Zwischen Handlungsfähigkeit und Realität: Daria, die selbstbestimmte Sexworkerin

Zwischen Handlungsfähigkeit und Realität: Daria, die selbstbestimmte Sexworkerin

Sexworkerin ist einer dieser Berufe, über die viel gesprochen wird – aber selten mit den Frauen selbst. Es ist eine Parallelwelt, die häufig mit Bildern aus Filmen bestückt werden. Sex als Dienstleistung anzubieten, ist nicht für alle vorstellbar.

Die ZDF-Dokumentation über Daria, eine selbstbestimmte Sexworkerin, versucht genau das zu ändern: hinschauen, zuhören, verstehen. Und sie zeigt, wie vielschichtig das Leben im Rotlichtmilieu wirklich ist.

Wer ist Daria – und warum dieser Job?

Daria ist eine staatlich anerkannte Erzieherin mit einer heilpädagogischen Zusatzausbildung und hat 16 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Bis ihr klar wurde, dass sie den Kindern und deren Bedürfnissen nicht mehr gerecht werden und den Beruf auch nicht bis zur Rente ausüben kann. Dann hat sie angefangen, als Domina zu arbeiten.

Heute arbeitet Daria als Sexworkerin. Sie begleitet Menschen mit Behinderung als sogenannte Sexualbegleiterin, bietet Massagen, aber auch Paar- und Berührungscoachings und BDSM-Sessions an. Alles in allem eine riesige Bandbreite.

Sie hat sich bewusst für diesen Weg entschieden und beschreibt ihre Arbeit als selbstbestimmt – ein Begriff, der in diesem Kontext oft diskutiert wird. Was bei ihr sofort auffällt: Sie spricht offen über ihre Motivation. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Nähe, um zwischenmenschliche Begegnungen und darum, Menschen etwas zu geben, das in unserer Gesellschaft oft tabuisiert wird – Nähe und Geborgenheit.

Zu ihr kommen Frauen, Paare, Männer. Paare, die etwas gemeinsam erleben wollen, oder wo ein Partner:in von Daria lernen will, damit er/sie besser mit der Sexualität der Partner:in spielen kann. Gleichzeitig wird Daria auch immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Sexarbeit wird schnell verurteilt, moralisch bewertet oder als Ausbeutung betrachtet. Die Doku zeigt, wie sie damit umgeht: reflektiert, selbstbewusst und durchaus kämpferisch.

Selbstbestimmt – aber nicht selbstverständlich

Der Begriff „selbstbestimmte Sexarbeit“ klingt stark – und ist es auch. Dennoch ist das für die wenigsten im Milieu Tätigen Realität. In Deutschland arbeiten schätzungsweise hunderttausende Menschen in der Sexarbeit, nicht alle sind offiziell registriert. Dabei gibt es seit 2017 das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG). Es soll das Selbstbestimmungsrecht von Prostituierten stärken, Arbeitsbedingungen verbessern und Kriminalität wie Menschenhandel bekämpfen. Dadurch wurde eine Anmeldepflicht für Prostituierte (mit verpflichtender Beratung) und eine Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten eingeführt.

Während Daria ihren Beruf bewusst gewählt hat, zeigen andere Beispiele eine ganz andere Seite. Einige Frauen berichten von massiven Abhängigkeiten, wirtschaftlichem Druck oder sogar Zwang. Eine ehemalige Prostituierte beschreibt den Job als „schlimmsten Job“, den sie je gemacht habe.

Vielen Behörden, Institutionen und Vereinen ist die Sexarbeit ein Dorn im Auge und sollte am besten verschwinden. Sie plädieren für ein Sex-Kauf-Verbot, das heißt, jegliche Art der Sexarbeit sollte verschwinden. Das würde sie in die Illegalität drängen und nur noch mehr schwierige Situationen für die Sexarbeiterinnen mit sich bringen.

Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Es gibt sie leider nicht – die eine Wahrheit.

Ein Blick hinter die Kulissen: Wie vielfältig Sexarbeit ist

Wer an Sexarbeit denkt, hat oft ein sehr klischeehaftes Bild im Kopf. Doch das Rotlichtmilieu ist deutlich vielfältiger. Da ist zum Beispiel die Escort-Arbeit: Treffen in Hotels, oft mit Stammkunden, manchmal eher Gespräche als Sex. Für einige Frauen bedeutet das mehr Kontrolle über Zeit, Preise und Auswahl der Kunden.

