Viele Frauen begleiten andere Menschen lange, bevor sie diesem Tun einen Namen geben. Sie kümmern sich um ältere Angehörige, unterstützen Nachbarinnen und Nachbarn, hören zu, erinnern an Termine und schaffen Struktur im Alltag. Dieses Engagement entspringt oft einer hohen Empathie und einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein. Gleichzeitig wirken gesellschaftliche Rollenbilder nach, die Fürsorglichkeit beinahe als selbstverständlich voraussetzen.
Aufgaben werden übernommen, weil man es kann, weil man gebraucht wird oder weil es sonst niemand tut. Hinzu kommen bestehende Verpflichtungen in Familie und Kindererziehung sowie weitere soziale Aufgaben, die häufig unbezahlt bleiben und dennoch viel Kraft binden. Der Spagat entsteht genau hier: zwischen familiären Verpflichtungen, zusätzlichen sozialen Verantwortlichkeiten und dem Wunsch, auch außerhalb dieser Rollen wirksam zu sein – während die eigenen Bedürfnisse dabei sehr häufig in den Hintergrund geraten.
Gerade in sozialen Umfeldern wird deutlich, wie viel Wirkung im Alltag liegt. Es geht nicht allein um Unterstützung, sondern um Beziehung. Um Würde, Selbstständigkeit und Teilhabe. Alltagsbegleitung ist hier kein Beiwerk, sondern ein stilles Fundament für Gesundheit.
Das innere Schutzschild: Resilienz
Resilienz beschreibt die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, ohne daran zu zerbrechen. Sie bedeutet nicht, immer stark zu sein oder alles auszuhalten, sondern innere Stabilität zu entwickeln, die schützt und trägt. Resiliente Menschen erkennen ihre Grenzen, nehmen Warnsignale ernst und erlauben sich Pausen ebenso wie Unterstützung. Gerade in sorgenden Rollen wirkt Resilienz wie ein inneres Schutzschild: Sie hilft, Nähe zuzulassen, ohne sich zu verlieren, und Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu überfordern. Gleichzeitig stärkt sie die mentale Gesundheit, fördert Selbstwirksamkeit und ermöglicht es, Fürsorge als sinnstiftende Erfahrung zu erleben.
Resilienz beginnt dort, wo Menschen ihre Rolle und ihre Verantwortung verstehen. Wer begleitet, braucht mehr als ein gutes Herz. Entscheidend ist Klarheit darüber, was zur Aufgabe der Begleitung dazugehört – und was nicht. Viele engagieren sich ehrenamtlich und merken irgendwann, dass Unsicherheit mitschwingt. Darf ich das überhaupt? Reagiere ich richtig? Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um, ohne mich selbst zu verlieren? Wann hole ich Hilfe dazu?
Diese Unsicherheit ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Gute Absicht allein schützt nicht vor Überforderung. Wissen über Resilienz hingegen schon. Wer versteht, wie Kommunikation wirkt, wo Grenzen wichtig sind, wie Gesundheitsprävention im Alltag aussieht und wie Selbstfürsorge praktisch gelebt werden kann, gewinnt Sicherheit. Und diese Sicherheit verändert alles. Ehrenamt und Erwerbstätigkeit fühlen sich leichter an, klarer, stabiler. Man weiß, was man tut – und warum.
Manche spüren in diesem Prozess, dass Alltagsbegleitung mehr ist als ein freiwilliger Einsatz. Dass hier etwas anklingt, das Sinn gibt. Eine Aufgabe, die gebraucht wird und die zum eigenen Leben passt. Sie braucht Menschen, die Zeit haben, zuhören können und den Alltag gemeinsam gestalten. Sie eröffnet genau diesen Raum zwischen Engagement und Erwerbstätigkeit. Nicht als Zwang, sondern als Möglichkeit.
Sorge tragen – ohne sich zu verlieren
Für viele Frauen ist das ein neuer Blick auf die eigene Zukunft. Ein Quereinstieg. Ein bewusster Schritt in eine Tätigkeit, die nicht nur Arbeit ist, sondern Wirkung hat. Und die gleichzeitig erlaubt, das eigene Leben aktiv zu gestalten.
Besonders tragfähig wird diese Form der Begleitung dort, wo sie nicht isoliert stattfindet. Gesundheit ist kein Einzelprojekt, sondern entsteht im Miteinander. So machen zum Beispiel genossenschaftliche Strukturen diesen Gedanken greifbar. Sie stehen für Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und geteilte Verantwortung. Niemand muss alles allein tragen.
So entsteht ein Umfeld, das nicht nur die begleiteten Menschen stärkt, sondern auch diejenigen, die begleiten. Resilienz und Gesundheit auf beiden Seiten. Nicht als Schlagwort, sondern als gelebte Praxis.
Wie Du Alltagsbegleiter werden kannst
Alltagsbegleitung ist keine Selbstaufgabe. Sie ist eine bewusste Entscheidung für Nähe und Menschlichkeit – mit dem Recht, dabei selbst gesund zu bleiben. Sorge zu tragen, ohne sich zu verlieren, ist möglich, wenn Klarheit, Qualifikation und Gemeinschaft zusammenkommen und Sinn nicht mit Aufopferung verwechselt wird, sondern mit bewusster Verantwortung – für andere und für sich selbst.
