Die Menschen leben im 21. Jahrhundert, sind zum Mond geflogen, erobern die Tiefsee, reisen in Flugzeugen um die Welt, arbeiten am Klimawandel. Und sind anscheinend immer noch in den Rollenbildern der letzten Jahrhunderte gefangen!
Die Frage, ob Frauen heute zu viel fordern, lässt sich nicht beantworten, ohne den historischen Hintergrund zu betrachten. Die Anforderungen der Gegenwart stehen in einer Linie mit jenen Zeiten, in denen Frauen die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen nichts geschenkt wurde. Jedes Stück Freiheit mussten sie sich erkämpfen. Diese Perspektive macht die modernen Erwartungen verständlich. Und vielleicht erklärt es auch, warum der Dialog zwischen den Männern und Frauen manchmal hakt: Männer entdecken gerade erst, wie es sich anfühlt, viel von sich selbst zu verlangen, während Frauen gelernt haben, dass das „Nicht Fordern“ zwangsläufig bedeutet, weniger zu bekommen.
Nehmen wir diesen historischen Blick ernst, erscheint die Frage „Fordern Frauen zu viel?“ plötzlich in einem anderen Licht. Vielleicht fordern Frauen nicht zu viel – vielleicht haben sie gelernt, endlich genug zu fordern.
Ein Blick zurück: Wie haben Frauen überhaupt gelernt „zu fordern“?
Forderungen durften Frauen jahrhundertelang nicht stellen! Die Geschichte der Gleichberechtigung ist nicht nur eine Reihe politischer Veränderungen, sondern ein leiser und oft gefährlicher Kampf um die weibliche Selbstbehauptung. Die modernen Forderungen entstehen nicht aus dem Nichts, sie sind das Resultat einer langen Tradition des „fordern Müssens“. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Leben der meisten Frauen durch eine Vielzahl von Pflichten definiert. Sie durften für eine funktionierende Familie sorgen, aber nicht über die Regeln bestimmen. Ihre „Selbstbestimmung“ galt nur innerhalb dessen, was als „weiblich“ angesehen wurde. Schulbildung und Studium wurden ihnen zwar nicht grundsätzlich verboten, aber meist erschwert. Frauen, die dennoch studierten oder berufliche Ambitionen zeigten, wurden als eigensinnig wahrgenommen, als Mensch, der seine „natürliche Aufgabe“ verfehlte. Forderungen nach Mitbestimmung galten als unweiblich und wurden manchmal sogar als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung betrachtet.
Es ist erstaunlich, wie viel Mut Frauen brauchten, um einfach nur die Stimme zu erheben. Frauenrechtlerinnen wurden verspottet, kriminalisiert, oft verhaftet. Die frühen Feministinnen wussten, dass Gleichberechtigung kein Wunschzettel ist, der einreicht wird, sondern ein kraftaufwendiges Ringen um das Recht, überhaupt eine eigene Meinung vertreten zu dürfen. Dass Frauen wählen dürfen, über ihr Geld selbst entscheiden können oder ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten dürfen, steckt historisch betrachtet noch in den Kinderschuhen.
Das Bewusstsein, dass die vermeintlichen Naturgesetze über Rollenbilder überhaupt keine sind, wuchs nur langsam. Je mehr Frauen Zugang zu Bildung, politischer Teilhabe und finanzieller Unabhängigkeit bekamen, desto mehr veränderte sich das Bild von dem, was eine Frau sein kann. Und mit dieser Veränderung keimte auch der Mut, Erwartungen zu artikulieren – die Forderungen nach Respekt, auf Augenhöhe zu agieren und dem Recht, nicht nur für die Familie, sondern auch für sich selbst zu existieren. Was damals noch Hoffnung war, ist heute in vielen Ländern Realität – aber eben nicht konfliktfrei. Frauen der Gegenwart stehen mit Plakaten auf der Straße, nicht weil sie wählen wollen, sondern weil sie partnerschaftliche Verantwortung einfordern. Sie können ein eigenes Konto eröffnen und ringen nun um das Recht, nicht allein die emotionale Last der Familien-Fürsorge zu tragen. Aus der Vergangenheit sind keine ungeduldigen Forderungen entstanden, sondern ein historisch tief verwurzeltes Bewusstsein dafür, mit welcher Notwendigkeit Erwartungen aus- und angesprochen werden müssen, statt zu schweigen.
Diskussion „Fordern Frauen zu viel?“
In der ZDF-Diskussion „Auf der Couch“ geht es um die provokante Frage „Fordern Frauen zu viel?“. Gemeint ist die weibliche Erwartungshaltung gegenüber Männern in einer zunehmend gleichberechtigten Gesellschaft. Die Kulturwissenschaftlerin Tara-Louise Wittwer und der Coach Ozan Taş wollen genau diese Spannung ausloten.
Erwartung versus Druck
Tara-Louise Wittwer vertritt eine klare Position: Sie sieht, dass Frauen längst nicht mehr nur erwarten, sondern berechtigterweise auf Gleichberechtigung beharren. Ihrer Ansicht nach müssen Männer sich ihrer bisherigen Privilegien bewusstwerden und dann aktiv zu einer Gleichstellung beitragen. Die Gleichberechtigung ist kein Geschenk, sondern ein Mindset, für das Mann einsteht, auch gegen gesellschaftliche Widerstände.
