Fordern Frauen zu viel von Männern?

Fordern Frauen zu viel von Männern?

Die Menschen leben im 21. Jahrhundert, sind zum Mond geflogen, erobern die Tiefsee, reisen in Flugzeugen um die Welt, arbeiten am Klimawandel. Und sind anscheinend immer noch in den Rollenbildern der letzten Jahrhunderte gefangen!

Die Frage, ob Frauen heute zu viel fordern, lässt sich nicht beantworten, ohne den historischen Hintergrund zu betrachten. Die Anforderungen der Gegenwart stehen in einer Linie mit jenen Zeiten, in denen Frauen die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen nichts geschenkt wurde. Jedes Stück Freiheit mussten sie sich erkämpfen. Diese Perspektive macht die modernen Erwartungen verständlich. Und vielleicht erklärt es auch, warum der Dialog zwischen den Männern und Frauen manchmal hakt: Männer entdecken gerade erst, wie es sich anfühlt, viel von sich selbst zu verlangen, während Frauen gelernt haben, dass das „Nicht Fordern“ zwangsläufig bedeutet, weniger zu bekommen.

Nehmen wir diesen historischen Blick ernst, erscheint die Frage „Fordern Frauen zu viel?“ plötzlich in einem anderen Licht. Vielleicht fordern Frauen nicht zu viel – vielleicht haben sie gelernt, endlich genug zu fordern.

Ein Blick zurück: Wie haben Frauen überhaupt gelernt „zu fordern“?

Forderungen durften Frauen jahrhundertelang nicht stellen! Die Geschichte der Gleichberechtigung ist nicht nur eine Reihe politischer Veränderungen, sondern ein leiser und oft gefährlicher Kampf um die weibliche Selbstbehauptung. Die modernen Forderungen entstehen nicht aus dem Nichts, sie sind das Resultat einer langen Tradition des „fordern Müssens“. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Leben der meisten Frauen durch eine Vielzahl von Pflichten definiert. Sie durften für eine funktionierende Familie sorgen, aber nicht über die Regeln bestimmen. Ihre „Selbstbestimmung“ galt nur innerhalb dessen, was als „weiblich“ angesehen wurde. Schulbildung und Studium wurden ihnen zwar nicht grundsätzlich verboten, aber meist erschwert. Frauen, die dennoch studierten oder berufliche Ambitionen zeigten, wurden als eigensinnig wahrgenommen, als Mensch, der seine „natürliche Aufgabe“ verfehlte. Forderungen nach Mitbestimmung galten als unweiblich und wurden manchmal sogar als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung betrachtet.

Konzentration vor einem Plakat. Eine Gruppe feministischer Frauen protestiert im Freien für ihre Rechte.

Es ist erstaunlich, wie viel Mut Frauen brauchten, um einfach nur die Stimme zu erheben. Frauenrechtlerinnen wurden verspottet, kriminalisiert, oft verhaftet. Die frühen Feministinnen wussten, dass Gleichberechtigung kein Wunschzettel ist, der einreicht wird, sondern ein kraftaufwendiges Ringen um das Recht, überhaupt eine eigene Meinung vertreten zu dürfen. Dass Frauen wählen dürfen, über ihr Geld selbst entscheiden können oder ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten dürfen, steckt historisch betrachtet noch in den Kinderschuhen.

Das Bewusstsein, dass die vermeintlichen Naturgesetze über Rollenbilder überhaupt keine sind, wuchs nur langsam. Je mehr Frauen Zugang zu Bildung, politischer Teilhabe und finanzieller Unabhängigkeit bekamen, desto mehr veränderte sich das Bild von dem, was eine Frau sein kann. Und mit dieser Veränderung keimte auch der Mut, Erwartungen zu artikulieren – die Forderungen nach Respekt, auf Augenhöhe zu agieren und dem Recht, nicht nur für die Familie, sondern auch für sich selbst zu existieren. Was damals noch Hoffnung war, ist heute in vielen Ländern Realität – aber eben nicht konfliktfrei. Frauen der Gegenwart stehen mit Plakaten auf der Straße, nicht weil sie wählen wollen, sondern weil sie partnerschaftliche Verantwortung einfordern. Sie können ein eigenes Konto eröffnen und ringen nun um das Recht, nicht allein die emotionale Last der Familien-Fürsorge zu tragen. Aus der Vergangenheit sind keine ungeduldigen Forderungen entstanden, sondern ein historisch tief verwurzeltes Bewusstsein dafür, mit welcher Notwendigkeit Erwartungen aus- und angesprochen werden müssen, statt zu schweigen.