Wer begleitet, darf dabei durch gelernte und gelebte Resilienz selbst wachsen – und sie zeigt, wie Gesundheit entsteht, wenn Menschen füreinander da sind, ohne sich selbst zu verlieren.
Auffällig ist: Viele dieser Qualifikationen sind bis zu 100 % öffentlich förderfähig, etwa über Bildungsgutscheine. Dennoch bleiben die Teilnahmezahlen hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück.
Die Meine Gesundheit-Genossenschaft eG zeigt beispielhaft, wie zertifizierte Weiterbildung mehr sein kann als reine Wissensvermittlung. Ihr Ansatz verbindet Gemeinschaft, Gesundheit und Resilienz und macht sichtbar, wie sich ökonomische Effizienz, soziale Wirkung und individuelle Lebensperspektiven sinnvoll zusammenführen lassen.
Vom Tag unserer Geburt an altern wir – jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. In jungen Jahren merken wir davon nur wenig. Erst ab vielleicht 50 Jahren wird uns bewusst, dass sich etwas verändert hat.
Meine Großmutter hat immer wieder gesagt „Altwerden ist Mist“ – sie musste es wissen, denn sie ist stolze 96 Jahre alt geworden. Selbst ich mit Anfang 60 merke schon, dass sich mein Körper verändert. Vieles, was ich noch vor 10 Jahren ganz locker und leicht gemacht habe, fällt mir heute schwerer. Gehen kann ich noch, aber rennen funktioniert nicht mehr so richtig und nur noch wenige Schritte. Plötzlich brauche ich eine Lesebrille, weil ich Altersweitsichtig werde. Mein Kopf ist noch klar, aber mein Körper altert.
Ich versuche, mir ausmalen, wie mein Leben mit 80 Jahre aussehen wird. Ich wache auf, spüre sofort ein leichtes Ziehen in meinen Gelenken, die heute schon knacken. Mein Rücken meldet sich mit einem kleinen Protest, und schon beim Aufstehen denke ich: „Oh, das war früher anders.“
Willkommen im Alter
Willkommen in den 80-igern – ein Alter, in dem der Körper dir beim Aufstehen freundlich, aber bestimmt zuruft: „Langsam, bitte.“ In der ZDF-Dokumentation wagt der Redakteur Eric Mayer den Selbstversuch. Eric schlüpft für einen Tag in einen Altersanzug und erlebt hautnah, wie es sich anfühlt, wenn Kraft, Beweglichkeit und Sinne ihr eigenes Tempo gehen. Er spürt, wie das Gehen schwerer wird, wie das Bücken oder das Aufheben eines Einkaufsbeutels plötzlich eine kleine Expedition ist – jede Bewegung kostet Kraft, jede Kleinigkeit will bedacht sein.
Teile eines Altersanzuges
Zeitgleich zu der körperlichen „Entschleunigung“ verändern sich auch die Sinneseindrücke. Die Welt wirkt anders. Geräusche klingen dumpfer, Farben wirken grell, und auch der Geschmack, vielleicht früher detailliert und klar, verändert sich. Die tägliche Routine wird zwangsläufig bewusst plant, Schritt für Schritt. Der Alltag fühlt sich ruhiger, entschleunigter an, manchmal auch einfach gemütlich. Das heißt nicht, dass man sich alt fühlt wie ein knarzender Dachstuhl. Es fühlt sich eher an, als habe das Leben seinen Takt verändert.
Die Menschen werden immer älter – das belegen die Statistiken der Europäischen Kommission. Für Menschen, die heute geboren werden, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa bei etwa 81,7 Jahren. Gleichzeitig nimmt auch der Anteil sehr alter Menschen zu. Innerhalb von nur 20 Jahren (2004–2024) stieg der Anteil der Menschen über 80 Jahren von 3,8 % auf 6,1 %.
In Deutschland gibt es immer mehr Hochbetagte – etwa 17.900 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt sind (Stand: Ende 2024). Das sind rund 25 % mehr als 2011. Nach Schätzungen könnte die Zahl der über‑80‑Jährigen in Deutschland bis 2070 auf rund 9,1 Millionen steigen – also ein wesentlicher Teil der Bevölkerung. Diese Zahlen zeigen, dass Altwerden längst nicht mehr eine Ausnahme, sondern für viele Menschen Realität ist und das betrifft nicht nur Einzelfälle, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.
Screenshot
Tröstliches
Die Doku zeigt nicht nur Einschränkungen, sondern auch Würde, Gelassenheit und ein anderes Körpergefühl – ein Körper, der Geschichten erzählt. Menschen, die 80 oder älter sind, tragen Jahrzehnte mit sich, Erfahrungen, Erinnerungen und eine Tiefe, die der Jugend fehlt. Ihr Blick auf die Welt, auf die Mitmenschen, auf das eigene Leben – das hat etwas Weises, etwas Herzliches, etwas Ruhiges. In einem Alter, in dem man gelernt hat, dass nicht jeder Schritt rasant sein muss.
Altern heißt also nicht nur Abschied nehmen – von jugendlicher Agilität, von Muskelkraft, von Unbekümmertheit. Altern heißt auch: Ankommen in einem Körper, der seine Spuren trägt. Der vielleicht langsamer wird, aber ehrlicher. Der vielleicht knurrt, wenn man ihn überfordert, aber auch sanft seufzt, wenn man ihm Ruhe gönnt. Und der ein wunderbarer Begleiter für einen ruhigen, reifen Lebensabschnitt sein kann.