Auf der anderen Seite steht Ozan Taş, der das Bild eines Mannes zeichnet, der unter dem Gewicht moderner Erwartungen leidet. Für ihn sind viele der Ansprüche, die Frauen an Männer richten, sehr hoch. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern verunsichert tief: Mannsein im Jahr 2025 ist nicht automatisch eine komfortable Rolle, sondern eine Herausforderung, die viele überfordert. Der Moderator Leon Windscheid nutzt in der Gesprächsrunde Interventionen, die aus der systemischen Paartherapie stammen: Er fordert beide Seiten auf, nicht nur ihre Argumente vorzutragen, sondern auch die Perspektive der jeweils anderen Seiten nachzuspüren. Das Ziel ist nicht, einen Gewinner zu küren, sondern Verständnis aufzubauen – ein Dialog auf Augenhöhe.
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Woher kommt die Spannung?
Die Debatte, ob Frauen zu viel fordern, ist kein neues Phänomen, aber sie bekommt in diesem Gespräch eine neue Tiefe. Auf den ersten Blick scheinbar eine simple These: Frauen verlangen von Männern mehr als früher, vor allem im Hinblick auf Gleichstellung. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es vor allem um gesellschaftliche Rollenbilder, alte Muster und die gleichmäßige Verteilung von Verantwortung geht.
Wittwer weist darauf hin, dass strukturelle Ungleichheiten nach wie vor existieren. Gleichstellung ist nicht nur ein moralischer Anspruch, sondern auch eine politische Realität, die aktiv mitgestaltet werden muss – und zwar auch von Männern. Taş wiederum bringt das psychologische Gegenbild: Er plädiert dafür, dass nicht alle Forderungen als berechtigte Forderung nach Gerechtigkeit gelesen werden dürfen, sondern kritisch hinterfragt werden müssen, weil sie neuen Leistungsdruck erzeugen.
Das Gespräch offenbart eine zentrale Spannung: Der Wunsch nach Gleichberechtigung trifft auf Angst – die Angst mancher Männer, den neuen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und das sowohl im Beruf als auch im Privaten, in Beziehungen, im Alltag.
Der psychologische Hintergrund
Die in der Runde angesprochenen Konflikte lassen sich gut durch den Begriff des Geschlechtsrollenstresses erklären. Dieser Begriff beschreibt den inneren Konflikt, der entsteht, wenn Personen mit den gesellschaftlichen Erwartungen nicht übereinstimmen oder diese nicht erfüllen können.
Für Männer kann das besonders belastend sein. Wenn traditionelle Rollenbilder – stark, rational, emotional kontrolliert – nach wie vor präsent sind, aber gleichzeitig neue Erwartungen – Gleichberechtigung, Mitgefühl, Kooperation – erhoben werden, entsteht ein Spannungsfeld, in dem viele Männer unsicher sind, woran sie sich orientieren sollen. Die „Auf der Couch“-Diskussion macht das spürbar: Taş spricht vom Gefühl, dass nicht nur Leistung erwartet wird, sondern auch emotionale Verfügbarkeit – eine Kombination, die für viele Männer schwer auszubalancieren ist.
Wittwer plädiert dagegen, dass diese Spannung kein Zeichen von Schwäche, sondern von Veränderung ist. Wer sich seinen Privilegien bewusst wird und bereit ist, sich zu verändern, leistet einen aktiven Beitrag zur Gleichstellung. Für sie ist der Druck, den manche Männer verspüren, kein Argument gegen Forderungen, sondern ein Anstoß, die Gesellschaft neu zu denken.
<Hier wäre der Platz für die Annäherung 😊>
Was bedeutet das für uns heute?
Diese Talkrunde ist mehr als nur eine kontroverse Frage: Sie ist ein Spiegel unserer Zeit. In einer Ära, in der Gleichberechtigung nicht mehr als ferner Traum, sondern als realer Anspruch existiert, müssen wir neu verhandeln, was wir voneinander erwarten dürfen – und was für beide Seite fair erscheint.
Frauen fordern nicht mehr nur Teilhabe, sondern eine gleichwertige Partnerschaft. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass Männer nicht allen neuen Erwartungen ohne innere Konflikte gerecht werden können. Der Wandel zu einer gleichberechtigten Gesellschaft braucht nicht nur Forderungen, sondern auch Empathie, Dialog und die Bereitschaft, alte Muster aufzubrechen – auf beiden Seiten.
Diese Diskussion ist aus unserer Sicht eine Empfehlung, wenn Du Dich mit dem Thema auseinandersetzen willst, musst oder kannst.
Ich bin Anfang sechzig und seit vielen Jahren geschieden – von meiner großen Liebe. Aber war sie es wirklich, die große Liebe? Sind wir nicht alle mal, mehr oder weniger verliebt? Wie wird aus dem Verliebtsein Liebe und wie wird diese Liebe groß?
Alles beginnt und die Welt steht still
Ich weiß noch genau, wie es war, als ich zum ersten Mal dachte: Das ist sie – die große Liebe. Dieses Gefühl, wenn das Herz bis zum Hals klopft, die Welt stillsteht. Er war groß, sportlich, gutaussehend … und 10 Jahre jünger als ich. Da waren sie, meine Schmetterlinge. Und sofort auch mein zweiter Gedanke: viel zu jung und unerfahren, das wird nie was mit uns.