Zwei Männer und eine Frau sitzen sich gegenüber auf einem Sofa und einem Sessel. Sie diskutieren über die Frage "Fordern Frauen zu viel".

Diskussion „Fordern Frauen zu viel?“

In der ZDF-Diskussion „Auf der Couch“ geht es um die provokante Frage „Fordern Frauen zu viel?“. Gemeint ist die weibliche Erwartungshaltung gegenüber Männern in einer zunehmend gleichberechtigten Gesellschaft. Die Kulturwissenschaftlerin Tara-Louise Wittwer und der Coach Ozan Taş wollen genau diese Spannung ausloten.

Erwartung versus Druck

Tara-Louise Wittwer vertritt eine klare Position: Sie sieht, dass Frauen längst nicht mehr nur erwarten, sondern berechtigterweise auf Gleichberechtigung beharren. Ihrer Ansicht nach müssen Männer sich ihrer bisherigen Privilegien bewusstwerden und dann aktiv zu einer Gleichstellung beitragen. Die Gleichberechtigung ist kein Geschenk, sondern ein Mindset, für das Mann einsteht, auch gegen gesellschaftliche Widerstände.

Auf der anderen Seite steht Ozan Taş, der das Bild eines Mannes zeichnet, der unter dem Gewicht moderner Erwartungen leidet. Für ihn sind viele der Ansprüche, die Frauen an Männer richten, sehr hoch. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern verunsichert tief: Mannsein im Jahr 2025 ist nicht automatisch eine komfortable Rolle, sondern eine Herausforderung, die viele überfordert. Der Moderator Leon Windscheid nutzt in der Gesprächsrunde Interventionen, die aus der systemischen Paartherapie stammen: Er fordert beide Seiten auf, nicht nur ihre Argumente vorzutragen, sondern auch die Perspektive der jeweils anderen Seiten nachzuspüren. Das Ziel ist nicht, einen Gewinner zu küren, sondern Verständnis aufzubauen – ein Dialog auf Augenhöhe.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einem Sofa. Sie schauen auf den Moderator und diskutieren über die Frage "Fordern Frauen zu viel".
Screenshot

Woher kommt die Spannung?

Die Debatte, ob Frauen zu viel fordern, ist kein neues Phänomen, aber sie bekommt in diesem Gespräch eine neue Tiefe. Auf den ersten Blick scheinbar eine simple These: Frauen verlangen von Männern mehr als früher, vor allem im Hinblick auf Gleichstellung. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es vor allem um gesellschaftliche Rollenbilder, alte Muster und die gleichmäßige Verteilung von Verantwortung geht.

Wittwer weist darauf hin, dass strukturelle Ungleichheiten nach wie vor existieren. Gleichstellung ist nicht nur ein moralischer Anspruch, sondern auch eine politische Realität, die aktiv mitgestaltet werden muss – und zwar auch von Männern. Taş wiederum bringt das psychologische Gegenbild: Er plädiert dafür, dass nicht alle Forderungen als berechtigte Forderung nach Gerechtigkeit gelesen werden dürfen, sondern kritisch hinterfragt werden müssen, weil sie neuen Leistungsdruck erzeugen.

Das Gespräch offenbart eine zentrale Spannung: Der Wunsch nach Gleichberechtigung trifft auf Angst – die Angst mancher Männer, den neuen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und das sowohl im Beruf als auch im Privaten, in Beziehungen, im Alltag.

Der psychologische Hintergrund

Die in der Runde angesprochenen Konflikte lassen sich gut durch den Begriff des Geschlechtsrollenstresses erklären. Dieser Begriff beschreibt den inneren Konflikt, der entsteht, wenn Personen mit den gesellschaftlichen Erwartungen nicht übereinstimmen oder diese nicht erfüllen können.

