Frauen verdienen im Beruf immer noch weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. Zusätzlich managen Frauen den Haushalt, erziehen häufig die Kinder, sind stark in der Care-Arbeit und pflegen die Angehörigen. Ihr Risiko in der Alternsarmut zu landen, unterschätzen die meisten, zudem kümmern sich nur wenige um ihre Finanzen. Rund 70 Prozent der heute berufstätigen Frauen müssen damit rechnen, sich im Alter drastisch einschränken zu müssen.
Frauen in der Armutsfalle – Statistik
Ein persönlicher Einblick
Das wird mir sehr wahrscheinlich auch so gehen. Ich werde dieses Jahr 63 – ok, der offiziellen Renteneintritt ist zwar erst 2029, aber will ich wirklich noch so lange arbeiten? Die Frage stelle ich mir immer wieder.
Ich habe sofort nach meinem Studium 1986 angefangen zu arbeiten – 30 Jahre festangestellt und in Vollzeit. Für „weibliche“ Verhältnisse habe ich immer gut verdient. Im Januar 2015 wurde ich entlassen – genau wie meine 2.999 Kollegen:innen. Ich war Anfang 50 und die freundlichsten Absagen bei der Suche nach einer neuen Stelle waren „Sie sind unflexibel!“ (heißt: sie haben zu viel Erfahrung und wir können sie nicht mehr nach unseren Wünschen formen) und „Sie sind überqualifiziert!“ (heißt: wir müssen ihnen ein gutes Gehalt zahlen und dazu sind wir nicht bereit).
Also habe ich mich selbständig gemacht und bin es bis heute. Der Wechsel von einer Festanstellung in die Selbständigkeit war ein Schritt vom sicheren und geregelten monatlichen Auskommen hin zu Monaten mit nur begrenzt planbaren und wechselhaften Umsätzen. Ich musste mich von meinem bis dato gewohnten Lebensstandard verabschieden und mich mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Vielleicht waren diese Einschränkungen gut für mich, denn so ist der Unterschied zur Rente nicht mehr so krass.
Trotz meines guten Verdienstes wird meine Rente aufgrund der vielen selbstständigen Jahre nicht sehr üppig ausfallen. Ich werde mich, wie viele Frauen, deutlich einschränken müssen. Für mich heißt das vor allem, meine schöne Wohnung mit Aussicht aufzugeben und mir eine kleinere und günstigere Wohnung zu suchen. Auch meine drei bis vier Urlaube im Jahr sind dann Geschichte. Eine Traumreise werde ich mir schon gar nicht mehr leisten können. Teure Hobbies und Restaurantbesuche sind dann auch nicht mehr finanzierbar.
Wenn das Geld nicht ausreicht – Die leise Bedrohung im Ruhestand
So wie es mir mit der Rente geht, geht es der Mehrheit der Frauen. Altersarmut ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine Realität, in der sich immer mehr Frauen wiederfinden. Trotz jahrelanger Berufstätigkeit, guter Ausbildung und sorgfältiger Lebensplanung sehen sie sich am Ende ihres Arbeitslebens mit einem Rentenbescheid konfrontiert, der kaum zum Leben reicht. Traditionelle Rollenbilder, Teilzeit- bzw. Care-Arbeit und die Abwesenheit der eigenen finanziellen (Zukunfts-)Planung wirken sich über Jahrzehnte kumulierend aus.
Die ZDF-Reportage „Frauen in der Armutsfalle – Viel Arbeit, wenig Lohn“ begleitet vier Frauen auf ihrem individuellen Weg – von der Generation des Schweigens bis zur jungen Studentin, die bereits heute auf ihre finanzielle Zukunft setzt. Ihre Lebensgeschichten verdeutlichen: Altersarmut ist kein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Versagen.
Frauen in der Armutsfalle – Hilde Fromm
Sprachlosigkeit als Stolperfalle
Die 68-jährige Hilde Fromm verkörpert eine Generation, die „über Geld nicht spricht“. Als gelernte Rechtsanwaltsgehilfin bekam sie nach der Geburt ihrer beiden Töchter nur noch Jobs zu Niedriglöhnen. Auch wenn sie immer hart gearbeitet hat, fehlte ihr das Bewusstsein für die langfristige Bedeutung der Rentenabsicherung. Finanzplanung war ein ungeliebtes Thema, Riesterrente, Fondssparpläne oder private Rentenversicherungen spielten in ihrem Leben keine Rolle. Heute, wo jeder eingehende Cent sorgfältig kalkuliert werden muss, spürt sie die Folgen dieses Schweigens. Der Gang zur Tafel wird für sie zur Routine, und regelmäßige Besuche bei der LichtBlick Seniorenhilfe e. V. ermöglichen ihr erst den wöchentlichen Einkauf. Die einst moderne Frau fühlt sich von einer Gesellschaft im Stich gelassen, die Rentengerechtigkeit predigt, aber keine wirksamen Mechanismen schafft, um Frauen wie ihr einen würdigen Ruhestand zu ermöglichen.
