Hass – wie kann man sich davon lösen?

Hass – wie kann man sich davon lösen?

Hass begegnet uns täglich: in sozialen Medien, auf der Straße, manchmal sogar im eigenen Umfeld. Er polarisiert, spaltet und hinterlässt Spuren – bei denen, die ihn verbreiten, und bei denen, die ihn erleben. Doch woher kommt dieser Hass? Warum scheint er in unserer Gesellschaft immer mehr Raum einzunehmen?

In der SWR Dokumentation „Tobi Krell – Wege aus dem Hass“ macht sich Fernsehreporter und -redakteur Tobi Krell auf den Weg, um der Entstehung von Hass auf den Grund zu gehen – und um Wege aufzuzeigen, wie man aus der Hassspirale aussteigen kann.

Er trifft Dominik Aigner, einen Kinderpsychologen, der sagt, dass Kinder noch nicht hassen können. Hass ist komplizierter als nur das Gefühl. Neben Affekten wie Wut, Zorn, Aggressivität und anderen Gemütszuständen passieren Dinge im Gehirn, die sich aber erst in der Pubertät entwickeln. Es ist eine Art Strategie, die eigenen unangenehmen Gefühle zu verarbeiten.

Hass kann Leben zerstören und die Menschen in der Doku wissen das. Lauren aus Toronto, die heute Menschen hilft, die aus der rechten Szene aussteigen wollen. Adnan, einen Stadtführer in Sarajewo, der Touristen die Geschichte des Bosnienkriegs nahebringt und ihn als Soldat erlebt hat. Und Any in Mexiko, die sich ihren schlimmen Kindheitserinnerungen gestellt hat und heute mit ihrer Tochter einen liebevollen Umgang hat. Sie alle machen sich für Aufklärung stark, indem sie ihre Geschichte teilen. Wie sie in den Hass reingerutscht, aber vor allem wie sie wieder herausgekommen sind.

Lauren, Mitte 30, Kanada

Lauren ist als Teenagerin in die Neonazi-Szene gekommen und hat viel Mist gebaut. Als ihr Vater, ihr bester Freund, unerwartet starb, zog sie sich zurück. Sie wusste nicht, wie sie mit ihrer Wut umgehen sollte. Die rechte Szene bot ihr ein Gefühl der Gemeinschaft, Verbindung und Zugehörigkeit. Menschen sind soziale Wesen, sie brauchen Gruppen für Sicherheit und Identität.

Sie wurde von ihren eigenen Leuten krankenhausreif getreten und erst da wird ihr bewusst, dass das keine Gemeinschaft ist. Um aus dem eigenen Hass aussteigen zu können, muss man eine andere emotionale „Heimat“ sehen. Lauren findet den Mut, wieder zu ihrer Familie zurückzukehren und stößt dabei auf offene Türen. Ihre Mutter hat erkannt, wie schnell der Hass eine Familie zerstören kann. Heute hilft sie Familien, die so hilflos sind, wie sie es damals auch war.

Adnan, Anfang 50, Sarajevo

Bosnien ist ein Vielvölkerstaat mit Bosniaken, Serben und Kroaten, die viele Jahre friedlich miteinander gelebt haben. In den 90-ern zerfiel Jugoslawien und aus ehemaligen Nachbarn wurden Feinde. Der Hass der Menschen ist bis heute geblieben, auch wenn der Krieg bereits seit 30 Jahren vorbei ist. Adnan wurde mit 19 Jahren Soldat und erlebte die Jahre der Belagerung von Sarajevo. Er wusste nicht, was es heißt Soldat zu sein, aber statt durch die Straßen zu ziehen und in Clubs zu tanzen, stand er mit einer Kalaschnikow an der Front – mit dem Auftrag, die Feinde zu töten. „Im Krieg versuchen sie, Dich in eine Gruppe zu zwängen und alle anderen sind Feinde, legitime Ziele. Das ist Nationalismus.“

Wenn man Teil einer Gruppe ist, werden Vorstellungen, Ideale und Werte oft automatisch übernommen und selten hinterfragt. Das befeuert Vorurteile und Hass. Dennoch – mit Empathie lassen sich diese Vorurteile und der Hass „überschreiben“. Dafür braucht es echte Begegnungen und Gespräche. Nach dem Krieg hat er sich ins Auto gesetzt und ist über die Brücke nach Serbien gefahren. Dort hat er gemerkt, die Serben sind nicht alle böse. Es sind Menschen wie er, genauso traurig, verletzt und von der Politik ausgenutzt. Doch viele halten an ihrem Hass fest und vererben ihn ihre Kinder.

Das weiß auch Oha Maslo. Er ist Musiker und versucht die Menschen auf kulturellem Weg miteinander zu verbinden. Er hat in Mostar eine Musikschule für Kinder und Jugendliche gegründet. Dort sind alle Nationalitäten willkommen – von beiden Seiten des Flusses, aus unterschiedlichen Familien und Glaubensrichtungen.

Any, Mitte 30, Mexiko

Gewalt ist in Mexiko ein großes Problem. Any wohnt nahe der Grenze zu den USA. Sie spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie sagt, dass Menschen, die Gewalt erleben, selbst wütend und aggressiv werden. „Hass ist wie ein Virus, der an andere Menschen weitergegeben wird.“ Sie wurde auch mit dem „Virus“ infiziert. Any hat keine schönen Erinnerungen an Ihre Kindheit, die von Gewalt und Ablehnung geprägt war. Als sie mit 20 Mutter wurde, liebte sie ihre Tochter. Aber mit der neuen Aufgabe kamen ihre eigenen Traumata zurück. Sie brach zusammen und musste ihre Tochter zu ihrer Mutter geben.

Any fand den Weg zu ESPERE – der Schule der Vergebung und Versöhnung. Diese Schulen gibt es in ganz Mexiko und sie verzeichnen große Erfolge. Dort wird gelehrt, das Geschehene als ein Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren. Sie hat gelernt, mit dem Schmerz und ihren Verletzungen umzugehen. Ihre Tochter lebt seitdem wieder bei ihr. Any hat es geschafft, die Spirale des Hasses zu durchbrechen und dem „Virus“ der Gewalt Einhalt geboten.

Fazit

Mut macht der Gedanke, dass sich die Strategie „Hass“ wieder verlernen lässt. Durch Menschen, wie Any, Lauren, Adnan und die vielen Frauen und Männer, die einen anderen Umgang mit ihren Mitmenschen wählen und damit andere Menschen „anstecken“.

Wie wir finden, eine sehenswerte Dokumentation!

Verlinkung zur Doku:

ARD Mediathek: SWR – Tobi Krell – Wege aus dem Hass (verfügbar bis 05.05.2030)