Für Männer kann das besonders belastend sein. Wenn traditionelle Rollenbilder – stark, rational, emotional kontrolliert – nach wie vor präsent sind, aber gleichzeitig neue Erwartungen – Gleichberechtigung, Mitgefühl, Kooperation – erhoben werden, entsteht ein Spannungsfeld, in dem viele Männer unsicher sind, woran sie sich orientieren sollen. Die „Auf der Couch“-Diskussion macht das spürbar: Taş spricht vom Gefühl, dass nicht nur Leistung erwartet wird, sondern auch emotionale Verfügbarkeit – eine Kombination, die für viele Männer schwer auszubalancieren ist.

Wittwer plädiert dagegen, dass diese Spannung kein Zeichen von Schwäche, sondern von Veränderung ist. Wer sich seinen Privilegien bewusst wird und bereit ist, sich zu verändern, leistet einen aktiven Beitrag zur Gleichstellung. Für sie ist der Druck, den manche Männer verspüren, kein Argument gegen Forderungen, sondern ein Anstoß, die Gesellschaft neu zu denken.

<Hier wäre der Platz für die Annäherung 😊>

Was bedeutet das für uns heute?

Diese Talkrunde ist mehr als nur eine kontroverse Frage: Sie ist ein Spiegel unserer Zeit. In einer Ära, in der Gleichberechtigung nicht mehr als ferner Traum, sondern als realer Anspruch existiert, müssen wir neu verhandeln, was wir voneinander erwarten dürfen – und was für beide Seite fair erscheint.

Frauen fordern nicht mehr nur Teilhabe, sondern eine gleichwertige Partnerschaft. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass Männer nicht allen neuen Erwartungen ohne innere Konflikte gerecht werden können. Der Wandel zu einer gleichberechtigten Gesellschaft braucht nicht nur Forderungen, sondern auch Empathie, Dialog und die Bereitschaft, alte Muster aufzubrechen – auf beiden Seiten.

Diese Diskussion ist aus unserer Sicht eine Empfehlung, wenn Du Dich mit dem Thema auseinandersetzen willst, musst oder kannst.

Herzliche Grüße,

Deine Redakteurin Iris


Quellen:

Beiträge aus unserem Blog zu den Themen Frauenrechte und Gleichberechtigung:

Was macht die große Liebe aus?

Was macht die große Liebe aus?

Ich bin Anfang sechzig und seit vielen Jahren geschieden – von meiner großen Liebe. Aber war sie es wirklich, die große Liebe? Sind wir nicht alle mal, mehr oder weniger verliebt? Wie wird aus dem Verliebtsein Liebe und wie wird diese Liebe groß?

Alles beginnt und die Welt steht still

Ich weiß noch genau, wie es war, als ich zum ersten Mal dachte: Das ist sie – die große Liebe. Dieses Gefühl, wenn das Herz bis zum Hals klopft, die Welt stillsteht. Er war groß, sportlich, gutaussehend … und 10 Jahre jünger als ich. Da waren sie, meine Schmetterlinge. Und sofort auch mein zweiter Gedanke: viel zu jung und unerfahren, das wird nie was mit uns. 

Wir Frauen neigen dazu, solche Momente zu analysieren – Männer erleben sie einfach anders. Für viele von ihnen ist die große Liebe weniger ein Feuerwerk, sondern das beruhigende Gefühl, angekommen zu sein. So war es auch bei mir: In meinem Bauch feierten Schmetterlinge eine Party und mein Mann war froh, nicht mehr nach einer Partnerin suchen zu müssen.

Meine Geschichte ist nur eine von vielen, genauer gesagt von vielen ähnlichen. Das ZDF ist der Frage „Was macht die große Liebe aus?“ nachgegangen. Die Dokumentation zeigt: Die große Liebe ist kein Ziel, an dem man ankommt, sondern eine Reise. Sie entsteht, wächst, verändert sich – und fordert. Denn sie lebt von Nähe, Vertrauen und dem Mut, sich immer wieder aufeinander einzulassen.

Romantik trifft Realität – Zahlen, die berühren

Trotz aller Dating-Apps, trotz Schnelllebigkeit glauben wir an die Liebe. Laut einer ZDF-Umfrage sagen 79 Prozent der Menschen in Deutschland, dass Liebe der wichtigste Grund für eine Partnerschaft ist. Das ist doch schön, oder? Gleichzeitig empfinden 67 Prozent, dass die Beziehungen anders sind als früher – offener, aber auch komplexer.

