dieser Stelle anders reagieren, wobei es im privaten und freundschaftlichen Umfeld vermutlich anders aussieht.

Weltmeister im Balancieren

Es ist für die Betroffenen – oder für die mit dieser Fähigkeit gesegneten Menschen – zumeist ein Balanceakt. Menschen, die hochsensibel sind, können Projekte und ihre Mitmenschen wirklich schnell voranbringen, wenn das Umfeld frei von persönlichen Befindlichkeiten ist und man gemeinsam vorankommen möchte.

Hochsensible können schlecht nachvollziehen, dass ein normal-sensibler Mensch bestimmte Zusammenhänge nicht erkennen kann und verzweifeln daran, dass „unlogisch” agiert wird oder extreme Umwege in Kauf genommen werden, um zu einer Lösung zu gelangen, die er schon lange absehen konnte.

Das ständige Einschätzen der besten Herangehensweise ist anstrengend. Die negativen Reaktionen machen den Grat, auf dem man sich bewegt, sehr schmal und „gefährlich”. Immer auf der Hut zu sein, immer mit Gegenwehr, Unverständnis und Neid kämpfen zu müssen, und dass bei all der Langsamkeit der Umwelt, wo es so einfach gehen könnte. Spaß macht das vermutlich nicht.

Hinweis

Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass sich die Fähigkeiten bei jedem hochsensiblen Menschen anders darstellen können. Während meine Darstellung übergreifend ist, haben Hochsensible meist Schwerpunkte im sensorischen, emotionalen oder kognitiven Bereich.

Fazit

Aus der Hochsensibilität resultieren viele positive Aspekte. Wer es schafft, das Beste aus seinen Fähigkeiten zu machen, diese in seine Tätigkeit mit Erfolg und Wertschätzung einbringen darf und die Nachteile minimieren kann, ist auf dem Weg, ein Weltmeister im Balancieren zu werden.

Herzliche Grüße

Deine Helga Ranft


Die Autorin: Helga Ranft, Inhaberin von Echter leben

Kommunikation im zwischenmenschlichen Erleben und Persönlichkeitsentwicklung sind die Lieblingsthemen von Helga Ranft. Sie hält Vorträge, Seminare und Workshops zu verschiedenen Themen, die im Alltag präsent sind, wie z. B. Durchsetzungsstärke, „Nein.“ sagen, Hochsensibilität, stressfreie Beziehungen und bietet Systemische Aufstellungen an.

Fragen zum Beitragsthema werden im Impulsvortrag „Hochsensibilität – eine Gratwanderung!” beantwortet und erste Lösungswege aufgezeigt. Die Termine findest Du auf der Website.

Kontaktdaten:

Echter leben
Inh. Helga Ranft
Obermarkstr. 17a
44267 Dortmund

Mobil: +49 171 2822929
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2023 – ein kurzer Jahresrückblick

2023 – ein kurzer Jahresrückblick

Liebe Leser:in, für uns ist wieder die Zeit des Rückblicks gekommen. Das ist wichtig, denn er hilft uns, den Fokus zu bewahren und wir überprüfen, ob wir in diesem Jahr in unserer Wunsch-Spur geblieben sind.

Durchgehend ist, dass wir uns 2023 wieder unterschiedlichsten Themen gewidmet haben, die sich selten nur in eine Kategorie einordnen lassen. Die Hauptkategorie legen wir über die jeweiligen Bereiche fest, nach denen sich im Archiv auch suchen lässt: Frauen, Leben, Gesund und Gastbeiträge. Dennoch sind häufig weitere Schwerpunkte in den Artikeln enthalten, die nur beim Lesen sichtbar werden.

Das war unser Jahr 2023

Wir haben über gesundheitliche Aspekte, über das Leben und den Tod berichtet. Wir hatten Lifestyle, Persönlichkeitsentwicklung und berufsbedingte Themen auf dem Schirm, über die wir – oder unsere Gastautoren geschrieben haben. Unsere Interviewpartner haben uns wieder einmal neue Blickwinkel eröffnet und unser Magazin mit ihren Ansichten bereichert.

Ob es der Test unserer Redaktion zum Thema Künstliche Intelligenz war „ChatGPT – der neue heiße Scheiß?“, es um die Tricks der Ernährungsindustrie „Gesunde Ernährung und Tricks der Hersteller“ oder um die Wechseljahressymptome „Wechseljahre – Frau on Fire“ ging. Ob wir den fortwährenden Alterungsprozess „Kannst Du das Altern aufhalten?“ oder kleine und feine Unterschiede von „Weiberfast und Altweibersommer“ unter die Lupe genommen haben – wir hatten viel Freude bei der Recherche und wir freuen uns, wenn Dir das aufgefallen ist 😉.

Wir hatten den geruchsintensiven Bericht „Parfüm – Der große Duftraub?“ und haben über den Vorteil und den Genuss von lokalen Einkäufen direkt beim Erzeuger „Hofläden: Wie bei Tante Emma – mit allen Sinnen regional einkaufen“ geschrieben. Wir haben Dir von unserem Selbstexperiment im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung „Das Human Design Experiment“ berichtet und Dich über die Hintergründe der Gesetzgebung „Der Schutz von Whistleblowern ist das Ziel des Hinweisgeberschutzgesetzes“ aufgeklärt, die Menschen Sicherheit geben soll, Gerechtigkeit bietet und durch die anonyme Meldemöglichkeit vor Repressalien schützt.

Gesundheit, Krankheit und einiges mehr

Zum großen Themenbereich Gesundheit gab es die offensichtlichen Artikel, wie „Alltägliche Möglichkeiten zur Verbesserung der Harninkontinenz“, „Schwangerschaftsdepression – Unglücklich trotz Wunschkind“, „Angst im Beruf“, „Erektionsstörungen: Nur noch Schlaf – ohne „Bei“…?“ und den Bericht zur „TVT-Operation bei Harninkontinenz“.