Wir Frauen neigen dazu, solche Momente zu analysieren – Männer erleben sie einfach anders. Für viele von ihnen ist die große Liebe weniger ein Feuerwerk, sondern das beruhigende Gefühl, angekommen zu sein. So war es auch bei mir: In meinem Bauch feierten Schmetterlinge eine Party und mein Mann war froh, nicht mehr nach einer Partnerin suchen zu müssen.
Meine Geschichte ist nur eine von vielen, genauer gesagt von vielen ähnlichen. Das ZDF ist der Frage „Was macht die große Liebe aus?“ nachgegangen. Die Dokumentation zeigt: Die große Liebe ist kein Ziel, an dem man ankommt, sondern eine Reise. Sie entsteht, wächst, verändert sich – und fordert. Denn sie lebt von Nähe, Vertrauen und dem Mut, sich immer wieder aufeinander einzulassen.
Romantik trifft Realität – Zahlen, die berühren
Trotz aller Dating-Apps, trotz Schnelllebigkeit glauben wir an die Liebe. Laut einer ZDF-Umfrage sagen 79 Prozent der Menschen in Deutschland, dass Liebe der wichtigste Grund für eine Partnerschaft ist. Das ist doch schön, oder? Gleichzeitig empfinden 67 Prozent, dass die Beziehungen anders sind als früher – offener, aber auch komplexer.
Liebe ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie braucht Zeit, Kommunikation und die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Sie macht Arbeit, verlangt Kompromisse. Für mich ist die große Liebe kein Dauerrausch gewesen, sondern dieses leise, verlässliche Gefühl, wahrgenommen zu werden – mit all meinen Stärken und Schwächen. Mein Mann beschrieb es nüchterner, aber nicht weniger tief: „Weil ich Dir vertraue, auch wenn ich still bin“, sagte er mir einmal. Vielleicht ist das der Kern: Wir fühlen unterschiedlich, aber wir meinen dasselbe.
Der Alltag – das Herzstück der großen Liebe
In der ZDF-Doku erzählen Paare, dass sich die wahre Liebe nicht in großen Gesten zeigt, sondern in den kleinen Momenten. In einem Kaffee am Morgen, im Blick über den Küchentisch, im Zuhören oder im Schweigen. Große Liebe ist oft erstaunlich unspektakulär – und gerade deshalb so stark.
Zahlen belegen das Bedürfnis nach Verlässlichkeit: 78 Prozent der Befragten glauben, dass die monogame Beziehung auch in Zukunft die wichtigste Form des Zusammenseins bleibt. Wir suchen Abenteuer, ja – aber wir sehnen uns nach einem Zuhause. Nach jemandem, der da ist, wenn der Alltag schwierig wird.
Männer sind da pragmatischer. Mein Mann sagte einmal: „Für mich ist große Liebe, wenn ich weiß, dass Du da bist – auch wenn wir beide gerade schweigen.“ Vielleicht steckt darin die (ganze) Wahrheit.
Zwischen Sehnsucht und Selbstbestimmung
Wir leben in einer Zeit, in der Liebe viele Gesichter hat. Offen, polyamor, monogam, lesbisch, schwul, digital – alles scheint möglich. Und doch sagen 66 Prozent der Befragten, dass die gesellschaftlichen Rollenbilder (aus der Zeit unserer Eltern) immer noch Druck erzeugen. Besonders junge Menschen spüren das: Sie sollen unabhängig sein und gleichzeitig tief lieben, frei bleiben und dennoch Nähe leben.
Ich kenne dieses Spannungsfeld nur zu gut. Man will stark sein und trotzdem weich, eigenständig und doch verbunden. Es ist nicht immer einfach, in dieser Mischung authentisch zu bleiben. Aber vielleicht macht genau das die Liebe heute aus, sie darf Freiheit und Verbindlichkeit zugleich sein.
Wenn die große Liebe sich verändert
Nicht jede große Liebe bleibt, wie sie begann. Manche trennen sich nach ein paar Jahren – in meinem Fall waren es vierzehn. Andere Paare trennen sich, manche finden sich wieder. In der ZDF-Sendung erzählte ein Ehepaar, das seit 30 Jahren zusammen ist: „Wir haben uns dreimal getrennt – und jedes Mal wieder füreinander entschieden.“ Das ist vielleicht das schönste Bekenntnis zur Liebe: Sie ist wandelbar, aber nicht flüchtig.
Manchmal sehne ich mich nach dem Anfang – nach diesem elektrischen Knistern, nach dem Gefühl, dass alles neu ist. Doch dann denke ich: Liebe muss nicht immer brennen. Manchmal reicht es, wenn sie wärmt. Und vielleicht ist das eine erwachsene Form der großen Liebe – die, die ruhig, beständig und frei von Drama ist.
Was bleibt, wenn die Schmetterlinge fliegen
Mein bester Freund sagte mir einmal: „Liebe ist wie ein Muskel. Wenn man sie nicht benutzt, verkümmert sie.“ Große Liebe ist kein Zufall, sie ist eine Entscheidung – immer wieder. Sie zeigt sich im Dranbleiben, im Vertrauen, im gemeinsamen Wachsen.
Wir sollten aufhören, die große Liebe mit Perfektion zu verwechseln, wir sind einfache Menschen, keine ausgereiften Maschinen. Liebe ist kein Film, kein endloser romantischer Film. Sie ist echt, manchmal unbequem. Sie kann laut sein oder leise, jung oder alt, zärtlich oder wild, aber ehrlich. Die große Liebe ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann immer hat. Sie ist eine Reise. Ein Abenteuer mit Anker.