Dann gibt es Dominas, die mit Machtspielen und Fetischen arbeiten – ein Bereich, der oft weniger mit klassischem Sex zu tun hat, sondern mit Inszenierung, Psychologie und klaren Regeln.

Und schließlich der Straßenstrich: die wohl härteste Form der Sexarbeit. Hier zeigt sich, wie eng das Thema mit Armut, Migration und sozialer Unsicherheit verknüpft ist. Frauen arbeiten unter prekären Bedingungen, oft ohne Absicherung für Leib und Leben.

Zwischen diesen Welten liegen oft nur wenige Kilometer – aber Welten an Lebensrealität.

Spannend ist der Punkt, den Daria anspricht: Sexarbeit ist nicht nur körperlich. Viele Kunden suchen Gespräche, Bestätigung oder einfach Nähe. Gerade in einer Gesellschaft, in der Einsamkeit und Unverbindlichkeit in der Partnerschaft zunimmt, wird Sexarbeit für manche zu einer Art emotionalem Ventil.

Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeit einfach ist. Im Gegenteil: Sie erfordert ein hohes Maß an emotionaler Abgrenzung, Selbstkenntnis und manchmal auch psychischer Stärke.

Was alle Formen der Sexarbeit verbindet, ist das Stigma.

Viele Sexworkerinnen führen ein Doppelleben, sprechen nicht offen über ihren Beruf – aus Angst vor Ausgrenzung. Selbstbestimmung hört meist dort auf, wo gesellschaftliche Akzeptanz fehlt. Gleichzeitig gibt es in der Szene auch ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung von außen: als Dienstleistung, als Arbeit, als Teil einer pluralen Gesellschaft.

Und was bleibt?

Die Geschichte von Daria zu einem Thema unseres Magazins zu machen, war uns wichtig. Sie gehört zu den Tabu-Themen, die wir immer wieder aufgreifen. Die ZDF-Dokumentation macht eine Perspektive sichtbar, die oft untergeht: Sexarbeit ist weder nur Ausbeutung noch nur Freiheit. Sie ist ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse – mit all ihren Widersprüchen.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Dass wir genauer hinschauen müssen. Und vor allem hinhören.

Mich hat diese Dokumentation berührt, gefesselt.

Stolz zu sein auf ihre eigene Arbeit, obwohl sie dafür stigmatisiert wird, das ist Stärke – das ist Daria.

Unsere Empfehlung: wenn Du mehr über Sexarbeit wissen willst, schau Dir unbedingt diese Sendung an und lies unsere bisherigen Beiträge zum Thema.

Deine Iris


Unsere Beiträge zu dem Thema Sexarbeit

Mitternachtsmission Teil 1: Hilfe und Beratung von Sexarbeiter:innen
Mitternachtsmission Teil 2: Hilfe für die Opfer von Menschenhandel
OnlyFans und der Wiener Tourismus

Quellen

ZDF-Dokumentation: „Daria, die selbstbestimmte Sexworkerin“ (verfügbar bis 27.03.2027)
Fernsehserien.de: Inhaltsbeschreibung zur Folge über Daria
ZDF/Online-Beiträge zu Sexarbeit und Zahlen in der Beschreibung
ZDF-Dokumentation 37 Grad Leben: „Ich war Prostituierte“ (verfügbar bis 20.10.2029)
taz.de: Reportage über Sexarbeit auf dem Straßenstrich

Generation Tragekind vs. Sprachentwicklung

Generation Tragekind vs. Sprachentwicklung

Warum dein Kind die Welt nicht auf deinem Arm, sondern auf eigenen Füßen entdeckt

Wenn dein Kind stolpert oder versucht aufzustehen, ist dein erster Impuls wahrscheinlich, es schnell hochzunehmen. Das ist völlig verständlich. Schließlich möchtest du dein Kind schützen.

Nähe, Sicherheit und körperlicher Kontakt sind für Kinder enorm wichtig. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch etwas anderes: die Möglichkeit, ihre Umwelt selbst zu entdecken. Krabbeln, Aufstehen, Hinfallen und Wiederaufstehen gehören zu den wichtigsten Lernprozessen in der frühen Kindheit.

Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass selbstständige Bewegung eine zentrale Rolle für die gesamte Entwicklung eines Kindes spielt (Adolph & Hoch, 2019).

