Neugeborenen-Gelbsucht (lateinisch Ikterus) ist eine bekannte Erkrankung, die sich durch eine Gelbfärbung der Haut, Schleimhäute und Augen äußert. Zudem geht häufig eine Braunfärbung des Urins und heller Stuhlgang damit einher. Unbehandelt kann sie zu schweren Schäden am Gehirn führen und sogar tödlich verlaufen.
Nach der Geburt entsteht durch den Zerfall von überschüssigen roten Blutkörperchen der Farbstoff Bilirubin, der sich in der Haut und den Augäpfeln ablagert und die Verfärbung verursacht. Typischerweise tritt die Gelbsucht zwei bis drei Tage nach der Geburt auf, da die Leber den Abbau des Bilirubins erst nach und nach bewältigen kann, und klingt meist innerhalb einer Woche wieder ab.
Durch die frühzeitige Erkennung lässt sich eine notwendige Behandlung rechtzeitig einleiten, das allein bietet Schutz vor dauerhaften Schädigungen. Dabei könnte eine neue Screening-Technologie hier eine entscheidende Rolle spielen.
Darüber sprechen wir mit Gerald Kaasen von der Medizintechnik Kaasen GmbH in Lünen.
Herr Kaasen, Ihr Unternehmen blickt auf über 20 Jahre Erfahrung in der Unterstützung junger Familien zurück und bietet innovative Produkte wie Milchpumpen und Beckenbodentrainer an, um den Alltag von Eltern und Kindern zu erleichtern. Nun sind Sie Vertriebspartner für ein neuartiges Gelbsucht-Screening für Neugeborene. Was hat Sie dazu bewogen, diese Technologie in Ihr Portfolio aufzunehmen?
Schätzungsweise sterben weltweit jedes Jahr mehr als 114.000 Neugeborene an den Folgen einer Gelbsucht (Quelle: https://picterus.com/jaundice/ ). Zum Glück haben wir in Deutschland eine deutlich bessere Versorgungslage. Jedoch werden Mutter und Kind bei uns tendenziell immer früher aus dem Krankenhaus entlassen, was mit der Kostenstruktur zusammenhängt. Vor der Entlassung wird die Bilirubin-Konzentration noch überprüft. Ist diese tendenziell erhöht, werden Mutter und Kind für den Folgetag wieder zur Überprüfung ins Krankenhaus einbestellt. Also anstatt die beiden zur Ruhe kommen zu lassen, um sich einzugewöhnen, müssen sie am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus, damit der Wert überprüft wird. Hat er sich verbessert fährt man wieder nach Hause. Ist er gleichbleibend, kann die gleiche Prozedur am darauffolgenden nächsten Tag wiederholt werden. Ein Stress, der letzten Endes nicht mehr sein muss.
Als medizintechnisches Unternehmen ist es unsere Herzensangelegenheit, Lösungen anzubieten, die dazu beitragen, die Versorgung von Neugeborenen und ihren Familien zu verbessern. Das Gelbsucht-Screening ist aus unserer Sicht eine sehr vielversprechende Maßnahme, um die Familie keinen unnötigen Belastungen auszusetzen.
Wie funktioniert dieses Screening genau?
Das norwegische Unternehmen Picterus AS hat eine innovative Methode entwickelt, die Gelbsucht mithilfe einer Smartphone-Kamera und einer speziellen Farb-Kalibrierungskarte erkennen kann. Dabei wird eine App verwendet, um den notwendigen Abstand und die richtige Positionierung zu gewährleisten. Die App erfasst automatisch sechs Bilder (von einem kleinen Ausschnitt des Brustbereichs des Neugeborenen und der Farbkarte) und analysiert diese mithilfe eines patentierten Berechnungsmodells.
Innerhalb weniger Sekunden liefert das System einen Messwert, mit etwa derselben Sicherheit, wie eine transkutane Messung an der Schläfe des Kindes mit einem speziellen Gerät. Vereinfacht gesagt, erfolgt ein Abgleich der Hautfarbe und der Gelbfärbung mit einem definierten Farbschema.
Das klingt nach einer innovativen und gleichzeitig einfachen Methode. Kann jede Person mit einem geeigneten Smartphone dieses Screening durchführen?
Ja, die App ist gemäß ihrer MDR-Zulassung nicht nur für medizinisches Fachpersonal, sondern auch für die Nutzung durch Eltern zugelassen. Die App liefert jedoch nur einen Messwert. Dieser muss fachlich eingeordnet werden, d. h. er muss von fachkundigen Personen, wie Hebammen, Ärzten und Ärztinnen oder Kinderkrankenpfleger:innen ausgewertet werden, um gegebenenfalls weitere Untersuchungen oder eine Behandlung einzuleiten.
Der Vollständigkeit halber muss dazu gesagt werden, dass die App zwar kostenfrei ist, aber die Farbkarte bei Picterus AS kostenpflichtig bestellt werden muss (aktuell ca. 8,00 € zzgl. Versand im Einzelbezug). Zusätzlich wird jeder Scan mit ca. 8,00 € berechnet. Und nicht zu vergessen, die Abstimmung mit fachkundigen Personen muss dann noch zusätzlich erfolgen. Dennoch sehen wir den Mehrwert darin, dass Mutter und Neugeborenes deutlich weniger Aufregung durchmachen müssen, wenn die Messung zu Hause durchgeführt werden kann.
Sind bereits die Krankenhäuser in Deutschland mit dieser Technologie ausgestattet?
Leider noch nicht. Das System ist mittlerweile für alle Hauttöne zugelassen und noch so neu, dass viele Kliniken dieses Verfahren noch nicht kennen. Deshalb gehört es zu unseren aktuellen Aufgaben, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Technologie in Deutschland bekannter zu machen.
