Wie lange ist für immer?

Wie lange ist für immer?

„Für immer“ klingt groß. Ein bisschen pathetisch und vielleicht auch wie aus einer anderen Zeit. Und doch ist es genau dieses Wort, das wir uns bei Hochzeiten nach wie vor zuflüstern, versprechen, feiern. Für immer lieben, für immer bleiben, für immer das „wir“.

Doch was heißt das heute, im Jahr 2026, in dem Beziehungen flexibler, Lebensentwürfe vielfältiger und Erwartungen an die Liebe höher sind als je zuvor? Ich habe mich auf Spurensuche begeben und bei mir selbst angefangen. Zwischen romantischer Hoffnung, nüchterner Statistik und persönlichen Geschichten stellt sich mir eine Frage immer wieder: Wie lange ist für immer – und was ist notwendig, damit das Zusammensein für immer hält?

Meine Ehe

Ich war 37 Jahre alt, als ich geheiratet habe und mein Ehemann war 10 Jahre jünger. Wir kannten uns bereits 4 Jahre und hatten schon 2 Jahre eine gemeinsame Wohnung. Natürlich haben wir uns „für immer“ geschworen. Ein für immer, dass ziemlich genau 10 Jahre dauerte. Die Gründe für unser Scheitern waren vielfältig, nicht wirklich fassbar. Irgendwie war die Luft raus, wir haben uns nicht um unsere Ehe gekümmert, haben gedacht, dass sie ganz automatisch gut laufen würde. Wir haben uns über befreundete Paare amüsiert, die wie Kletten aneinanderklebten und alles gemeinsam machten … echt spießig. Darüber haben wir vergessen, uns gegenseitig Unterstützung zu geben, gemeinsam um unsere Ehe zu kämpfen. Wir haben uns in verschiedene Richtungen entwickelt und einfach nichts mehr gemeinsam gemacht, nicht einmal den wöchentlichen Einkauf. Und dann war sie zu Ende. Erst nach der Trennung haben wir versucht, unsere Ehe zu kitten; aber wie eine Schüssel mit einem Sprung, die nie wieder dicht wird, wurde aus uns auch nie wieder ein Paar.

Heute haben wir noch gelegentlich Kontakt. Mein Ex-Mann hat eine neue Partnerin gefunden, ich bin Single und glücklich damit.

Ehe ist nicht mehr gleich Ehe  

Die klassische Vorstellung einer Ehe ist vertraut: Zwei Menschen heiraten, am besten jung, sie ziehen zusammen, bekommen Kinder, bleiben ein Leben lang zusammen. Dieses Modell existiert noch, aber es ist längst nicht mehr das einzige. Moderne Ehen sind so vielfältig wie die Menschen, die sie führen.

Da sind Paare, die bewusst getrennte Wohnungen haben und trotzdem verheiratet sind, weil Nähe für sie nicht über gemeinsame Quadratmeter definiert werden. Andere öffnen ihre Ehe, verhandeln Treue neu und verstehen Monogamie als Option und weniger als Regel. Wieder andere heiraten wie ich eher spät, nach langen Jahren des Single-Daseins oder mehreren gescheiterten Beziehungen, und bringen eine große Portion Lebenserfahrung mit.

Was alle Modelle verbindet, ist die Haltung: Ehe ist heute kein starres Konstrukt mehr, sondern ein Rahmen, der individuell abgestimmt wird. Für manche bedeutet er Sicherheit, für andere Freiheit – idealerweise beides.

Soziologische Studien des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass die Ehe heute weniger als Pflichtstation verstanden wird, sondern als bewusste Entscheidung unter vielen möglichen Formen des Zusammenlebens. Fernbeziehungen mit Trauschein, Ehe mit getrennten Wohnungen, Ehe ohne Trauschein, Polyamorie und andere offene oder teiloffene Modelle – all das ist längst Realität und kein Randphänomen mehr. Auffällig dabei ist, dass die Ehe heute oft mehr leisten soll als früher. Sie soll emotional erfüllen, persönliche Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig Sicherheit geben. Ein Balanceakt, der nicht immer gelingt.

Ein altes Ehepaar radelt durch die grüne Landschaft

Warum manche Ehen Jahrzehnte überstehen

Trotz aller Veränderungen gibt noch die Paare, die seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren verheiratet sind. Fragt man sie nach ihrem Geheimnis, bekommt man selten romantische Hollywood-Antworten. Stattdessen fallen Worte wie Geduld, Humor oder Arbeit. Dabei geht es nicht um die Arbeit zum Geld verdienen, sondern um die Arbeit an einer Ehe, die den Bedürfnissen beider Partner gerecht wird.

Lange Ehen scheinen weniger von permanenter Verliebtheit zu leben als von einer tiefen Freundschaft. Von der Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne den anderen gleich infrage zu stellen. Von der Bereitschaft, sich immer wieder neu kennenzulernen, weil niemand mit 25 derselbe Mensch ist wie mit 55.

Auffällig ist auch, dass viele lang verheiratete Paare die Idee aufgegeben haben, alles voneinander zu erwarten. Sie haben verstanden, dass ein Mensch nicht gleichzeitig beste Freund:in, leidenschaftliche:r Geliebte:r, Therapeut:in und Lebenscoach:in sein kann. Diese Erkenntnis soll erstaunlich verbindend wirken. Fachmedien wie Psychologie Heute greifen diese Erkenntnisse regelmäßig auf und betonen, dass emotionale Freundschaft, gegenseitige Wertschätzung und realistische Erwartungen zentrale Faktoren für langanhaltende Partnerschaften sind. Liebe, so scheint es, ist weniger ein Dauerzustand als eine praktische Übung.