Doch es gab auch Artikel, die sowohl den gesundheitlichen Aspekt betreffen, aber auch in den Bereich Leben passen, wie „Glück kennt kein Gewicht“ oder die Gastbeiträge „Mach Dich stressfrei – Dein Weg zu innerer Ruhe“ und „Menstruationstassen – Vor- und Nachteile“.

Die Themen Krankheit und Sterben fanden in diesem Jahr mehrfach Erwähnung. Im erhellenden Gastbeitrag der Deutschen Kinderhospiz Dienste „Ein Leben wir im Sturm“ wurden wir darauf aufmerksam, dass Familien, die ein lebensverkürzend erkranktes Kind haben, ein Hilfsangebot zusteht!

Dann hatten wir das Interview mit Thomas Sell „Zeit zum Zuhören: eine Audio-Biographie für Jedermann“, der sowohl mit erkrankten als auch mit gesunden Menschen spricht und aus dieser Aufnahme eine hörbare Biographie erstellt. Mit der Bestatterin Patricia Tüchsen haben wir über die Trauerarbeit und über weitere, zum Teil wenig bekannte, Möglichkeiten einer Bestattung gesprochen „Das Sterben und der Tod dürfen keine Tabus mehr sein!“. Damit haben deutlich machen könne, dass wir uns den aktuellen Tabuthemen stellen und sie für Dich aufbereiten.

Fazit 2023

Als erstes schicken wir Dir an dieser Stelle ein großes Dankeschön als unsere treue Leser:in. Ohne Deinen Wissensdurst, Deine Neugier und Deine Lust an unseren Themen, würde es dieses Magazin nicht geben.

Als zweite Erkenntnis möchten wir uns für die entstandene Vielseitigkeit bei allen Beteiligten bedanken und betrachten das Jahr 2023 damit als erfolgreich abgeschlossen. Wir sind in unserer Wunschspur geblieben und Du darfst Dich im nächsten Jahr wieder auf neue Aspekte, Perspektiven und Tabuthemen freuen, die sich schon auf unsere Liste angesammelt haben.

Für 2024 wünschen wir Dir einen angenehmen Start und alles Gute: Gesundheit, Freude, eine gute Work-Life-Balance und Zufriedenheit. Du bist der Gestalter Deines Lebens und hast in der Hand, was Du daraus machst 😊.

Herzlichst

Das Redaktionsteam: Jan, Olli, Iris und Helga

Zeit zum Zuhören: eine Audio-Biographie für Jedermann

Zeit zum Zuhören: eine Audio-Biographie für Jedermann

Ein Interview mit Thomas Sell, Inhaber von „Zeit zum Zuhören“ aus Hamburg

Thomas Sell ermöglicht Menschen, die weder reich noch berühmt sein müssen, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Er hält diese Erzählung – wie ein Biograph – für die Nachwelt fest. Seine Kunden sind Menschen, die bewusst zurückblicken und ihr Leben, ihre Erfahrungen und ihre Wünsche formulieren möchten, um sie für Familien und Angehörige hörbar zu machen.

Hallo Thomas, wir wollen heute über Dein Herzensprojekt „Zeit zum Zuhören“ sprechen. Vor einigen Monaten habe ich in Berlin zum ersten Mal davon gehört. Bei unserem nächsten Treffen haben wir den heutigen Termin vereinbart, damit wir unseren Leser:innen etwas über Deine wundervolle, neuartige Initiative erzählen können. Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Zeit zum Zuhören“ und wie ist es zu Deinem Herzensprojekt geworden?

Die Idee für „Zeit zum Zuhören“ ist bereits seit langer Zeit in meinem Kopf und hat sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt. Herausgekommen ist eine neue Art der biographischen Arbeit, die für jeden erschwinglich ist. Ich höre zu, wenn Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen, und halte sie in einer Audiodatei fest.

Die ersten Berührungspunkte hatte ich damit bereits im Jahr 2006. Meine Mutter war schwer krebskrank und wollte, da ihr nur wenig Zeit blieb, mit uns über ihren Tod sprechen. Mein Vater hielt verzweifelt an der Hoffnung fest, dass sich doch noch alles zum Guten wendet, und wollte sich der Situation nicht stellen. Doch sie sah das realistisch und es war ihr ein tiefes Bedürfnis, die Gedanken und Empfindungen mit uns zu teilen. Über das, was auf sie und uns zukommt, wie sie sich ihre Beisetzung vorstellt und weitere Dinge, die sie noch sagen wollte. Mein Vater konnte sich dieses Themas nicht annehmen und so lag es an mir, ihrem Wunsch nachzukommen. „Wir nehmen das Gespräch für deinen Vater und deinen Bruder auf“, stellte meine Mutter klar. Es war ihr wichtig, dass ihre Worte bei allen gleich ankommen.

Eine Woche vor ihrem Tod haben wir über ihr ganzes Leben gesprochen und über ihre Wünsche zur Beerdigung. Sie hat mir von ihrer Schulzeit, vom ersten Verliebt-sein und von der Hochzeit mit meinem Vater erzählt. Sie sprach über das Rezept von ihrem gedeckten Apfelkuchen, den sie so häufig gebacken hat, und von gemeisterten Schicksalsschlägen. Sie lächelte, während sie in ihren Erinnerungen schwelgte, währenddessen rückte die Krankheit in den Hintergrund.

Während der Corona-Pandemie wurde mir schmerzlich bewusst, dass wir – die Gesellschaft – das Zuhören verlernt haben. Alles ging nur noch online. In laufenden Video-Meetings wurden nebenbei E-Mails beantwortet und WhatsApp-Nachrichten geschrieben. Die Aufmerksamkeit splittete sich und jeder versuchte seinen eigenen Modus im Umgang mit dieser seltsamen Lebenswirklichkeit, zu finden. Keiner hatte mehr die Zeit, einem anderen Menschen konzentriert zuzuhören

Ich bedauerte die Entwicklung. Zu deutlich war mir noch in Erinnerung, wie sehr meine Mutter gestrahlt hatte, als ich mir die Zeit genommen habe, ihr meine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Noch heute lasse ich ihre Stimme beim Backen des gedeckten Apfelkuchens in der Küche mitlaufen. Dann fühlt es sich an, als würden wir gemeinsam backen und das erfüllt mich mit großer Freude.