Wenn das Verfahren noch so neu ist, bietet es überhaupt die nötige Sicherheit?
Ja, sonst wäre die Zulassung nicht erfolgt. Auch wenn die Anwendung heute sehr einfach ist, war es ein langer Weg bis zu diesem Punkt. Picterus wurde bereits vor 10 Jahren gegründet. In vielen langjährigen Forschungsprojekten in Norwegen, Schweden und der ganzen Welt (u. a. Philippinen, Uganda, Mexico, USA) wurden Erkenntnisse gewonnenen, die zu einer konsequenten Weiterentwicklung geführt haben. Dadurch ist es zu dem qualitativ hochwertigen, verlässlichen System geworden, das es jetzt ist.
Das neue Screening-Verfahren zur Früherkennung von Gelbsucht bei Neugeborenen stellt einen bedeutenden Fortschritt in der medizinischen Versorgung dar. Durch die einfache Anwendung und schnelle Auswertung bietet es eine zusätzliche Sicherheit für Eltern und medizinisches Fachpersonal, ohne die Familien durch (ggf. unnötige) Arzt- oder Klinikbesuche weiter zu belasten. Dennoch bleibt die flächendeckende Einführung in deutschen Kliniken eine Herausforderung, aber wir bleiben am Ball.
Herr Kaasen, vielen Dank für das informative Gespräch!
Der Autor:
Kontaktdaten:
Medizintechnik Kaasen GmbH Zum Gewerbepark 4 44532 Lünen
Gap‘s für Frauen & Mädchen schließen – damit Träume wahr werden können!
Als Leiterin Sponsoring mit langjähriger Erfahrung und auch als Frau ist es mir ein Anliegen, die Herausforderungen aufzuzeigen, denen Frauen und Mädchen im Breiten- und Spitzensport gegenüberstehen. Vor allem, wenn es um ihre sportlichen Ambitionen geht. Während sich Gleichberechtigung in der Gesellschaft zunehmend durchsetzt, ist das Thema im Sport noch nicht wirklich angekommen. Dabei geht es nicht (nur) um faire Bezahlung, sondern um grundlegende Strukturen, die Frauen und Mädchen häufig den Weg in den Sport erschweren oder ihnen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten, wie Männer und Jungen sie haben, verwehren. Sei es durch fehlende Trainingszeiten, unzureichende Infrastruktur oder die Tatsache, dass geplante Trainingseinheiten nicht stattfinden können, weil niedrigklassige Jungenmannschaften Vorrang bei der Platznutzung erhalten. Wir müssen diese Lücken schließen – für eine Zukunft, in der Sportlerinnen ihre Träume verwirklichen können!
Strukturelle Ungleichheiten und alltägliche Hürden ziehen sich durch alle Lebensbereiche
Eine der größten Herausforderungen ist der eingeschränkte Zugang zu Ressourcen. Frauenmannschaften erhalten oft weniger Trainingszeiten als ihre männlichen Kollegen, müssen sich mit schlechterer Ausstattung zufriedengeben oder werden in der Vereinsstruktur nicht ausreichend gefördert.
Auch die finanzielle Unterstützung bleibt ein kritischer Punkt. Während Männerteams in vielen Sportarten von Sponsorenverträgen, Ticketverkäufen oder von Verbandsförderungen profitieren, müssen Frauenmannschaften häufig schon um das Nötigste kämpfen. Ein besonders starkes Beispiel zeigt sich im Basketball: Während Spieler der 2. Bundesliga Nord rund 11.000 Euro im Monat verdienen, erhalten ihre weiblichen Kolleginnen in der gleichen Liga keinen einzigen Euro. Ähnliches gilt für andere Sportarten, in denen Frauen ihre Trikots, Fahrtkosten und teilweise sogar die Spielgebühren selbst zahlen müssen.
Hinzu kommt eine mangelnde mediale Präsenz. Auch wenn es in den letzten zwei Jahren deutliche Verbesserungen gegeben hat, ist die Berichterstattung noch nicht auf dem gleichen Niveau. Ausnahmen bestätigen die Regel: Im Tennis arbeiten beide Geschlechter zu gleichen Konditionen.
Gleichwertige Leistung – Ungleiche Wertschätzung
Dass Frauen im Sport nach wie vor nicht die gleiche Anerkennung erfahren wie Männer, zeigt sich an vielen Beispielen.
Der MSV Duisburg löst im Jahr 2024 seine Frauenfußballmannschaft nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung komplett auf – und KEIN Aufschrei erschüttert die Öffentlichkeit. Bei den Männern undenkbar. Dieser Fall zeigt, wie fragil das System des Frauenfußballs in Deutschland noch immer ist. Ein traditionsreicher Standort für den Frauenfußball, der zahlreiche Profi-Spielerinnen hervorgebracht hat, verschwindet aus dem professionellen Spielbetrieb – und es scheint kaum jemanden zu interessieren.
Was nach der EM 1989 geschah, als die Spielerinnen der deutschen Nationalmannschaft den EM-Titel erkämpften, wird heute noch mit Empörung und Unverständnis kommentiert. Als Anerkennung erhielten die Frauen damals ein Kaffee-Service mit Blümchen. Das war 1989. Fast vier Jahrzehnte später hat man nach wie vor nicht daraus gelernt. Ein besonders aufsehenerregender Fall ereignete sich im Januar 2025 im Skispringen: Während männliche Athleten für die gleiche Platzierung 3.000 CHF Preisgeld erhielten, bekam die Top-Skispringerin Selina Freitag ein Dusch Set und vier Handtücher. Hier und jetzt – es ist zum Fremdschämen. Es ist empörend und es passt nicht in das gesellschaftliche Gesamtbild. Wir müssen deutlich lauter werden!