Ein Mann und eine Frau stehen Rücken an Rücken und ziehen ihre Eheringe vom Finger.

Wenn Liebe sich verändert und manchmal endet

So tröstlich diese Geschichten sind, so ehrlich müssen wir auch über das Scheitern sprechen. Denn Ehen enden häufig, und das nicht nur, weil „die Liebe weg“ ist. Oft sind es unerfüllte Erwartungen, mangelnde Kommunikation oder schlicht das Gefühl, sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt zu haben.

Moderne Frauen sind finanziell unabhängiger, selbstbewusster und weniger bereit, dauerhaft unglücklich zu bleiben. Das ist kein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit, sondern von gestiegenen Ansprüchen an das eigene Leben. Gleichzeitig sind Männer heute stärker gefordert, emotionale Arbeit in eine Ehe einzubringen, doch das ist noch nicht überall angekommen.

Manche Ehen scheitern leise und Stück für Stück – durch jahrelanges Aneinander-vorbei-Leben. Andere explodieren an einem Punkt, an dem einer sagt: „So nicht mehr.“ Wieder andere schlafen einfach ein, werden zu einer Wohn- oder Zweck-Nutzengemeinschaft, weil auch die Trennung Arbeit und Aktivität bedeuten würde.

Trennungen sind schmerzhaft, aber sie sind nicht automatisch ein Versagen. Manchmal sind sie auch ein Akt der Selbstachtung.

Realistische Beispiele, die Mut machen

Da ist etwa meine Freundin, Mitte 40, seit 18 Jahren verheiratet. Sie erzählt offen, dass sie und ihr Mann zwei schwere Krisen überstanden haben, inklusive Paartherapie und zeitweiser räumlicher Trennung. Heute sagt sie: „Wir sind nicht zusammengeblieben, weil es leicht war, sondern weil es uns wichtig war.“

Oder eine Bekannte, die sich nach zwölf Ehejahren getrennt hat. Ohne Drama, ohne Rosenkrieg. „Unsere Ehe war nicht falsch“, sagt Julia. „Sie war nur zu Ende.“ Auch das ist eine Wahrheit, die in unserer Gesellschaft langsam Platz bekommt.

Und dann gibt es Paare, die sich bewusst gegen die Ehe entscheiden und trotzdem ein Leben lang zusammenbleiben. Vielleicht ist auch das eine Antwort auf die Frage nach dem Für immer: dass es nicht zwingend einen Trauschein braucht, sondern eine Verbindlichkeit, die täglich neu gewählt wird.

„Für immer“ ist kein Zeitraum, sondern eine Entscheidung

Vielleicht liegt das Missverständnis bereits in der Wortwahl. „Für immer“ klingt nach Endlosigkeit, nach Garantie, nach ohne Ausweg. Doch Beziehungen sind lebendig, und alles Lebendige verändert sich. Wer heute heiratet, verspricht nicht, dass alles gleich bleibt, sondern dass man bereit ist, sich gemeinsam zu verändern.

„Für immer“ kann zehn Jahre dauern oder fünfzig. Es kann fast das ganze Leben umfassen oder einen wichtigen Abschnitt davon. Entscheidend ist nicht die Länge, sondern der ehrliche Umgang miteinander und das Aufeinander eingehen und die Marotten der Partner:in auszuhalten. Und vielleicht ist das die modernste Definition von Ehe überhaupt.

Wie sieht Deine Ehe oder Lebenspartnerschaft aus. Kommentiere gerne und erzähl uns Deine Geschichte.

Deine Iris


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Wer träumt nicht von der Rente? Endlich genug Zeit für lange Frühstücke ohne Termine, für ausgedehnte Urlaubreisen in ferne Länder, inspirierende Freiwilligenprojekte oder einfach Chillen und einem stummen Wecker, der nicht mehr mitten in der Nacht klingelt.

Aber für viele Frauen in Deutschland ist dieser Traum nicht nur eine Frage des „Möchte ich gerne“, er hängt unweigerlich mit dem Wort „Geld“ zusammen. Wir leben zwar im fortschrittlichen 21. Jahrhundert, aber in der Realität schauen Frauen auch nach einem langen Arbeitsleben häufig mit einem mulmigen Gefühl auf den Ruhestand. In Deutschland arbeiten rund 77 % der Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren, dennoch sind viele von der Altersarmut betroffen. Das hängt damit zusammen, dass Frauen häufig nur in Teilzeit arbeiten und nebenbei Kinder oder Eltern versorgen. Sie bekommen geringere Löhne und haben Ausfälle durch die Erziehungszeiten. Bei vielen Frauen führen diese Gründe zu einer Rente unter 1.000 Euro. Besonders betroffen sind Frauen mit biografischen Brüchen, Alleinerziehende oder Minijoberinnen. 

Frauen im Alter über 65 Jahren bekommen deutlich weniger Rente als Männer: Deren durchschnittliche jährliche Renteneinkünfte lagen – nach aktuellen Zahlen – fast ein Drittel niedriger als die der Männer (Quelle: Destatis). Was bedeutet das für den (Renten-)Alltag? Viele Frauen schauen auf einen Rentenbescheid, bei dem am Ende des Monats nicht mehr viel übrigbleibt.

Meine Geschichte

Eine Frau stützt ihren Kopf auf ihre Faust und lächelt in die Kamera. Sie trägt ein oranges T-Shirt.