Am Ende ist die große Liebe das, was bleibt, wenn die Schmetterlinge längst weitergeflogen sind – und man trotzdem lächelt, wenn man den anderen ansieht.
Er sagt es so: „Große Liebe ist, wenn sie nicht weggeht, obwohl sie könnte.“ Ich finde, schöner kann man es nicht sagen.
Für Dich, liebe Leserin: Erlaube Dir Junge-Mädchen-Romantik und Alltagstauglichkeit. Erlaube Dir Nähe und Eigenständigkeit. Es ist nicht die große Liebe, von der wir geliebt werden – wir lieben uns, wenn wir füreinander da sind.
Wenn Du diesen einen Menschen gefunden hast, bei dem Dein Herz ruhig wird – halte ihn fest, aber nicht mit Druck. Lass ihm Raum, die Luft zum Atmen, bleib selbst frei. Und wenn Du noch auf der Suche bist: Bleib offen, sei authentisch. Die große Liebe findet sich, wenn wir am wenigsten mit ihr rechnen.
Wenn Du einen Partner oder eine Partnerin an Deiner Seite hast, frag ihn oder sie ruhig: „Was bedeutet für dich große Liebe?“ Höre zu. Denn dieses Bild davon mag anders sein als Deins – aber womöglich ergänzen sich eure Bilder, eure Vorstellungen.
Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dich inspiriert, Deine eigene Vorstellung von großer Liebe zu reflektieren. Denn sie ist nicht nur da draußen – sie ist auch hier, in Dir, in uns.
Das Sonnenlicht glitzert über den Nordseewellen und im Wind kreischen die Möwen – Sintje Lorenzen steht in ihrem kleinen Laden auf der Nordseeinsel Föhr zwischen alten Kleidern und neuen Ideen. Wo andere Frauen Ferien machen, hat sie sich ihr Leben aufgebaut. Mitten auf der Insel, verkauft sie Vintage-Mode und nachhaltige Textilien in ihrem Geschäft. Alte Stoffe werden bei ihr zu neuen Lieblingsstücken, gebrauchte Kleider zu kleinen Kunstwerken. Moderne Shopping-Malls sind weit weg und so hat Sintje etwas geschaffen, das genau zu dieser Insel passt: ehrlich, kreativ, regional.
Doch ihre Tage sind nicht so idyllisch, wie sie auf Postkarten aussehen. Sind die Touristen im Winter weg und alles wieder fest in der Hand die Insulaner:innen, wird es ruhiger. Dann sitzt Sintje an ihrer Nähmaschine, tüftelt an neuen Ideen, macht Inventur und plant ihre Zukunft -oder sie geht mit ihrem Kite aufs Wasser. Sie sagt „Man ist in der Natur und fühlt sich frei“ – ein perfekter Ausgleich, der ihr immer wieder neue Inspirationen bringt.
Ihr Leben spielt sich zwischen Laden, Familie und Meerblick ab. Bald bekommt sie ihr Kind, und die große Frage steht im Raum: Wie funktioniert Selbstständigkeit mit Baby auf einer Insel, die manchmal mehr Wind als Internet hat? Ihr Traum: weiter zu wachsen, ohne Kompromisse – für sinnvolle Mode und ein Familienleben, das bleibt.
Josephine von Hedemann-Heespen – Guthofleiterin
In Schleswig-Holstein, gut 130 Kilometer südöstlich von Föhr, wacht Josephine von Hedemann-Heespen auf einem geschichtsträchtigen Gutshof auf, der sich für die Zukunft vorbereitet.
Auf dem Gut Deutsch-Nienhof hat sie sich einer Aufgabe verschrieben, die weit über landwirtschaftliche Tradition hinausgeht. Wo früher Kornsäcke gestapelt wurden, finden heute Veranstaltungen statt; wo alte Mauern standen, entstehen Räume für Neues. Josephine hat die Strukturen ihres Familienbetriebs neu gedacht. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Sie schätzt es, gemeinsam mit ihrem Mann zu arbeiten und einen modernen Betrieb zu betreiben. Ihr Hofcafé ist inzwischen ein gern besuchtes (Ausflugs-)Ziel und die Künstler aus der Region schätzen es sehr, dort ihre Werke ausstellen zu dürfen. Es gibt nicht viele Kulturstätten in der Region.
Josephines Alltag ist ein Spagat zwischen Stall und Strategie, zwischen Traktor und Teamleitung. Sie führt Gespräche mit Handwerkern, plant Events, verhandelt mit Partnern und sieht dabei immer das große Ganze: Wie lässt sich das Landleben modern gestalten, ohne seine Seele zu verlieren? Auf dem Gut sollen Menschen zusammenkommen – Stadt- und Dorfbewohner, Jung und Alt. Sie möchte zeigen, dass das Land kein Ort des Rückzugs ist, sondern reif für neue Ideen.