Es sind genau solche Vorfälle, die uns zeigen, dass Gleichberechtigung im Sport noch lange nicht erreicht und dass es höchste Zeit für Veränderungen ist. Diese Ungleichheiten sind dabei keineswegs auf den Profisport beschränkt. Auch im Leistungs- und Breitensport fehlen Frauen gleichwertige Optionen: Sei es durch schlechtere Trainingsbedingungen, eine unzureichende Infrastruktur oder die mangelnde Unterstützung von Frauen- und Mädchenmannschaften in den Vereinen. Dabei gibt es einen klaren Markt für leistungsorientierte Mädchen und Frauen.
Besonders bedenklich ist die geringe Anzahl weiblicher Entscheidungsträgerinnen in Sportgremien und Vereinsvorständen. In den Führungsetagen der deutschen Fußball-Bundesligen sind Frauen selten vertreten. Nur sechs von 84 Top-Management-Positionen in 36 befragten Vereinen sind durch Frauen besetzt. Dieses Ungleichgewicht zeigt den dringenden Handlungsbedarf, um eine gerechtere Repräsentation von Frauen in Führungsrollen innerhalb des Sports zu erreichen.
Wir müssen stärker zusammenrücken – Frauen müssen die gleichen Rahmenbedingungen, wie Zugang zu Sportstätten, Gehältern usw., haben. Dazu benötigen sie eine größere Lobby.
Warum Gleichberechtigung im Sport so wichtig ist
Es geht nicht nur um Fairness, sondern um die grundlegende Frage, welche Rolle Frauen und Mädchen im Sport – und in der Gesellschaft – wahrnehmen können, wollen und sollen. Sport vermittelt wichtige Werte wie Teamgeist, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein. Mädchen, die früh damit konfrontiert werden, dass ihre Leistungen weniger wertgeschätzt werden als die von Jungen, verinnerlichen diese Botschaft. Wir können es uns nicht leisten, junge Talente zu verlieren, nur weil ihnen die nötige Förderung verwehrt bleibt.
Ein zentraler Aspekt ist auch die Vorbildfunktion von Spitzensportlerinnen. Wenn Frauen im Profisport die gleiche Anerkennung und Sichtbarkeit erhalten wie Männer, wird das automatisch auch positive Effekte auf den Breitensport haben.
Ohne Spitze keine Breite
Durch starke Vorbilder, gerne auch auf höchstem Niveau, werden sich mehr Mädchen ermutigt fühlen, ihre sportlichen Ambitionen ernst zu nehmen, sich zu engagieren, zu trainieren und sich dauerhaft zu begeistern. So lernen sie, dass sie ihre Freiräume nutzen und gestalten können, dass sie selbstbestimmt wirken dürfen. Sie werden mutiger und erleben, dass sie ihre eigenen Träume leichter realisieren können.
Wir alle können einen Beitrag leisten
Es ist an uns, dazu beizutragen, dass die Bedürfnisse und Wünsche von Frauen und Mädchen im Sport gehört, gesehen und respektiert werden. Indem wir die Frauenmannschaften unterstützen, für Gleichberechtigung im Sport eintreten und uns aktiv für die Förderung von Athletinnen auch im Breitensport einsetzen. Gemeinsam können wir einen nachhaltigen Beitrag leisten und damit meine ich jede Person egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, sportlich oder unsportlich.
Es gibt bereits erfolgreiche Initiativen, die zeigen, dass Veränderung möglich ist. Programme wie „Mädchen an den Ball“ bieten gezielte Trainings und Förderungen für junge Mädchen im Fußball. Es gibt Schulungen für Trainer:innen, um Trainingseinheiten an die Bedürfnisse von Sportlerinnen anzupassen, in denen z. B. die unterschiedlichen Zyklusphasen berücksichtigt werden.
Auch Unternehmen sind gefragt: Sponsoren sind eingeladen, ihre gesellschaftliche Verantwortung für Frauen im Sport bewusst wahrzunehmen und damit ein deutliches Zeichen für Gleichberechtigung zu setzen. Dies lässt sich als Nachhaltigkeitsziel definieren und hat im Rahmen der Corporate Social Responsibility Strategien (CSR) positive Auswirkungen.
Eine stärkere Medienpräsenz von Frauen im Sport – sei es durch Live-Übertragungen, Berichterstattung in der (Online-) Presse oder größere Sichtbarkeit in den sozialen Medien – leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag.
Ein weiteres Ziel muss die Stärkung der professionellen Strukturen in Vereinen sein, sodass auch Mädchen- und Frauen-Teams effizient gefördert und vermarktet werden können. Letztlich geht es darum, ihnen den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Trainingszeiten, Ausrüstung und Infrastruktur zu schaffen.
Die Energie, die von einem enthusiastischen Frauenteam während eines Ligaspiels ausgeht, ist inspirierend. Wenn Einlaufkinder im Basketball ihre Spielerin anstrahlen, ist das ein Gänsehauterlebnis. Es müssen nicht immer die großen Stadien sein, die Endorphine pur erzeugen. Es sind die vielen kleinen Momente, die uns weiterbringen und die uns immer wieder in unserem Tun bestätigen. Es ist immens wichtig, sich im Sport zu engagieren. Jeder Besuch eines Ligaspiels ist Anerkennung für die Leistung der Athletinnen, die ohne Entgelt dreimal die Woche trainieren und nebenbei ihre Ausbildung abschließen oder ihrem Beruf nachgehen.