Frauen in der Armutsfalle – Jana Schütze
Die Schattenseiten der Teilzeit
Jana Schütze ist 51 Jahre alt und war lange Jahre als OP-Assistenz in einem städtischen Klinikum tätig. Mit der Geburt ihres zweiten Kindes entschied sie sich bewusst für eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Die neue Stelle als Sterilisationsassistentin finanzierte zwar die Bedürfnisse der inzwischen sechsköpfigen Familie, führte jedoch zu einem drastischen Einkommensverlust – und damit auch zu einem spürbar geringeren Rentenkonto. Zunächst empfand Jana es als Erleichterung, nicht mehr jeden Nachmittag im Klinikkittel zu verbringen und sich den Kindern und dem Haushalt zu widmen. Erst Jahre später wurde ihr bewusst, wie stark sich diese Entscheidung auf ihre Zukunft auswirkt. Teilzeit bedeutet nicht nur weniger Gehalt im Hier und Jetzt, sondern auch eine schleichende, aber stetige Verringerung der späteren Rentenbezüge. Dabei hatte sie mit dem Management des Haushaltes und der Erziehung ihrer vier Kinder eigentlich einen zweiten (Teilzeit-)Job. Wenn Jana heute ihren Rentenbescheid liest, empfindet sie vor allem eines: Sorge. Und die Erkenntnis, dass sie über Jahre hinweg Entscheidungen getroffen hat, ohne das langfristige Risiko zu erkennen. Erst die Beratung der Deutschen Rentenversicherung machte ihr deutlich, dass ihr ja die Jahre der Kindererziehung auf die Rente angerechnet werden und ihre Rente damit um einiges höher ausfallen wird als anfangs gedacht.
Frauen in der Armutsfalle – Mandy Mewes
Wenn der Absturz zum Alltag wird
Mandy Mewes, 47 Jahre alt und ehemalige Bundeswehrsoldatin und Militärpolizistin, hat gelernt, sich durchzusetzen und klar zu sagen, was sie will. Nach der Bundeswehr arbeitete sie als Betriebsleiterin in einem Sicherheitsunternehmen. Sie besaß alles, was man sich unter einem komfortablen Leben vorstellt: einen gut dotierten Job, Dienstwagen, regelmäßige Urlaube und eine großzügige Wohnung. Doch die Geburt ihrer Tochter und die anschließende Trennung von ihrem Partner führten sie in eine Welt, die sie sich nie hätte ausmalen können. Der Unterhalt blieb aus, die gemeinsam aufgenommenen Kredite waren weiterhin zu bedienen. Als alleinerziehende Mutter macht sie sich als Personalberaterin selbständig – das ging allerdings schief.
Aus finanzieller Unabhängigkeit wechselte das Leben in eine existenzielle Bedrohung: Mandy rutscht ins Bürgergeld. Plötzlich muss sie als Mutter eines Kleinkindes von 1.200 € leben. Die Verzweiflung sitzt tief, denn Mandy ahnt: Wenn sie heute schon mit knapper Not über die Runden kommt, droht ihr im Alter völlige Verarmung. Die Reportage zeigt, wie wenig Rücklagen bei vielen alleinerziehenden Müttern möglich sind und wie schnell die dünne Fassade von Stabilität einstürzen kann. Heute gibt Mandy ihre Erfahrung aus der Bundeswehrzeit an junge Frauen weiter und bringt ihnen in einem Selbstverteidigungskurs bei, übergriffigen Männer Grenzen zu zeigen. Denn sie weiß, dass das Erlernte für die Frauen auch in anderen Lebenssituationen hilfreich sein kann. Trotz einer Weiterbildung sucht sie immer noch einen neuen Arbeitsplatz, denn sie würde sehr gerne wieder selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.
Frauen in der Armutsfalle – Laura Stuhldreier
Vorsorge als Akt der Selbstermächtigung
Die 22-jährige Studentin Laura Stuhldreier gehört zur ersten Generation, die scheinbar selbstverständlich Zugang zu Finanzinformationen und digitalen Anlagemöglichkeiten hat. Während ihre Großmütter und Mütter oftmals aus Unsicherheit oder Unwissenheit auf eine private Altersvorsorge verzichteten, hat sie bereits im ersten Semester begonnen, kleine Beträge in einen ETF-Sparplan zu investieren. Dank des Zinseszinseffekts und der langfristigen Wachstumsprognosen sieht sie ihre Strategie als Versicherung gegen eine ungewisse Rentenrealität. Für Laura ist klar, dass finanzielle Selbstbestimmung kein Thema ist, das man aufschiebt: Wer früh beginnt, profitiert später umso mehr. Mithilfe von Blogs, Podcasts und YouTube-Kanälen hat sie sich Wissen angeeignet, das ihr Umfeld oft belächelt, das für ihre Generation aber überlebenswichtig sein könnte. An der Universität Münster studiert sie Volkswirtschaftslehre und organisiert mit einigen Studienkolleginnen nebenbei einen Kurs für Frauen. Darin gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen über ihren Umgang mit der Altersvorsorge weiter.
Wege aus der Armutsfalle
Die Lebensgeschichten von Hilde, Jana, Mandy und Laura zeigen eines unmissverständlich: Ohne strukturelle Änderungen werden noch viele Frauen in eine Zukunft ohne ausreichende finanzielle Mittel rutschen. Es braucht eine neue Offenheit, damit über Geld gesprochen wird – von der Schule bis ins Berufsleben. Jobs, die heute noch als familienfreundlich gelten, müssen so gestaltet werden, dass sie die Rentenansprüche nicht ausdünnen. Arbeitgeber sind gefordert, transparente Lohnstrukturen zu etablieren und gleiche Bezahlung für alle Geschlechter zu garantieren. Die Politik wiederum muss gezielt Anreize setzen, damit Frauen unabhängig von ihrer Lebenssituation frühzeitig in die Altersvorsorge investieren können.
Solidarische Netzwerke und niedrigschwellige Beratungsangebote können betroffene Frauen unterstützen, finanzielle Stolperfallen zu erkennen und zu umschiffen. Nur wenn jeder Akteur – von der Einzelperson bis zur Gesellschaft – Verantwortung übernimmt, lässt sich die Armutsfalle endgültig schließen und das Leben und Altern in Würde und Sicherheit gewährleisten.
Einen Tipp habe ich noch aus persönlicher Erfahrung: Es ist sehr hilfreich, frühzeitig einen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zu vereinbaren. Die Beratung ist kostenlos. So kann man sicher sein, dass auch alle anrechenbaren Zeiten, z. B. Studienjahre, Elternzeit, Kindererziehung, in einem Rentenbescheid berücksichtigt werden. Und vielleicht kommt dann ja die Überraschung und die Rente ist höher als ursprünglich gedacht.
Dieser Dokumentarfilm von Torsten Körner hat es in sich. Er lief bereits 2021 für 37 Wochen in deutschen Kinos und das zu Recht. Seine Botschaft ist eindeutig: Den allseits bekannten, männlich geprägten Blickwinkel auf die Helden der Bonner Republik korrigieren und die Perspektive der damals aktiven Politikerinnen einnehmen. Ohne künstliches Drama oder weitere Kommentare, stehen die Aussagen der Politikerinnen und das Archivmaterial für sich selbst, so dass sich Zuschauende ihre eigene Meinung bilden können.
Mutig und stark mussten sie sein, die Frauen, die sich und etwas auf dem politischen Parkett bewegen wollten. Sie alle kommen zu Wort und lassen uns teilhaben, an ihrer Sicht auf die damalige Zeit: Carola von Braun (FDP), Herta Däubler-Gmelin (SPD), Elisabeth Haines (SPD), Renate Hellwig (CDU), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Ingrid Matthäus-Maier (FDP/SPD), Ursula Männle (CSU), Roswitha Verhülsdonk (CDU), Renate Schmidt (SPD), Helga Schuchardt (FDP), Waltraut Schoppe (Die Grünen), Aenne Brauksiepe (CDU), Rita Süssmuth (CDU) und Christa Nickels (Die Grünen).
Die Beschreibung der Autorin Luc-Carolin Ziemann am 12. März 2020 in Vision Kino 2020 fasst es gut zusammen:
„Die Unbeugsamen“ erzählt von mutigen Frauen, die die Politik der Bundesrepublik Deutschland nicht allein den Männern überlassen wollen. Waren es in den Anfangsjahren der Bonner Republik zunächst nur Einzelkämpferinnen, bestanden seit den 1960er Jahren immer mehr Frauen darauf, als Politikerinnen ernstgenommen zu werden. Sie waren konfrontiert mit massiven männlichen Abwehrreaktionen, die von Vorurteilen bis zu offener sexueller Diskriminierung reichten. Die teilweise schockierenden Archivaufnahmen belegen, wie ungeniert viele Männer die Politikerinnen verhöhnten, beleidigten und bedrohten. Der Journalist Torsten Körner hat mit vielen Frauen, die die westdeutsche Politik bis zur Wiedervereinigung entscheidend geprägt haben, gesprochen. Entstanden ist eine emotional bewegende Chronik, die nichts an Aktualität eingebüßt hat: 2020 ist der Frauenanteil im Bundestag erstmals seit langem wieder gesunken. Daher endet der Film nicht von ungefähr mit der deutlichen Warnung: „Frauen, wenn wir heute nichts tun, dann leben wir morgen wie vorgestern.“
Damit ist schon vieles gesagt und dennoch drückt es so wenig aus, warum mich die Intensität des Films so beeindruckt hat und bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Einige Zitate aus dem Film
Ich möchte Deine Neugier mit einigen Zitaten wecken und Dich dazu ermutigen, Dir den Film und das Bonusmaterial anzuschauen. Er ist überraschend, erschreckend, unaufgeregt, reflektiert, demütigend, absurd und zeigt den Mut und die Unerschütterlichkeit dieser Pionierinnen.
„Zum Teil ist sie erfüllt, zum anderen Teil nicht. Und wenn die Leute nicht weiterkämpfen, werden sie das, was sie haben, wieder verlieren.“ – Dr. Marie-Elisabeth Lüders, FDP, 1958 auf die Frage, was sie heute über die Verwirklichung ihres großen Anliegens, der Gleichberechtigung der Frau, denke.