Liebe ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie braucht Zeit, Kommunikation und die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Sie macht Arbeit, verlangt Kompromisse. Für mich ist die große Liebe kein Dauerrausch gewesen, sondern dieses leise, verlässliche Gefühl, wahrgenommen zu werden – mit all meinen Stärken und Schwächen. Mein Mann beschrieb es nüchterner, aber nicht weniger tief: „Weil ich Dir vertraue, auch wenn ich still bin“, sagte er mir einmal. Vielleicht ist das der Kern: Wir fühlen unterschiedlich, aber wir meinen dasselbe.

Der Alltag – das Herzstück der großen Liebe

In der ZDF-Doku erzählen Paare, dass sich die wahre Liebe nicht in großen Gesten zeigt, sondern in den kleinen Momenten. In einem Kaffee am Morgen, im Blick über den Küchentisch, im Zuhören oder im Schweigen. Große Liebe ist oft erstaunlich unspektakulär – und gerade deshalb so stark.

Zahlen belegen das Bedürfnis nach Verlässlichkeit: 78 Prozent der Befragten glauben, dass die monogame Beziehung auch in Zukunft die wichtigste Form des Zusammenseins bleibt. Wir suchen Abenteuer, ja – aber wir sehnen uns nach einem Zuhause. Nach jemandem, der da ist, wenn der Alltag schwierig wird.

Männer sind da pragmatischer. Mein Mann sagte einmal: „Für mich ist große Liebe, wenn ich weiß, dass Du da bist – auch wenn wir beide gerade schweigen.“ Vielleicht steckt darin die (ganze) Wahrheit.

Zwischen Sehnsucht und Selbstbestimmung

Wir leben in einer Zeit, in der Liebe viele Gesichter hat. Offen, polyamor, monogam, lesbisch, schwul, digital – alles scheint möglich. Und doch sagen 66 Prozent der Befragten, dass die gesellschaftlichen Rollenbilder (aus der Zeit unserer Eltern) immer noch Druck erzeugen. Besonders junge Menschen spüren das: Sie sollen unabhängig sein und gleichzeitig tief lieben, frei bleiben und dennoch Nähe leben.

Ich kenne dieses Spannungsfeld nur zu gut. Man will stark sein und trotzdem weich, eigenständig und doch verbunden. Es ist nicht immer einfach, in dieser Mischung authentisch zu bleiben. Aber vielleicht macht genau das die Liebe heute aus, sie darf Freiheit und Verbindlichkeit zugleich sein.

Wenn die große Liebe sich verändert

Nicht jede große Liebe bleibt, wie sie begann. Manche trennen sich nach ein paar Jahren – in meinem Fall waren es vierzehn. Andere Paare trennen sich, manche finden sich wieder. In der ZDF-Sendung erzählte ein Ehepaar, das seit 30 Jahren zusammen ist: „Wir haben uns dreimal getrennt – und jedes Mal wieder füreinander entschieden.“ Das ist vielleicht das schönste Bekenntnis zur Liebe: Sie ist wandelbar, aber nicht flüchtig.

Manchmal sehne ich mich nach dem Anfang – nach diesem elektrischen Knistern, nach dem Gefühl, dass alles neu ist. Doch dann denke ich: Liebe muss nicht immer brennen. Manchmal reicht es, wenn sie wärmt. Und vielleicht ist das eine erwachsene Form der großen Liebe – die, die ruhig, beständig und frei von Drama ist.

Was bleibt, wenn die Schmetterlinge fliegen

Mein bester Freund sagte mir einmal: „Liebe ist wie ein Muskel. Wenn man sie nicht benutzt, verkümmert sie.“ Große Liebe ist kein Zufall, sie ist eine Entscheidung – immer wieder. Sie zeigt sich im Dranbleiben, im Vertrauen, im gemeinsamen Wachsen.

Wir sollten aufhören, die große Liebe mit Perfektion zu verwechseln, wir sind einfache Menschen, keine ausgereiften Maschinen. Liebe ist kein Film, kein endloser romantischer Film. Sie ist echt, manchmal unbequem. Sie kann laut sein oder leise, jung oder alt, zärtlich oder wild, aber ehrlich. Die große Liebe ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann immer hat. Sie ist eine Reise. Ein Abenteuer mit Anker.