Gleichberechtigung im Sport geht uns alle an – egal, ob wir selbst aktiv sind oder nicht. Jede und Jeder kann helfen, Frauen- und Mädchen im Fußball oder jeder anderen Sportart zu stärken. Denn nur wenn Frauen und Mädchen die gleichen Chancen und Anerkennung im Sport erhalten wie Männer und Jungen, können wir von einer wirklich gleichberechtigten Sportwelt sprechen.
Lasst uns gemeinsam die Lücken schließen – damit Träume wahr werden können!
Die Autorin: Anja Merl, Inhaberin connected by Anja Merl
Seit 12 Jahren vernetzt Anja Merl in Duisburg und im Kreis Wesel branchenübergreifend regionale Unternehmen miteinander zu unterschiedlichen strategischen Themen. Durch ihr Engagement als Leiterin Sponsoring bei Rot-Weiß Oberhausen hat sie erhebliche finanzielle Mittel für den Verein gesichert und dessen Wachstum mit vorangetrieben. Zunächst ausschließlich für den Männerfußball zuständig, hat Anja Merl seit 2021 maßgeblich zum Aufbau des gleichberechtigten, leistungsorientierten Mädchen- und Frauenfußballs bei RWO beigetragen.
Mit Gründung der Marke „connected by Anja Merl B.C.“ baut sie den Bereich des Sportmarketings aus und unterstützt mit ihrem fünf-köpfigen Team Sportvereine im Breiten- und Spitzensport, um Mehrwerte in Wirtschaft und Sport für alle zu generieren. Und um mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Die Förderung von Mädchen und Frauen ist dem Team ein besonderes Anliegen. „Hiermit leisten wir einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir bessere Bedingungen für junge Talente gestalten.“
Ein Gastbeitrag der Notarin Eva Christine Weik aus Bochum
„Mich mit meinem Tod zu beschäftigen, macht mir Angst.“, „Ich bin doch noch so jung, da beschäftige ich mich irgendwann mal mit.“ oder „Ich schiebe das jetzt schon ewig vor mir her. Ich muss das unbedingt mal angehen.“
So oder ähnlich geht es vielen meiner Mandanten. Sich mit der Endlichkeit des Lebens zu beschäftigen ist auf den ersten Blick nicht schön. Und doch gibt es häufig ein gutes Gefühl, wenn sie sich dann um ihre Nachfolge gekümmert haben. Denn durch ein Testament kannst Du Deine Wünsche für den Zeitpunkt nach Deinem Tod aktiv gestalten.
Wann ist es sinnvoll ein Testament zu erstellen und wann ist es zwingend erforderlich?
Wenn kein Testament besteht, gilt die gesetzliche Erbfolge. Wenn Dir also die gesetzliche Erbfolge nicht zusagt, musst Du zwingend ein Testament erstellen. Aber wer sind eigentlich die gesetzlichen Erben? Das sind Kinder, Ehegatten, Eltern und Geschwister und auch entferntere Verwandte. Entfernte Verwandte werden durch nahe Verwandte ausgeschlossen (siehe Kasten). Dies ist den meisten bekannt.
Das sind die wichtigsten gesetzliche Erben
§ 1924 BGB Erben erster Ordnung: Abkömmlinge (Kinder) § 1925 BGB Erben zweiter Ordnung: Eltern und deren Abkömmlinge (Geschwister) § 1931 BGB Erbrecht des Ehegatten
Erläuterung: Die gesetzlichen Erben (§§ 1924 – 1929 BGB) erben nach Stämmen. Fällt ein Erbe weg (z.B. Vorversterben oder Ausschlagung), treten an seine Stelle seine Abkömmlinge zu gleichen Teilen. Ein Verwandter ist nicht zur Erbfolge berufen, solange ein Verwandter einer vorhergehenden Ordnung vorhanden ist. Beispiel: Sind Kinder oder ein Kind vorhanden, können Eltern und Geschwister gesetzlich nicht erben.
Was ist aber, wenn der Erblasser zwar verheiratet ist aber keine Kinder hat? Erbt dann der Ehegatte alles? Die Antwort ist eindeutig nein, auch wenn der Irrglaube, dass in diesem Fall der Ehegatte alles erbt, weit verbreitet ist.
Der Ehegatte erbt gesetzlich neben Verwandten erster Ordnung (Kindern), sofern kein Ehevertrag besteht zu 1/2 Anteil (50%).
Gibt es keine Kinder erbt der Ehegatte ¾ Anteil (75%) neben den Verwandten 2. Ordnung, also Eltern, Geschwister oder Nichten und Neffen. Alles erbt der Ehegatte aufgrund von Gesetzen daher nie! Möchtest Du aber, dass Dein Ehegatte alles erbt, musst Du ein Testament erstellen!
Wie enterbe ich eine Person?
Ein Testament zugunsten einer oder mehrerer Personen schließt automatisch sämtliche anderen Personen von der testamentarischen Einsetzung aus. Hierin liegt eine Enterbung sämtlicher nicht benannter Personen, so dass diese keinerlei Rechte an dem Erbe haben, es sei denn, sie sind pflichtteilsberechtigt (siehe Kasten). Pflichtteilsberechtigt bedeutet aber nicht Erbberechtigt. Pflichtteilsberechtigte haben keinen Anspruch auf einzelne Gegenstände aus der Erbmasse, sondern lediglich Anspruch auf Geldersatz. Die Höhe beträgt 50 % des gesetzlichen Erbanteils. Die Erbmasse muss hierfür bewertet werden. Der Anspruch muss zudem geltend gemacht werden, entsteht also nicht automatisch und verjährt in 3 Jahren ab Erbfall.
Wer ist pflichtteilsberechtigt?