Bewegung ist Gehirntraining

In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn besonders schnell. Neue Nervenverbindungen entstehen vor allem durch aktive Bewegung und Sinneserfahrungen. Wenn dein Kind krabbelt, greift, sich hochzieht oder läuft, trainiert es gleichzeitig mehrere wichtige Systeme:

  • Gleichgewicht
  • Koordination
  • Muskelkraft
  • räumliche Orientierung
  • Körperwahrnehmung

Bewegung aktiviert dabei auch das vestibuläre System im Innenohr, das für Gleichgewicht und Orientierung im Raum zuständig ist. Gleichzeitig werden Propriozeptoren in Muskeln und Gelenken aktiviert. Diese Rezeptoren liefern dem Gehirn Informationen darüber, wie sich der Körper im Raum bewegt. Diese Prozesse sind entscheidend für motorisches Lernen und neurologische Entwicklung eines Kindes (Thelen & Smith, 1994).

Warum Bewegung auch Sprache fördert

Motorische Entwicklung und Sprachentwicklung sind enger miteinander verbunden, als viele Eltern vermuten. Der Zusammenhang wird in Studien deutlich belegt (Iverson, 2010).

Bewegungslernen aktiviert besonders stark das Kleinhirn (Cerebellum), das für Koordination und motorisches Lernen zuständig ist. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass dieses Hirnareal auch an kognitiven Prozessen beteiligt ist.

Auch im Frontallappen, insbesondere im sogenannten Broca-Areal, liegen Zentren für Bewegungsplanung und Sprachproduktion räumlich nah beieinander.

Wenn dein Kind seine Umwelt aktiv erkundet, entstehen außerdem viele Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit. In der Entwicklungsforschung spricht man hier von Joint Attention, einem wichtigen Baustein des Spracherwerbs (Tomasello, 2003).

Wenn Bewegung zu kurz kommt

Im Alltag verbringen Kinder heute häufig viel Zeit in Kinderwagen, Autositzen, Wippen oder anderen Sitzsystemen. Diese sind praktisch und manchmal auch notwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn freie Bewegung dadurch dauerhaft zu kurz kommt. Das kann sich auf verschiedene Entwicklungsbereiche auswirken.

Verzögerte motorische Entwicklung

Kinder lernen möglicherweise später:

  • krabbeln
  • stehen
  • laufen
  • Gleichgewicht halten

Schwächere Muskulatur

Zu wenig Bewegung kann zu

  • schwächerer Rumpfmuskulatur
  • Haltungsschwächen
  • Koordinationsproblemen

führen.

Verzögerte Sprachentwicklung

Da Bewegung und Kommunikation eng zusammenhängen, kann sich auch der Spracherwerb langsamer entfalten.

Unsicherheit bei Bewegungen

Kinder mit wenig Bewegungserfahrung wirken oft unsicher beim Laufen oder Stolpern häufiger. Auch internationale Gesundheitsorganisationen betonen die Bedeutung regelmäßiger Bewegung bereits im frühen Kindesalter (WHO, 2019).

Warum dein Kind auch fallen darf

Viele Eltern versuchen verständlicherweise, jeden Sturz zu verhindern. Doch kleine Stürze gehören zur Entwicklung. Durch Versuch und Irrtum lernt dein Kind:

  • seinen Körper zu kontrollieren
  • Gleichgewicht zu halten
  • Bewegungen einzuschätzen
  • Selbstvertrauen aufzubauen

Eine sichere Umgebung, in der sich dein Kind ausprobieren darf, ist deshalb wichtiger als die vollständige Risikovermeidung.

5 Dinge, die dein Kind täglich für seine Entwicklung braucht

1. Bodenzeit
Dein Kind sollte täglich ausreichend Zeit haben, sich frei auf dem Boden zu bewegen.

2. Bewegungsfreiheit
Vermeide zu lange Zeiten in Wippen oder Sitzen.

3. Sichere Umgebung
Eine sichere Umgebung ermöglicht deinem Kind, Bewegungen selbst auszuprobieren und seinen Körper zu erfahren.

4. Ermutigung statt Übervorsicht
Begleite dein Kind beim Ausprobieren, ohne jede Bewegung sofort zu korrigieren.

5. Gemeinsames Spielen
Bewegung und Kommunikation entstehen besonders gut im gemeinsamen Spiel.

Fazit

Kinder brauchen Nähe und Geborgenheit. Gleichzeitig brauchen sie Raum, um sich zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln. Wenn dein Kind krabbelt, aufsteht, fällt und wieder aufsteht, lernt es mehr über seinen Körper und seine Umwelt als auf jedem Arm der Welt.