Damit war mein Entschluss gefasst. Ich wollte Lebensgeschichten aufnehmen und für die „Ewigkeit“ festhalten. Als Mann der Tat war die Website „Zeit zum Zuhören“ schnell gesichert und ich bekam viel Zuspruch zu dieser Idee aus meinem Umfeld. Im letzten Jahr konnte ich die Idee einem größeren Publikum vorstellen. Ich bin in den Ruhestand gegangen und habe mich aus meinen unterschiedlichsten Netzwerken verabschiedet. Bei diesen Veranstaltungen durfte ich dankenswerter Weise von meiner neuen Aufgabe erzählen und wieder waren die Rückmeldungen überaus positiv.

Anmerkung der Redaktion: Um die Vertraulichkeit zu wahren, hat die abgebildete Person keinerlei Verbindung zu den hier aufgeführten Geschichten.

Das kann ich bestätigen Thomas, denn schließlich haben wir uns auf deiner Verabschiedung kennengelernt. Wie können sich unsere Leser:innen ein solches Gespräch vorstellen? Du weißt im Vorfeld doch nie, was Dich erwartet. Was passiert auf der menschlichen Ebene und wie gehst Du mit den unterschiedlichen Reaktionen auf Deine Fragen um?

Ich frage nach glücklichen und schönen Momenten und was es immer wieder Neues im Leben gegeben hat. Ich frage nach den Eltern, der Kindheit, dem ersten Kuss, der großen Liebe, dem Partner fürs Leben, den Kindern und weiteren Ereignissen. Ich frage nach, was sie sich noch vorgenommen haben und was sie noch sagen wollen.

Ich lausche den wundervollen Erinnerungen, den traurigen Momenten und erschreckenden Geschichten, die mir dabei anvertraut werden. Manchmal sind es unfassbar lang bewahrte Geheimnisse, die das erste Mal laut ausgesprochen werden und eine große Belastung über die Jahre dargestellt haben.

Mir war vor diesen Gesprächen nicht klar, wie viele Frauen im Krieg vergewaltigt wurden und wie viele davon noch nie darüber gesprochen haben. Sie mussten damals funktionieren und haben es tief in sich vergraben. Für manche ist das wie ein Befreiungsschlag. Ich spürte die Erleichterung, die mein Gegenüber ergriff, als eine Frau nach dem Gespräch zu mir sagte: „Ich glaube, ich muss jetzt mit meinem Mann darüber sprechen! Jetzt erst kann ich das.“

Das sind Momente, die mich erkennen lassen, wie wichtig das Zuhören ist. Nur Zuhören ohne Be- oder Verurteilungen und ohne den Erzählenden mit Aha-Erkenntnissen zu behelligen. In den Gesprächen lachen und weinen wir gemeinsam. Das fühlt sich an, wie ein Stein, der befreit über die Wasseroberfläche hüpft und dabei viele Dinge lösen kann.

Eine andere Person fragte mich, ob sie etwas sagen könnte und ob das dann auf ihrer Trauerfeier abgespielt werden könnte. Als ich das bejahte sagte sie:

Wenn ihr mich jetzt hört, dann bin ich bereits verstorben. Ihr seid sicherlich alle sehr traurig, dass ich nicht mehr unter euch bin, aber ich möchte euch eins auf euren zukünftigen Weg mitgeben und dieses ist mir bewusst geworden, in einem langen Gespräch mit Zeit zum Zuhören.

Ich hatte ein wunderschönes Leben und dieses Leben war so wunderschön, weil ihr an meiner Seite wart. Ihr habt mit mir gelacht, ihr habt mit mir geweint. Ihr habt meine Hand gehalten, wenn ich traurig war. Ihr seid mit mir in den Urlaub gefahren. Wir haben gemeinsam gefeiert. Ich habe Witze erzählt und wir haben gemeinsam gelacht. Es war ein wunderschönes Leben, weil ich ein Teil eures Lebens sein durfte. Und deshalb möchte ich gerne, dass ihr jetzt die Augen schließt.

Ich werde jetzt euch drei Witze erzählen und ich möchte, dass ihr lacht und euch an einen Moment erinnert, an dem wir gemeinsam gelacht haben, und diesen Moment haltet ihr fest und immer, wenn ihr an mich denkt, denkt ihr bitte an diesen Moment. Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil eures Lebens sein durfte. Danke.“

Ihr war es wichtig, dass die Hinterbliebenen wissen, dass sie in Frieden gegangen ist, sie sollen sie positiv in Erinnerung behalten und nicht voller Traurigkeit an sie denken.

In einem anderen Gespräch erzählte mir eine Großmutter mit leuchtenden Augen von den Spielen, die sie als Kind immer gespielt hatte. Als ihr kleiner Enkel die Aufnahme hörte, wollte er diese Spiele auf seinem Kindergeburtstag mit seinen Freunden ausprobieren und fragte seine Oma, ob sie die Schiedsrichterin sein könne. Die Großmutter rief mich danach dankbar an und erklärte mir, dass dieser Geburtstag einer der besten Tage in ihrem Leben war! Das das ist nur dadurch möglich gewesen, weil sie ihre Lebensgeschichte erzählte, als jemand da war, der zugehört hat.

Anmerkung der Redaktion: Um die Vertraulichkeit zu wahren, hat die abgebildete Person keinerlei Verbindung zu den hier aufgeführten Geschichten.

Das klingt wirklich interessant und ich kann mir vorstellen, dass das nicht jedem so gut gelingt. Kannst Du einschätzen, wie weit das mit Deiner eigenen Persönlichkeit, Deinem Alter und Deiner Lebenserfahrung zusammenhängt? Wie läuft das Gespräch ab und was machst Du, wenn das Gespräch beendet ist?