Gem. § 2303 BGB sind pflichtteilsberechtigt der Ehepartner, die Abkömmlinge und die Eltern des Erblassers.
Der Pflichtteil besteht in der Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils. Geschwister sind nicht pflichtteilsberechtigt.
Formvarianten des Testamentes
Ein Testament kann eigenhändig (das bedeutet handschriftlich) oder zur Niederschrift bei einem Notar/Notarin erstellt werden.
Beim eigenhändigen Testament ist es wichtig, dass
das gesamte Testament handschriftlich vom Testierenden erstellt wird,
zu erkennen ist, dass es sich um ein Testament handelt,
das Datum enthalten ist und
dass das Testament eigenhändig unterschrieben ist.
Ist das Testament z.B. mit dem Computer erstellt, von einer dritten Person geschrieben oder nicht unterschrieben, ist das Testament formunwirksam und entfaltet so keine Wirkung.
Ein notarielles Testament erfolgt zur Niederschrift bei einem Notar/Notarin. Dieser/Diese bereitet das Testament nach Deinen Wünschen vor. Sodann wird Dir das Testament beim Beurkundungstermin vorgelesen und von Dir und dem Notar/ der Notarin unterschrieben.
Notarielle Testamente werden unverzüglich beim Nachlassgericht hinterlegt und automatisch nach dem Tod durch das Nachlassgericht eröffnet. Dies ist aufgrund der bundesweiten Registrierung von notariellen Testamenten im sog. Testamentsregister möglich. Das Testament kann also auch nicht unauffindbar oder zufällig verschwunden sein, weil es einer erbberechtigten Person nicht gefällt.
Wann macht ein notarielles Testament Sinn und wann reicht ein handschriftliches Testament?
Ein handschriftliches Testament reicht grob betrachtet aus, wenn Du keinen Erbschein benötigst. Das kann dann der Fall sein, wenn kein Immobilienvermögen besteht und Du jemandem bezogen auf Dein Bankvermögen eine Vollmacht über den Tod hinaus gegeben hast.
Zudem solltest Du unbedingt sicherstellen, dass das eigenhändige Testament auch gefunden wird. Eine Hinterlegung beim Amtsgericht ist ebenso wie die Aufbewahrung durch eine vertrauenswürdige Person möglich.
Wenn Du Immobilienvermögen hast, solltest Du dringend über ein notarielles Testament nachdenken. Ohne ein solches ist ein beim Nachlass beantragter Erbschein zur Umschreibung des Eigentums unumgänglich. Dies kostet viel Zeit, Aufwand und Geld.
Das eröffnete notarielle Testament erspart den Erbschein!
Was ist ein Vermächtnis und wie unterscheidet es sich von der Erbeinsetzung
In einem Testament kannst Du neben der Einsetzung von Erben auch einzelne Gegenstände an eine Person vermachen, das nennt sich Vermächtnis. Der Vermächtnisnehmer hat sodann Anspruch auf diesen Gegenstand, ist aber nicht Erbe, also nicht anteilig an der Erbmasse berechtigt und verpflichtet.
Die grundlegenden Entscheidungen für ein Testament und dessen Inhalt sind gar nicht so kompliziert. Häufig reicht ein ganz einfaches Testament aus, um die Menschen zu bedenken, die man bedenken möchte und gleichzeitig die anderen auszuschließen. Das notarielle Testament erspart den Hinterbliebenen einen Aufwand, den viele in einer Trauersituation als belastend empfinden und ebenso finanzielle Mittel.
Also: Handele selbstbestimmt, sorge vor und lass Dich im Zweifel rechtlich beraten!
Die Autorin: Eva Christine Weik, Rechtsanwältin und Notarin
Eva Christine Weik ist seit 2002 Rechtsanwältin und hatte von Anfang an ihren Schwerpunkt im Familien- und Erbrecht, seit 2006 ist sie Fachanwältin für Familienrecht. Sie hat viele Streitfälle erlebt und es liegt ihr am Herzen, diese Streitigkeiten durch entsprechend gestaltete Verträge zu vermeiden. Daher hat sie sich damals entschlossen, ihren Mandant:innen diese Möglichkeit zu bieten und die Ausbildung zur Notarin mit dem Staatsexamen vor einigen Jahren abgeschlossen.
Auf ihrem Instagram-Kanal frau_notar_in veröffentlicht sie immer wieder kleine Videos, mit leichten Erklärungen und einfachen Hinweisen, die ihren Followern ermöglichen, selbstbestimmt vorzusorgen.
Kontaktdaten:
Eva Christine Weik Rechtsanwältin und Notarin, Fachanwältin für Familienrecht
Kanzlei Herrmann & Weik Hattinger Str. 350 44795 Bochum
Denken Menschen an den Stoffwechsel, assoziieren die meisten damit zunehmen, Gewicht halten oder gar abnehmen – also das Gewichtsmanagement. Aber wie hängen Gewicht und Stoffwechsel eigentlich zusammen?
Risiken für die Gesundheit
Über 54% der deutschen Bevölkerung ist übergewichtig, 23% sogar im adipösen Bereich. Tendenz steigend. Eine Gewichtsreduktion hat oft nicht nur ästhetische Gründe, sondern ist auch gesundheitlich indiziert. Übergewicht ist ein Indikator für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt. Gleichzeitig birgt es das Risiko an Diabetes Typ 2 zu erkranken, belastet die Gelenke und kann in Verbindung mit Schlafstörungen stehen.
In Bezug auf die Gesundheit der Frauen kann Übergewicht auch negative Auswirkungen auf den Menstruationszyklus haben, was sich durch Unregelmäßigkeiten und Schmerzen zeigt. Während der Wechseljahre kann es die Symptome verstärken und das Risiko erhöhen, an Osteoporose zu erkranken.