Ich bin Iris, 63 Jahre, seit 10 Jahren selbständig und arbeite unter anderem als Redakteurin in unserem Team. Vor der Selbständigkeit habe ich über 30 Jahre festangestellt und mit einem überdurchschnittlich guten Gehalt gearbeitet. In den Jahren der Selbständigkeit konnte ich nur noch wenig Geld in die Rentenkasse einzahlen, was sich am Ende natürlich auf die Höhe der zu erwartenden Rente auswirkt. Mit 63 Jahren stehe ich jetzt vor der Frage, wann kann und wann will ich in Rente gehen? Und wie muss ich mein Leben verändern, damit ich mit meiner Rente gut leben kann?

Schnell war mir klar, dass ich meine Ausgaben reduzieren muss, wenn ich mit meiner Rente auskommen will. Meine Lösung, mit der ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen habe: ich bin endlich dorthin gezogen, wo ich schon sehr lange wohnen wollte – nach Friesland. Mit meiner neuen, kleineren Wohnung, ebenerdig und ruhig gelegen, erfülle ich mir den langgehegten Traum vom Landleben und habe meine Ausgaben gleichzeitig um ein Viertel reduziert. So kann ich ab Mai 2026 sogar drei Jahre früher Rente beziehen und trotz der Abschläge von rund 11 % (!) gut leben.

Andere Frauen erzählen ihre Geschichten

Es gibt weitere Beispiele, die wir für Dich in unterschiedlichen Dokumentationen gefunden haben.

Da ist Heidi, 65 Jahre, aus Nordhessen. Sie hat ihr ganzes Leben in unterschiedlichen Berufen gearbeitet – im Einzelhandel, als Hospizhelferin und zeitweise im Büro. Ihre Rente? Rund 600 Euro im Monat. So viel, dass sie trotz harter Arbeit ihr Leben nicht so gestalten kann, wie sie es sich erträumt hatte. Arbeit im Ruhestand? Für Heidi keine romantische Idee, sondern Notwendigkeit: Sie arbeitet noch an sechs Tagen in der Woche in einem Minijob, weil sie sich besser fühlt, wenn sie Geld verdient und weil sie ihren Enkeln etwas bieten möchte, ohne nur zuzusehen.

Und dann ist da die 71-jährige Frau aus Regensburg, die über 45 Jahre Vollzeit gearbeitet hat – als Erzieherin, später in technischen Betrieben. Trotz dieser langen Erwerbsbiografie reicht ihre Rente nicht einmal für einen gelegentlichen Café-Besuch am Nachmittag. Sie erzählt, dass sie lieber zu Hause bleibt, Wasser trinkt und genau nachrechnet, statt wie früher spontan mit Freundinnen auszugehen. Sie beantragt Wohngeld und muss sich Unterstützung von sozialen Einrichtungen holen, um über die Runden zu kommen. Dabei hat sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lassen.

Eine Frau mit langen grauen Haaren zeigt einem kleinen Mädchen, wie eine Hagebutte geschnitten wird.

Doris hat früh vorgesorgt, sich extra privat abgesichert und bezieht jetzt eine stabile Rente. Sie kommt mit wenig aus, hat aber die Sorge, kein Polster für Unvorhergesehenes zu haben. Daher hat sie einen 450-Euro-Job angenommen und spart diesen Betrag. Es sind ihre Rücklagen für die Steuer und unvorhergesehene Ausgaben. Und für sie ist es einfach schöner, mit Menschen in Kontakt zu sein und aktiv zu bleiben. Sie genießt ihren Ruhestand mit einem Sinn für Selbstbestimmung und Lebensfreude.

Bleibt das entspannte Rentenleben ein Traum?

Die Beispiele machen deutlich, wie unterschiedlich das Leben in der Rente verlaufen kann: Frauen, die mit trotzigem Lächeln weitermachen, Frauen, die nicht aufgegeben haben, und Frauen, die trotz harter Arbeit über Jahrzehnte immer noch ums finanzielle Überleben kämpfen müssen. All das hat seine Gründe: mehr Teilzeitbeschäftigung, Pausen im Berufsleben für unbezahlte und familiäre Care-Arbeit, geringere Löhne in typisch weiblichen Branchen, das sind die Tatsachen, dass fast die Hälfte aller Frauen im Rentenalter ein Risiko der Altersarmut trägt.

Aber was bleibt von dem Traum von der Rente, wenn die finanzielle Basis nicht vorhanden ist? Für viele ist es ein Mix aus Anpassung, neuen Routinen und neuem Mut. Einige Frauen entdecken in der Rente mehr Zeit für Freundschaften und Ausflüge, die sie sich früher zeitlich nicht leisten konnten. Sie melden sich zu Volkshochschulkursen an, machen Pilates am Vormittag, gestalten ihren Garten um oder lernen endlich Spanisch. Die Zeit der Rente wird so zu einer Bühne für Selbstverwirklichung – trotz oder gerade wegen der Herausforderungen.

Drei ältere Frauen sitzen gemeinsam beim Frühstück und stoßen mit ihren Kaffeetassen aus einen schönen Tag an.

Und da sind sie, die schönen Momente: Der Kaffee am frühen Morgen mit langjährigen Freundinnen, die Fahrradtour mitten in der Woche, das Konzert im Park oder einfach der Blick auf den See an einem Sommernachmittag. Manche Frauen sehen die Rente nicht als Ende der Leistungsfähigkeit, sondern als Anfang einer neuen Freiheit. Es ist die Freiheit, den eigenen Tag selbstbestimmt zu gestalten, statt einem Zeitplan zu folgen, der von anderen diktiert wird.