Dr. Anna-Lea Comba – Tierärztin
Und dann ist da Anna-Lea Comba – Tierärztin im niedersächsischen Ammerland, die sich mit einer Partnerin eine Großtierpraxis aufgebaut hat. Das Frauen Tierärztinnen sind, ist inzwischen an der Tagesordnung, trotzdem wurden sie nicht von allen Bauern mit offenen Armen empfangen. Ihre Aufgaben beginnen im Morgengrauen, wenn die Stalllichter angehen und das erste Kalb nach Futter ruft. Mit ihrer Partnerin betreut sie rund 6.000 Rinder und fährt Tag für Tag zu Landwirten, die auf ihre Erfahrung zählen. Anna-Lea steht mit Gummistiefeln im Matsch, hält ein neugeborenes Kalb im Arm, redet mit Bauern über Gesundheit, Haltung und Zukunft.
Der Job ist körperlich, fordernd, nie planbar und doch ihr Traum. Zwischen Notfällen, Nachtfahrten und Dokumentationen bleibt kaum Zeit zum Durchatmen, aber genau das liebt sie: die Nähe zu den Tieren, das Vertrauen der Menschen, das Gefühl, gebraucht zu werden. Nebenbei stemmt sie mit ihrem Mann gemeinsam die fünfköpfige Familie, den Haushalt und die Organisation – alles mit einer Selbstverständlichkeit, die Respekt verdient. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ein Netzwerk von Tierärztinnen ins Leben zu rufen. Frauen, die zeigen, dass moderne Landwirtschaft und weibliche Stärke zusammenpassen.
Solche Frauen braucht das Land
Die drei Frauen haben mehr gemeinsam als ihren Wohnort auf dem Land. Sie tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, etablieren Neues in einem Umfeld, das oft unterschätzt wird. Wo andere sagen „Da ist ja nichts“, entdecken sie Möglichkeiten. Sie gestalten, reparieren, pflanzen, nähen, planen. Und sie beweisen, dass das „platte Land“ ein Ort ist, an dem man ankommt – und keiner, an dem man hängen bleibt.
„Frauen braucht das Land“ ist keine romantische Floskel, sondern ein realistischer Blick auf eine Bewegung. Denn während in Städten Coworking-Spaces sprießen und Start-ups vorankommen, ist der Wandel auch auf dem Land sichtbar angekommen. Sehr viel leiser und dauerhaft nachhaltig. Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea zeigen, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Manchmal genügen Mut, Ideen und die Entscheidung, einfach anzufangen.
Deutschland braucht solche Frauen, nicht nur auf dem Land. Und vielleicht brauchen wir alle ein Bisschen mehr dieser Entschlossenheit. Denn Zukunft entsteht nicht nur in Metropolen. Sie wächst auch zwischen Wiesen, Weiden und Werkstätten, einfach überall, wo Menschen sie gestalten.
Warum das Land Frauen braucht – und umgekehrt
In unseren Städten spricht man oft vom Mangel an Fachkräften, Ideen, Unternehmerinnen – doch das Land? Dort steckt ein enormes Potenzial. Der Film Frauen braucht das Land macht klar: Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea sind nicht nur Einzelgeschichten – sie sind Wegbereiterinnen. Frei vom Tempo der Großstadt, mit mehr Raum, aber auch mehr Herausforderungen.
Sie zeigen, dass Frau auf dem Land unternehmerisch ist, auch wenn die „Szene“ kleiner anmutet. Ländliche Orte können Rückzug-, und Aktivraum sein, sie sind interessant für kreative Firmen, moderne Landwirtschaft und neue Lebenskonzepte. Frauen bringen Perspektiven ein, die Wandel ermöglichen – nachhaltig, familienfreundlich, innovativ.
Die drei Protagonistinnen leben diesen Wandel. Sie beugen sich nicht den Umständen, sie sind Macherinnen – mutig, entschlossen, flexibel. Und ihr Alltag? Kein Glamour-Szenario, sondern harte Arbeit, Verantwortung, aber auch Erfüllung.
Wenn wir also sagen „Frauen braucht das Land“, ist damit kein Zurück in eine romantische Nostalgie gemeint. Das Land braucht die Energie, Ideen und das Engagement von Frauen, damit es lebendig bleibt, zukunftsfähig ist und sich für Veränderungen öffnet.
Ich freue mich darauf, in weiteren Folgen über Frauen zu erfahren, die das Land neu denken. Heute sind es drei starke Stimmen – und ein klares Signal: Das Land kann Zukunft sein.
Wie lange können wir fit und gesund bleiben? Was passiert mit uns, wenn wir ein Pflegefall werden? Ist unsere Wohnung dann noch von uns bewohnbar? Die Dokumentation des Bayrischen Rundfunks mit dem Titel „Senioren: Wie werde ich gut und zufrieden alt“ setzt sich mit der Frage des Altwerdens auseinander. Die BR-Redakteurin Anke Klingemann ist quer durch Deutschland gereist, um Antworten zu finden. Auch unsere Frauengesundheits-Redakteurin Iris hat sich zum Altwerden schon einige Gedanken gemacht. Sie ist in diesem Jahr 63 Jahre alt geworden und fragt: „Bin ich mit 63 schon alt? Ich bin mir nicht sicher. Äußerlich bin ich noch immer dieselbe, aber mein Denken an die Zukunft hat sich verändert, langsam und schon seit ein paar Jahren. Heute denke ich eher an Rente als an Fernreise und eher an altersgerechtes Wohnen als an Bergwanderung.“
Alt werden – ein Schritt weiter in ein endliches Leben
Alt werden beginnt nicht an einem bestimmten Tag, sondern ist langsam fortschreitender Prozess. Es ist kein Zustand, der plötzlich über einen hereinbricht, sondern eine Reihe kleiner Übergänge, in denen sich Körper, Geist und Alltag verändern. „Senior:in“ ist man nicht plötzlich, man wird es mit der Zeit.