Klar – mit 80 zwinkert einem der Körper schon mal schelmisch zu: „Langsam, Liebling.“ Aber mit einem Lächeln. Und vielleicht mit der Überzeugung: „Ich hab’s mir verdient.“ Denn ein Leben voller Farben, Geräusche, Menschen, Erinnerungen – das spürt man. In jeder Falte. Und in jedem Atemzug.
Also ja: Manchmal fühlt sich der Körper mit 80 anders an. Meine Großmutter hatte nur teilweise Recht. Altern ist Mist, kann aber auch ziemlich spannend sein – achtsam, tief, weise.
Und das ist tatsächlich bereichernd!
In diesem Sinne – genieß‘ das Altwerden
Deine Iris Hüttemann (Redakteurin)
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Weitere Informationen und Dokumentationen zum Thema Altern
Ich bin Anfang sechzig und seit vielen Jahren geschieden – von meiner großen Liebe. Aber war sie es wirklich, die große Liebe? Sind wir nicht alle mal, mehr oder weniger verliebt? Wie wird aus dem Verliebtsein Liebe und wie wird diese Liebe groß?
Alles beginnt und die Welt steht still
Ich weiß noch genau, wie es war, als ich zum ersten Mal dachte: Das ist sie – die große Liebe. Dieses Gefühl, wenn das Herz bis zum Hals klopft, die Welt stillsteht. Er war groß, sportlich, gutaussehend … und 10 Jahre jünger als ich. Da waren sie, meine Schmetterlinge. Und sofort auch mein zweiter Gedanke: viel zu jung und unerfahren, das wird nie was mit uns.
Wir Frauen neigen dazu, solche Momente zu analysieren – Männer erleben sie einfach anders. Für viele von ihnen ist die große Liebe weniger ein Feuerwerk, sondern das beruhigende Gefühl, angekommen zu sein. So war es auch bei mir: In meinem Bauch feierten Schmetterlinge eine Party und mein Mann war froh, nicht mehr nach einer Partnerin suchen zu müssen.
Meine Geschichte ist nur eine von vielen, genauer gesagt von vielen ähnlichen. Das ZDF ist der Frage „Was macht die große Liebe aus?“ nachgegangen. Die Dokumentation zeigt: Die große Liebe ist kein Ziel, an dem man ankommt, sondern eine Reise. Sie entsteht, wächst, verändert sich – und fordert. Denn sie lebt von Nähe, Vertrauen und dem Mut, sich immer wieder aufeinander einzulassen.
Romantik trifft Realität – Zahlen, die berühren
Trotz aller Dating-Apps, trotz Schnelllebigkeit glauben wir an die Liebe. Laut einer ZDF-Umfrage sagen 79 Prozent der Menschen in Deutschland, dass Liebe der wichtigste Grund für eine Partnerschaft ist. Das ist doch schön, oder? Gleichzeitig empfinden 67 Prozent, dass die Beziehungen anders sind als früher – offener, aber auch komplexer.
Liebe ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie braucht Zeit, Kommunikation und die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Sie macht Arbeit, verlangt Kompromisse. Für mich ist die große Liebe kein Dauerrausch gewesen, sondern dieses leise, verlässliche Gefühl, wahrgenommen zu werden – mit all meinen Stärken und Schwächen. Mein Mann beschrieb es nüchterner, aber nicht weniger tief: „Weil ich Dir vertraue, auch wenn ich still bin“, sagte er mir einmal. Vielleicht ist das der Kern: Wir fühlen unterschiedlich, aber wir meinen dasselbe.
Der Alltag – das Herzstück der großen Liebe
In der ZDF-Doku erzählen Paare, dass sich die wahre Liebe nicht in großen Gesten zeigt, sondern in den kleinen Momenten. In einem Kaffee am Morgen, im Blick über den Küchentisch, im Zuhören oder im Schweigen. Große Liebe ist oft erstaunlich unspektakulär – und gerade deshalb so stark.
Zahlen belegen das Bedürfnis nach Verlässlichkeit: 78 Prozent der Befragten glauben, dass die monogame Beziehung auch in Zukunft die wichtigste Form des Zusammenseins bleibt. Wir suchen Abenteuer, ja – aber wir sehnen uns nach einem Zuhause. Nach jemandem, der da ist, wenn der Alltag schwierig wird.
Männer sind da pragmatischer. Mein Mann sagte einmal: „Für mich ist große Liebe, wenn ich weiß, dass Du da bist – auch wenn wir beide gerade schweigen.“ Vielleicht steckt darin die (ganze) Wahrheit.
Zwischen Sehnsucht und Selbstbestimmung
Wir leben in einer Zeit, in der Liebe viele Gesichter hat. Offen, polyamor, monogam, lesbisch, schwul, digital – alles scheint möglich. Und doch sagen 66 Prozent der Befragten, dass die gesellschaftlichen Rollenbilder (aus der Zeit unserer Eltern) immer noch Druck erzeugen. Besonders junge Menschen spüren das: Sie sollen unabhängig sein und gleichzeitig tief lieben, frei bleiben und dennoch Nähe leben.