Ja, die Zahlen sind hart. Viele Frauen wissen, dass ihre Rente niedriger ausfällt als die ihrer männlichen Altersgenossen, und berichten von Existenzängsten und Sparsamkeitsstrategien, um zurechtzukommen. Aber gleichzeitig haben sie ihre Träume – Bücher, die sie noch schreiben möchten, Reisen, die sie noch antreten wollen, Enkelkinder, die sie aufwachsen sehen möchten und die Kunst, jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen.

So viel ist klar: Der Traum von Rente ist nicht einfach eine Abfolge von Zahlen auf dem Kontoauszug – er ist eine Lebensphase, die man bewusst leben kann, mit all den Höhen und Tiefen. Und wir Frauen, die wir unseren Traum heute leben, zeigen, dass das Leben auch im Alter so bunt und vielfältig ist wie das Leben selbst.

Hast Du noch Gedanken oder Tipps für unsere Leser:innen, dann hinterlasse uns gern einen Kommentar.

Ich wünsche Dir, dass Du Dir von Deiner Rente alle Träume erfüllen kannst!

Deine Iris


Hier noch die Links mit weiteren Informationen

ZDF-Dokumentation:Mein Traum von Rente (verfügbar bis 18.01.2027)

ARD/WDR-Dokumentation: Ein Leben lang gearbeitet – aber wofür? (Youtube)

ZDF 37° Armut trotz Arbeit: Wenn die Rente nicht zum Leben reicht (Youtube)


Unsere Beiträge zum Thema „Altwerden“

Alt werden – ein Prozess auf unserem Lebensweg
Die Vorsorgevollmacht – Entscheidungen für den Fall der Fälle
Die Patientenverfügung, das verbindliche Recht auf Selbstbestimmung
Die Betreuungsverfügung und der Grundsatz der Erforderlichkeit
Digitales Erbe – Was passiert mit Deinen Online-Daten nach dem Tod?
Mein letzter Wille – Warum ein Testament so wichtig ist und was Du beachten solltest

Verschwenden wir Periodenblut?

Verschwenden wir Periodenblut?

Stell dir vor, jeden Monat gehen Millionen Liter einer Ressource verloren, die im besten Fall mehr kann als nur „lästig“ zu sein. Klingt das nach einem ökologischen Skandal oder einem verpassten medizinischen Durchbruch? In der neuen ARTE-Doku „Verschwenden wir Periodenblut?“ wird genau diese Frage gestellt: Wieso schmeißen wir eigentlich etwas weg, das uns so natürlich begleitet, aber vielleicht so viel mehr sein könnte als nur der nervige Teil des Monats? Kann es sein, dass es nicht erforscht oder genutzt wird, weil es „aus“ einer Frau kommt? In der Vergangenheit standen die Männer im Fokus, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Medikamenten oder Untersuchungen zu Heilungsmöglichkeiten ging.

Menstruationsblut, dieser rote Fluss, der immerhin 43 Mio. Frauen in Deutschland monatlich über viele Jahre begleitet, gilt in unserer Gesellschaft meist als lästig, eklig oder schlichtweg als Abfall.

Grundlegendes

Frauen verlieren während ihrer Periode zwischen 30 und 120 ml Blut, jeden Monat; rund 400mal, bevor die Menopause einsetzt. Sie verlieren also 12 bis 48 Liter Blut in ihrem Leben. Monatlich landen weltweit mehr als 100 Millionen Liter des sogenannten Periodenbluts im Müll oder im Abwasser – nur, weil wir es nicht anders kennen und es als „unnütze Flüssigkeit“ betrachten. Dabei ist es längst klar, dass wir hier etwas völlig unterschätzt haben.

Ein kleiner Blick ins Grundlegende sei gestattet: Menstruation, die sogenannte Regelblutung oder schlicht „Periode“, ist ein ganz natürlicher Teil des weiblichen Körpers und seines Zyklus. Der Begriff beschreibt eine periodisch wiederkehrende Blutung aus der Gebärmutter, bei der die vorher aufgebaute Schleimhaut abgestoßen wird – ein Vorgang, der im Durchschnitt vier bis fünf Tage dauert und etwa einmal im Monat stattfindet.

Ein Schild mit der Aufschrift "Ich blute also bin ich?" hängt an einer Wand.
Screenshot aus der Dokumentation – Copyright: ARTE

Period Shaming – warum wir uns immer noch schämen

Menstruation ist biologisch banal, gesellschaftlich aber noch immer aufgeladen. Der Begriff „Period Shaming“ beschreibt genau dieses Phänomen: das Beschämen, Tabuisieren oder Lächerlich machen von Menschen, die menstruieren. Period Shaming führt weltweit dazu, dass Betroffene ihre Periode verstecken, nicht darüber sprechen oder sogar von Bildung und Arbeit ausgeschlossen werden. In manchen Kulturen gelten menstruierende Frauen als „unrein“, dürfen bestimmte Orte nicht betreten oder werden sozial isoliert. Aber auch bei uns zeigt sich das, nur subtiler: blaue Flüssigkeiten in Werbespots, peinliches Schweigen auf der Arbeit oder das reflexartige Verbergen des Tampons auf dem Weg zur Toilette. Diese Scham befeuert das Mindset, dass Menstruation ein Störfaktor ist – und genau das bremst Forschung, Aufklärung und medizinischen Fortschritt.