Stoffwechsel und Lebensstil hängen eng zusammen
Unser Lebensstil hat elementaren Einfluss auf unsere Gesundheit und größere Wirkung als jede Pille. Der Stoffwechsel bestimmt die Art und Weise, wie der Körper Energie produziert, Hormone reguliert und Nährstoffe verwertet. Gerät der Stoffwechsel aus dem Ruder, kommt es schnell zu einer Kettenreaktion, auf die der Körper mit Dysfunktionen, Schmerzen und Unwohlsein reagiert.
Vielen ist diese Thematik bewusst und sie sind motiviert genug, um eines der vielen Konzepte zur Gewichtsreduktion, die es auf dem Markt gibt, auszuprobieren. Leider meist nicht mit dem langersehenten nachhaltigen Erfolg, den man sich wünscht. Oftmals befindet man sich in der saisonalen Auf- und Ab-Bewegung und hängt in der JoJo-Schleife fest. Das führt zu Unzufriedenheit und Frust. Gleichzeitig stellt man fest, dass die Konzepte, die in jungen Jahren gut funktionierten, plötzlich nicht mehr greifen. Warum? Der Stoffwechsel verändert sich im Laufe eines Lebens.
Veränderungen im Lebenszyklus
Zum einen verlieren wir im Erwachsenenalter pro Jahr 1-2% der Muskulatur, sofern kein explizites Krafttraining zum Erhalt der Muskulatur durchgeführt wird. Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Stütz- und Halteapparat, sondern hat auch Einfluss auf den Grundumsatz. Diese Energiemenge benötigt der Körper, um alle lebenswichtigen Funktionen im Ruhezustand durchführen zu können. Er macht den Großteil des täglichen Energieverbrauchs aus. Die Energie wird im Muskel verbrannt. Weniger Muskulatur bedeutet schlussendlich einen geringeren Grundumsatz und somit auch geringeren Leistungsumsatz. Der Stoffwechsel wird langsamer und träge.
Nachteile von Diäten
Aber auch Diäten haben einen Nachteil. Es wird zwar Körpergewicht reduziert, jedoch nicht ausschließlich Fett, sondern auch wertvolle Muskelmasse geht verloren, sofern ein Krafttraining ausbleibt.
Meist besteht der Impuls etwas wegzulassen und zu verzichtet, statt dem Körper die Nährstoffe zu geben, die er braucht. Er benötigt sowohl die Makronährstoffe: Kohlenhydrate, Fette und Proteine als auch die Mikronährstoffe: Vitamine und Mineralstoffe. Dabei ist der Stoffwechsel nicht nur ein komplexes, sondern auch höchst individuelles Thema. Das, was bei dem einem Menschen sehr gut funktioniert, muss für einen anderen noch lange nicht gelten. Daher ist es wichtig herauszufinden, was jeder einzelne individuell benötigt.
Statt diverser Methoden zur Gewichtsregulierung auszuprobieren, empfiehlt es sich an der Basis zu arbeiten. Das heißt herauszufinden, wie der eigenen Stoffwechsel eigentlich tickt. Am Besten mit exakten Daten untermauert, statt vager Faustformeln oder verallgemeinernden Annahmen, denn der Teufel steckt im Detail!
Individuelle Analyse – die Spiroergometrie
Die Spiroergometrie ist eine Atemgasanalyse mit der sich im Ruhezustand der exakte Grundumsatz des Einzelnen messen lässt. Die Praxiserfahrung zeigt, dass die Messungen häufig dermaßen von den Berechnungen abweichen können, dass das angenommene Kaloriendefizit in Wirklichkeit noch gar kein Defizit ist. Teilweise stagnieren die Klient:innen bei der Gewichtsreduktion und bleiben auf einem Plateau stehen, im schlimmsten Fall agieren sie in einem kalorischen Überschuss und nehmen sogar zu. Ein weiteres Beispiel, was sich häufiger zeigt ist, dass die Energiezufuhr unterhalb des Grundumsatzes liegt und der Körper in den Reserve-Modus umschaltet, was den Stoffwechsel ausbremst, statt ihn in Schwung zu bringen.
Spannend ist, dass mit der Spiroergometrie auch die Fettstoffwechselaktivität festgestellt werden kann. Eine Fettstoffwechseldominanz ist absolut empfohlen. Das bedeutet, dass der Körper nicht nur aus schnell verfügbaren Kohlenhydraten Energie gewinnt, sondern auch aus den Fetten. Ein hoher Fettstoffwechsel ist ein weiterer Gesundheitsmarker und steht für mentale Ausgeglichenheit und weniger Entzündungsherde im Körper. Im Umkehrschluss steht Stress im engen Zusammenhang mit einem dominanten Kohlenhydratstoffwechsel, was sich negativ auf das Herzkreislaufsystem und auch das Gewicht niederschlägt.
Seit einiger Zeit wird die Spiroergometrie auch in Verbindung mit einem Stresstest durchgeführt. So können noch genauere Ernährungs- und Trainingsempfehlungen für den Einzelnen erstellt werden, um nachhaltig gesund und erfolgreich zu sein.
Unterstützendes Training
Insbesondere das gezielte Training kann die Ernährungsstrategie weiter untermauern. Bei einer Person muss der Grundumsatz gesteigert werden, bei einer anderen ist es vielleicht viel wichtiger, den Fettstoffwechsel zu aktivieren, damit dieser als Energiequelle fungieren kann. Hier greifen Sportwissenschaften und Ernährungswissenschaften perfekt ineinander und führen zu Erfolgserlebnissen.