Viele Menschen wünschen sich, gesund zu bleiben, kein Pflegefall zu werden und möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Über das Älterwerden selbst denken viele erst spät nach. Dieses Zögern ist einerseits beruhigend, andererseits verliert man dabei die Zeit, sich bewusst auf die Veränderungen des Alterns einzustellen.
Der Alterungsprozess trifft Frauen auf besondere Weise. Sie tragen meist über viele Jahre Verantwortung für Familie, Beruf, Haushalt und Pflege anderer – und wenn die Kinder aus dem Haus sind oder der Partner nicht mehr da ist, ändert sich das eigene Leben noch einmal grundlegend. Viele Frauen erleben den Erkennungsmoment als Zäsur: Plötzlich haben sie Zeit für sich selbst und die Fragen nach Sinn, nach Zukunft und nach der eigenen Kraft stehen im Raum. Altwerden ist für Frauen nicht nur eine biologische Entwicklung, sondern ein Prozess, in dem Rollenbilder aufbrechen und neue Möglichkeiten entstehen.
Körperliche Veränderungen verstehen und annehmen
Mit zunehmendem Alter verändert sich unser Körper: Unsere Haut bekommt Falten, die Muskelkraft und Beweglichkeit nehmen ab, unser Immunsystem arbeitet anders. Bei Einigen stellen sich Krankheiten ein, die früher kein Thema waren. Diese Veränderungen sollten wir nicht beklagen, sondern sie als Teil unseres Lebens erkennen und ihnen mit Achtsamkeit begegnen.
Regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, bewusste Entspannung und turnusmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen nicht nur, die Beschwerden zu mildern, sondern auch das Gefühl der Selbstbestimmung dauerhaft zu erhalten. Wenn wir lernen, auf unseren Körper zu hören, können wir leichter erkennen, wann Ruhe nötig ist – und wann wir trotz kleiner Einschränkungen aktiv bleiben können.
Für Frauen ist der Übergang ins höhere Alter eng mit der Menopause verknüpft. Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Gewichtszunahme können belastend sein, doch ebenso sie sind ein Signal zur Neuentdeckung unseres Körpers. Frauen berichten häufig, dass sie lernen müssen, die enger werdenden Grenzen zu akzeptieren, ohne gleich den Mut zu verlieren.
Wer versteht, dass nicht Perfektion, sondern Wohlbefinden das Ziel ist, entdeckt auch neue Seiten an sich – Stärke, Gelassenheit und eine innere Schönheit, die nicht am Geburtsdatum hängt.
Psychische Stärke: Wie wir Zufriedenheit kultivieren
Ein guter Umgang mit dem Alter(n) hängt nicht allein vom Körper ab. Was wir psychisch erleben, wie wir denken, worauf wir unseren Fokus richten, wie wir mit Verlusten umgehen – all das bestimmt maßgeblich, wie zufrieden wir sind. Einsamkeit, der Abschied von geliebten Menschen, veränderte Rollen (z. B. wenn Kinder flügge werden) können belastend wirken.
In der Dokumentation wird deutlich, dass Beziehungen wichtig sind – zu Freunden, zu Familienmitgliedern, aber auch zu neuen Kontakten und Gemeinschaften. Wer sich in Gruppen engagiert, wer Hobbys nachgeht, wer sich selbst neue Ziele setzt, kann sich seine Lebensfreude bewahren und gelegentliche Sorgen leichter relativieren.
Frauen sind Meisterinnen darin, sich anzupassen und Lebenskrisen zu meistern. Gleichzeitig stehen sie im Alter vor besonderen Herausforderungen: Sie sind oft verwitwet, leben allein und habe eine geringere Rente. Umso wichtiger sind Freundinnen, Nachbarinnen, Frauenkreise – das sind nicht nur soziale Kontakte, sondern ein Netz, das Tragfähigkeit beweist. Wer neugierig bleibt, Neues ausprobiert und auch einmal „Nein“ sagt, stärkt seine innere Widerstandskraft.
Viele Frauen berichten, dass sie im Alter ein neues Selbstbewusstsein gewinnen: Die Angst, nicht zu genügen, tritt zurück, und an ihre Stelle tritt das Wissen, dass man in seinem Leben schon so vieles geschafft hat.
Selbstbestimmung, Autonomie und Teilhabe
Ein häufig genanntes Ziel in der Dokumentation: Solange wie möglich im eigenen Zuhause bleiben können. Das klingt erstmal einfach, kann aber im täglichen Leben mit vielen Anforderungen verbunden sein: barrierefreie Wohnung, persönliche Betreuung, erreichbare Läden und ärztliche Versorgung – insgesamt ein Umfeld, das hilft statt einschränkt. Wer früh daran denkt, dass Wohnung und Alltag altersgerecht gestaltet werden können, hat später mehr Sicherheit und ein gewisses Maß an Freiheit.
Auch die Entscheidungsmöglichkeit über medizinische Versorgung oder Pflege ist zentral. Immer öfter fragen sich ältere Menschen: Wie will ich im Alter leben? Wer trifft Entscheidungen für mich, wenn ich sie selbst nicht mehr treffen kann? Das bewusste Auseinandersetzen mit solchen Fragen macht nicht nur praktische Dinge leichter, sondern gibt das Gefühl, über das eigene Leben zu bestimmen. Hier ist es – vielleicht nicht angenehm – aber absolut hilfreich, sich so früh wie möglich mit Themen wie Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Testament oder seinem digitalen Erbe auseinanderzusetzen.