Rote Blutkörperchen, eng gepackt unter der Mikroskop
Screenshot aus der Dokumentation – Copyright: ARTE

Fortschritte durch intensive Forschung

Besonders spannend ist die Frage nach dem, was dieses Periodenblut sein könnte. Forscherinnen und Forscher schauen genauer hin: Was, wenn sie ein unterschätztes medizinisches Potenzial erkennen? In der Doku erzählen Medizinerinnen, Start-ups und Wissenschaftlerinnen von Projekten, die genau das versuchen.

Da ist zum Beispiel die Ärztin, die eine Menstruationsbinde entwickelt hat, die mehr kann, als nur Blut aufsaugen: Sie misst damit den Blutzuckerspiegel – ein völlig neuer Blick auf einen Alltagsgegenstand. Oder die Idee, dass Periodenblut helfen könnte, Krankheiten wie Gebärmutterhalskrebs oder sogar Endometriose leichter zu erkennen.

Endometriose ist eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen und gleichzeitig eine der am schlechtesten verstandenen. Es handelt es sich dabei um eine Krankheit, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst. Dieses Gewebe reagiert auf den Zyklus, blutet mit – kann aber nicht abfließen. Die Folge sind oft starke Schmerzen, Entzündungen, Verwachsungen und in manchen Fällen Unfruchtbarkeit. Das Bittere daran: Viele Betroffene hören jahrelang, dass ihre Schmerzen „normal“ seien. Die durchschnittliche Zeit bis zur Diagnose liegt bei fünf bis sieben Jahren. Gerade hier könnte Periodenblut künftig eine Schlüsselrolle spielen, weil es Hinweise auf Entzündungen, hormonelle Veränderungen oder krankhafte Prozesse liefern kann, die bisher unsichtbar sind.

Gerade bei für Endometriose-Betroffene liegt eine großartige Verbesserung darin, wenn die Forschenden etwas im Periodenblut finden könnten, das auf solche Erkrankungen hinweist. Dann wäre das nicht nur ein medizinischer Fortschritt – es wäre ein sozialer Fortschritt für alle, die jahrelang leiden mussten und nicht ernst genommen wurden.

Dass die Forschung dieses Potenzial erst jetzt entdeckt – oder besser: ernsthaft erforscht – liegt nicht nur an der Wissenschaft selbst, sondern auch an gesellschaftlichen Hürden. Jahrhunderte lang galt Menstruationsblut als giftig oder gefährlich. Selbst renommierte Mediziner:innen des frühen 20. Jahrhunderts gingen davon aus, dass ein sogenanntes Menotoxin existiert, ein „Gift“, das im Blut menstruierender Frauen stecken könnte. Für diese Theorie gab es keinerlei wissenschaftliche Belege und sie gilt heute als überholter Irrglaube.

Wissenschaftlich betrachtet ist Menstruationsblut weit mehr als nur Blut. Es enthält auch Teile der Gebärmutterschleimhaut, die während des Zyklus aufgebaut und wieder abgestoßen wird, gemischt mit Schleim und weiteren Zellen. Diese Mischung macht es zu einem einzigartigen Biomaterial, das Forscherinnen und Forscher inzwischen mit neuen Augen sehen. Ein bisschen verrückt klingt es ja: Wir haben jahrzehntelang einen Teil unseres Körpers einfach als Abfall betrachtet, während sich darin vielleicht Hinweise auf unsere Gesundheit verbergen, vielleicht sogar Bausteine, die zur Heilung beitragen könnten. In Australien haben Studien gezeigt, dass Periodenblut bei der Wundheilung helfen kann. In Berlin untersucht man darin gefundene Stammzellen für mögliche therapeutische Anwendungen bei Arthrose.

Und dann ist da noch dieser Gedanke, der nach dem Schauen der Doku bleibt: Warum hat sich überhaupt so lange niemand ernsthaft darum gekümmert? Ein Grund ist sicher, dass medizinische Forschung lange Zeit männlich dominiert war. Dieser Umstand hat auch bei anderen Gesundheitsbelangen von Frauen dazu geführt, dass Untersuchungen als nachgelagerte Prioritäten eingestuft wurden. Vieles klingt ein bisschen nach Zukunftsmusik. Aber genau darin liegt der Reiz: Dieses vermeintlich „lästige“ monatliche Ereignis könnte uns helfen, Krankheiten früher zu erkennen, Schmerzen zu lindern und ein Stück weit mehr Verständnis für unseren eigenen Körper zu entwickeln. Und je mehr wir dieses Thema enttabuisieren, desto eher verlässt es die Ecke des „Schamvollen“ und geht dorthin, wo es hingehört: ins Licht der Forschung, ins Gespräch und mitten in unser Leben.

Denn am Ende ist Periodenblut nichts anderes als ein natürlicher Teil unseres Körpers – erstmal eben Menstruation, ein Zyklus, der uns begleitet und formt. Und vielleicht bald auch ein Schatz, der uns besser verstehen lässt, was in unserem Körper passiert. Wir verlieren jeden Monat ein kleines Stück von uns selbst – und gewinnen zukünftig neue, weitreichende Erkenntnisse, die das Leben ein Stück besser machen.

Eine Hand hält eine Menstruationstasse und schüttet den Inhalt in eine Toilette


Weitere Quellen

ARTE –  42 – Die Antwort auf fast alles – Verschwenden wir Periodenblut? (verfügbar bis 22.03.2028)

Wikipedia – Menstruation

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Wie fühlt sich der Körper mit 80 Jahren an?