Oder anders gesagt:
Kinder lernen die Welt nicht auf dem Arm kennen – sondern auf ihren eigenen Füßen.


Der Autor: Benjamin Krupitza, Physiotherapeut

Benjamin Krupitza ist Physiotherapeut und Inhaber der Praxis Neokinetik in Gaggenau.

Sein Schwerpunkt liegt auf neurologischer Rehabilitation, funktioneller Therapie.

Kontakt

Benjamin Krupitza
Neokinetik – Praxis für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie
Landstraße 4
76571 Gaggenau

Telefon: 07224-6582501

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Quellen

Adolph, K. E., & Hoch, J. E. (2019).

Motor development: Embodied, embedded, enculturated, and enabling.

Annual Review of Psychology.

Iverson, J. M. (2010).

Developing language in a developing body: The relationship between motor development and language development.

Journal of Child Language.

Tomasello, M. (2003).

Constructing a Language: A Usage-Based Theory of Language Acquisition.

Harvard University Press.

Thelen, E., & Smith, L. (1994).

A Dynamic Systems Approach to the Development of Cognition and Action.

MIT Press.

World Health Organization (2019).

Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age.

Freie Atmung für starke Stimme und Resilienz

Freie Atmung für starke Stimme und Resilienz

Atmen ist mehr als nur Luftholen: Bewusstes Atmen löst viele Prozesse im Körper aus – von denen es gut wäre, sie zu kennen. Wir atmen circa 21.000 mal am Tag, ohne es bewusst zu steuern: das ist schade!

Bewusste Atemführung mit Bauch und Beckenboden

Der Atemvorgang ist so wichtig und komplex. Ohne Atem leben wir nicht lange. Wir können drei Wochen ohne Essen, drei Tage ohne Trinken, aber antrainiert nur etwa drei Minuten (trainiert bis zu zehn Minuten) ohne Sauerstoff überleben. Wir atmen so oft und doch ist uns meistens nicht bewusst, wie wir es machen und wie es optimal wäre.

Die Frage ist: Schaffen wir die optimalen Voraussetzungen, damit unser Atem frei fließen kann? Nehmen wir die optimale Haltung ein, um effektiv zu atmen? Im stressigen Alltag meistens nicht. Müssen wir erst krank werden, bevor wir die Wirkkraft unseres Atems schätzen können?

Schlau sein – die Verbindung zwischen Körper, Spannung, Stress kennen

Es ist schlau, zu wissen, wie wir ticken. Wenn die Effektivität unseres Sauerstofftransfers zunimmt, passiert Folgendes:

  • Muskeln arbeiten effizienter – egal ob beim Leistungssport oder beim Treppensteigen mit 50+.
  • Der Fokus wird schärfer, wir sind in anderen Gehirnregionen unterwegs und können anders denken.
  • Wenn wir ausatmen, wird langfristig unsere Stresshormonproduktion gestoppt. Das für sich ist schon unglaublich:
  • Wir können Spannung bewusst dort platzieren, wo sie uns stärkt, statt sie unbewusst (und ggf. schmerzhaft) im Nacken, im Kiefer oder im Schulterbereich zu „parken“.

Es geht darum, dass wir uns selbst gut und gesund einstellen und bewusst führen können. Auch in einem Bereich, den wir Frauen oft stiefmütterlich behandeln: unserem Bauch und noch tiefer gelegen – unserem Beckenboden.

Den Bauch lösen – Das Schönheitsideal loslassen

Meistens mögen wir unseren Bauch nicht – leider! „Bauch rein, Brust raus“ ist ein Spruch von früher. Doch hier liegt die Gefahr: Um optimal zu atmen, müssen wir den Bauch bewegen. Wenn wir einatmen, will und muss sich unser Zwerchfell ausdehnen. Dafür brauchen wir weiche und durchlässige Muskulatur. Ein weicher, durchlässiger Bauch ist kein Makel, sondern auch eine Grundvoraussetzung für klares Atmen – eine stabile Rückenmuskulatur als Gegenpol ist dafür genauso wichtig und notwendig.

Wichtig ist die Richtung:
Wenn wir einen Luftballon zusammendrücken, entweicht die Luft. Genau das macht unsere Bauchmuskulatur beim Ausatmen:
Wenn der Bauch nach innen geht oder wir ihn bewusst einziehen, entweicht die Luft nach oben und draußen – ohne dass sich die Schultern mitbewegen.
Der Merksatz ist immer wieder: Bauch rein = Luft raus!

Wenn wir unter Stress stehen, übernimmt unser „Steinzeitgehirn“ die Organisation innerer Abläufe. Es will uns retten und schaltet auf Alarm. Die Atmung bewegt sich plötzlich in die gegengesetzte Richtung und wird plötzlich paradox:
Wir ziehen den Bauch beim Einatmen ein. Damit verkleinern wir den inneren Raum, in dem neue Luft sich ausbreiten sollte. Das verschiebt den Schwerpunkt nach oben, begrenzt die Lungenbeweglichkeit, hebt damit den Kehlkopf und unsere Stimme wird eng. Das ist vom Körper gut gemeint, um uns beweglich und handlungsfähig zu halten, aber auf Kosten unserer Substanz. Wir sind in Daueranspannung, haben einen erhöhten Cortisolspiegel und schwächen damit unseren Körper langfristig – wenn dieser Zustand nicht bewusst aufgeflöst wird.

Um das zu ändern, gehen wir „tief“!

Team-Work: Zwerchfell und Beckenboden

Zwerchfell und Beckenboden sind ein eingespieltes Duo. Sie sind ähnlich als horizontale Muskel-Ebenen im Körper angelegt, reagieren aufeinander und wir können beeinflussen, wo wir gezielt positive Spannung ansetzen. Das braucht Training, Zeit und Geduld. Eine Ebene höher liegen die Stimmbänder, die ein Teil der Stimmlippen sind, ebenfalls auf der horizontalen Ebene.

Wenn wir Atmung und Beckenbodenspannung bewusst kombinieren können, wirkt sich das sogar auf unsere Stimme und den Stimmklang positiv aus. Und so geht das:

  • Beim Ausatmen:
    Wir ziehen bewusst den Beckenboden nach oben – diese Anspannung zu fühlen und regulieren zu können, ist trainierbar. Zur Unterstützung atmen wir dabei aus und ziehen den unteren Bauch mit ein. Diese Bewegung können wir bald als Einheit trainieren.
    WICHTIG: Zunge, Unterkiefer und Nacken trennen wir von dieser Bewegung, damit sie locker bleiben können. Wir bestehen aus Muskelketten, d. h. eine Bewegung strahlt weit bis in andere Körperbereiche aus.
  • Beim Einatmen:
    Wir lösen die Spannung im Bauch, lassen sich den Bauch nach vorne ausweiten, atmen dabei ein. Das Zwerchfell senkt sich ab, Beckenbodenspannung lösen wir auf, so dass er sich etwas – und nicht ganz – nach unten absenken kann. Diese Intensität dosieren zu können, ist richtig gut!

Im Zwerchfell sind Traumata gespeichert. D. h. wenn wir diese Bereiche plötzlich wieder neu und auch intensiver bewegen, können alte Gefühle frei werden. Also wir sind vorsichtig – in guter Dosierung und achtsamer Führung!

Sich „in diesen Tiefen“ zu bewegen, hat viel mit „gefühltem“ Vertrauen zu tun – mit dem Lockerlassen und Bewegen im Intimbereich lösen wir auch eine Art Schutzmechanismus und können uns dadurch verletzlich und verletzbar fühlen. Das kann sich als Kontrollverlust bemerkbar machen und schlimm anfühlen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Gefühl der Ohnmacht und dem bewussten Loslassen, um sich sicher und selbstbewusst zu fühlen:
„Kontrollierter Kontrollverlust“ ist schlau! Ich werde mir meiner Kraft und meiner Selbst-Bestimmung bewusst. Denn ich bestimme, ob ich Bewegungen initiiere oder stoppe, wenn aufkommende Gefühle oder Erinnerungen zu intensiv werden.

ÜBUNGEN für Veränderungen                              

1. Der Ball im Bauch:
    Bauch-Atmung in die richtige Richtung

Beide Hände liegen tief auf dem Unterbauch, die Fingerspitzen positionieren wir dabei am besten auf die Schambeinmuskulatur, ein paar Zentimeter über dem Schambeinknochen, den man sehr gut fühlen kann: damit wird der Bezug zum Beckenboden leichter wahrnehmbar.

  • Wir nehmen den oben beschriebenen Bewegungsablauf des Atmens (beim Ausatmen – beim Einatmen) zur Grundlage. Als Hilfe stellen wir uns vor, im Unterbauch liegt ein weicher Ball.
    Wir schieben mit Händen und Fingern den Bauch nach innen – wie bei einem Luftballon entweicht dadurch die Luft:
    Das ist die richtige Richtung – BAUCH REIN = LUFT RAUS!
    Es ist schlau, täglich immer wieder hinzuspüren, wahrzunehmen, zu erkennen und uns zu regulieren.

2. Die Zehen steuern mit:
    wir bestehen aus Muskelketten

Wir stehen auf einem langflorigen Teppich, einem weichen Kissen oder auf Yoga-Blöcken (mit den Zehen in der Luft).

  • Wir rollen die Zehen nach innen ein und atmen aus.
  • Wir kippen das untere Becken mit nach vorne oben und rollen den Rücken ein. Damit unterstützen wir die Reaktion unserer Muskelketten – der Beckenboden wird mit aktiviert, sich anzuspannen.
    WIEDER WICHTIG: Kiefer und Zunge locker lassen. Dafür hilft es, bewusst die Zungenspitze leicht an die unteren Schneidezähne zu legen und dort zu lassen.
  • Beim Einatmen lösen wir die Spannung im Bauch auf, kippen im Becken zurück in eine Art Hohlkreuz und strecken die Zehen nach vorne und öffnen den Mund sehr weit.
  • Das Einrollen und Ausstrecken der Zehen im Wechsel, reguliert sehr gut und schnell.

3. Lippenbremse kommt dazu

Wenn wir noch eine weitere Ebene mitnehmen wollen, kombinieren wir die Bewegungen aus Übung 1 und 2 mit bewusster Formung der Lippen. Ist uns bewusst, dass wir Lippen – Stimmlippen – und Schamlippen besitzen, die ähnlich agieren – wie im Bild als Linien zu sehen?

Das gleichzeitige Anziehen von Lippen kann sofort die Bewegung der Schamlippen im Beckenboden unterstützen.

  • Lippen zusammenkräuseln und ausatmen. Die Ausatmenluft wird dadurch verlangsamt und wir können die Spannung besser in Bauch und Beckenboden bündeln.
  • Als Gegenpol, um die Anspannung in der Lippenmuskulatur wieder zu lösen, beim Einatmen den Mund weit öffnen, Bauch rausstrecken.
  • Jetzt führen wir uns auf drei Ebenen gleichzeitig: Lippen – Schamlippen im Beckenboden und Zehen: das stärkt unsere Resilienz!

Deshalb ist es ein so wichtiger Schritt zur Selbstführung: sich selbst fühlen zu können.

Bevor wir Körperteile bzw. Muskeln isoliert bewegen können, müssen wir sie wahrnehmen, also spüren und gezielt fühlen. Im Alltag ist das die eigentliche Kunst: sich selbst fühlen als auch führen zu können.

Und wenn uns das gelingt, können wir bestimmen, in welchen Bereichen wir Spannung aufbauen und in welchen Bereichen wir Spannung bewusst auflösen möchten.
Das ist oft herausfordernd – doch wir bleiben dran, es immer wieder zu üben. Denn positive Veränderung wirkt sofort!

Also:
Viel neugierige – und vielleicht auch ein bisschen verrückte – Freude beim Ausprobieren!

Deine Claudia


Die Autorin: Claudia Duschner, STIMMSTUDIO Mülheim an der Ruhr

Präsentations- und Stimmtraining, Sopranistin, Germanistin, mit 30 Jahren Erfahrung in Kultur, Bildung, Lehre, Gesundheit, Wirtschaft, Politik.

Sie blickt auf über drei Jahrzehnte Erfahrung in der Arbeit mit Menschen zurück. In dieser Zeit hat sie unzählige Stimmen gefördert, Potenziale entfaltet und Menschen dahin begleitet, ihre individuelle Ausdruckskraft zu stärken – mit Vorträgen, Seminaren und Einzeltrainings, national und international.

Claudia Duschner
StimmStudio Mülheim an der Ruhr
Duisburger Str. 276
45478 Mülheim an der Ruhr
Tel. 0208 – 69 89 811

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Kommende Webinar-Reihe für Frauen – 3-teilig:
VOM WAS UND WIE – unserer Haltung. unserer Worte. unserer Wirkung!

Mit Elke Gulden, Bewegungs- und Humor-Expertin und Claudia Duschner, Stimm- und Präsentations-Expertin am 07.05.2026 + 02.06.2026 + 01.07.2026, jeweils 18:30 – 20:00 Uhr
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Unbekannte Heldinnen: Wunderkind Maria Anna „Nannerl“ Mozart

Unbekannte Heldinnen: Wunderkind Maria Anna „Nannerl“ Mozart

Das 18. Jahrhundert war kein Zeitalter, in dem sich Frauen frei entwickeln durften. Sie hatten Hausfrau und Mutter zu sein und ihrem Ehemann zu gehorchen. Bestimmte Instrumente, wie z. B. Orgel oder Cello, waren für sie tabu. Dabei hätten sie die Beine spreizen müssen und das galt höchst unsittlich. Auch eine Anstellung als Musikerin wäre undenkbar gewesen, und das nicht nur, weil die Kirche der Hauptarbeitgeber für Musiker war. Nur in der Abgeschiedenheit eines Nonnenklosters durften Frauen auch Komponistinnen sein, alle Instrumente spielen und eigene Stücke zu Gehör bringen.

Der Film „Mozart’s Schwester“ ist eine GEO-Filmdokumentation, die im November 2024 ihre Europapremiere in Salzburg feierte.

Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, von der Familie liebevoll „Nannerl“ genannt, wurde am 30. Juli 1751 in Salzburg geboren, ihr berühmter Bruder Wolfgang Amadeus folgte 5 Jahre später. Die beiden wurden von ihrem Vater, dem Geiger und späteren Vizekapellmeister, Leopold Mozart zu Hause unterrichtet. Sie erhielten eine gute Allgemeinbildung und die gleiche musikalische Ausbildung, in der sich das Talent der beiden Kinder schnell zeigte. Als sie 8 Jahre alt war, erhielt Maria Anna von ihrem Vater ein Notenbuch, dass sie zum Üben inspirierte und Stücke enthielt, mit denen sie zugleich ihre Fingerfertigkeit trainieren konnte. Ihr Bruder eiferte ihr schon mit 5 Jahren nach und konnte bereits zu diesem Zeitpunkt erste Stücke aus dem Notenbuch spielen, das bis heute als „Nannerl-Buch“ bekannt ist.

Der Vater wollte seine beiden Wunderkinder bekannt machen, ihre Karrieren fördern und organisierte 1762 eine erste Tournee nach Wien und München. Nannerl und Wolfgang Amadeus spielten im Alter von 10 und 6 Jahren zum ersten Mal vor dem Königspaar in Wien. Dieses Konzert brachte der Familie mehr Geld ein, als der Jahresverdienst des Vaters und sicherte so den Unterhalt der Familie. Die nächste Tournee sollte durch Europa gehen und insgesamt drei Jahre dauern, sie endete 1766 in London. Für die beiden Kinder war das eine aufregende Zeit, in der sie Sehenswürdigkeiten bestaunen und großartige Musiker kennenlernen konnten, auch wenn die langen Reisen in der Kutsche sehr beschwerlich waren. Nannerl hielt ihre Erinnerungen in einer Art Tagebuch fest und entwickelte in dieser Zeit ihre Fähigkeiten und ihr Talent weiter. Sie wurde mit viel Aufmerksamkeit bedacht, dennoch stand meist ihr kleiner Bruder im Mittelpunkt, war er doch 5 Jahre jünger.

Sie war 15 Jahre alt, als sie aus London wieder in Salzburg eintrafen – und damit galt sie als Erwachsene, die nicht mehr als Pianistin auftreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich die Gleichbehandlung der beiden Kinder, die der Vater stets praktiziert hatte. Fortan durfte nur noch Wolfgang Amadeus auf Tournee gehen. Die gesellschaftlichen Zwänge im Zeitalter der Vernunft (die ausschließlich den Männern zugeordnet war) ließen nichts anderes zu. Nannerl wurde von ihrer Mutter zu einer guten Hausfrau und Mutter ausgebildet. Sie muss sehr frustriert gewesen sein, denn ihr Tagebuch enthielt ab diesem Zeitpunkt nur noch Notizen über das Wetter. Sie nutzte die Musik als Ventil, spielte weiterhin für Bekannte, gab Klavierunterricht und besserte so das Familieneinkommen auf.