Am Ende ist die große Liebe das, was bleibt, wenn die Schmetterlinge längst weitergeflogen sind – und man trotzdem lächelt, wenn man den anderen ansieht.

Er sagt es so: „Große Liebe ist, wenn sie nicht weggeht, obwohl sie könnte.“
Ich finde, schöner kann man es nicht sagen.

Für Dich, liebe Leserin: Erlaube Dir Junge-Mädchen-Romantik und Alltagstauglichkeit. Erlaube Dir Nähe und Eigenständigkeit. Es ist nicht die große Liebe, von der wir geliebt werden – wir lieben uns, wenn wir füreinander da sind.

Wenn Du diesen einen Menschen gefunden hast, bei dem Dein Herz ruhig wird – halte ihn fest, aber nicht mit Druck. Lass ihm Raum, die Luft zum Atmen, bleib selbst frei. Und wenn Du noch auf der Suche bist: Bleib offen, sei authentisch. Die große Liebe findet sich, wenn wir am wenigsten mit ihr rechnen.

Wenn Du einen Partner oder eine Partnerin an Deiner Seite hast, frag ihn oder sie ruhig: „Was bedeutet für dich große Liebe?“ Höre zu. Denn dieses Bild davon mag anders sein als Deins – aber womöglich ergänzen sich eure Bilder, eure Vorstellungen.

Ich hoffe, dieser Beitrag hat Dich inspiriert, Deine eigene Vorstellung von großer Liebe zu reflektieren. Denn sie ist nicht nur da draußen – sie ist auch hier, in Dir, in uns.

Herzliche Grüße,
Deine Redakteurin Iris


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Die Brust: Wissen statt Kategorisierung und Bewertung

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„Als Gesellschaft haben wir einen übertriebenen Fokus auf die weibliche Brust. […] Es ist nicht erklärbar, warum die Brust so oft genutzt wird, um Frauen zu bewerten und kategorisieren und unfrei zu machen.“, so Professorin Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtsmedizin an zwei Vivantes-Kliniken in Berlin.

Die Brust – kein anderes Organ hat eine so wichtige Funktion, aber sie darf nicht einfach mal sein. In der SWR-Dokumentation „Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype?“ dreht sich alles um das weibliche Organ, dass eine lebenswichtige Funktion hat und das permanent reglementiert und sexualisiert wird.

Für eine Studie wurden 18.500 Frauen in 40 Ländern – auch Deutschland – befragt. „Wie zufrieden bist du mit Deinen Brüsten? Findest Du sie schön? Würdest du was verändern?“ Das Ergebnis besagt, dass ca. 25 % der Frauen mit ihrer Brust zufrieden sind – und über 70% der Befragten unzufrieden. 54 % der befragten Frauen aus Deutschland wünschten sich eine größere Brust.

Die Brust

Die Brust sitzt auf dem Brustmuskel, besteht aber selbst nur aus Drüsengewebe und Fett; sie hat keine eigene Muskulatur und lässt sich nicht trainieren. Ihren Halt hat sie ausschließlich durch Haut und Bindegewebe.

Brüste bewegen sich unabhängig vom Körper, quasi wie eine wabernde Masse, auf die G-Kräfte einwirken, wie auf einen Formel-1-Fahrer in einer Kurve. „Die Bewegung geht vor und zurück, zu den Seiten, nach oben und unten – alles gleichzeitig“, sagt die Dr. Nicola Renwick von der Universität Portsmouth. Die Biomechanikerin filmt die Brustbewegungen beim Sport mit High-Speed-Kameras und erklärt, dass das einer der Gründe ist, warum junge Mädchen aufhören Sport zu machen. „Sie schämen sich, weil die Brüste so stark wackeln.“ Dr. Renwick vergleicht die Aufnahmen ohne und mit verschiedenen Sport-BHs und kann genau sagen, wie das Bekleidungsstück einen guten Halt bietet. Für eine „starke Unterstützung“ muss sich die Brustbewegung um 70% verringern.