Ja, es sind viele bereichernde Momente, die ich in diesen Gesprächen erleben darf. Ermöglicht wird das durch meine Position als Außenstehender. Ich kann mitfühlen, aber bin frei von einer Bewertung. Meine Lebenserfahrung und die Reflektionsfähigkeit spielen sicher auch eine Rolle.

Meistens treffen wir uns bei Kaffee und Kuchen. Ich stelle das Mikro auf, um das Gespräch aufzuzeichnen und lasse es einfach durchlaufen. Ich achte darauf, dass wir in der Chronologie bleiben und der Fokus auf der Lebensgeschichte bleibt. Damit in den Emotionen nichts vergessen wird, habe ich einen Fragenkatalog erstellt, an dem ich mich orientieren kann.

Das Gespräch dauert ungefähr drei Stunden und wenn ich gehe, strahlen die Menschen über das ganze Gesicht. Sie hatten einen wunderbaren Nachmittag und haben sich wieder an schöne Momente erinnert, an die sie lange nicht gedacht haben. Sie sind entspannt, weil sie wissen, dass alles festgehalten ist, was sie sagen und weitergeben wollten.

Wieder Zuhause bearbeite ich die Aufnahme. Ich schneide auf Wunsch auch Passagen raus und erstelle das gewünschte Medium. Das kann ein Link zu der Audio-Datei oder die Audio-Datei auf einem USB-Stick sein, die ich meinem Gegenüber dann zukommen lasse. Auch wenn mich Angehörige mit dem Zuhören beauftragen, die Aufnahme steht allein dem Erzähler zu. Er allein entscheidet, was mit der Aufnahme geschehen soll.

Lieber Thomas, Du warst Dein ganzes Leben neben Deinem Job bei der Telekom auch selbstständig, hattest ein Reisebüro und bist auch selbst viel gereist. Daraus hast Du früher mediale Formate erstellt, die vielleicht den Weg für Deine neue Idee bereitet haben. Mit „Zeit zum Zuhören“ erstellst Du eine Audio-Biographie, die für die meisten Menschen oder Angehörige erschwinglich ist. Warum ist Dir das so wichtig?

Eine meiner Lebensweisheiten ist: „Nichts passiert ohne Grund – und der Grund ist immer positiv. Wenn er noch nicht positiv ist, dann habe ich noch nicht lange genug darüber nachgedacht.“

Wie eben schon erwähnt, habe ich viele Jahre gearbeitet, habe dadurch mein Auskommen und hatte bisher ein wunderschönes Leben. Die Initiative „Zeit zum Zuhören“ bietet mir die Möglichkeit etwas davon zurückzugeben. Ich möchte damit nicht reich werden, mir ist es wichtig Dinge zu tun, die mir Freude machen und die das Leben bereichern. Sowohl meines als auch das Leben der Familien und der Menschen, die mich an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen.

Früher konnten sich nur die wenigsten Menschen eine Biographie erstellen lassen. Eine solche Arbeit wurde eher von bekannten Persönlichkeiten beauftragt, denn sie kostet viel Zeit und Geld. Daher gefällt mir dieses Format der Audio-Biographie so gut. Man investiert einige Stunden, hat eine schöne Zeit und eine festgehaltene Lebensgeschichte, sogar zu einem erschwinglichen Preis. Durch diese Aufnahmen können Menschen weiterleben, auch wenn sie nicht mehr auf dieser Welt sind. Das habe ich seit dem Tod meiner Mutter verstanden.

„Zeit zum Zuhören“ bewahrt Geschichten und „Lebenswerke“, die Familien ein leichteres Miteinander bescheren und für gegenseitiges Verständnis sorgen. Sie bringen der Gesellschaft einen Mehrwert, denn wir können alle aus der Vergangenheit lernen.

Zudem engagiere ich mich ehrenamtlich. Ich arbeite gemeinsam mit Dagmar Hirche im Projekt Wege aus der Einsamkeit und biete Palliativ-Patienten kostenfrei Zeit zum Zuhören an. Doch in diesen Fällen vertraue ich auf die Ärzte, die entscheiden, ob die Patienten in der Verfassung sind und die Kraft haben, die Zeit gut durchzustehen.

Ebenso ist es mir ein Bedürfnis, Vorträge für Palliativ-Personal zu halten. Darin spreche ich darüber, wie sie bei ihren Patient:innen Erinnerungen wecken können.

Als ich mit meiner Schwiegermutter über ihre Lebensgeschichte gesprochen habe, haben sich die Gedanken an das Leben vor der Krankheit sehr positiv auf die gesundheitliche Verfassung ausgewirkt. Durch die Erinnerungen werden Gedanken-Anker in das „gesunde“ Leben geworfen und das können die Pflegekräfte und Ärzte ebenfalls in ihre Gespräche mit den Patient:innen integrieren. Ohne diese Gedanken-Anker, überdecken wenige Jahre Krankheit und Schmerzen, eine weit größere Zahl an Jahren mit positiven Erinnerungen.

Lieber Thomas, es ist beeindruckend, mit welcher Energie Du diesen Weg gehst und damit Win-Win-Situationen etablierst. Denn Zeit zum Zuhören hast Du als Franchise-Konzept aufgebaut. Was hat Dich in diese Richtung denken lassen und wie gestaltet sich das?

Für mich sind diese Biographie-Gespräche ein wichtiges Werte-Thema, das mich dauerhaft begleitet. Ich wohne in Hamburg und suche daher Menschen, die sich vorstellen können, Zeit zum Zuhören als Franchisenehmer in ihrer Stadt oder Region anzubieten. Die positiven Rückmeldungen der letzten Monate haben mich dazu bewogen, für diese Win-Win-Situation zu sorgen. Inzwischen habe ich für die Region Münster jemanden gefunden. Klaus Wegener ist auch ein sehr empathischer Mensch und ich sehe, dass Klaus „Zeit zum Zuhören“ in seiner Region mit viel Leidenschaft anbietet.