Wie fühlt sich der Körper mit 80 Jahren an?

Vom Tag unserer Geburt an altern wir – jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. In jungen Jahren merken wir davon nur wenig. Erst ab vielleicht 50 Jahren wird uns bewusst, dass sich etwas verändert hat. 

Meine Großmutter hat immer wieder gesagt „Altwerden ist Mist“ – sie musste es wissen, denn sie ist stolze 96 Jahre alt geworden. Selbst ich mit Anfang 60 merke schon, dass sich mein Körper verändert. Vieles, was ich noch vor 10 Jahren ganz locker und leicht gemacht habe, fällt mir heute schwerer. Gehen kann ich noch, aber rennen funktioniert nicht mehr so richtig und nur noch wenige Schritte. Plötzlich brauche ich eine Lesebrille, weil ich Altersweitsichtig werde. Mein Kopf ist noch klar, aber mein Körper altert.

Ich versuche, mir ausmalen, wie mein Leben mit 80 Jahre aussehen wird. Ich wache auf, spüre sofort ein leichtes Ziehen in meinen Gelenken, die heute schon knacken. Mein Rücken meldet sich mit einem kleinen Protest, und schon beim Aufstehen denke ich: „Oh, das war früher anders.“

Willkommen im Alter

Willkommen in den 80-igern – ein Alter, in dem der Körper dir beim Aufstehen freundlich, aber bestimmt zuruft: „Langsam, bitte.“ In der ZDF-Dokumentation wagt der Redakteur Eric Mayer den Selbstversuch. Eric schlüpft für einen Tag in einen Altersanzug und erlebt hautnah, wie es sich anfühlt, wenn Kraft, Beweglichkeit und Sinne ihr eigenes Tempo gehen. Er spürt, wie das Gehen schwerer wird, wie das Bücken oder das Aufheben eines Einkaufsbeutels plötzlich eine kleine Expedition ist – jede Bewegung kostet Kraft, jede Kleinigkeit will bedacht sein.

Teile eines Altersanzuges

Zeitgleich zu der körperlichen „Entschleunigung“ verändern sich auch die Sinneseindrücke. Die Welt wirkt anders. Geräusche klingen dumpfer, Farben wirken grell, und auch der Geschmack, vielleicht früher detailliert und klar, verändert sich. Die tägliche Routine wird zwangsläufig bewusst plant, Schritt für Schritt. Der Alltag fühlt sich ruhiger, entschleunigter an, manchmal auch einfach gemütlich. Das heißt nicht, dass man sich alt fühlt wie ein knarzender Dachstuhl. Es fühlt sich eher an, als habe das Leben seinen Takt verändert.

Die Menschen werden immer älter – das belegen die Statistiken der Europäischen Kommission. Für Menschen, die heute geboren werden, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa bei etwa 81,7 Jahren. Gleichzeitig nimmt auch der Anteil sehr alter Menschen zu. Innerhalb von nur 20 Jahren (2004–2024) stieg der Anteil der Menschen über 80 Jahren von 3,8 % auf 6,1 %.

In Deutschland gibt es immer mehr Hochbetagte – etwa 17.900 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt sind (Stand: Ende 2024). Das sind rund 25 % mehr als 2011. Nach Schätzungen könnte die Zahl der über‑80‑Jährigen in Deutschland bis 2070 auf rund 9,1 Millionen steigen – also ein wesentlicher Teil der Bevölkerung. Diese Zahlen zeigen, dass Altwerden längst nicht mehr eine Ausnahme, sondern für viele Menschen Realität ist und das betrifft nicht nur Einzelfälle, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

Screenshot

Tröstliches

Die Doku zeigt nicht nur Einschränkungen, sondern auch Würde, Gelassenheit und ein anderes Körpergefühl – ein Körper, der Geschichten erzählt. Menschen, die 80 oder älter sind, tragen Jahrzehnte mit sich, Erfahrungen, Erinnerungen und eine Tiefe, die der Jugend fehlt. Ihr Blick auf die Welt, auf die Mitmenschen, auf das eigene Leben – das hat etwas Weises, etwas Herzliches, etwas Ruhiges. In einem Alter, in dem man gelernt hat, dass nicht jeder Schritt rasant sein muss.

Altern heißt also nicht nur Abschied nehmen – von jugendlicher Agilität, von Muskelkraft, von Unbekümmertheit. Altern heißt auch: Ankommen in einem Körper, der seine Spuren trägt. Der vielleicht langsamer wird, aber ehrlicher. Der vielleicht knurrt, wenn man ihn überfordert, aber auch sanft seufzt, wenn man ihm Ruhe gönnt. Und der ein wunderbarer Begleiter für einen ruhigen, reifen Lebensabschnitt sein kann.

Klar – mit 80 zwinkert einem der Körper schon mal schelmisch zu: „Langsam, Liebling.“ Aber mit einem Lächeln. Und vielleicht mit der Überzeugung: „Ich hab’s mir verdient.“ Denn ein Leben voller Farben, Geräusche, Menschen, Erinnerungen – das spürt man. In jeder Falte. Und in jedem Atemzug.

Also ja: Manchmal fühlt sich der Körper mit 80 anders an. Meine Großmutter hatte nur teilweise Recht. Altern ist Mist, kann aber auch ziemlich spannend sein – achtsam, tief, weise.

Und das ist tatsächlich bereichernd!