Auch das Training lässt sich hervorragend steuern, um seine Leistung zu steigern und sich wohlzufühlen. Training soll einem nicht die letzten Körner rauben, sondern gibt die Kraft, Energie freizusetzen und zu aktivieren. Dann macht es nicht nur Spaß, sondern baut auch Stress ab. Dieser Bereich liegt tatsächlich im Grundlagen-Bereich und wirkt sich sowohl positiv auf die Muskulatur als auch das Herz-Kreislauf-System aus. Einer der größten Fehler beim Einstieg ins Training ist: zu schnell zu viel zu wollen. Da hilft eine entsprechende Systematik, die auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt ist und schneller und deutlich leichter zum Erfolg führt als gedacht.
Fazit
Das Schöne an einer individualisierten Trainings- und Ernährungsstrategie? Frau fühlt sich voller Power und Tatendrang, wenn ihr Körper die Energie zugeführt bekommt, die er benötigt. Die sichtbaren Erfolge werden nicht lange auf sich warten lassen und die saisonale Achterbahnfahrt und der JoJo-Effekt sind Geschichte. Richtige Ernährung und gezieltes Training wirken sich positiv auf die Gesundheit aus!
Lediglich das Maß und die Qualität sind entscheidend, um den Stoffwechsel anzuregen und gleichzeitig die Muskulatur zu erhalten oder ggf. aufzubauen.
Du möchtest mehr erfahren?
Melde dich gern unter kontakt@caldea-dortmund.de. Ich freue mich von deinen Plänen und Zielen zu erfahren.
Herzlichst
Daniela
Die Autorin: Daniela Schindler, Inhaberin Caldea Boutique Studio
Daniela Schindler ist Inhaberin eines Boutique Studios für Training und Ernährung. Anstatt Standardtrainings- und Ernährungspläne anzubieten, werden bei ihr Diagnostikverfahren angewandt, um genau zu überprüfen, was der Körper benötigt. Darauf aufbauend entwickelt sie maßgeschneiderte Strategien, die auf ihre Klient:innen und deren Körper zugeschnitten sind.
Kontaktdaten:
Daniela Schindler Caldea UG (haftungsbeschränkt) Pariser Bogen 7 44269 Dortmund
HSP steht für „high sensitive person“ (Hochsensibilität) und bezeichnet Menschen, die Reize auf unterschiedlichen Ebenen schneller verarbeiten als das bei „normalen“ Menschen der Fall ist. Klingt erst einmal cool. Schneller mit- oder vorausdenken zu können, leichter zu lernen und empathischer zu sein, um besser auf die Mitmenschen eingehen zu können.
Was sich nach „sensibel, nur viel besser” anhört, bedeutet einen permanenten Balanceakt für die mit diesen Fähigkeiten ausgestatteten Menschen.
Der fühlbare Unterschied von normal- und hochsensiblen Menschen
Ich möchte Dir ein Beispiel geben. Stelle Dir vor, Du gehst durch eine Fußgängerzone. Es ist nicht so voll und während Du zügig an den Geschäften vorbeigehst, registrierst Du Folgendes:
Der Bäcker hat Brötchen im Angebot.
Der Schuhhändler dekoriert das Schaufenster gerade neu.
Der Bekleidungsladen macht einen Räumungsverkauf.
Geht eine hochsensible Person die gleiche Strecke in der gleichen Geschwindigkeit, nimmt sie – ohne die Möglichkeit es abzustellen – wesentlich mehr Informationen auf:
Der Bäcker hat Brötchen im Angebot: Drei Körnerbrötchen oder sechs Normale. Im Laden ist viel los, acht Personen stehen in der Schlange und die sechs Tische sind fast vollständig besetzt. Eine Verkäuferin und ein Verkäufer stehen hinter der Theke, während eine weitere Verkäuferin gerade ein Tablet mit zwei Sahnetorten, einem Kaffee und einem Latte Macchiato an den vorletzten Tisch bringt.
Beim Schuhhändler wird das Schaufenster gerade neu dekoriert. Zwei Drittel der Fläche sind schon in den neuen Frühjahrsfarben mit schönen Blüten und Kunstrasen gestaltet und 17 Schuhmodelle stehen bereits mit Preisen versehen an der richtigen Stelle. Die Dekorateurin steht auf weißen Socken im Fenster. Sie trägt eine weiße Jeans, ein rotes Langarmshirt und eine Holzkette. Ihre Kurzhaarfrisur hat blonde Strähnchen und ihre moderne Brille hat weiße Bügel.
Der Bekleidungsladen macht einen Räumungsverkauf. Der anstehende Umbau geht in 10 Tagen los, daher gibt es noch verschiedene Angebote. Die Bekleidungsständer sind mit „ab 19,95 Euro“, „ab 34,95 Euro“ und „ab 49,90 Euro“ bepreist. Eine Verkäuferin sortiert im Eingangsbereich anprobierte Ware wieder richtig ein. Zwei Frauen und ein Mann suchen gerade nach Oberteilen, ein kleines Kind ist völlig genervt und streitet sich mit seiner Mutter.
Das waren nur die visuellen Reize … es sind längst nicht alle Eindrücke, die ein hochsensibler Mensch auf einer Strecke von ca. 30 Metern wahrnimmt. Über die anderen Sinne werden weitere Reize in den Menschen befördert, die ebenfalls um ein Vielfaches höher sein können als bei einem normal-sensiblen Menschen: die Gesprächsfetzen der Mitmenschen, unterschiedlichen Gerüche und sogar Rempler sorgen für einen weiteren Zustrom von Informationen.