Die Aufgabe ist für viele Menschen lebensbereichernd und bietet eine schöne Abwechslung im Ruhestand oder ist als Aufgabe in Verbindung mit einem Teilzeitjob denkbar. Manche Menschen brauchen ein Ziel, um aus dem Haus zu gehen, mit anderen Menschen zu sprechen und sich mit „neuen“ Dingen zu beschäftigen. Das Konzept beinhaltet viel Potential für eine neue Lebensqualität und ist mit überschaubaren Kosten verbunden.

Gleichzeitig ermöglichen wir mehr Menschen, ihre Geschichten zu erzählen, diese gemeinsam zu reflektieren und sie dabei für sich selbst und andere festzuhalten. Ich freue mich, wenn sich Menschen melden, die in ihrer Region ebenfalls „Zeit zum Zuhören“ anbieten möchten. Sie brauchen mir nur eine E-Mail schreiben, dann tauschen wir uns aus. Ich freue mich darauf.

Das klingt hervorragend und ich denke, dass unsere Leser:innen den Impuls gern aufgreifen oder an mögliche Interessierte weiterleiten werden. Doch lass mich Dir noch eine Frage stellen: Was kostet es, wenn ich mit Dir ein Lebensinterview führen möchte?

Alles in allem sind es 400 € für jedes Lebensinterview – unabhängig davon wie viele Stunden es dauert.

Herzlichen Dank für das tolle Gespräch, lieber Thomas. Zeit zum Zuhören ist eine wunderbare Idee und eine wichtige Initiative, bei der wir hoffen, dass das Angebot bald in allen großen Städten verfügbar sein wird. Wir drücken die Daumen und wünschen Dir und dem gesamten Team ganz viel Erfolg.

Kontaktdaten:

Zeit zum Zuhören kannst Du in den Regionen Hamburg und Münster erreichen:

Kontaktdaten Hamburg:

Thomas Sell
Herbert Weichmann Str. 30
22085 Hamburg
Telefon und WhatsApp: +49 171 55000 05
E-Mail
Website
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TikTok @zeitzumzuhoeren (Die Verlinkung reichen wir Ende Dezember nach.)

Kontaktdaten Münster:

Klaus Wegener
Josef-Suwelack-Weg 38
48167 Münster
Telefon und WhatsApp: +49 176 622 982 19
E-Mail
Website Region Münster

Das Human Design Experiment

Das Human Design Experiment

Mitte des Jahres 2022 flatterte mir eine E-Mail von Sara ins Postfach, in der sie einen Online-Vortrag zum Human Design System angekündigte. Ich war kurz irritiert, doch die Absenderin kenne ich bereits seit vielen Jahren persönlich und mir war klar, das darf ich auf gar keinen Fall verpassen. Ihre erklärenden Worte machten mich neugierig und ich war sehr gespannt, als es im August per Video-Call zur Sache ging.

Sara Baier bot allen Teilnehmer:innen eine kurzweilige und spannende Einführung ins Human Design, ein System, das es bereits seit vielen Jahren gibt. Durch ihre Erzählung von ihrem Selbstexperiment, bekam ich einen ersten Blick auf Dinge, die zusammengebracht wurden, obwohl sie oberflächlich betrachtet, nichts miteinander zu tun hatten. Meine Neugier stieg und ich habe Sara um ein sogenanntes Reading gebeten. Da sich der Termin noch etwas hinzog, schickte sie mir einige Links, damit ich mich schon mal umschauen konnte.

Ich startete mit der kostenlosen Erstellung meiner Körpergrafik. Dazu brauchte ich das Datum und die möglichst genaue Uhrzeit meiner Geburt. Sympathisch war, dass keine Registrierung abgefragt wurde und mir eine Audiodatei angezeigt wurde, die zu meinem Chart (Körpergrafik) gehörte. Ich fühlte mich irgendwie positiv erkannt – und über den kleinen Werbeblock in den ca. 8 min langen Aufnahme konnte ich locker hinwegsehen.

Die Körpergrafik (Chart)

Das mehr oder weniger „bunte“ Chart beinhaltet extrem viele Informationen zur eigenen Persönlichkeit und zeigt unsere Ausstattung, die wir für unser Leben mitbekommen haben. Die „Chart Infos“ im linken unteren Bereich bieten erste Anhaltspunkte, die in meinen Reading bei Sara angesprochen wurden: Energietyp, Strategie, Autorität, Profil und Nichtselbst-Themen.

Die (Körper-)Zentren sind als Dreiecke, Rechtecke und Rauten in der Grafik dargestellt. Die unterschiedlichen Zahlen an jeder abgehenden Linie heißen „Tore“. Die dort abgehenden Verbindungslinien werden „Kanäle“ genannt. Sind diese halb eingefärbt, gehören sie zu dem jeweiligen Tor. Sind sie vollständig eingefärbt, ergibt sich aus der Verbindung der beiden gegenüberliegenden Tore eine zusätzliche Qualität, die genutzt werden kann.

Schwarz eingefärbte Verbindungslinien gehören zur bewussten Persönlichkeit und die rote Farbe zeigt an, dass dieser Bereich zu unseren unbewussten Anteilen gehört. Diese Fähigkeiten und Charakterzüge haben wir nur selten auf dem Schirm, doch Familie und Freunde nehmen sie meist hervorragend wahr.

Anfangs dachte ich, dass nur die eingefärbten Dinge für mich wichtig wären und mich ausmachen. Doch ich lag daneben. Auch die weißen Stellen machen einen großen Teil der Interaktionsmöglichkeiten mit meinem jeweiligen Umfeld aus. Es geht dabei darum konditioniert zu werden, sich anzupassen, sich zurückzuhalten oder kleinzumachen usw. Befinden sich Menschen in meiner Umgebung, die diese Bereiche aktiviert haben, hat das spürbare Auswirkungen auf mein Design.