Oft ist die Unabhängigkeit von Frauen hart erarbeitet. Im Alter stellen sie sich dann trotzdem die Fragen: Wie lange kann ich mein eigenes Zuhause bezahlen? Wie organisiere ich meine Versorgung, wenn ich Hilfe brauche? Auch hier gilt: Wer sich früh Gedanken macht und rechtzeitig plant, baut ein gutes Netzwerk auf oder trifft klare Absprachen mit Familie und Freundeskreis.
Gerade Frauen, die viele Jahre für andere gesorgt haben, müssen lernen, an sich selbst zu denken. Teilhabe heißt, nicht nur passiv versorgt zu werden, sondern aktiv am Leben teilzunehmen – ob im Ehrenamt, in einem Verein oder einfach durch das Treffen mit anderen.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Leben im Alter
Altwerden ist keine rein private Angelegenheit. Viele Bedingungen dafür – gute Pflege, barrierefreier Wohnraum, eine Gesundheitsversorgung, die für weniger mobile Menschen funktioniert, ein soziales Umfeld ohne Ausgrenzung – sind gesellschaftliche Aufgaben. Die Dokumentation macht deutlich, dass Wünsche und Bedürfnisse der Älteren oft unterschätzt oder spät wahrgenommen werden. Frauen haben oft geringere Rentenansprüche, weil sie in Teilzeit gearbeitet oder unbezahlte Sorgearbeit geleistet haben. Altersarmut trifft sie daher besonders häufig.
Es braucht Politik, Nachbarschaften, Institutionen, die zuhören, gestalten und unterstützende Strukturen schaffen: bezahlbarer Wohnraum und betreutes Wohnen, wohnortnahe und sichere Pflegeangebote, Angebote für Gemeinschaft, Möglichkeiten zur Teilhabe und eine bessere Rentenpolitik. Nur so kann das Alter nicht zur Phase werden, in der Menschen nur in ein System gepresst werden, sondern eine Phase, in der sie weiterhin wirken, mitgestalten und genießen können.
Die Chance, sich neu zu erfinden
Schließlich zeigt die Dokumentation, dass Altwerden nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Gewinn. Erfahrung, Gelassenheit, eine andere Perspektive aufs Leben. Wer gelernt hat, was wirklich zählt, wer Prioritäten neu bewertet hat, sieht oft klarer, worauf es ankommt: Beziehungen, Zeit, Wertschätzung. Viele Ältere berichten davon, dass sie sich freier fühlen, bewusster genießen, weniger in Eile sind – und dass es möglich ist, in späteren Jahren Frieden mit sich selbst zu schließen. Alt sein heißt also nicht resignieren, sondern neu definieren, was Lebensqualität ist.
So sehr das Alter mit Verlusten verbunden sein kann – es bietet auch Chancen. Altwerden bedeutet für Frauen nicht, unsichtbar zu werden, sondern sichtbar für das, was sie sind: stark, erfahren, voller Geschichten und voller Leben. Viele Frauen entdecken in späteren Jahren Hobbys, die sie früher nie ausprobiert hätten. Sie reisen, lernen Sprachen, malen, singen, tanzen. Sie erlauben sich, Dinge zu tun, die vielleicht jahrzehntelang hintenangestellt waren. Altwerden kann ein Neubeginn sein: Die Erfahrung aus all den Jahren schenkt Sicherheit, die Freiheit von Verpflichtungen öffnet Türen. Das, was bleibt, ist oft das Wesentliche: Freundschaften, Liebe, der Genuss von Zeit, die man nicht mehr hetzend verbringen muss.
Aktiv werden – ein leichter Weg
Auch ohne große Veränderungen im Umfeld kann man selbst vieles tun, damit das Altwerden einfacher gelingt. Kleine Rituale, neue Gewohnheiten, Offenheit für Veränderung helfen. Mehr Bewegung, geistige Herausforderungen durch Lesen oder Lernen, bewusst den Kontakt zu Mitmenschen suchen, aber auch Grenzen setzen: nicht zu viel erwarten, nicht zu viel vergleichen. Es kann hilfreich sein, über Wünsche und Ängste offen zu sprechen. Freundschaften, Hobbys, Sinn stiftende Tätigkeiten sind keine Luxus-Extras, sondern wichtig für das innere Gleichgewicht.
Hast Du noch Gedanken oder Tipps für unsere Leser:innen, dann hinterlasse uns gern einen Kommentar.
Auch wenn ich, Redakteurin der Frauengesundheit, es in meinem Umfeld schon erlebt habe, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es ist, im falschen Körper gefangen zu sein. Ebenso wenig wie es sein muss, einen Teil der eigenen Identität abzustreifen, um sich zu finden: den alten Namen, die Bilder aus der Vergangenheit und das ganze bisherige Leben alles endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig muss das unglaublich befreiend sein, endlich die sein zu können, die immer schon da sein wollte.
Das ist ein Grund, warum Dir heute die ZDF- Dokumentation „Friederike klopft an – Simona, die queere Weinmacherin“ nahelege. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich schon früh im falschen Körper gefangen fühlt. Während der Pubertät wird er von Gleichaltrigen gemobbt und abgelehnt. Heimlich probiert er die Unterwäsche seiner Mutter an, um zu spüren, wie es als Frau sein könnte.
Simon wächst in einem kleinen Dorf auf. Die queere Welt mit Lesben und Homosexuellen, trans Frauen und Männern ist hier noch fremd. Menschen, die aus dem Rahmen fallen, werden gemieden und haben im Dorf nichts zu suchen. Gemeinsam mit seinem Vater pflegt er die Weinstöcke des elterlichen Weinguts, eine Arbeit, die ihm Spaß macht und bei der er sich wohl fühlt. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters übernimmt Simon sehr jung die Verantwortung für das Weingut und wird Winzer. Nach und nach beginnt sein steiniger Weg zur Frau. Trotz aller Widerstände ist er in der Heimat geblieben – Simon ist heute Simona, eine Weinmacherin.
Simona, Winzerin und Kellermeisterin
Simona, die queere Winzerin und Kellermeisterin
Heute ist Simona ist nicht nur eine Winzerin, die ihr Handwerk versteht. Sie ist eine der wenigen deutschen Kellermeisterinnen, die mit jedem Schluck ihrer Weine eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die von Mut, Leidenschaft und der unerschütterlichen Kraft handelt, den eigenen Weg zu gehen – auch und gerade, wenn dieser anders ist.
Ihr Aufstieg ist alles andere als geradlinig. Lange fühlt sie sich wie ein Fremdkörper in der traditionellen, von Männern dominierten Winzerbranche. Die Erwartungen, die Normen, die starren Regeln – nichts davon passt zu ihrer lebhaften Persönlichkeit und zu ihrem Wesen. Lange verbirgt sie ihre queere Identität, aus Angst, abgelehnt zu werden. Sie kämpft gegen Unsicherheiten und Vorurteile, die ihr sowohl von der dörflichen Gemeinschaft, von der Gesellschaft als auch von der Branche entgegengebracht werden.
Die Befreiung in der Flasche
Doch anstatt sich unterkriegen zu lassen, findet Simona ihre Befreiung in den Weinbergen. Sie erkennt, dass der Wein selbst keine Vorurteile hat. Er unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, zwischen heterosexuell und queer. Er ist einfach nur das, was er ist: ein Produkt von Erde, Klima und menschlicher Handwerkskunst. In dieser Erkenntnis findet Simona ihre wahre Stärke. Sie beginnt, ihre Weine nicht nur als Getränk zu sehen, sondern als Ausdruck ihrer Seele.
Sie experimentiert mit unkonventionellen Rebsorten und neuen Gärungsmethoden. Sie bricht mit alten Traditionen und schafft Weine, die genauso einzigartig und vielschichtig sind wie sie selbst. Ihre Weine sind frisch und kühn, mit überraschenden Aromen und einer Tiefe, die unter die Haut geht. Sie weigern sich, in eine Schublade gesteckt zu werden – genau wie Simona selbst.
Eine Stimme für die Andersartigkeit
Mit der Zeit wächst ihr Selbstvertrauen. Simona beginnt, ihre Identität offen zu leben. Ihre Mutter akzeptiert den Wandel von Sohn zu Tochter, unterstützt ihn aber nie. Nach zehn teils schweren Operationen ist Simona angekommen, wo sie immer hinwollte – die ist eine junge Frau. Nach dem körperlichen Wandel geht sie offen damit um, eine trans* Frau zu sein. Sie wird eine Fürsprecherin, geht in Schulen und erzählt ihr Geschichte, macht anderen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre Botschaft ist einfach: Authentizität ist der Schlüssel. „Nur wenn du wirklich du selbst bist, kannst du etwas Einzigartiges und Echtes erschaffen.“
Simonas Zukunft ist queer und schmeckt nach Wein
Heute ist Simona eine Winzerin, die nicht nur für die Qualität ihrer Weine, sondern auch für ihren Mut und ihre Entschlossenheit gefeiert wird. Sie hat bewiesen, dass man nicht in eine Form passen muss, um erfolgreich zu sein. Im Gegenteil, es ist die eigene Einzigartigkeit, die einen zum Leuchten bringt.
Simonas Geschichte ist eine Inspiration. Sie erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht darin liegt, sich anzupassen, sondern darin, den Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen – ganz gleich, wohin er führt. Sie zeigt uns, dass die Zukunft der Weinwelt nicht nur von traditionellen Werten, sondern auch von einer neuen Generation von Winzerinnen und Winzern geformt wird, die bereit sind, die Regeln neu zu schreiben. Ein Ausblick, der queer ist und nach Freiheit und Abenteuer schmeckt.
Einen Wunsch hat sie noch – sie will nicht immer etwas Besonderes sein, sondern lieber nur eine Randnotiz, einfach eine Weinmacherin. Ehrlich gesagt hat sie mich beeindruckt, ihr so steiniger Weg und ihr Mut, trotz aller Widerstände in der Heimat zu bleiben.
* Die Redaktion der Frauengesundheit betrachtet das Wort trans als Adjektiv, das im Deutschen die Eigenschaften einer Person beschreibt: eine brünette Frau, ein kleiner Mann. Wir folgen dabei der Notation des Bundesverband Trans* e.V.
Das Video ist bis zum 27.03.2027 in den ARD- und ZDF-Mediatheken verfügbar. Auf Youtube sicher auch länger.