Das Gehirn wird quasi damit überflutet und versucht permanent, alles in geordnete Bahnen zu lenken, um die korrekte Verarbeitung sicherzustellen. Eine Selektion von „wichtig” und „unwichtig”, wie sie bei Normal-Sensiblen üblich ist, findet an dieser Stelle nicht oder nur in geringem Maße statt.
Die Auswirkungen
Das Gehirn wird ständig gefordert und hat einen dementsprechend hohen Energiebedarf. Der Körper macht mit, so gut er kann, doch irgendwann geht nichts mehr. Rückzug ist angesagt, es passen keine weiteren Reize mehr hinein. Ab ins Bett, Decke über den Kopf und hoffen, dass die Eingangsklingel vom Laden auf der anderen Straßenseite nicht permanent läutet. „Bitte, lass es im Haus jetzt still sein …“.
Kannst Du Dir vorstellen, wie krass es einem hochsensiblen Menschen in einem vollen, engen Bus mit Schulkindern, auf einer großen Veranstaltung mit vielen Menschen inklusive unterschiedlichster Stimmungslagen oder in einem Geschäftsmeeting gehen muss, in dem einer den anderen zu übertrumpfen versucht?
Will sich die hochsensible Person zurückziehen, weil das (Informations-)Maß wieder voll ist, sieht sie sich Kommentaren wie „Du kannst doch nicht schon müde sein!”, „Nie bleibst du bis zum Schluss!” oder „Stell Dich nicht so an!” ausgesetzt. Dann folgt die Überlegung, ob eine Rechtfertigung hilfreich ist oder nicht. Nur wenige können nachvollziehen, wie wichtig dieser Rückzug ist.
Der direkte Kontakt mit Menschen
Im persönlichen Kontakt mit Menschen werden nicht nur die visuellen und auditiven Impulse aufgenommen, auch olfaktorische und taktile Daten werden per Nase und Tastsinn übermittelt. Hochsensible in auch in der Lage, die tieferen Schichten, Themen und Probleme ihrer Mitmenschen wahrzunehmen.
Hochsensibilität bringt Klarheit!
Ein Beispiel: Ein Hochsensibler kann ziemlich genau zuordnen, warum ein Gesprächspartner gerade laut wird. Er erkennt häufig den eigentlichen Beweggrund und könnte diesen benennen.
Zusammenhänge erschließen sich ihm wesentlich schneller und mit größerer Klarheit, egal ob es um Lösungen für Projekte geht oder die Gruppendynamik in einem Team. Das klingt nach einem Vorteil, aber es wirft direkt ein neues Problem auf.
Der Nachteil der Klarheit!
Ein hochsensibler Mensch hat oft sofort eine Idee zur Problemlösung parat, doch damit stößt er nur selten auf Gegenliebe. Der normal-sensible Mensch fühlt sich eher überrumpelt und vorgeführt. Aus dieser Gefühlslage fällt es ihm schwer, den Lösungsvorschlag (dankbar) anzunehmen. Ob aus persönlicher Betroffenheit, persönlichem Neid oder persönlicher Angst: Es gibt nicht viele Menschen, die an dieser Stelle anders reagieren, wobei es im privaten und freundschaftlichen Umfeld vermutlich anders aussieht.
Weltmeister im Balancieren
Es ist für die Betroffenen – oder für die mit dieser Fähigkeit gesegneten Menschen – zumeist ein Balanceakt. Menschen, die hochsensibel sind, können Projekte und ihre Mitmenschen wirklich schnell voranbringen, wenn das Umfeld frei von persönlichen Befindlichkeiten ist und man gemeinsam vorankommen möchte.
Hochsensible können schlecht nachvollziehen, dass ein normal-sensibler Mensch bestimmte Zusammenhänge nicht erkennen kann und verzweifeln daran, dass „unlogisch” agiert wird oder extreme Umwege in Kauf genommen werden, um zu einer Lösung zu gelangen, die er schon lange absehen konnte.
Das ständige Einschätzen der besten Herangehensweise ist anstrengend. Die negativen Reaktionen machen den Grat, auf dem man sich bewegt, sehr schmal und „gefährlich”. Immer auf der Hut zu sein, immer mit Gegenwehr, Unverständnis und Neid kämpfen zu müssen, und dass bei all der Langsamkeit der Umwelt, wo es so einfach gehen könnte. Spaß macht das vermutlich nicht.
Hinweis
Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass sich die Fähigkeiten bei jedem hochsensiblen Menschen anders darstellen können. Während meine Darstellung übergreifend ist, haben Hochsensible meist Schwerpunkte im sensorischen, emotionalen oder kognitiven Bereich.
Fazit
Aus der Hochsensibilität resultieren viele positive Aspekte. Wer es schafft, das Beste aus seinen Fähigkeiten zu machen, diese in seine Tätigkeit mit Erfolg und Wertschätzung einbringen darf und die Nachteile minimieren kann, ist auf dem Weg, ein Weltmeister im Balancieren zu werden.
Herzliche Grüße
Deine Helga Ranft
Die Autorin: Helga Ranft, Inhaberin von Echter leben
Kommunikation im zwischenmenschlichen Erleben und Persönlichkeitsentwicklung sind die Lieblingsthemen von Helga Ranft. Sie hält Vorträge, Seminare und Workshops zu verschiedenen Themen, die im Alltag präsent sind, wie z. B. Durchsetzungsstärke, „Nein.“ sagen, Hochsensibilität, stressfreie Beziehungen und bietet Systemische Aufstellungen an.
Fragen zum Beitragsthema werden im Impulsvortrag „Hochsensibilität – eine Gratwanderung!” beantwortet und erste Lösungswege aufgezeigt. Die Termine findest Du auf der Website.
Kontaktdaten:
Echter leben Inh. Helga Ranft Obermarkstr. 17a 44267 Dortmund