In diesem Sinne – genieß‘ das Altwerden

Deine
Iris Hüttemann (Redakteurin)

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Weitere Informationen und Dokumentationen zum Thema Altern

ZDF Terra X plus – Wie fühlt sich der Körper mit 80 Jahren an?

ZDF PUR+ – Eric wird 80

ZDF Uhrwerk des Lebens – Geschichte des Alterns

ZDF :zeit – Forever Young – Wie können wir das Altern stoppen

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Fordern Frauen zu viel von Männern?

Fordern Frauen zu viel von Männern?

Die Menschen leben im 21. Jahrhundert, sind zum Mond geflogen, erobern die Tiefsee, reisen in Flugzeugen um die Welt, arbeiten am Klimawandel. Und sind anscheinend immer noch in den Rollenbildern der letzten Jahrhunderte gefangen!

Die Frage, ob Frauen heute zu viel fordern, lässt sich nicht beantworten, ohne den historischen Hintergrund zu betrachten. Die Anforderungen der Gegenwart stehen in einer Linie mit jenen Zeiten, in denen Frauen die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen nichts geschenkt wurde. Jedes Stück Freiheit mussten sie sich erkämpfen. Diese Perspektive macht die modernen Erwartungen verständlich. Und vielleicht erklärt es auch, warum der Dialog zwischen den Männern und Frauen manchmal hakt: Männer entdecken gerade erst, wie es sich anfühlt, viel von sich selbst zu verlangen, während Frauen gelernt haben, dass das „Nicht Fordern“ zwangsläufig bedeutet, weniger zu bekommen.

Nehmen wir diesen historischen Blick ernst, erscheint die Frage „Fordern Frauen zu viel?“ plötzlich in einem anderen Licht. Vielleicht fordern Frauen nicht zu viel – vielleicht haben sie gelernt, endlich genug zu fordern.

Ein Blick zurück: Wie haben Frauen überhaupt gelernt „zu fordern“?

Forderungen durften Frauen jahrhundertelang nicht stellen! Die Geschichte der Gleichberechtigung ist nicht nur eine Reihe politischer Veränderungen, sondern ein leiser und oft gefährlicher Kampf um die weibliche Selbstbehauptung. Die modernen Forderungen entstehen nicht aus dem Nichts, sie sind das Resultat einer langen Tradition des „fordern Müssens“. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Leben der meisten Frauen durch eine Vielzahl von Pflichten definiert. Sie durften für eine funktionierende Familie sorgen, aber nicht über die Regeln bestimmen. Ihre „Selbstbestimmung“ galt nur innerhalb dessen, was als „weiblich“ angesehen wurde. Schulbildung und Studium wurden ihnen zwar nicht grundsätzlich verboten, aber meist erschwert. Frauen, die dennoch studierten oder berufliche Ambitionen zeigten, wurden als eigensinnig wahrgenommen, als Mensch, der seine „natürliche Aufgabe“ verfehlte. Forderungen nach Mitbestimmung galten als unweiblich und wurden manchmal sogar als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung betrachtet.

Konzentration vor einem Plakat. Eine Gruppe feministischer Frauen protestiert im Freien für ihre Rechte.

Es ist erstaunlich, wie viel Mut Frauen brauchten, um einfach nur die Stimme zu erheben. Frauenrechtlerinnen wurden verspottet, kriminalisiert, oft verhaftet. Die frühen Feministinnen wussten, dass Gleichberechtigung kein Wunschzettel ist, der einreicht wird, sondern ein kraftaufwendiges Ringen um das Recht, überhaupt eine eigene Meinung vertreten zu dürfen. Dass Frauen wählen dürfen, über ihr Geld selbst entscheiden können oder ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten dürfen, steckt historisch betrachtet noch in den Kinderschuhen.

Das Bewusstsein, dass die vermeintlichen Naturgesetze über Rollenbilder überhaupt keine sind, wuchs nur langsam. Je mehr Frauen Zugang zu Bildung, politischer Teilhabe und finanzieller Unabhängigkeit bekamen, desto mehr veränderte sich das Bild von dem, was eine Frau sein kann. Und mit dieser Veränderung keimte auch der Mut, Erwartungen zu artikulieren – die Forderungen nach Respekt, auf Augenhöhe zu agieren und dem Recht, nicht nur für die Familie, sondern auch für sich selbst zu existieren. Was damals noch Hoffnung war, ist heute in vielen Ländern Realität – aber eben nicht konfliktfrei. Frauen der Gegenwart stehen mit Plakaten auf der Straße, nicht weil sie wählen wollen, sondern weil sie partnerschaftliche Verantwortung einfordern. Sie können ein eigenes Konto eröffnen und ringen nun um das Recht, nicht allein die emotionale Last der Familien-Fürsorge zu tragen. Aus der Vergangenheit sind keine ungeduldigen Forderungen entstanden, sondern ein historisch tief verwurzeltes Bewusstsein dafür, mit welcher Notwendigkeit Erwartungen aus- und angesprochen werden müssen, statt zu schweigen.

Zwei Männer und eine Frau sitzen sich gegenüber auf einem Sofa und einem Sessel. Sie diskutieren über die Frage "Fordern Frauen zu viel".

Diskussion „Fordern Frauen zu viel?“

In der ZDF-Diskussion „Auf der Couch“ geht es um die provokante Frage „Fordern Frauen zu viel?“. Gemeint ist die weibliche Erwartungshaltung gegenüber Männern in einer zunehmend gleichberechtigten Gesellschaft. Die Kulturwissenschaftlerin Tara-Louise Wittwer und der Coach Ozan Taş wollen genau diese Spannung ausloten.