Ich kenne dieses Spannungsfeld nur zu gut. Man will stark sein und trotzdem weich, eigenständig und doch verbunden. Es ist nicht immer einfach, in dieser Mischung authentisch zu bleiben. Aber vielleicht macht genau das die Liebe heute aus, sie darf Freiheit und Verbindlichkeit zugleich sein.
Wenn die große Liebe sich verändert
Nicht jede große Liebe bleibt, wie sie begann. Manche trennen sich nach ein paar Jahren – in meinem Fall waren es vierzehn. Andere Paare trennen sich, manche finden sich wieder. In der ZDF-Sendung erzählte ein Ehepaar, das seit 30 Jahren zusammen ist: „Wir haben uns dreimal getrennt – und jedes Mal wieder füreinander entschieden.“ Das ist vielleicht das schönste Bekenntnis zur Liebe: Sie ist wandelbar, aber nicht flüchtig.
Manchmal sehne ich mich nach dem Anfang – nach diesem elektrischen Knistern, nach dem Gefühl, dass alles neu ist. Doch dann denke ich: Liebe muss nicht immer brennen. Manchmal reicht es, wenn sie wärmt. Und vielleicht ist das eine erwachsene Form der großen Liebe – die, die ruhig, beständig und frei von Drama ist.
Was bleibt, wenn die Schmetterlinge fliegen
Mein bester Freund sagte mir einmal: „Liebe ist wie ein Muskel. Wenn man sie nicht benutzt, verkümmert sie.“ Große Liebe ist kein Zufall, sie ist eine Entscheidung – immer wieder. Sie zeigt sich im Dranbleiben, im Vertrauen, im gemeinsamen Wachsen.
Wir sollten aufhören, die große Liebe mit Perfektion zu verwechseln, wir sind einfache Menschen, keine ausgereiften Maschinen. Liebe ist kein Film, kein endloser romantischer Film. Sie ist echt, manchmal unbequem. Sie kann laut sein oder leise, jung oder alt, zärtlich oder wild, aber ehrlich. Die große Liebe ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann immer hat. Sie ist eine Reise. Ein Abenteuer mit Anker.
Am Ende ist die große Liebe das, was bleibt, wenn die Schmetterlinge längst weitergeflogen sind – und man trotzdem lächelt, wenn man den anderen ansieht.
Er sagt es so: „Große Liebe ist, wenn sie nicht weggeht, obwohl sie könnte.“ Ich finde, schöner kann man es nicht sagen.
Für Dich, liebe Leserin: Erlaube Dir Junge-Mädchen-Romantik und Alltagstauglichkeit. Erlaube Dir Nähe und Eigenständigkeit. Es ist nicht die große Liebe, von der wir geliebt werden – wir lieben uns, wenn wir füreinander da sind.
Wenn Du diesen einen Menschen gefunden hast, bei dem Dein Herz ruhig wird – halte ihn fest, aber nicht mit Druck. Lass ihm Raum, die Luft zum Atmen, bleib selbst frei. Und wenn Du noch auf der Suche bist: Bleib offen, sei authentisch. Die große Liebe findet sich, wenn wir am wenigsten mit ihr rechnen.
Wenn Du einen Partner oder eine Partnerin an Deiner Seite hast, frag ihn oder sie ruhig: „Was bedeutet für dich große Liebe?“ Höre zu. Denn dieses Bild davon mag anders sein als Deins – aber womöglich ergänzen sich eure Bilder, eure Vorstellungen.
Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dich inspiriert, Deine eigene Vorstellung von großer Liebe zu reflektieren. Denn sie ist nicht nur da draußen – sie ist auch hier, in Dir, in uns.
Das Sonnenlicht glitzert über den Nordseewellen und im Wind kreischen die Möwen – Sintje Lorenzen steht in ihrem kleinen Laden auf der Nordseeinsel Föhr zwischen alten Kleidern und neuen Ideen. Wo andere Frauen Ferien machen, hat sie sich ihr Leben aufgebaut. Mitten auf der Insel, verkauft sie Vintage-Mode und nachhaltige Textilien in ihrem Geschäft. Alte Stoffe werden bei ihr zu neuen Lieblingsstücken, gebrauchte Kleider zu kleinen Kunstwerken. Moderne Shopping-Malls sind weit weg und so hat Sintje etwas geschaffen, das genau zu dieser Insel passt: ehrlich, kreativ, regional.
Doch ihre Tage sind nicht so idyllisch, wie sie auf Postkarten aussehen. Sind die Touristen im Winter weg und alles wieder fest in der Hand die Insulaner:innen, wird es ruhiger. Dann sitzt Sintje an ihrer Nähmaschine, tüftelt an neuen Ideen, macht Inventur und plant ihre Zukunft -oder sie geht mit ihrem Kite aufs Wasser. Sie sagt „Man ist in der Natur und fühlt sich frei“ – ein perfekter Ausgleich, der ihr immer wieder neue Inspirationen bringt.
Ihr Leben spielt sich zwischen Laden, Familie und Meerblick ab. Bald bekommt sie ihr Kind, und die große Frage steht im Raum: Wie funktioniert Selbstständigkeit mit Baby auf einer Insel, die manchmal mehr Wind als Internet hat? Ihr Traum: weiter zu wachsen, ohne Kompromisse – für sinnvolle Mode und ein Familienleben, das bleibt.
Josephine von Hedemann-Heespen – Guthofleiterin
In Schleswig-Holstein, gut 130 Kilometer südöstlich von Föhr, wacht Josephine von Hedemann-Heespen auf einem geschichtsträchtigen Gutshof auf, der sich für die Zukunft vorbereitet.
Auf dem Gut Deutsch-Nienhof hat sie sich einer Aufgabe verschrieben, die weit über landwirtschaftliche Tradition hinausgeht. Wo früher Kornsäcke gestapelt wurden, finden heute Veranstaltungen statt; wo alte Mauern standen, entstehen Räume für Neues. Josephine hat die Strukturen ihres Familienbetriebs neu gedacht. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Sie schätzt es, gemeinsam mit ihrem Mann zu arbeiten und einen modernen Betrieb zu betreiben. Ihr Hofcafé ist inzwischen ein gern besuchtes (Ausflugs-)Ziel und die Künstler aus der Region schätzen es sehr, dort ihre Werke ausstellen zu dürfen. Es gibt nicht viele Kulturstätten in der Region.
Josephines Alltag ist ein Spagat zwischen Stall und Strategie, zwischen Traktor und Teamleitung. Sie führt Gespräche mit Handwerkern, plant Events, verhandelt mit Partnern und sieht dabei immer das große Ganze: Wie lässt sich das Landleben modern gestalten, ohne seine Seele zu verlieren? Auf dem Gut sollen Menschen zusammenkommen – Stadt- und Dorfbewohner, Jung und Alt. Sie möchte zeigen, dass das Land kein Ort des Rückzugs ist, sondern reif für neue Ideen.
Dr. Anna-Lea Comba – Tierärztin
Und dann ist da Anna-Lea Comba – Tierärztin im niedersächsischen Ammerland, die sich mit einer Partnerin eine Großtierpraxis aufgebaut hat. Das Frauen Tierärztinnen sind, ist inzwischen an der Tagesordnung, trotzdem wurden sie nicht von allen Bauern mit offenen Armen empfangen. Ihre Aufgaben beginnen im Morgengrauen, wenn die Stalllichter angehen und das erste Kalb nach Futter ruft. Mit ihrer Partnerin betreut sie rund 6.000 Rinder und fährt Tag für Tag zu Landwirten, die auf ihre Erfahrung zählen. Anna-Lea steht mit Gummistiefeln im Matsch, hält ein neugeborenes Kalb im Arm, redet mit Bauern über Gesundheit, Haltung und Zukunft.
Der Job ist körperlich, fordernd, nie planbar und doch ihr Traum. Zwischen Notfällen, Nachtfahrten und Dokumentationen bleibt kaum Zeit zum Durchatmen, aber genau das liebt sie: die Nähe zu den Tieren, das Vertrauen der Menschen, das Gefühl, gebraucht zu werden. Nebenbei stemmt sie mit ihrem Mann gemeinsam die fünfköpfige Familie, den Haushalt und die Organisation – alles mit einer Selbstverständlichkeit, die Respekt verdient. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ein Netzwerk von Tierärztinnen ins Leben zu rufen. Frauen, die zeigen, dass moderne Landwirtschaft und weibliche Stärke zusammenpassen.
Solche Frauen braucht das Land
Die drei Frauen haben mehr gemeinsam als ihren Wohnort auf dem Land. Sie tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, etablieren Neues in einem Umfeld, das oft unterschätzt wird. Wo andere sagen „Da ist ja nichts“, entdecken sie Möglichkeiten. Sie gestalten, reparieren, pflanzen, nähen, planen. Und sie beweisen, dass das „platte Land“ ein Ort ist, an dem man ankommt – und keiner, an dem man hängen bleibt.
„Frauen braucht das Land“ ist keine romantische Floskel, sondern ein realistischer Blick auf eine Bewegung. Denn während in Städten Coworking-Spaces sprießen und Start-ups vorankommen, ist der Wandel auch auf dem Land sichtbar angekommen. Sehr viel leiser und dauerhaft nachhaltig. Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea zeigen, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Manchmal genügen Mut, Ideen und die Entscheidung, einfach anzufangen.
Deutschland braucht solche Frauen, nicht nur auf dem Land. Und vielleicht brauchen wir alle ein Bisschen mehr dieser Entschlossenheit. Denn Zukunft entsteht nicht nur in Metropolen. Sie wächst auch zwischen Wiesen, Weiden und Werkstätten, einfach überall, wo Menschen sie gestalten.
Warum das Land Frauen braucht – und umgekehrt
In unseren Städten spricht man oft vom Mangel an Fachkräften, Ideen, Unternehmerinnen – doch das Land? Dort steckt ein enormes Potenzial. Der Film Frauen braucht das Land macht klar: Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea sind nicht nur Einzelgeschichten – sie sind Wegbereiterinnen. Frei vom Tempo der Großstadt, mit mehr Raum, aber auch mehr Herausforderungen.
Sie zeigen, dass Frau auf dem Land unternehmerisch ist, auch wenn die „Szene“ kleiner anmutet. Ländliche Orte können Rückzug-, und Aktivraum sein, sie sind interessant für kreative Firmen, moderne Landwirtschaft und neue Lebenskonzepte. Frauen bringen Perspektiven ein, die Wandel ermöglichen – nachhaltig, familienfreundlich, innovativ.
Die drei Protagonistinnen leben diesen Wandel. Sie beugen sich nicht den Umständen, sie sind Macherinnen – mutig, entschlossen, flexibel. Und ihr Alltag? Kein Glamour-Szenario, sondern harte Arbeit, Verantwortung, aber auch Erfüllung.
Wenn wir also sagen „Frauen braucht das Land“, ist damit kein Zurück in eine romantische Nostalgie gemeint. Das Land braucht die Energie, Ideen und das Engagement von Frauen, damit es lebendig bleibt, zukunftsfähig ist und sich für Veränderungen öffnet.
Ich freue mich darauf, in weiteren Folgen über Frauen zu erfahren, die das Land neu denken. Heute sind es drei starke Stimmen – und ein klares Signal: Das Land kann Zukunft sein.
Wenn alle Menschen in eine Schublade gesteckt werden, wird die innenwohnende Dramatik selten wahrgenommen, doch emotional docken wir schnell an: „Sind alle jungen Menschen heute nicht in der Lage, zu arbeiten, im realen Laden einzukaufen oder soziale Interaktionen zu betreiben?“ Was bewirken Generalisierungen, wem nutzen sie und was darf zur Kenntnis genommen werden, wenn sie in Gesprächen immer wieder als Stilmittel genutzt werden?
In meiner Wahrnehmung nimmt die Verallgemeinerung in der Kommunikation deutlich zu. Ob in der Berichterstattung, in Gesprächen oder in den Sozialen Medien, häufig geht es um Personengruppen, die mit einer oder mehreren Eigenschaften in Verbindung gebracht werden, die generalisierend wirken. Bei den Worten „jeder“, „immer“, „nie“, „alle“ oder „keiner“ werde ich hellhörig, dann geht es beispielsweise so weiter.
Immer sind es Frauen, die schlecht parken können!
Die jungen Menschen hocken doch alle nur noch vor dem Handy, die schreiben sich eher eine Nachricht als miteinander zu sprechen.
Du hörst mir nie zu!
Ab Ende 50 bekommt doch keiner mehr einen neuen Job, dann ist der Zug schon längst abgefahren.
Sobald das Studium abgeschlossen ist, fordert jeder Bewerber ein völlig überzogenes Jahresgehalt und will nur 30 Stunden in der Woche arbeiten.
Die Liste lässt sich beliebig weiterführen, doch ich möchte auf zwei unterschiedliche Aspekte besonders hinweisen: die Vor- und die Nachteile von Generalisierungen.
Nachteile von Generalisierungen
Die eben genannten Beispiele sind eher negativ und sollen zu einer bestätigenden Reaktion verleiten. Zusätzlich lassen sich diese Formulierungen gut nutzen, um (frech in den Raum gestellte) Behauptungen massiver und faktischer aussehen zu lassen. Ein Beispiel: „Die ganze Schule sagt, dass XY komisch ist – und Du hast das noch nicht gehört?“ Da wird der Gleichaltrige, der nicht in diese Mobbing-Mentalität einsteigen möchte, schon sehr in eine Ecke gedrängt. Gefühlt muss er es beim Dagegenhalten mit der ganzen Schule aufnehmen. Oder er fügt sich in die angebliche Gruppendynamik, um nicht als Außenseiter dazustehen.
Eine Ableitung aus dieser generalisierenden Aussage über alle Schüler könnte plötzlich in Elternforen auftauchen: „Auf der Schule XY wird grundsätzlich viel gemobbt. Da möchte ich mein Kind nicht hinschicken.“ Die Schule bekommt einen schlechten Ruf, die Schüler werden nur ungern als Bewerber angenommen … usw.
Pauschale Urteile verknüpfen Menschen, Gruppen, Institutionen oder Unternehmen mit einer Eigenschaft, durch die sie dann – häufig ausschließlich – definiert werden. Das kann positiv („Die Deutschen sind immer pünktlich.“) oder auch negativ sein („Die Politiker halten sich doch sowieso nicht an ihre Wahlversprechen“). Und schon werden alle über einen Kamm geschoren, völlig egal, ob die allgemeinen Aussagen zutreffen oder nicht.
Wer in Verallgemeinerungen denkt, trifft vielleicht falsche Entscheidungen. Wichtige Details bleiben unberücksichtigt, weil der Blick durch die Generalisierungsbrille getrübt wurde.
Ein Mitarbeiter fühlt sich vermutlich ungerecht behandelt, wenn er als unmotiviert beschrieben und (unbegründet) vom Chef mit allen Abteilungskollegen in einen Topf geworfen wird. Wird seine individuelle Motivation übersehen, kann das kann zu Konflikten und Missstimmungen führen, die aufwendig wieder gelöst werden müssen.
Wird ein Kind ständig damit aufgezogen, dass es tollpatschig ist, wird sich die Aussage in seinem Denken festsetzen: „Ist ja klar, dass mir das passiert, ich bin ja auch ein Tollpatsch!“ Was aus einer Situation entstanden ist, hat sich auf einmal verselbstständigt, beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und kann große Auswirkungen auf gesellschaftliche Interaktionen mit sich bringen.
Wie entkommen wir der Generalisierungsfalle?
Wir können unsere eigene Wortwahl überprüfen und Formulierungen wie „manche“ (statt „alle“), „einige“ (statt „jeder“), „häufig“ (statt „immer“) oder „selten“ (statt „nie“) nutzen. Wir können die Behauptung hinterfragen: „Wer sagt denn genau, dass XY komisch ist?“ und uns an belegbaren Fakten orientieren.
Ein Perspektivwechsel ist ebenfalls hilfreich: Wie sieht sich der Mensch wohl selbst, der dieser Gruppe zugeordnet wurde? Hat er nicht auch andere Eigenschaften? Vielleicht teilen wir auch einige Vorlieben, z. B. unsere Liebe zum Sport? Wie würden wir uns begegnen, wenn wir uns dort das erste Mal treffen würde?
Versucht man, diesen Menschen als Individuum zu sehen, verändert sich die bisherige „Klassifizierung“: Leben seine Eltern noch, hat er Kinder, ein Hobby, in dem er aufgeht, wo verbringt er seinen Urlaub?
Vorteile von Generalisierungen
Ja – Du hast richtig gelesen. Es gibt sie, die positiven Aspekte der Verallgemeinerung.
Sie sparen Zeit, da viele Details nicht erklärt werden müssen. „Alle Schüler gehen nach dem Gong in ihre Klassenzimmer.“ Jeder wird sich die Klassenräume vorstellen können und weiß was gemeint ist. Auch wenn diese unterschiedlich sein könnten (Größe, Wandfarbe, Standort des Lehrerpults …), wäre das in dieser Aussage unwichtig.
Generalisierungen vereinfachen z. B. komplizierte Themen, wie „Stress macht krank“. Dahinter steckt medizinisches Fachwissen, aber durch die Verallgemeinerung bekommt der Laie einen Bezug dazu und kann das leicht verinnerlichen. Ebenso vereinfachen hilfreiche Faustregeln, wie „Starte Deinen Rechner wieder neu, wenn er Probleme macht.“ oder „Wenn Du Fieber hast, gönne Dir Ruhe und trinke viel.“, grundsätzliches Wissen leicht zu verankern.
Wir können über eher positive Generalisierungen aus bereits gemachten Erfahrungen lernen, um sie später auf ähnliche Situationen anwenden zu können.
Wie ist das mit KI?
Auch KI-Systeme (Künstliche Intelligenz) arbeiten mit Generalisierungen. Im Glossar des KI-Echo’s steht es wie folgt: „Die Generalisierung ist eines der wichtigsten Ziele in der KI. Sie bezieht sich auf die Fähigkeit eines KI-Systems, aus Erfahrungen zu lernen. Das System nimmt das Wissen und die Erkenntnisse, die es während des Trainings erworben hat, und wendet sie auf neue, unbekannte Probleme oder Situationen an. Die Fähigkeit zur Generalisierung ist das, was ein KI-Modell nützlich macht und verhindert, dass Systeme nur auf bestimmte Aufgaben beschränkt sind.“
Ich habe dazu ein schönes Beispiel. Wenn ich mit dem Navi in einen Stadtteil von Dortmund fahren möchte, sagt mir die Stimme an bestimmten Stellen, dass ich die „Abfahrt Donnerstag-Mengede“ nehmen soll. Anstatt die Beschilderung „DO-Mengede“ in den richtigen Kontext zu stellen, haben die antrainierten Generalisierungsmechanismen festgestellt, dass „DO- “ höchstwahrscheinlich „Donnerstag“ heißt, was mir dann ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Dennoch – beim Navigieren kann das sicher vernachlässigt werden, wenn man sich in der Region, in der man gerade unterwegs ist, auskennt. Aber was bedeutet das bei anderen Interaktionen mit der KI, wo die Verallgemeinerungen nicht so offensichtlich erkennbar sind?
Vielleicht haben wir das gut gelernt und im Hinterkopf …
Fazit
Wenn mir auffällt, dass alle über einen Kamm geschoren werden, versuche ich, meine Mitmenschen darauf hinzuweisen. Das hat in der Vergangenheit auch zu Gesprächsabbrüchen geführt: „Du weißt doch, wie ich das meine!“ – Und ganz ehrlich – vielleicht weiß ich das, vielleicht aber auch nicht. Dennoch möchte ich mich diesen globalen Aussagen ungern anschließen und lasse es selten auf sich beruhen. Doch jeder Einwand – egal ob das Gespräch weitergeht oder nicht – hilft mir, daran zu denken und meine Wortwahl ständig auf den Prüfstand zu stellen. Das geht bestimmt immer noch etwas besser 😊.
Auch wenn ich, Redakteurin der Frauengesundheit, es in meinem Umfeld schon erlebt habe, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es ist, im falschen Körper gefangen zu sein. Ebenso wenig wie es sein muss, einen Teil der eigenen Identität abzustreifen, um sich zu finden: den alten Namen, die Bilder aus der Vergangenheit und das ganze bisherige Leben alles endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig muss das unglaublich befreiend sein, endlich die sein zu können, die immer schon da sein wollte.
Das ist ein Grund, warum Dir heute die ZDF- Dokumentation „Friederike klopft an – Simona, die queere Weinmacherin“ nahelege. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich schon früh im falschen Körper gefangen fühlt. Während der Pubertät wird er von Gleichaltrigen gemobbt und abgelehnt. Heimlich probiert er die Unterwäsche seiner Mutter an, um zu spüren, wie es als Frau sein könnte.
