Frauen braucht das Land

Frauen braucht das Land

Sintje Lorenzen – Schneiderin & Designerin

Das Sonnenlicht glitzert über den Nordseewellen und im Wind kreischen die Möwen – Sintje Lorenzen steht in ihrem kleinen Laden auf der Nordseeinsel Föhr zwischen alten Kleidern und neuen Ideen. Wo andere Frauen Ferien machen, hat sie sich ihr Leben aufgebaut. Mitten auf der Insel, verkauft sie Vintage-Mode und nachhaltige Textilien in ihrem Geschäft. Alte Stoffe werden bei ihr zu neuen Lieblingsstücken, gebrauchte Kleider zu kleinen Kunstwerken. Moderne Shopping-Malls sind weit weg und so hat Sintje etwas geschaffen, das genau zu dieser Insel passt: ehrlich, kreativ, regional.

Sintje, eine junge Frau, hat sich auf der Insel Föhr mit ihrem Upcyclling Geschäft einen Traum erfüllt.

Doch ihre Tage sind nicht so idyllisch, wie sie auf Postkarten aussehen. Sind die Touristen im Winter weg und alles wieder fest in der Hand die Insulaner:innen, wird es ruhiger. Dann sitzt Sintje an ihrer Nähmaschine, tüftelt an neuen Ideen, macht Inventur und plant ihre Zukunft -oder sie geht mit ihrem Kite aufs Wasser. Sie sagt „Man ist in der Natur und fühlt sich frei“ – ein perfekter Ausgleich, der ihr immer wieder neue Inspirationen bringt.

Ihr Leben spielt sich zwischen Laden, Familie und Meerblick ab. Bald bekommt sie ihr Kind, und die große Frage steht im Raum: Wie funktioniert Selbstständigkeit mit Baby auf einer Insel, die manchmal mehr Wind als Internet hat? Ihr Traum: weiter zu wachsen, ohne Kompromisse – für sinnvolle Mode und ein Familienleben, das bleibt.

Josephine von Hedemann-Heespen – Guthofleiterin

In Schleswig-Holstein, gut 130 Kilometer südöstlich von Föhr, wacht Josephine von Hedemann-Heespen auf einem geschichtsträchtigen Gutshof auf, der sich für die Zukunft vorbereitet.

Auf dem Gut Deutsch-Nienhof hat sie sich einer Aufgabe verschrieben, die weit über landwirtschaftliche Tradition hinausgeht. Wo früher Kornsäcke gestapelt wurden, finden heute Veranstaltungen statt; wo alte Mauern standen, entstehen Räume für Neues. Josephine hat die Strukturen ihres Familienbetriebs neu gedacht. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Sie schätzt es, gemeinsam mit ihrem Mann zu arbeiten und einen modernen Betrieb zu betreiben. Ihr Hofcafé ist inzwischen ein gern besuchtes (Ausflugs-)Ziel und die Künstler aus der Region schätzen es sehr, dort ihre Werke ausstellen zu dürfen. Es gibt nicht viele Kulturstätten in der Region.

Josephine führt Gut Deutsch-Nienhof und hat mit ihrem Hofladen und Eventlocation die Gegen bereichert.

Josephines Alltag ist ein Spagat zwischen Stall und Strategie, zwischen Traktor und Teamleitung. Sie führt Gespräche mit Handwerkern, plant Events, verhandelt mit Partnern und sieht dabei immer das große Ganze: Wie lässt sich das Landleben modern gestalten, ohne seine Seele zu verlieren? Auf dem Gut sollen Menschen zusammenkommen – Stadt- und Dorfbewohner, Jung und Alt. Sie möchte zeigen, dass das Land kein Ort des Rückzugs ist, sondern reif für neue Ideen.

Dr. Anna-Lea Comba – Tierärztin

Und dann ist da Anna-Lea Comba – Tierärztin im niedersächsischen Ammerland, die sich mit einer Partnerin eine Großtierpraxis aufgebaut hat. Das Frauen Tierärztinnen sind, ist inzwischen an der Tagesordnung, trotzdem wurden sie nicht von allen Bauern mit offenen Armen empfangen. Ihre Aufgaben beginnen im Morgengrauen, wenn die Stalllichter angehen und das erste Kalb nach Futter ruft. Mit ihrer Partnerin betreut sie rund 6.000 Rinder und fährt Tag für Tag zu Landwirten, die auf ihre Erfahrung zählen. Anna-Lea steht mit Gummistiefeln im Matsch, hält ein neugeborenes Kalb im Arm, redet mit Bauern über Gesundheit, Haltung und Zukunft.

Anna-Lea ist Tierärztin für Großtiere und hat im ammerland ihr Glück gefunden.

Der Job ist körperlich, fordernd, nie planbar und doch ihr Traum. Zwischen Notfällen, Nachtfahrten und Dokumentationen bleibt kaum Zeit zum Durchatmen, aber genau das liebt sie: die Nähe zu den Tieren, das Vertrauen der Menschen, das Gefühl, gebraucht zu werden. Nebenbei stemmt sie mit ihrem Mann gemeinsam die fünfköpfige Familie, den Haushalt und die Organisation – alles mit einer Selbstverständlichkeit, die Respekt verdient. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ein Netzwerk von Tierärztinnen ins Leben zu rufen. Frauen, die zeigen, dass moderne Landwirtschaft und weibliche Stärke zusammenpassen.

Solche Frauen braucht das Land

Die drei Frauen haben mehr gemeinsam als ihren Wohnort auf dem Land. Sie tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, etablieren Neues in einem Umfeld, das oft unterschätzt wird. Wo andere sagen „Da ist ja nichts“, entdecken sie Möglichkeiten. Sie gestalten, reparieren, pflanzen, nähen, planen. Und sie beweisen, dass das „platte Land“ ein Ort ist, an dem man ankommt – und keiner, an dem man hängen bleibt.

„Frauen braucht das Land“ ist keine romantische Floskel, sondern ein realistischer Blick auf eine Bewegung. Denn während in Städten Coworking-Spaces sprießen und Start-ups vorankommen, ist der Wandel auch auf dem Land sichtbar angekommen. Sehr viel leiser und dauerhaft nachhaltig. Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea zeigen, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Manchmal genügen Mut, Ideen und die Entscheidung, einfach anzufangen.

Deutschland braucht solche Frauen, nicht nur auf dem Land. Und vielleicht brauchen wir alle ein Bisschen mehr dieser Entschlossenheit. Denn Zukunft entsteht nicht nur in Metropolen. Sie wächst auch zwischen Wiesen, Weiden und Werkstätten, einfach überall, wo Menschen sie gestalten.

Warum das Land Frauen braucht – und umgekehrt

In unseren Städten spricht man oft vom Mangel an Fachkräften, Ideen, Unternehmerinnen – doch das Land? Dort steckt ein enormes Potenzial. Der Film Frauen braucht das Land macht klar: Frauen wie Sintje, Josephine und Anna-Lea sind nicht nur Einzelgeschichten – sie sind Wegbereiterinnen. Frei vom Tempo der Großstadt, mit mehr Raum, aber auch mehr Herausforderungen.

Sie zeigen, dass Frau auf dem Land unternehmerisch ist, auch wenn die „Szene“ kleiner anmutet. Ländliche Orte können Rückzug-, und Aktivraum sein, sie sind interessant für kreative Firmen, moderne Landwirtschaft und neue Lebenskonzepte. Frauen bringen Perspektiven ein, die Wandel ermöglichen – nachhaltig, familienfreundlich, innovativ.

Die drei Protagonistinnen leben diesen Wandel. Sie beugen sich nicht den Umständen, sie sind Macherinnen – mutig, entschlossen, flexibel. Und ihr Alltag? Kein Glamour-Szenario, sondern harte Arbeit, Verantwortung, aber auch Erfüllung.

Wenn wir also sagen „Frauen braucht das Land“, ist damit kein Zurück in eine romantische Nostalgie gemeint. Das Land braucht die Energie, Ideen und das Engagement von Frauen, damit es lebendig bleibt, zukunftsfähig ist und sich für Veränderungen öffnet.

Ich freue mich darauf, in weiteren Folgen über Frauen zu erfahren, die das Land neu denken. Heute sind es drei starke Stimmen – und ein klares Signal: Das Land kann Zukunft sein.


Quellen:

ARD Mediathek (NDR) Frauen braucht das Land (Video verfügbar bis bis 08.03.2027)

Youtube – Ob Tierärztin, Gutshof-Chefin oder Designerin – der Norden hat starke Frauen – NDR auf’m Land

Weitere Beiträge zum Landleben

Hofläden – wie bei Tante Emma

Simona – queere Winzerin und Kellermeisterin

Kuhaltenheim Hof Butenland

Alleinerziehend – Es wird getan, was getan werden muss!

Alleinerziehend – Es wird getan, was getan werden muss!

Es sieht von außen betrachtet ganz alltäglich aus: Die Organisation einer Familie als Alleinerziehende:r . Doch dieser Eindruck täuscht über die Realität hinweg. Anders als Eltern in einer Paarbeziehung tragen sie die alleinige Verantwortung für die (minderjährigen) Kinder. Teilweise ohne Unterstützung durch Großeltern oder Geschwister, wuppen sie das tägliche Leben zwischen Erziehung, Haushalt und Erwerbstätigkeit, die oft schlecht- oder unterbezahlt ist. Finanzielle Sorgen schweben wie dunkle Wolken über dem ständigen Funktionieren müssen. Es ist kaum Zeit für eigene Bedürfnisse. Das Wohl der Kinder steht immer an erster Stelle. 

  • „Ich schlafe im Wohnzimmer, damit meine drei Kinder ein eigenes Zimmer haben.“
  • „Wenn Du glaubst du kannst nicht mehr, dann darfst Du dich nicht hinsetzen und musst Dir eine neue Aufgabe suchen.“
  • „Man kann versuchen, die Rolle (der Mutter) mit zu übernehmen und ich habe auch gelernt aufzupassen, dass die Große (Tochter) nicht die Mutterrolle für die Kleine (Tochter) übernimmt.“

Drei Dokumentationen über den Alltag von Alleinerziehenden

Wir haben drei Dokumentationen aus vielen Sendungen herausgegriffen, die das Spannungsfeld von alleinerziehenden Elternteilen bodenständig, real und nachvollziehbar darlegen, ohne eine künstliche Dramatik.

Zu den Inhalten

Die zu Wort kommenden Alleinerziehenden stehen parat, müssen stets funktionieren und managen den Familienalltag. Zeit für sich können sich die wenigsten nehmen. Eher wird die Wochenarbeitszeit im Teilzeitjob aufgestockt oder ein Minijob noch dazu genommen, damit sich die finanzielle Lage verbessert.

Es tauchen Fragen auf, die sich Paare nicht stellen müssen. Was tun, wenn ein Kind mit dem Notarzt ins Krankenhaus muss und das zweite Kind nicht mitgenommen werden kann? Wie entscheidet sich (in diesem Fall) die Mutter? Warum werden die politischen Weichen nicht so gestellt, dass in solchen Fällen schnelle Unterstützung erfolgen kann? Was kann man ausrichten, wenn man als taubstummes Elternteil den Kindergarten erreichen muss, es aber nur eine Telefonnummer gibt?

In den Sendungen wird deutlich, dass fehlende Zugänge zu Hilfsangeboten, unüberwindbare Barrieren sind. Es geht um Menschen, die Unterstützung benötigen und die oft dafür kämpfen müssen, um zu bekommen, was ihnen zusteht. Zahlt ein Elternteil keinen Unterhalt, müssen für jedes Kind separate Formulare ausgefüllt und ein Rechtsbeistand beantragt werden, damit dieser das Geld einfordern kann. Die Bürokratie macht es nur noch schwerer.

Einige Fakten:

  • Im Jahr 2024 waren laut des Statistischen Bundesamtes rund 2,3 Millionen Mütter und etwa 496.000 Väter in Deutschland alleinerziehend (Quelle: Statista, abgerufen am 16.10.2025). Mehr als jeder dritte Haushalt von Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern ist auf staatliche Hilfe angewiesen.
  • Über 40% der Alleinerziehenden fühlen sich finanziell unter Druck.
  • Lt. Bertelsmann Stiftung sind 43% der Alleinerziehenden arm.
  • Rund 15% der alleinerziehenden Mütter haben Depressionen, bei Müttern in Partnerschaften sind es nur 6%. (RKI)
  • Alleinerziehende sind doppelt so oft unzufrieden mit ihrem Leben, wie Eltern in einer Partnerschaft.

Fazit

Was von außen betrachtet normal zu sein scheint, ist ein riesiger Kraftakt für die Elternteile, die sich ohne Partner:in um die Kinder kümmern. Die jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen und hoffen, dass alles gut geht. Das ist eine starke mentale und körperliche Belastung, die große Achtung, viel Beachtung und schnellstmöglich andere Rahmenbedingungen braucht! 

Weitere interessante Links:

Die Entfremdung verfremden – Ein Artikel auf „nd Journalismus von links“ über die Retrospektive des Werks von Margaret Raspé, einer Pionierin der Videokunst, die bereits in den 70er-Jahren eine Alleinerziehende war.

Alle über einen Kamm – das Problem der Generalisierung

Alle über einen Kamm – das Problem der Generalisierung

Wenn alle Menschen in eine Schublade gesteckt werden, wird die innenwohnende Dramatik selten wahrgenommen, doch emotional docken wir schnell an: „Sind alle jungen Menschen heute nicht in der Lage, zu arbeiten, im realen Laden einzukaufen oder soziale Interaktionen zu betreiben?“
Was bewirken Generalisierungen, wem nutzen sie und was darf zur Kenntnis genommen werden, wenn sie in Gesprächen immer wieder als Stilmittel genutzt werden?

In meiner Wahrnehmung nimmt die Verallgemeinerung in der Kommunikation deutlich zu. Ob in der Berichterstattung, in Gesprächen oder in den Sozialen Medien, häufig geht es um Personengruppen, die mit einer oder mehreren Eigenschaften in Verbindung gebracht werden, die generalisierend wirken. Bei den Worten „jeder“, „immer“, „nie“, „alle“ oder „keiner“ werde ich hellhörig, dann geht es beispielsweise so weiter.

  • Immer sind es Frauen, die schlecht parken können!
  • Die jungen Menschen hocken doch alle nur noch vor dem Handy, die schreiben sich eher eine Nachricht als miteinander zu sprechen.
  • Du hörst mir nie zu!
  • Ab Ende 50 bekommt doch keiner mehr einen neuen Job, dann ist der Zug schon längst abgefahren.
  • Sobald das Studium abgeschlossen ist, fordert jeder Bewerber ein völlig überzogenes Jahresgehalt und will nur 30 Stunden in der Woche arbeiten.

Die Liste lässt sich beliebig weiterführen, doch ich möchte auf zwei unterschiedliche Aspekte besonders hinweisen: die Vor- und die Nachteile von Generalisierungen.

Nachteile von Generalisierungen

Die eben genannten Beispiele sind eher negativ und sollen zu einer bestätigenden Reaktion verleiten. Zusätzlich lassen sich diese Formulierungen gut nutzen, um (frech in den Raum gestellte) Behauptungen massiver und faktischer aussehen zu lassen. Ein Beispiel: „Die ganze Schule sagt, dass XY komisch ist – und Du hast das noch nicht gehört?“ Da wird der Gleichaltrige, der nicht in diese Mobbing-Mentalität einsteigen möchte, schon sehr in eine Ecke gedrängt. Gefühlt muss er es beim Dagegenhalten mit der ganzen Schule aufnehmen. Oder er fügt sich in die angebliche Gruppendynamik, um nicht als Außenseiter dazustehen.

Eine Ableitung aus dieser generalisierenden Aussage über alle Schüler könnte plötzlich in Elternforen auftauchen: „Auf der Schule XY wird grundsätzlich viel gemobbt. Da möchte ich mein Kind nicht hinschicken.“ Die Schule bekommt einen schlechten Ruf, die Schüler werden nur ungern als Bewerber angenommen … usw.


Pauschale Urteile verknüpfen Menschen, Gruppen, Institutionen oder Unternehmen mit einer Eigenschaft, durch die sie dann – häufig ausschließlich – definiert werden. Das kann positiv („Die Deutschen sind immer pünktlich.“) oder auch negativ sein („Die Politiker halten sich doch sowieso nicht an ihre Wahlversprechen“).  Und schon werden alle über einen Kamm geschoren, völlig egal, ob die allgemeinen Aussagen zutreffen oder nicht.

Wer in Verallgemeinerungen denkt, trifft vielleicht falsche Entscheidungen. Wichtige Details bleiben unberücksichtigt, weil der Blick durch die Generalisierungsbrille getrübt wurde.

Ein Mitarbeiter fühlt sich vermutlich ungerecht behandelt, wenn er als unmotiviert beschrieben und (unbegründet) vom Chef mit allen Abteilungskollegen in einen Topf geworfen wird. Wird seine individuelle Motivation übersehen, kann das kann zu Konflikten und Missstimmungen führen, die aufwendig wieder gelöst werden müssen.   

Wird ein Kind ständig damit aufgezogen, dass es tollpatschig ist, wird sich die Aussage in seinem Denken festsetzen: „Ist ja klar, dass mir das passiert, ich bin ja auch ein Tollpatsch!“ Was aus einer Situation entstanden ist, hat sich auf einmal verselbstständigt, beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und kann große Auswirkungen auf gesellschaftliche Interaktionen mit sich bringen.

Ungeschickte Frau verschüttet etwas, während sie einem Mann in der Küche Tee einschenkt.

Wie entkommen wir der Generalisierungsfalle?

Wir können unsere eigene Wortwahl überprüfen und Formulierungen wie „manche“ (statt „alle“), „einige“ (statt „jeder“), „häufig“ (statt „immer“) oder „selten“ (statt „nie“) nutzen. Wir können die Behauptung hinterfragen: „Wer sagt denn genau, dass XY komisch ist?“ und uns an belegbaren Fakten orientieren.