Erwartung versus Druck

Tara-Louise Wittwer vertritt eine klare Position: Sie sieht, dass Frauen längst nicht mehr nur erwarten, sondern berechtigterweise auf Gleichberechtigung beharren. Ihrer Ansicht nach müssen Männer sich ihrer bisherigen Privilegien bewusstwerden und dann aktiv zu einer Gleichstellung beitragen. Die Gleichberechtigung ist kein Geschenk, sondern ein Mindset, für das Mann einsteht, auch gegen gesellschaftliche Widerstände.

Auf der anderen Seite steht Ozan Taş, der das Bild eines Mannes zeichnet, der unter dem Gewicht moderner Erwartungen leidet. Für ihn sind viele der Ansprüche, die Frauen an Männer richten, sehr hoch. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern verunsichert tief: Mannsein im Jahr 2025 ist nicht automatisch eine komfortable Rolle, sondern eine Herausforderung, die viele überfordert. Der Moderator Leon Windscheid nutzt in der Gesprächsrunde Interventionen, die aus der systemischen Paartherapie stammen: Er fordert beide Seiten auf, nicht nur ihre Argumente vorzutragen, sondern auch die Perspektive der jeweils anderen Seiten nachzuspüren. Das Ziel ist nicht, einen Gewinner zu küren, sondern Verständnis aufzubauen – ein Dialog auf Augenhöhe.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Sofa. Sie schauen auf den Moderator und diskutieren über die Frage "Fordern Frauen zu viel".
Screenshot

Woher kommt die Spannung?

Die Debatte, ob Frauen zu viel fordern, ist kein neues Phänomen, aber sie bekommt in diesem Gespräch eine neue Tiefe. Auf den ersten Blick scheinbar eine simple These: Frauen verlangen von Männern mehr als früher, vor allem im Hinblick auf Gleichstellung. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es vor allem um gesellschaftliche Rollenbilder, alte Muster und die gleichmäßige Verteilung von Verantwortung geht.

Wittwer weist darauf hin, dass strukturelle Ungleichheiten nach wie vor existieren. Gleichstellung ist nicht nur ein moralischer Anspruch, sondern auch eine politische Realität, die aktiv mitgestaltet werden muss – und zwar auch von Männern. Taş wiederum bringt das psychologische Gegenbild: Er plädiert dafür, dass nicht alle Forderungen als berechtigte Forderung nach Gerechtigkeit gelesen werden dürfen, sondern kritisch hinterfragt werden müssen, weil sie neuen Leistungsdruck erzeugen.

Das Gespräch offenbart eine zentrale Spannung: Der Wunsch nach Gleichberechtigung trifft auf Angst – die Angst mancher Männer, den neuen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und das sowohl im Beruf als auch im Privaten, in Beziehungen, im Alltag.

Der psychologische Hintergrund

Die in der Runde angesprochenen Konflikte lassen sich gut durch den Begriff des Geschlechtsrollenstresses erklären. Dieser Begriff beschreibt den inneren Konflikt, der entsteht, wenn Personen mit den gesellschaftlichen Erwartungen nicht übereinstimmen oder diese nicht erfüllen können.

Für Männer kann das besonders belastend sein. Wenn traditionelle Rollenbilder – stark, rational, emotional kontrolliert – nach wie vor präsent sind, aber gleichzeitig neue Erwartungen – Gleichberechtigung, Mitgefühl, Kooperation – erhoben werden, entsteht ein Spannungsfeld, in dem viele Männer unsicher sind, woran sie sich orientieren sollen. Die „Auf der Couch“-Diskussion macht das spürbar: Taş spricht vom Gefühl, dass nicht nur Leistung erwartet wird, sondern auch emotionale Verfügbarkeit – eine Kombination, die für viele Männer schwer auszubalancieren ist.

Wittwer plädiert dagegen, dass diese Spannung kein Zeichen von Schwäche, sondern von Veränderung ist. Wer sich seinen Privilegien bewusst wird und bereit ist, sich zu verändern, leistet einen aktiven Beitrag zur Gleichstellung. Für sie ist der Druck, den manche Männer verspüren, kein Argument gegen Forderungen, sondern ein Anstoß, die Gesellschaft neu zu denken.

<Hier wäre der Platz für die Annäherung 😊>

Was bedeutet das für uns heute?

Diese Talkrunde ist mehr als nur eine kontroverse Frage: Sie ist ein Spiegel unserer Zeit. In einer Ära, in der Gleichberechtigung nicht mehr als ferner Traum, sondern als realer Anspruch existiert, müssen wir neu verhandeln, was wir voneinander erwarten dürfen – und was für beide Seite fair erscheint.

Frauen fordern nicht mehr nur Teilhabe, sondern eine gleichwertige Partnerschaft. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass Männer nicht allen neuen Erwartungen ohne innere Konflikte gerecht werden können. Der Wandel zu einer gleichberechtigten Gesellschaft braucht nicht nur Forderungen, sondern auch Empathie, Dialog und die Bereitschaft, alte Muster aufzubrechen – auf beiden Seiten.

Diese Diskussion ist aus unserer Sicht eine Empfehlung, wenn Du Dich mit dem Thema auseinandersetzen willst, musst oder kannst.

Herzliche Grüße,

Deine Redakteurin Iris


Quellen:

Beiträge aus unserem Blog zu den Themen Frauenrechte und Gleichberechtigung: