„Für immer“ klingt groß. Ein bisschen pathetisch und vielleicht auch wie aus einer anderen Zeit. Und doch ist es genau dieses Wort, das wir uns bei Hochzeiten nach wie vor zuflüstern, versprechen, feiern. Für immer lieben, für immer bleiben, für immer das „wir“.
Doch was heißt das heute, im Jahr 2026, in dem Beziehungen flexibler, Lebensentwürfe vielfältiger und Erwartungen an die Liebe höher sind als je zuvor? Ich habe mich auf Spurensuche begeben und bei mir selbst angefangen. Zwischen romantischer Hoffnung, nüchterner Statistik und persönlichen Geschichten stellt sich mir eine Frage immer wieder: Wie lange ist für immer – und was ist notwendig, damit das Zusammensein für immer hält?
Meine Ehe
Ich war 37 Jahre alt, als ich geheiratet habe und mein Ehemann war 10 Jahre jünger. Wir kannten uns bereits 4 Jahre und hatten schon 2 Jahre eine gemeinsame Wohnung. Natürlich haben wir uns „für immer“ geschworen. Ein für immer, dass ziemlich genau 10 Jahre dauerte. Die Gründe für unser Scheitern waren vielfältig, nicht wirklich fassbar. Irgendwie war die Luft raus, wir haben uns nicht um unsere Ehe gekümmert, haben gedacht, dass sie ganz automatisch gut laufen würde. Wir haben uns über befreundete Paare amüsiert, die wie Kletten aneinanderklebten und alles gemeinsam machten … echt spießig. Darüber haben wir vergessen, uns gegenseitig Unterstützung zu geben, gemeinsam um unsere Ehe zu kämpfen. Wir haben uns in verschiedene Richtungen entwickelt und einfach nichts mehr gemeinsam gemacht, nicht einmal den wöchentlichen Einkauf. Und dann war sie zu Ende. Erst nach der Trennung haben wir versucht, unsere Ehe zu kitten; aber wie eine Schüssel mit einem Sprung, die nie wieder dicht wird, wurde aus uns auch nie wieder ein Paar.
Heute haben wir noch gelegentlich Kontakt. Mein Ex-Mann hat eine neue Partnerin gefunden, ich bin Single und glücklich damit.
Ehe ist nicht mehr gleich Ehe
Die klassische Vorstellung einer Ehe ist vertraut: Zwei Menschen heiraten, am besten jung, sie ziehen zusammen, bekommen Kinder, bleiben ein Leben lang zusammen. Dieses Modell existiert noch, aber es ist längst nicht mehr das einzige. Moderne Ehen sind so vielfältig wie die Menschen, die sie führen.
Da sind Paare, die bewusst getrennte Wohnungen haben und trotzdem verheiratet sind, weil Nähe für sie nicht über gemeinsame Quadratmeter definiert werden. Andere öffnen ihre Ehe, verhandeln Treue neu und verstehen Monogamie als Option und weniger als Regel. Wieder andere heiraten wie ich eher spät, nach langen Jahren des Single-Daseins oder mehreren gescheiterten Beziehungen, und bringen eine große Portion Lebenserfahrung mit.
Was alle Modelle verbindet, ist die Haltung: Ehe ist heute kein starres Konstrukt mehr, sondern ein Rahmen, der individuell abgestimmt wird. Für manche bedeutet er Sicherheit, für andere Freiheit – idealerweise beides.
Soziologische Studien des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass die Ehe heute weniger als Pflichtstation verstanden wird, sondern als bewusste Entscheidung unter vielen möglichen Formen des Zusammenlebens. Fernbeziehungen mit Trauschein, Ehe mit getrennten Wohnungen, Ehe ohne Trauschein, Polyamorie und andere offene oder teiloffene Modelle – all das ist längst Realität und kein Randphänomen mehr. Auffällig dabei ist, dass die Ehe heute oft mehr leisten soll als früher. Sie soll emotional erfüllen, persönliche Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig Sicherheit geben. Ein Balanceakt, der nicht immer gelingt.

Warum manche Ehen Jahrzehnte überstehen
Trotz aller Veränderungen gibt noch die Paare, die seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren verheiratet sind. Fragt man sie nach ihrem Geheimnis, bekommt man selten romantische Hollywood-Antworten. Stattdessen fallen Worte wie Geduld, Humor oder Arbeit. Dabei geht es nicht um die Arbeit zum Geld verdienen, sondern um die Arbeit an einer Ehe, die den Bedürfnissen beider Partner gerecht wird.
Lange Ehen scheinen weniger von permanenter Verliebtheit zu leben als von einer tiefen Freundschaft. Von der Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne den anderen gleich infrage zu stellen. Von der Bereitschaft, sich immer wieder neu kennenzulernen, weil niemand mit 25 derselbe Mensch ist wie mit 55.
Auffällig ist auch, dass viele lang verheiratete Paare die Idee aufgegeben haben, alles voneinander zu erwarten. Sie haben verstanden, dass ein Mensch nicht gleichzeitig beste Freund:in, leidenschaftliche:r Geliebte:r, Therapeut:in und Lebenscoach:in sein kann. Diese Erkenntnis soll erstaunlich verbindend wirken. Fachmedien wie Psychologie Heute greifen diese Erkenntnisse regelmäßig auf und betonen, dass emotionale Freundschaft, gegenseitige Wertschätzung und realistische Erwartungen zentrale Faktoren für langanhaltende Partnerschaften sind. Liebe, so scheint es, ist weniger ein Dauerzustand als eine praktische Übung.

Wenn Liebe sich verändert und manchmal endet
So tröstlich diese Geschichten sind, so ehrlich müssen wir auch über das Scheitern sprechen. Denn Ehen enden häufig, und das nicht nur, weil „die Liebe weg“ ist. Oft sind es unerfüllte Erwartungen, mangelnde Kommunikation oder schlicht das Gefühl, sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt zu haben.
Moderne Frauen sind finanziell unabhängiger, selbstbewusster und weniger bereit, dauerhaft unglücklich zu bleiben. Das ist kein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit, sondern von gestiegenen Ansprüchen an das eigene Leben. Gleichzeitig sind Männer heute stärker gefordert, emotionale Arbeit in eine Ehe einzubringen, doch das ist noch nicht überall angekommen.
Manche Ehen scheitern leise und Stück für Stück – durch jahrelanges Aneinander-vorbei-Leben. Andere explodieren an einem Punkt, an dem einer sagt: „So nicht mehr.“ Wieder andere schlafen einfach ein, werden zu einer Wohn- oder Zweck-Nutzengemeinschaft, weil auch die Trennung Arbeit und Aktivität bedeuten würde.
Trennungen sind schmerzhaft, aber sie sind nicht automatisch ein Versagen. Manchmal sind sie auch ein Akt der Selbstachtung.
Realistische Beispiele, die Mut machen
Da ist etwa meine Freundin, Mitte 40, seit 18 Jahren verheiratet. Sie erzählt offen, dass sie und ihr Mann zwei schwere Krisen überstanden haben, inklusive Paartherapie und zeitweiser räumlicher Trennung. Heute sagt sie: „Wir sind nicht zusammengeblieben, weil es leicht war, sondern weil es uns wichtig war.“
Oder eine Bekannte, die sich nach zwölf Ehejahren getrennt hat. Ohne Drama, ohne Rosenkrieg. „Unsere Ehe war nicht falsch“, sagt Julia. „Sie war nur zu Ende.“ Auch das ist eine Wahrheit, die in unserer Gesellschaft langsam Platz bekommt.
Und dann gibt es Paare, die sich bewusst gegen die Ehe entscheiden und trotzdem ein Leben lang zusammenbleiben. Vielleicht ist auch das eine Antwort auf die Frage nach dem Für immer: dass es nicht zwingend einen Trauschein braucht, sondern eine Verbindlichkeit, die täglich neu gewählt wird.
„Für immer“ ist kein Zeitraum, sondern eine Entscheidung
Vielleicht liegt das Missverständnis bereits in der Wortwahl. „Für immer“ klingt nach Endlosigkeit, nach Garantie, nach ohne Ausweg. Doch Beziehungen sind lebendig, und alles Lebendige verändert sich. Wer heute heiratet, verspricht nicht, dass alles gleich bleibt, sondern dass man bereit ist, sich gemeinsam zu verändern.
„Für immer“ kann zehn Jahre dauern oder fünfzig. Es kann fast das ganze Leben umfassen oder einen wichtigen Abschnitt davon. Entscheidend ist nicht die Länge, sondern der ehrliche Umgang miteinander und das Aufeinander eingehen und die Marotten der Partner:in auszuhalten. Und vielleicht ist das die modernste Definition von Ehe überhaupt.
Wie sieht Deine Ehe oder Lebenspartnerschaft aus. Kommentiere gerne und erzähl uns Deine Geschichte.
Deine Iris
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