Mit ihrem Bruder hielt sie stetigen Briefkontakt. Leider sind ihre Briefe nicht mehr aufzufinden, doch ein Teil ihrer Kompositionen wurde in den Nachrichten von ihrem Bruder gefunden, in denen er sie lobt und ermuntert, weitere Stück zu komponieren.

Während der gemeinsamen Zeit in Salzburg, als sie 22 und er 17 Jahre waren – schrieb Wolfgang ein Klavierstück für vier Hände, das sie gemeinsam spielen konnten und in dem ihre kunstvolle Virtuosität sehr gut zur Geltung kam. Als ihre Mutter und ihr Bruder auf Reisen waren, um eine Anstellung für ihn zu finden, kümmerte Nannerl sich um den väterlichen Haushalt. Mit 33 Jahren ließ sie sich auf eine Vernunftehe mit Freiherrn Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg ein. Sie zog zu ihm und seinen fünf Kindern nach Sankt Gilgen, ein Ort fernab kulturellen Lebens, an einem See gelegen, dessen feuchte Luft ihren Instrumenten schadete. Sie brachte drei eigene Kinder zur Welt und konnte sich dank der Bediensteten im Adelshaus, weiterhin täglich drei Stunden ihren Übungen und der Musik widmen. Auch wenn das keinen Menschen weit und breit interessierte. Nur für ihren Bruder blieb sie die Person, auf deren musikalisches Urteil er allergrößten Wert legte.

Nach dem Tod ihres Bruders im Jahr 1791 versorgt sie den Biografen und einen Verlag mit Erinnerungen aus der gemeinsamen Kindheit. 10 Jahre später starb ihr Mann und sie zog im Alter von 50 Jahren mit den Kindern nach Salzburg zurück. Sie war als Baronin finanziell abgesichert, nahm aber ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin und Pianistin wieder auf. Da sie jetzt den Status einer Witwe hatte, durfte sie wieder öffentlich auftreten und wurde erneut als großes Talent bewundert und gefeiert. In den Folgejahren wurde sie von vielen Menschen besucht, die Mozarts Schwester kennenlernen wollten. Mit 74 Jahren erblindete Nannerl und starb im Oktober 1829 an „Entkräftung“.

Mein persönliches Resümee

Die Filmdokumentation „Mozart’s Schwester“ hat mich sehr beeindruckt. Die Mischung der filmischen Darstellung mit Expertenaussagen von Musiker:innen, Historiker:innen und Wissenschaftler:innen, bietet einen spannenden Einblick in die Zeit, das Talent von Maria Anna Mozart und die damalige Rolle der Frau als Musikerin.

Und ich frage mich, ob sie in einer anderen Zeit bessere Bedingungen vorgefunden hätte? Ob sie ebenfalls so berühmt wie ihr Bruder hätte werden können.

Interessanter Fakt

Im Film berichtet Gabriella Di Laccio, Sopranistin, Gründerin und Direktorin der DONNE Foundation (The Global Voice for Women in Music) davon, wie sie neugierig geworden ist, weil sie viele Konzerte besucht hat, in denen nie Stücke von Komponistinnen gespielt wurden. Sie hat recherchiert und bei einer Befragung (2022/2023) der Top 110 Orchester in 30 Ländern kam heraus, dass immer noch 92% der Stücke im Orchesterrepertoire von Männern komponiert wurden – und 87% von toten Männern mit weißer Hautfarbe.
Immerhin – die Zahlen haben sich in der letzten Befragung schon positiv verändert, mehr dazu findest Du unter DONNE Foundation Research.  

Auch wenn der Film sehr sehenswert ist, es gibt ihn leider nur im kostenpflichtigen TV. Aber auf Youtube findest Du hingegen einiges zu Maria Anna Mozart. Solltest Du weitere Aspekte finden, teile sie gern im Kommentar.

Deine Helga

Verlinkungen:

GEO Filmdokumentation: „Mozart‘s Sister“ zu sehen auf RTL+ (kostenpflichtig)

Hintergrundinformationen zum Film und den Trailer

Website der Maria-Anna-Mozart-Gesellschaft Salzburg und die Maria Anna Mozart Kurzbiografie

Website DONNE Women in Music

Wikipedia: Maria Anna Mozart

Der Vollständigkeit halber:
Es gibt noch eine Serie in der ARD Mediathek: Mozart/Mozart: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“, doch die SWR Serien-Kritik ist so übel ausgefallen, dass ich das hier nicht verlinken mag.