Grundlagen des Human Design

Das System Human Design ist ein Werkzeug, mit dem sich jeder auf den Weg machen kann, sein inneres Wesen zu finden und zu leben. Es basiert auf der Erkenntnis, dass wir alle einzigartig sind und individuelle Fähigkeiten in uns tragen, über die wir mehr oder weniger gute Kenntnis haben. Die Körpergrafik lässt sich nicht mit gut oder schlecht bewerten, sie zeigt nur die jeweilige grundlegende Natur mit Stärken und Schwächen auf. Das Human Design hilft dabei, sich dieses Wissen zu erschließen und alltagstauglich nutzbar zu machen.

Mein erstes Human Design Reading

Das Reading haben wir per Video-Call gemacht. So konnten wir gemeinsam auf das Chart schauen und ich konnte ihren Erklärungen gut folgen. Doch trotzdem waren die Informationen so umfangreich, dass ich sehr dankbar für die Aufnahmen der Session war, die ich mir im Nachgang herunterladen konnte.

Ich war überrascht, was sie alles aus diesem Chart herauslesen konnte und wieviel Übereinstimmung es zu meiner Selbstwahrnehmung gab. Ich fühlte mich verstanden und bestätigt. Mir wurde an vielen Stellen bewusst, wie und warum bei mir manche Reaktionen ausgelöst werden und wie ich zukünftig besser damit umgehen kann. Zum Schluss sagte Sara, dass das nur der erste Einstieg sei – und mir schwirrte bereits der Kopf von dieser Vielfalt der Informationen.

Zum Schluss gab sie mir den Rat, dass ich meine frischen Erkenntnisse in den Alltag umsetzen soll, indem ich mein eigenes Human Design Experiment starte. Mehr in die Authentizität kommen, mich an meinen Bedürfnissen orientieren, Entscheidungen aufgrund meiner inneren Basis treffen. So bekomme ich mehr Sicherheit und kann nach und nach einzelne Themen genauer betrachten. Und genau das habe ich gemacht.

Mein Umgang im Alltag

Ein Jahr später höre oder schaue ich mir die Aufnahme des ersten Readings immer wieder einmal an. Ich erfreue mich an dem Podcast der Human Design Academy und stets resultieren neue Erkenntnisse und Aha-Momente aus dem Abgleich mit den täglichen Erlebnissen.

Erst kürzlich habe ich mir das Buch von Chetan Parkyn „Human Design“ gekauft – und war extrem beeindruckt. Ich habe mein Chart danebengelegt, um zu sehen, welcher Bereich gerade beschrieben wird und ob dieser rot bzw. schwarz eingefärbt oder weiß ist, um die entsprechenden Stellen im Buch zu lesen.

Häufig habe ich das Gefühl, dort steht genau, wie ich mich seit Jahren innerlich sehe. Ich hätte das zwar nicht so klar formulieren können, aber die Erklärungen erschlossen sich mir sofort. Doch ich habe meiner inneren Stimme bisher nicht vertraut und eher auf Experten gebaut, die sich in ihren Bereichen super auskennen.

Meine wichtigste Erkenntnis: Ich darf auf meine innere Stimme hören. Meine Intuition ist für mich genau das Richtige, auch wenn ein großer Teil der Welt andere Handlungsempfehlungen ausspricht.
Ich lerne, wie sich meine innere Stimme anfühlt und wie es kling, wenn sich mein Verstand einschaltet, der lieber den „Experten“ vertraut und mich vor allem Übel und Experimentieren bewahren möchte.

So lerne ich jeden Tag durch die getroffenen Entscheidungen, durch das Reflektieren, durch das Wissen zu meinem Design und gewinne auf ganzer Linie:

Was tut mir gut? Warum reagiere ich darauf so genervt? Warum bekomme ich keine Ruhe in meinen Kopf? Welche Struktur kommt meinem Design entgegen und hilft mir dabei, energievoller durch den Tag zu gehen?

Mein Fazit

Wie Du siehst, ist das Experiment ein ständiger Prozess, der von Erkenntnissen begleitet wird. Ich fühle mich sehr wohl damit und werde den Selbstversuch auf jeden Fall weiterführen und auch tiefer eintauchen. Mir ist klar geworden, dass mir das Wissen um meine inneren bewussten und unbewussten Fähigkeiten helfen wird, mein bestes Ich zu werden und viel mehr Positives und Freude in meinen Alltag zu bekommen.

Hinterlasse uns gern einen Kommentar und teile Deine Berührungspunkte mit dem Human Design System mit unseren Leser:innen und mir 😊.

Herzlichst

Deine Helga

Weiterführende Links:

Insta-Account von Sara Baier

Website und Free Chart Human Design Services

Website Human Design Academy

Human Design App

Der Schutz von Whistleblowern ist das Ziel des Hinweisgeberschutzgesetzes

Der Schutz von Whistleblowern ist das Ziel des Hinweisgeberschutzgesetzes

Bist Du bei Deiner Arbeit schon einmal gemobbt worden oder wurdest Du sexuell belästigt? Hat man Dir den Mindestlohn verwehrt oder wurdest Du diskriminiert? Sicher wusstest Du in Deiner Situation nicht, an wen Du diese Übergriffe vertraulich melden kannst.

Hier greift eine neue Richtlinie, die Menschen schützt, die solche und andere Vergehen melden müssen.

Unsere Kollegin Karen Falkenberg ist hier die Fachfrau und erklärt in Ihrem Beitrag, welche Möglichkeiten seit Mai 2023 bestehen, Vergehen im Unternehmen zu melden.

Unternehmen sind in der Verantwortung

Zum Schutz von Whistleblowern trat am 23. Dezember 2019 die Hinweisgeberschutzrichtlinie der EU 2019/1937 in Kraft. Die EU-Mitgliedsländer hatten bis zum 17. Dezember 2021 Zeit, diese Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. In einigen EU-Ländern, unter anderem in Deutschland, verzögerte sich die Umsetzung. Erst im Mai 2023 passierte das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) den Deutschen Bundestag, garantiert so die Umsetzung in nationales Recht und wirft umso mehr Fragen bei den Unternehmern auf.

Einige Unternehmen oder Behörden haben sich frühzeitig um die Umsetzung gekümmert. Andere Unternehmer sind der Meinung, dass das Gesetz alles aufbauscht und irrelevant sei. Doch tatsächlich ist es so, dass Whistleblowern eine einheitliche Vorgehensweise in der gesamten EU garantiert werden soll. Eingehende Meldungen müssen transparent und verantwortungsvoll abgewickelt werden.

Mitarbeiter oder Leiharbeiter werden als Hinweisgeber geschützt, insbesondere vor Repressalien wie Kündigung, Schadensersatzforderungen oder Disziplinarmaßnahmen. Jeder Meldende soll einen sicheren, anonymen Kanal für seine Meldung haben und so zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und der Bekämpfung von Korruption beitragen.

Dabei ist bei dem Gesetz nicht nur das typische Whistleblowing z. B. von Militärgeheimnissen gemeint, sondern umfasst (im § 2) viele weitere Anwendungsbereiche. Diese können sein:

  • Betrug und Untreue
  • Bilanzbetrug und Buchungsverstöße
  • Datenschutz und Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation,
  • Diebstahl und Unterschlagung,
  • Diskriminierung und Belästigung
  • Förderung der Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen und der Energieeffizienz
  • Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, Korruption und Bestechung
  • Mobbing
  • Schutz personenbezogener Daten
  • Schutzrechte der Arbeitnehmer hier zuvorderst Meldungen zum Mindestlohngesetz
  • Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz, Schwarzarbeit
  • Sicherheit in der Informationstechnik
  • Sonstiges und Beratung, Steuern, Umweltschutz
  • Verstoß gegen die Menschenrechte
  • Verstöße bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, Wettbewerbs- und Kartellverstöße

Staffelung der Unternehmensgröße

Die Einrichtung der internen Meldestelle ist an die Mitarbeiterzahl des Unternehmens gekoppelt. Für weniger als 50 Mitarbeitenden gibt es keine Anforderung, allerdings existiert dann kein anonymer Schutz z. B. für die Meldung eines Mobbingvorfalls.

Für kleine Firmen ab 50 Mitarbeitenden existiert bis zum 17.12.2023 eine Schonfrist, um eine interne Meldestelle einzurichten.

Übersteigt die Anzahl der Personen Grenze von 250, ist schon seit dem 02.07.2023 eine interne Meldestelle zwingend erforderlich.

Eine Sonderregelung existiert für kritische Unternehmen: Börsenträger, Datenbereitstellungsdienste, Versicherer, Wertpapierdienstleistungsunternehmen, Behörden und ähnliche Unternehmen; sie müssen sofort eine interne Meldestelle einrichten.

Werden die jeweiligen Pflichten ignoriert, droht ein Bußgeld von bis zu 20.000 €.

Die Alternative ist das Angebot einer direkten Meldemöglichkeit bei einer externen Meldestelle (z. B. Bundesamt für Justiz, das Bundeskartellamt).

Wie laufen Meldungen ab?

Die gesetzlichen Abläufe für eine Meldung sind in § 13 (1) HinSchG geregelt.

Bei der internen Meldestelle sollen unterschiedliche Meldekanäle zur Verfügung stehen. Der Meldende wählt seinen bevorzugten Meldekanal selbst aus. Alle Kanäle werden bei der Ombudsperson gebündelt und sind dem Unternehmens gegenüber anonym. Die Ombudsperson quittiert innerhalb von 7 Tagen den Eingang der Meldung. Anschließend erfolgt eine Plausibilitätsprüfung, sofern erforderlich werden Rückfragen geklärt.

Ein anonymisierter Bericht wird an das Unternehmen oder die Behörde weitergeleitet. Das Unternehmen wird der Meldung nachgehen und fällt anschließend eine Entscheidung, inwieweit Untersuchungen stattfinden oder andere Reaktionen auf die Meldung notwendig sind. Nach max. 3 Monaten übermittelt die Ombudsperson das Resultat im Abschlussbericht an den Meldenden.

Bei der Auswahl der Ombudsperson für ihre interne Meldestelle ist die Unabhängigkeit und die Fachkunde eine Voraussetzung. Zudem darf kein Interessenskonflikt vorliegen.

Fazit

Durch die unterschiedlichen Anwendungsbereiche und die anonyme Meldemöglichkeit brauchen Mitarbeiter keine Angst mehr zu haben, wenn sie auf Missstände hinweisen. Auch eine mögliche Abwiegelung oder Negierung durch Machthabende, wird durch das Hinweisgeberschutzgesetz verhindert. Dazu möchte ich eine Sache nicht unerwähnt lassen: Unternehmen bekommen durch eingehende Meldungen die Chance, frühzeitig auf Probleme zu stoßen und für Abhilfe zu sorgen.

Weitere Fragen kannst Du im Kommentarfeld öffentlich hinterlassen oder eine E-Mail an mich schreiben.

Ich freue mich darauf!


Dipl.-Ing. Karen Falkenberg
  • Seit 2003 selbstständig
  • Seit 2010 externe Datenschutzbeauftragte
  • Seit 2018 mit der erweiterten Fachkunde (inkl. DS-GVO) für über 22 Firmen als externe Datenschutzbeauftragte tätig
  • Jährliche Fortbildungen über die Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit e.V. (GDD), monatliches Gruppencoaching und jährliche Teilnahme an der Datenschutzkonferenz (dfv)
  • Fachkunde-Schulung Hinweisgeberschutzgesetz abgelegt

Kontaktdaten:

Dipl.-Ing. Karen Falkenberg
Datenschutzfalke

Erlentiefenstraße 54 | 59192 Bergkamen

T: +49 2307 80102 | E: kf@datenschutzfalke.de | Website

Glück kennt kein Gewicht

Glück kennt kein Gewicht

Mehrgewichtige und ihr neues Selbstvertrauen

Ja, ich gestehe, auch ich gehöre zu den 46% der Frauen in Deutschland, deren Körper wissenschaftlich als überwichtig und adipös bezeichnet wird. Ich habe Übergewicht, bin mehrgewichtig oder böse ausgedrückt fettleibig.

Mir wurde das Übergewicht nicht in die Wiege gelegt, mir wurde es angefüttert – von Eltern, die zur Kriegsgeneration gehörten und Hunger erfahren mussten. Ihrem Kind, mir, sollte es besser gehen. So wurde ich ab dem Säuglingsalter mit ausreichend und hochwertiger Nahrung versorgt, „damit es ein Prachtkind wird“ wie die Werbung damals lautstark verkündete.

Fettie, Dickerchen, Moppel, Fettarsch und schlimmere Schimpfworte haben mich in meiner Jugend verfolgt. Diese Bezeichnungen haben mich getroffen, haben weh getan. Sie haben dazu geführt, dass ich den Teufelskreis nicht unterbrechen konnte und mir weiter einen Fettpanzer angefressen habe, der mein Inneres vor den bösen Kommentaren schützen sollte. Nach außen war ich selbstbewusst – wie es innen aussah ging niemanden etwas an.

Meine Geschichte – Mobbing und Fatshaming

An meinem ersten Arbeitstag wog ich 80 kg und trug Größe 46 – das werde ich nie vergessen. Mein erster Chef sagte zu mir: „Frau Hüttemann, sie sind phlegmatisch, das sieht man an ihrem Körper“.

Heute könnte man gegen diese pure Diskriminierung und die Menschen vorgehen. Vor 36 Jahren habe ich es hingenommen und meine Wut und Scham mit Süßigkeiten betäubt. Nach 15 Jahren in diesem Unternehmen wog ich 148 kg und trug Kleidergröße 58. Es hat Jahre gedauert und viel Verständnis meines privaten Umfeldes gebraucht, bis ich gelernt habe, mich so zu akzeptieren, wie ich nun mal gefüttert wurde – übergewichtig, mehrgewichtig, adipös.

Der Spruch meines besten Freundes „Wer Dich dick nicht mag, hat Dich dünn nicht verdient“ hat mir geholfen, mit mir ins Reine zu kommen. Inzwischen liebe ich mich so, wie ich bin. Keine Diäten mehr – die bringen per Jojo-Effekt nur noch mehr Kilos auf die Hüften und als Zahl auf die Waage. Ich habe gelernt, mit meinen Hungerattacken umzugehen, mich ausgewogen zu ernähren und mit meinem geliebten Zweirad „Hexenbesen“ durch die Landschaft zu düsen. Bewegung mit dem Fahrrad (ja, es ist ein E-Bike) fordert mich genug, um nicht zuzunehmen und die Bewegung hilft mir, beweglich zu bleiben. Meine langjährige Ärztin ist mit meinen „inneren“ Werten zufrieden, die sind nämlich absolut im grünen Bereich. Solange das so bleibt, lebe ich glücklich mit inzwischen „nur noch“ 125 kg und liebe mein Leben.

Plädoyer für die Vielfalt der Körper

Die ZDF-Dokumentation 37° „Glück kennt kein Gewicht“ beschäftigt sich mit genau diesen Themen. Sie stellt Nicole und Sebastian vor, die mehrgewichtig sind und Frieden mit ihren Körpern schießen wollen. Der Film ist ein Plädoyer gegen Bodyshaming, Ausgrenzung und Diskriminierung von mehrgewichtigen Menschen und für die bereichernde Vielfalt der Körperformen.

Nicole wird auf ihren Körper reduziert und im Beruf nicht als Frau, sondern nur als übergewichtige Person wahrgenommen. Sie fühlt sich ausgelacht, beleidigt und ungehört.

Erst mit Hilfe einer Coachin lernt sie, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. Am Ende bringt sie den Mut auf, sich und ihren nackten Körper in der Kunstschule als Aktmodell zu präsentieren.

Sebastian war mit seiner Körpergröße von 2,10 m immer schon übergewichtig. Essen und Gewicht waren in seiner Familie, die einen Bauernhof bewirtschaftet, nie ein Thema. Als die Personenwaage sein Gewicht nicht mehr anzeigen kann und die Viehwaage 275 kg anzeigt, zieht er die Reißleine. Mit Hilfe eines Ernährungsberaters stellt er sein Essen um und beginnt, sich sportlich zu betätigen. Er stellt sich dem „Zuviel“ an Haut, das sich mit der Gewichtsreduzierung einstellt, stellt sich damit künstlerisch als Bild auf Leinwand mit Pinsel und Farbe dar. Er geht offen mit seinem Körpergewicht um und war nie ein Opfer von Anfeindungen und Spott.

Die Dokumentation „Glück kennt kein Gewicht“ zeigt auf, dass Frauen viel häufiger als Männer wegen ihres Gewichts gemobbt werden. Sie macht auch deutlich, wie wichtig es ist, mehr echte und authentische Fotos zu zeigen und in den Medien darzustellen.

Denn jeder Körper ist einzigartig und schön wie er ist.

Mich hat diese Dokumentation angeregt, meine Geschichte zu erzählen. Sie passt perfekt zu den Inhalten, die das ZDF zeigt. Ich will damit allen Menschen Mut machen, sich so anzunehmen, wie sie sind:

Denn wer Dich dick nicht mag, hat Dich dünn nicht verdient.

Danke fürs Lesen!

Iris Hüttemann

Die ZDF-Doku „Glück kennt kein Gewicht“ ist noch bis 01.08.2028 als Video in der ZDF-Mediathek verfügbar und ist eine unbedingte Seh-Empfehlung, auch wenn Du nicht zu den Mehrgewichtigen gehörst.