Ein Perspektivwechsel ist ebenfalls hilfreich: Wie sieht sich der Mensch wohl selbst, der dieser Gruppe zugeordnet wurde? Hat er nicht auch andere Eigenschaften? Vielleicht teilen wir auch einige Vorlieben, z. B. unsere Liebe zum Sport? Wie würden wir uns begegnen, wenn wir uns dort das erste Mal treffen würde?

Versucht man, diesen Menschen als Individuum zu sehen, verändert sich die bisherige „Klassifizierung“: Leben seine Eltern noch, hat er Kinder, ein Hobby, in dem er aufgeht, wo verbringt er seinen Urlaub?

Vorteile von Generalisierungen

Ja – Du hast richtig gelesen. Es gibt sie, die positiven Aspekte der Verallgemeinerung.

Sie sparen Zeit, da viele Details nicht erklärt werden müssen. „Alle Schüler gehen nach dem Gong in ihre Klassenzimmer.“ Jeder wird sich die Klassenräume vorstellen können und weiß was gemeint ist. Auch wenn diese unterschiedlich sein könnten (Größe, Wandfarbe, Standort des Lehrerpults …), wäre das in dieser Aussage unwichtig.

Generalisierungen vereinfachen z. B. komplizierte Themen, wie „Stress macht krank“. Dahinter steckt medizinisches Fachwissen, aber durch die Verallgemeinerung bekommt der Laie einen Bezug dazu und kann das leicht verinnerlichen. Ebenso vereinfachen hilfreiche Faustregeln, wie „Starte Deinen Rechner wieder neu, wenn er Probleme macht.“  oder „Wenn Du Fieber hast, gönne Dir Ruhe und trinke viel.“, grundsätzliches Wissen leicht zu verankern.

Wir können über eher positive Generalisierungen aus bereits gemachten Erfahrungen lernen, um sie später auf ähnliche Situationen anwenden zu können.

Wie ist das mit KI?

Auch KI-Systeme (Künstliche Intelligenz) arbeiten mit Generalisierungen. Im Glossar des KI-Echo’s steht es wie folgt: „Die Generalisierung ist eines der wichtigsten Ziele in der KI. Sie bezieht sich auf die Fähigkeit eines KI-Systems, aus Erfahrungen zu lernen. Das System nimmt das Wissen und die Erkenntnisse, die es während des Trainings erworben hat, und wendet sie auf neue, unbekannte Probleme oder Situationen an. Die Fähigkeit zur Generalisierung ist das, was ein KI-Modell nützlich macht und verhindert, dass Systeme nur auf bestimmte Aufgaben beschränkt sind.“

Ich habe dazu ein schönes Beispiel. Wenn ich mit dem Navi in einen Stadtteil von Dortmund fahren möchte, sagt mir die Stimme an bestimmten Stellen, dass ich die „Abfahrt Donnerstag-Mengede“ nehmen soll. Anstatt die Beschilderung „DO-Mengede“ in den richtigen Kontext zu stellen, haben die antrainierten Generalisierungsmechanismen festgestellt, dass „DO- “ höchstwahrscheinlich „Donnerstag“ heißt, was mir dann ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Dennoch – beim Navigieren kann das sicher vernachlässigt werden, wenn man sich in der Region, in der man gerade unterwegs ist, auskennt. Aber was bedeutet das bei anderen Interaktionen mit der KI, wo die Verallgemeinerungen nicht so offensichtlich erkennbar sind?

Vielleicht haben wir das gut gelernt und im Hinterkopf …

Frau bedient während der Fahrt das Touchscreen-Navigationssystem am Armaturenbrett eines Autos und verwaltet Wegbeschreibungen und Routen

Fazit

Wenn mir auffällt, dass alle über einen Kamm geschoren werden, versuche ich, meine Mitmenschen darauf hinzuweisen. Das hat in der Vergangenheit auch zu Gesprächsabbrüchen geführt: „Du weißt doch, wie ich das meine!“ – Und ganz ehrlich – vielleicht weiß ich das, vielleicht aber auch nicht.
Dennoch möchte ich mich diesen globalen Aussagen ungern anschließen und lasse es selten auf sich beruhen. Doch jeder Einwand – egal ob das Gespräch weitergeht oder nicht – hilft mir, daran zu denken und meine Wortwahl ständig auf den Prüfstand zu stellen. Das geht bestimmt immer noch etwas besser 😊.

Weitere interessante Links:

Wikipedia Übersichtsseite „Generalisierung“

Artikel auf Karrierebibel.de: „Generalisierung: Komplexe Äquivalenz lösen“

Dorsch – Lexikon der Psychologie: Generalisation