Simon wächst in einem kleinen Dorf auf. Die queere Welt mit Lesben und Homosexuellen, trans Frauen und Männern ist hier noch fremd. Menschen, die aus dem Rahmen fallen, werden gemieden und haben im Dorf nichts zu suchen. Gemeinsam mit seinem Vater pflegt er die Weinstöcke des elterlichen Weinguts, eine Arbeit, die ihm Spaß macht und bei der er sich wohl fühlt. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters übernimmt Simon sehr jung die Verantwortung für das Weingut und wird Winzer. Nach und nach beginnt sein steiniger Weg zur Frau. Trotz aller Widerstände ist er in der Heimat geblieben – Simon ist heute Simona, eine Weinmacherin.
Simona, Winzerin und Kellermeisterin
Simona, die queere Winzerin und Kellermeisterin
Heute ist Simona ist nicht nur eine Winzerin, die ihr Handwerk versteht. Sie ist eine der wenigen deutschen Kellermeisterinnen, die mit jedem Schluck ihrer Weine eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die von Mut, Leidenschaft und der unerschütterlichen Kraft handelt, den eigenen Weg zu gehen – auch und gerade, wenn dieser anders ist.
Ihr Aufstieg ist alles andere als geradlinig. Lange fühlt sie sich wie ein Fremdkörper in der traditionellen, von Männern dominierten Winzerbranche. Die Erwartungen, die Normen, die starren Regeln – nichts davon passt zu ihrer lebhaften Persönlichkeit und zu ihrem Wesen. Lange verbirgt sie ihre queere Identität, aus Angst, abgelehnt zu werden. Sie kämpft gegen Unsicherheiten und Vorurteile, die ihr sowohl von der dörflichen Gemeinschaft, von der Gesellschaft als auch von der Branche entgegengebracht werden.
Die Befreiung in der Flasche
Doch anstatt sich unterkriegen zu lassen, findet Simona ihre Befreiung in den Weinbergen. Sie erkennt, dass der Wein selbst keine Vorurteile hat. Er unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, zwischen heterosexuell und queer. Er ist einfach nur das, was er ist: ein Produkt von Erde, Klima und menschlicher Handwerkskunst. In dieser Erkenntnis findet Simona ihre wahre Stärke. Sie beginnt, ihre Weine nicht nur als Getränk zu sehen, sondern als Ausdruck ihrer Seele.
Sie experimentiert mit unkonventionellen Rebsorten und neuen Gärungsmethoden. Sie bricht mit alten Traditionen und schafft Weine, die genauso einzigartig und vielschichtig sind wie sie selbst. Ihre Weine sind frisch und kühn, mit überraschenden Aromen und einer Tiefe, die unter die Haut geht. Sie weigern sich, in eine Schublade gesteckt zu werden – genau wie Simona selbst.
Eine Stimme für die Andersartigkeit
Mit der Zeit wächst ihr Selbstvertrauen. Simona beginnt, ihre Identität offen zu leben. Ihre Mutter akzeptiert den Wandel von Sohn zu Tochter, unterstützt ihn aber nie. Nach zehn teils schweren Operationen ist Simona angekommen, wo sie immer hinwollte – die ist eine junge Frau. Nach dem körperlichen Wandel geht sie offen damit um, eine trans* Frau zu sein. Sie wird eine Fürsprecherin, geht in Schulen und erzählt ihr Geschichte, macht anderen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre Botschaft ist einfach: Authentizität ist der Schlüssel. „Nur wenn du wirklich du selbst bist, kannst du etwas Einzigartiges und Echtes erschaffen.“
Simonas Zukunft ist queer und schmeckt nach Wein
Heute ist Simona eine Winzerin, die nicht nur für die Qualität ihrer Weine, sondern auch für ihren Mut und ihre Entschlossenheit gefeiert wird. Sie hat bewiesen, dass man nicht in eine Form passen muss, um erfolgreich zu sein. Im Gegenteil, es ist die eigene Einzigartigkeit, die einen zum Leuchten bringt.
Simonas Geschichte ist eine Inspiration. Sie erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht darin liegt, sich anzupassen, sondern darin, den Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen – ganz gleich, wohin er führt. Sie zeigt uns, dass die Zukunft der Weinwelt nicht nur von traditionellen Werten, sondern auch von einer neuen Generation von Winzerinnen und Winzern geformt wird, die bereit sind, die Regeln neu zu schreiben. Ein Ausblick, der queer ist und nach Freiheit und Abenteuer schmeckt.
Einen Wunsch hat sie noch – sie will nicht immer etwas Besonderes sein, sondern lieber nur eine Randnotiz, einfach eine Weinmacherin. Ehrlich gesagt hat sie mich beeindruckt, ihr so steiniger Weg und ihr Mut, trotz aller Widerstände in der Heimat zu bleiben.
* Die Redaktion der Frauengesundheit betrachtet das Wort trans als Adjektiv, das im Deutschen die Eigenschaften einer Person beschreibt: eine brünette Frau, ein kleiner Mann. Wir folgen dabei der Notation des Bundesverband Trans* e.V.
Das Video ist bis zum 27.03.2027 in den ARD- und ZDF-Mediatheken verfügbar. Auf Youtube sicher auch länger.