Kaum eine Frau weiß, wann ein Sport-BH wirklich gut sitzt. Viele denken, dass ein guter Halt durch Kompression entsteht, doch das funktioniert im besten Fall noch bei kleineren Brüsten. Größere Brüste brauchen bessere Unterstützung, einen Halt, der vom Unterband des BHs kommt. Teilweise ist sogar die Unterstützung jeder Brust einzeln sinnvoll, um seinem Leben und seinem Sport schmerzfrei nachgehen zu können. Kleiner (Fun-)Fact: Es gibt sogar Studien, die nahelegen, dass sich das Verletzungsrisiko am Kreuzband für Frauen erhöht, wenn sie einen Sport-BH tragen, der sie nicht genug stützt.
Natürlich hängt die richtige Auswahl der Sport-BHs immer von Sportart und Brustgröße ab. Während beim Yoga ein Soft-BH genügen kann, bietet der jedoch bei einem 10-km-Lauf keine ausreichende Unterstützung.

„Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype?“

In der sehr empfehlenswerten Dokumentation finden unterschiedliche Perspektiven ihren Platz. Von Schwangerschaft bis (Leistungs-)Sport, von der evolutionären über die medizinische bis zur gesellschaftlichen Betrachtung bieten die verschiedenen Blickwinkel zum Teil erschreckende Wahrheiten, denen wir zukünftig im Alltag besser begegnen könnten.

Louise (Lou), eine junge Frau, die beide Brüste wegen einer Krebserkrankung abnehmen lassen musste und sich gegen einen Brustaufbau bzw. eine -rekonstruktion entschieden hat. Sie versucht sich in ihrem Körper wieder wohlzufühlen und kämpft gleichzeitig gegen eine Gesellschaft, die bewertet, verletzende Fragen stellt und sie auf ihre (fehlenden) Brüste reduziert. Lou möchte anderen jungen Frauen Hoffnung geben, dass Frau ohne Brüste leben und sich trotzdem noch weiblich fühlen kann. Dabei erfährt sie wichtige Unterstützung von der Sexologin Johanna Pantel.

Jenna, ist eine 28-jährige Hip-Hop-Tänzer- und Trainerin mit Körbchengröße G. Sie erzählt von ihrem Weg, sich nicht mehr für ihre Brüste zu schämen und wünscht sich, dass Mädchen die Unterstützung zum „richtigen“ Umgang mit ihren Brüsten bereits im Sportunterricht lernen würden.

Auch Almuth Schult, 3-fache Mutter, Fußballerin und Welttorhüterin, stellt klar, wie unangenehm und schmerzhaft es sein kann, seinen Sport ohne die richtige Ausrüstung machen zu müssen. Dazu gehört ihrer Meinung nach auch ein gutsitzender Sport-BH. Denn wenn man sich darum keine Gedanken machen muss, ist das volle Potential der eigenen Leistungsfähigkeit abrufbar.

Die hochschwangere Annika, Produktmanagerin und Ingenieurin der Elektrotechnik, und ihre Hebamme Maike Campen, kommen ebenfalls zu Wort. Sie sprechen über die hormonell bedingte Brustvergrößerung während der Schwangerschaft, über die Pflege und über die Herausforderungen, die mit dem Stillen auf die junge Mutter zukommen.

Fazit

Die Sendung hat mich mit dem Wissen und den unterschiedlichen Perspektiven auf die weibliche Brust begeistert und berührt. Es ist offensichtlich, dass wir gesellschaftlich noch einiges zu tun haben, damit eine Brust „nur“ eine Brust ist. Die Bewertung von anderen, die Kategorisierung und die Sexualisierung sollten längst nicht mehr die Gewichtung haben, die aktuell stets spürbar ist.

Mit den Worten von Jenna möchte ich schließen: „Es geht darum, ein gesundes Mindset zu besitzen. Je mehr wir darüber reden und es nicht mehr zu einem Tabu- oder sexuellen Thema machen, sondern wirklich zu einem Thema wie Fingernägel, Haare und Make-up, wird jede Frau viel glücklicher damit sein, ihre Brust genauso zu haben, wie sie ist.

Verlinkung:

ARD Mediathek, SWR: Mein Körper. Meine Brüste. – Was soll der Hype? (verfügbar bis 17.11.2029) 

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