„Macht wird als unweiblich angesehen. Ich habe das noch nie verstanden. […] Dass ich Macht will, dass Macht etwas nicht per se Schlechtes ist, sondern nur die Art wie man Macht ausübt, schlecht sein kann, und natürlich dann kritisiert werden muss. Aber wenn ich machtlos bin, dann bin ich ohnmächtig. Und gerade, weil ich eine Frau bin, will ich nicht ohnmächtig sein, sondern ich möchte Macht, das heißt Einfluss haben, um die Dinge, die ich für richtig halte, durchsetzen zu können.“ – Renate Schmidt, SPD
„Man musste auch lernen, das Baggern so abzuwehren, dass der Herr nicht todbeleidigt und ab dann dein Todfeind ist in der Fraktion. […] Das war in allen Fraktionen so, auch bei uns.“ – Carola von Braun-Stützer, FDP, MdB
„Auftreten wie eine Lady und kämpfen wie ein Schlachtross.“ – Aenne Brauksiepe, CDU
„Es war schon so, dass die Kollegen nicht begriffen haben, wie sie mit uns eigentlich umgehen. Für die waren wir so eine Garnitur, so Blümchen, aber nicht unbedingt ernstzunehmende Politikerinnen, die genauso viel zu sagen haben wie sie.“ – Renate Schmidt, SPD
„Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut.“ – Michael Horlacher, CSU
„Ich fing an, in politische Veranstaltungen zu gehen, und merkte plötzlich: Ach, die Leute hören dir ja zu, wenn du ein Argument vorbringst.“ – Carola von Braun-Stützer, FDP, MdB
„Ich bin der Auffassung, dass die Frau auf allen Gebieten ihren eigenen Anteil gibt, und darum auch in der Politik. […] Ich möchte glauben, dass es manche tüchtigen Frauen in unserem Land gibt, die fachlich und sachlich zu dem schweren Gespräch der Männer um die Ordnung, um die Zukunft ihren Teil hinzugeben könnten.“ – Aenne Brauksiepe, CDU – Vorsitzende der Frauen Union 1961
„In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ – Konrad Adenauer 1961 zur ersten weiblichen Ministerin Frau Dr. Schwarzhaupt, CDU
„Wissen Sie, es ist eine Frage, die hier auftaucht, wo immer man mitarbeitet. Aber ich persönlich habe doch die ermutigende Erfahrung gemacht, dass man Frauen auch etwas zutrauen kann, denn man mutet uns ja oft sehr viel zu.“ – Dr. Elisabeth Schwarzhaupt, CDU,im Fernsehinterview auf die Frage eines männlichen Journalisten: „[…] ist es nicht überlegenswert, sich zu fragen, ob eine Frau in der Politik eine ganz bestimmte Position einnehmen will, soll oder muss nur deshalb, weil sie eine Frau ist?“
„Zunächst waren die Frauen alle Einzelkämpferinnen, jede war für sich. Und dann, in den 70er Jahren, entdeckte man die anderen Frauen, die in der gleichen Situation waren. Und man hat nicht mehr gegeneinander um den einzigen Frauenplatz konkurriert, sondern man hat sich zusammengetan, um mehr „Frauenplätze“ zu bekommen.“ – Elisabeth Haines, Referatsleiterin im Familienministerium
„Sie müssen noch an sich arbeiten, meine Herren, damit die Würde dieses Hauses nicht ganz auf den Hund kommt. Die Diskussion um den §218 ist neu aufgebrochen. […] Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, die Lebensverhältnisse normiert: auf Einheitsmoden, Einheitswohnungen, Einheitsmeinung, auch auf eine Einheitsmoral. Was dazu geführt hat, dass sich Menschen abends hinlegen und vor dem Einschlafen eine Einheitsübung vollführen. Wobei der Mann meist eine fahrlässige Penetration durchführt. Fahrlässig, denn die meisten Männer ergreifen keine Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung. Wir fordern die Bestrafung bei Vergewaltigung in der Ehe. Wir fordern Sie auf, endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass auch die Frauen ein Selbstbestimmungsrecht haben über ihren Körper und ihr Leben. Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen.“ – Waltraut Schoppe, Die Grünen, am 05.05.1983 – Rede im Bundestag
„Ich habe sie bewundert, das sage ich ganz offen. Weil ich damals die gleichen Worte im Bundestag wahrscheinlich nicht gewählt hätte, aber ich fand die völlig richtig.“ – Herta Däubler-Gmelin, SPD, zur Rede von Waltraut Schoppe am 05.05.1983 zum §218
„Diese Rede war ein großes Fest für alle Frauen, die fraueninteressiert und frauenbewegt waren. So hat nie, noch nie jemand im Bundestag gesprochen.“ – Elisabeth Haines, SPD, zur Rede von Waltraut Schoppe am 05.05.1983 zum §218
„Die Stimmung, damals bei der Rede von Frau Schoppe, war einfach ekelhaft. Ich meine, so was wie „Hexe“ na gut, das ist nicht besonders schön, aber nicht unter der Gürtellinie. Da kamen aber Dinge, ganz eindeutig sexualisierter Art, die man ihr zurief. So etwas wie „Mit dir will ja sowieso keiner pennen“, also wirklich sehr hässlich. Ich hätte das von Abgeordneten nicht erwartet.“ – Ingrid Matthäus-Maier, SPD
„Das war manches Mal peinlich für die Männer. Man hatte richtig Mitleid mit den Männern, die da so grölen mussten bei bestimmten Passagen, weil sie so in ihrem innersten Sein angegriffen wurden und nicht mehr akzeptiert wurden als natürliche Herrscher in der Welt.“‘ – Elisabeth Haines, SPD
„[…] Und als das passiert ist, mit dem Lachen und auch mit den Aggressionen, da habe ich gedacht, jetzt gerade, hier muss noch viel Basisarbeit geleistet werden. Und das haben wir uns vorgenommen als Frauen.“ – Waltraut Schoppe, Die Grünen, im Gespräch mit der Journalistin Inge von Bönninghausen
„Frauen, ich meine das parteiübergreifend mit allen Frauen zusammen, dass sie z. B. auch gerade in der Nachrüstungsdebatte, doch viel intensiver auf die echten Probleme eingegangen sind als alle Männer da drin.“ – Petra Kelly, Die Grünen
„Solange uns Männer regieren, die Raketen vom Kopf tragen wie andere das Brett vor dem Kopf, wird es hier nicht besser werden und wir brauchen keine neuen Raketen. Wir brauchen neue Männer in diesem Land.“ – Waltraut Schoppe, Die Grünen
„Wenn sie aktiv und entscheidungsfreudig sind, wenn sie was wollen und das durchsetzen und sagen: „Jetzt krieg ich die Mehrheiten …“. Ich bin sicher, bei einem Mann wäre gesagt worden: „Der ist aber entscheidungsstark.“ „Der hat Ideen und Visionen, die will der umsetzen.“ Dies ist aber eine Erfahrung, die ich über all die Jahre gesammelt habe, wenn Frauen sagen: „Ich will das so und dafür kämpfe ich“, wird das eher kritisch gesehen, auch beim Zuschauer, als wenn Männer das machen. Da heißt das „entscheidungsstark“ und nicht „autoritär“.“ – Ingrid Matthäus-Maier, SPD
„Sie und Helmut Kohl, das war ja nun … Irgendwann wurde das ein ganz bekanntes Gegnerpaar. Er war stinksauer, dass sie so anders war, als er dachte, dass sie sein wird. Und sie war ziemlich fassungslos über die Machoallüren, die man nicht nur bei Kohl sondern in diesem Umfeld einfach erlebte.“ – Renate Faerber-Husemann, Journalistin, über Fr. Dr. Rita Süssmuth, CDU, Gesundheitsministerin
„Es muss geschmeidig wirken, aber hart erkämpft werden. Das habe ich auch gelernt. Ich weiß, dass dieses Wort „kämpfen“ unter Frauen und schon gar nicht in der Mann-Frau-Relation das richtige Wort ist, aber es ist die richtige Tat.“ – Prof. Rita Süssmuth, CDU
Fazit:
„1908 durften die Frauen nicht mal auf politische Veranstaltungen, sie durften keine politischen Vereine besuchen. 1918 haben sie erstmals das Wahlrecht bekommen. dann haben sie es wieder entzogen gekriegt. Standen ihre Frau während des Krieges, ließen sich dann aber wieder zurückdrängen an den Herd, machten Platz frei für diejenigen, die aus dem Krieg zurückgekommen sind. Es braucht halt alles einfach seine Zeit, weil es halt ein Kampf, ein Machtkampf ist. Jede Position, die heute von einer Frau eingenommen wird, wird nicht mehr von einem Mann eingenommen. Die haben natürlich etwas zu verlieren. Um es deutlich zu machen, dass man nichts verliert, sondern dass es vielleicht besser ist, wenn beide gemeinsam was tun, dieses Bewusstsein, dass das sich in den Köpfen wiederfindet, das ist schwer einzupflanzen. Aber vielleicht schaffen wir es in den nächsten 25 Jahren. Ich glaub schon.“ – Ursula Männle, CSU
Ein Stück Zeitgeschichte, das von innen heraus betrachtet deutlich anders aussieht als bisher angenommen. Ich bin dankbar für diesen Film und möchte mit der Botschaft des Films enden, wie es der Regisseur Torsten Körner dargelegt hat: „Der Film stellt starke Frauen, starke Erzählerinnen in den Mittelpunkt. Starke Frauen erzählen ihre Lebensgeschichte – das ist die Botschaft.“
Hier findest Du den Film:
Der Film:
Aktuell ist das Streaming kostenpflichtig verfügbar bei Netflix, Youtube, Apple TV, Google Play Film, Amazon Prime.
Es war ein sonniger Tag und ich freute mich, das Haus endlich wieder ohne dicke Winterjacke, dafür in schöner sommerlicher Kleidung verlassen zu können. Ein heller Leinen-Einteiler und ein leichter blauer Blazer waren das Outfit meiner Wahl für diesen Tag. Es war der 23. Mai 2024, als mir mein Papa eine Nachricht schrieb, die für immer meinen Blick auf Kaffee und die Reise, die er zurücklegt, um in unseren Supermärkten, Büros und Lieblingscafés zu landen, verändern würde.
An diesem sonnigen Donnerstag war ich dabei, mich auf ein Frauennetzwerktreffen vorzubereiten. Als leidenschaftliche Erfinderin und Unternehmerin war ich zu dem Zeitpunkt sehr intensiv auf Vorträgen, Veranstaltungen und Netzwerktreffen unterwegs. Während mir also die Themen „Finanzielle Unabhängigkeit von Frauen“, „Frauen in der Wirtschaft“ und „Frauen und Innovation“ durch den Kopf schwirren, öffnete ich den Link, den mir mein Papa soeben geschickt hatte.
„Die Kaffee-Revolution ist weiblich! Kaffee, fair von Frauen produziert. Du repräsentierst ‘Angelique’s Finest – Strong Women. Strong Coffee.’ und bist das Sprachrohr der Produzentinnen aus Ruanda und Uganda in Deutschland. Zusammenarbeit mit einem interkulturellen Team auf zwei Kontinenten: Du arbeitest mit und für 2.000 hoch motivierte Kleinbäuerinnen daran, fair produzierten Kaffee in Deutschland zu vermarkten.“
Diese Sätze stachen mir sofort ins Auge. Es waren die Sätze aus einer Stellenausschreibung der Kaffee-Kooperative, die auf der Suche nach einer Geschäftsführerin war.
„Die Kaffee-Revolution ist weiblich!“ Eine weibliche Revolution? Was genau wird denn im Kaffee revolutioniert und was muss eigentlich revolutioniert werden? Diese und viele weitere Fragen brachten bei mir eine tiefgreifende Recherche ins Rollen.
Was ich herausfand, hat mich nicht mehr losgelassen.
Frauen in der Kaffeeindustrie – die ungeschminkte Wahrheit
Die Kaffeeindustrie ist eine der ältesten und größten Branchen der Welt. Jeden Tag werden weltweit über zwei Milliarden Tassen Kaffee getrunken. Doch was kaum jemand weiß: Weniger als 5% davon stammen aus fairem Handel. 70% der Arbeit auf den Kaffeeplantagen wird von Frauen verrichtet – und trotzdem landen weniger als 10% des Einkommens aus dem Kaffeehandel in ihren Händen. Frauen pflanzen die Kaffeepflanzen, pflegen sie, ernten die Bohnen und sortieren sie mit größter Sorgfalt. Aber wenn es um die Verhandlungen, den Verkauf und die Gewinne geht, stehen sie noch viel zu oft im Schatten.
Die Kaffee-Kooperative: So geht Welt verändern!
Angelique’s Finest macht es anders. Hier gehören die Frauen nicht nur zum Prozess – sie bestimmen ihn. Sie sind nicht nur Bäuerinnen, sondern selbstbestimmte Unternehmerinnen. Ihnen gehört der Kaffee. Ihnen gehört die Marke. Und damit gehört ihnen auch die Zukunft.
Die Kaffee-Kooperative ermöglicht es den Bäuerinnen, ihren Kaffee unter ihrer eigenen Marke zu verkaufen – direkt, ohne Zwischenhändler, ohne ausbeuterische Preise. Dadurch verdienen sie ein Vielfaches dessen, was sie auf dem herkömmlichen Markt bekommen würden. Und das bedeutet: finanzielle Unabhängigkeit, eigene Entscheidungen, Investitionen in Bildung, ihre Gemeinden, Gesundheit und Zukunftsperspektiven.
Ich erinnere mich noch genau an die ersten Geschichten, die ich über die Frauen aus Ruanda erfahren habe. Dative ist eine von ihnen und erzählte von ihrem Traum, ihren eigenen kleinen Kiosk zu eröffnen. Vor Angelique’s Finest war das undenkbar – heute hat sie sich von ihrem Ersparten nicht nur den Traum ihres eigenen Kiosks erfüllt, sondern hat zusätzlich ihre Plantage mit neuen Kaffeebäumen erweitert und eine eigene Schneiderei in ihrer Nachbarschaft eröffnet. Eine andere Frau, Rosette, erzählt: „Früher war Kaffee nur harte Arbeit. Heute ist Kaffee meine Zukunft.“
Das ist es, was mich antreibt. Was ich mir wünsche? Folgendes Bewusstsein: Wir trinken nicht nur Kaffee – wir treffen mit jeder Tasse eine Entscheidung. Unterstützen wir ein System, in dem die Arbeit von Frauen unsichtbar bleibt? Oder geben wir ihnen die Sichtbarkeit und die Kontrolle zurück?
Seit jenem sonnigen Tag im Mai hat sich mein Leben verändert. Ich habe mich der Mission von Angelique’s Finest verschrieben – nicht nur, weil der Kaffee unverschämt gut schmeckt, sondern weil jede Tasse ein Statement ist. Ein Statement für fairen Handel, für weibliche Selbstbestimmung, für eine gerechtere Zukunft. Und weil jede Tasse im Leben der Bäuerinnen einen echten Unterschied macht.
Und Du? Wenn Du das nächste Mal eine Tasse Kaffee in der Hand hältst – überleg Dir, woher er kommt und wessen Leben Du damit beeinflusst. Vielleicht ist es an der Zeit für eine Revolution – eine, die mit Deinem nächsten Schluck beginnt.
Die Autorin: Maura Oerding
Sie ist Erfinderin, Unternehmerin und seit September 2024 die Geschäftsführerin der Kaffee-Kooperative. Maura Oerding ist mit der Mission unterwegs, die Welt mit fairem, nachhaltigem Kaffee ein ,,Schlückchen besser zu machen“. Gemeinsam mit den beiden Co-Gründern Allan und Xaver leitet Maura die Geschäfte der Kaffee-Kooperative. Sie wollen die gesamte Ernte des Kaffees, der von den Partnerkooperativen in Ruanda produziert wird, als Endprodukt Angelique’s Finest verkaufen. Dadurch werden die Bäuerinnen und Bauern unabhängig von schwankenden Weltmarktpreisen! Für das Engagement wurden sie 2024 mit dem Fairtrade Award in der Kategorie Climate Hero Society ausgezeichnet (zusammen mit den FairActivists und der Abizerwa Women’s Association) und haben den Internationalen Deutschen Nachhaltigkeitspreis gemeinsam mit ihrem ruandischen Partnerunternehmen Rwashoscco gewonnen.
Bereits 2018 wurde die Kaffee-Kooperative auf dem 2. Platz des Fairtrade Awards ausgezeichnet (in der Kategorie ‘Handel’ hinter ALDI und vor der Deutschen Bahn Gastro) und war zusammen mit der Partnerrösterei in Ruanda für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert. Darüber hinaus haben sie mit Angelique’s Finest Strong Women. Strong Coffee. eine zweite, eigenständige Kaffeemarke etabliert und damit den ersten komplett von Frauen in Eigenverantwortung produzierten Kaffee im deutschen Markt etabliert.
Kontaktdaten:
Maura Oerding Kaffeekoop GmbH Rollbergstr. 28a 12053 Berlin
In den sozialen Medien und Lifestyle-Blogs taucht zunehmend ein Trend auf, der aus den USA herüberschwappt und überrascht: Junge Frauen bekennen sich offen zur traditionellen Hausfrauenrolle und bezeichnen sich als „Tradwives“ – ein Begriff, der sich von „traditional wives“ (traditionelle Ehefrauen) ableitet. Sie werben für ein Leben, das sich hauptsächlich um Haushalt, Ehe und Kinderbetreuung dreht, während der (gutverdienende) Mann als Ernährer auftritt. Einige verstehen diese Bewegung als bewusste Entscheidung für ein erfülltes Familienleben, Kritiker sehen darin eine Rückkehr zu längst überholten Geschlechterrollen.
Doch warum folgt eine wachsende Zahl von Frauen diesem Trend? Welche gesellschaftlichen Hintergründe begünstigen seine Entstehung?
Die Entstehung des Tradwife-Trends
Der Tradwife-Trend ist eine Gegenbewegung zur Emanzipation und der damit verbundenen Erwartung, dass Frauen Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen. Viele, vor allem junge, Frauen sind von den Herausforderungen, Karriere zu machen, finanziell unabhängig zu sein und gleichzeitig familiäre und emotionale Verpflichtungen zu erfüllen, überfordert. In den sozialen Kanälen präsentieren Tradwives ein vermeintlich idyllisches Leben, das sich um Harmonie, Fürsorge und klassische Geschlechterrollen dreht. Die Frauen zeigen sich oft in nostalgisch inspirierten Kleidern, beim Backen oder bei der Kindererziehung – stets mit einem Lächeln auf den Lippen und einem perfekt geputzten Zuhause im Hintergrund.
Estee Williams ist eine Tradwife. Sie hat sich dem „traditionellen Leben“ verschrieben. Sie bereitet sich auf die Rückkehr ihres Mannes vor. Sie frisiert sich ihr blondes gelocktes Haar und trägt roten Lippenstift auf. Im Hintergrund spielt Jazzmusik – sanfte Klänge von Bobby Darin. Ihr Mann arbeitet tagsüber, während sie den Haushalt schmeißt. Mit ihren Videos auf TikTok und Instagram erreicht die Influencerin Hunderttausende. Ihre Filme wirken wie Ausschnitte aus Filmen der 1950er – nur in chic und in Farbe. In Wirklichkeit sind die Inhalte erst in den letzten Monaten entstanden.
Die Wurzeln der Tradwife-Bewegung finden sich in historischen, aber auch in den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Einerseits knüpft sie an das Ideal der Hausfrau aus den 1950er-Jahren an, das teilweise in konservativen Kreisen noch vorhanden ist. Andererseits ist sie eine Reaktion auf eine Gesellschaft, in der Flexibilität, Leistungsdruck und Selbstoptimierung häufig als Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Leben gelten.
Warum entscheiden sich Frauen für diese Rolle?
Die Gründe, warum Frauen sich bewusst für den Tradwife-Lifestyle entscheiden, sind vielfältig. Viele sehnen sich nach einem einfacheren Leben, in dem sie sich nicht zwischen Karriere und Familie aufreiben müssen. Die Vorstellung, sich ganz auf das Zuhause und die Familie konzentrieren zu können, erscheint als Ausweg aus dem hektischen Alltag der modernen Arbeitswelt. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit kann es zudem attraktiv erscheinen, sich auf ein traditionelles Rollenmodell zurückzubesinnen, in dem der Mann als Hauptverdiener für finanzielle Stabilität sorgt.
Auch soziale Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auf Plattformen wie Instagram und TikTok wird das Tradwife-Dasein als ästhetisch ansprechend, entspannt und erfüllend inszeniert. Der nostalgische Charme vergangener Jahrzehnte, kombiniert mit der Idee einer klar definierten Lebensaufgabe, übt auf viele Frauen eine große Anziehungskraft aus. Hinzu kommen ideologische oder religiöse Überzeugungen, die traditionelle Familienstrukturen befürworten. In manchen konservativen Kreisen wird die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter als moralisch wertvoller angesehen als eine berufliche Karriere. Frauen, die sich diesem Ideal anschließen, erleben oft gesellschaftliche Anerkennung innerhalb ihrer Community.
Die Schattenseiten des romantisierten Lebensstils
So verlockend das Bild der perfekten Hausfrau erscheinen mag, es birgt ebenfalls Risiken und Herausforderungen. Eine finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann kann langfristig zu Problemen führen – sei es bei Trennungen, Scheidungen (die damals noch nicht an der Tagesordnung waren) oder bei unvorhergesehenen Schicksalsschlägen. Die Entscheidung, sich ausschließlich auf die Familie zu konzentrieren, kann, sollte sich die Lebenssituation ändern, den Wiedereinstieg ins Berufsleben erschweren.
Auch psychologische Faktoren spielen eine Rolle. Wer sein gesamtes Lebensglück von der Familie und der Zufriedenheit eines Partners abhängig macht, verliert sich selbst und die eigenen Bedürfnisse aus den Augen. In einer Gesellschaft, die immer noch stark von feministischen Errungenschaften geprägt ist, kann zudem sozialer Druck entstehen, wenn Frauen sich gegen den Mainstream der Gleichberechtigung entscheiden.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Margreth Lünenborg schreibt: „Auf den ersten Blick mögen die Videos und Inhalte dieser Bewegung harmlos und naiv erscheinen.“ Dennoch spricht sie warnt sie: Bei genauerer Betrachtung offenbare der Trend ernsthafte Probleme. Die Videos der Tradwives stellten ein „gesellschaftliches Arrangement als Ideal dar, das mit extremen Ausschlüssen einhergeht“. Sie erklärt, dass hinter den vermeintlich unpolitischen Darstellungen ein tief verwurzeltes, politisches Weltbild steckt, das rassistische und diskriminierende Elemente enthält.
Prof. Lünenborg beschreibt die Gemeinsamkeiten der Tradwives:
sie sind (fast) alle weiß
sie kommen aus christlich-fundamentalistischen Kreisen
sie propagieren ein traditionelles Geschlechter- und Familienbild
die Erwerbsarbeit des Mannes reicht aus, um die Familie zu ernähren
Dieser Lebensstil, der von Frauen mit gutverdienenden Ehemännern geprägt ist, verstärke ein elitäres Bild, das sich bewusst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. Prof. Lünenborg hebt hervor, dass Frauen in diesem Modell „klar dem Mann untergeordnet“ sind. Dieser Trend richte sich gegen jegliche gesellschaftlichen Veränderungen und bewahre ein enges, rückwärtsgewandtes Weltbild. Es sei kein Platz für alternative Familienbilder, wie Regenbogenfamilien, Familien ohne Kinder oder für schlechter Verdienende, weil sie sich diesen Lebensstil gar nicht leisten könnten.
Tradition oder Trend? Die Zukunft der Tradwives
Ob dieser Trend eine langfristige Bewegung oder nur ein kurzlebiges Phänomen ist, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall sollte er eine tiefere gesellschaftliche Debatte über Geschlechterrollen, Arbeitsmodelle und persönliche Freiheit anstoßen. Während sich einige Frauen bewusst für diesen Lebensstil entscheiden und Erfüllung darin finden, bleibt die Frage bestehen, ob die Rückkehr zu alten Rollenmustern tatsächlich ein Fortschritt ist – oder ob sie vielmehr eine Flucht aus den Herausforderungen der modernen Welt darstellt.
Die Diskussion um Tradwives zeigt, wie vielfältig und individuell die Lebensentwürfe moderner Frauen sein können. Während manche den feministischen Kampf für Gleichberechtigung als unantastbares Ziel betrachten, fühlen sich andere in traditionellen Strukturen wohler. In einer idealen Gesellschaft sollte es jedoch nicht um entweder/oder gehen, sondern um die Möglichkeit, frei und selbstbestimmt zu wählen – unabhängig von gesellschaftlichem Druck, Trends oder Normen.
Gap‘s für Frauen & Mädchen schließen – damit Träume wahr werden können!
Als Leiterin Sponsoring mit langjähriger Erfahrung und auch als Frau ist es mir ein Anliegen, die Herausforderungen aufzuzeigen, denen Frauen und Mädchen im Breiten- und Spitzensport gegenüberstehen. Vor allem, wenn es um ihre sportlichen Ambitionen geht. Während sich Gleichberechtigung in der Gesellschaft zunehmend durchsetzt, ist das Thema im Sport noch nicht wirklich angekommen. Dabei geht es nicht (nur) um faire Bezahlung, sondern um grundlegende Strukturen, die Frauen und Mädchen häufig den Weg in den Sport erschweren oder ihnen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten, wie Männer und Jungen sie haben, verwehren. Sei es durch fehlende Trainingszeiten, unzureichende Infrastruktur oder die Tatsache, dass geplante Trainingseinheiten nicht stattfinden können, weil niedrigklassige Jungenmannschaften Vorrang bei der Platznutzung erhalten. Wir müssen diese Lücken schließen – für eine Zukunft, in der Sportlerinnen ihre Träume verwirklichen können!
Strukturelle Ungleichheiten und alltägliche Hürden ziehen sich durch alle Lebensbereiche
Eine der größten Herausforderungen ist der eingeschränkte Zugang zu Ressourcen. Frauenmannschaften erhalten oft weniger Trainingszeiten als ihre männlichen Kollegen, müssen sich mit schlechterer Ausstattung zufriedengeben oder werden in der Vereinsstruktur nicht ausreichend gefördert.
Auch die finanzielle Unterstützung bleibt ein kritischer Punkt. Während Männerteams in vielen Sportarten von Sponsorenverträgen, Ticketverkäufen oder von Verbandsförderungen profitieren, müssen Frauenmannschaften häufig schon um das Nötigste kämpfen. Ein besonders starkes Beispiel zeigt sich im Basketball: Während Spieler der 2. Bundesliga Nord rund 11.000 Euro im Monat verdienen, erhalten ihre weiblichen Kolleginnen in der gleichen Liga keinen einzigen Euro. Ähnliches gilt für andere Sportarten, in denen Frauen ihre Trikots, Fahrtkosten und teilweise sogar die Spielgebühren selbst zahlen müssen.
Hinzu kommt eine mangelnde mediale Präsenz. Auch wenn es in den letzten zwei Jahren deutliche Verbesserungen gegeben hat, ist die Berichterstattung noch nicht auf dem gleichen Niveau. Ausnahmen bestätigen die Regel: Im Tennis arbeiten beide Geschlechter zu gleichen Konditionen.
Gleichwertige Leistung – Ungleiche Wertschätzung
Dass Frauen im Sport nach wie vor nicht die gleiche Anerkennung erfahren wie Männer, zeigt sich an vielen Beispielen.
Der MSV Duisburg löst im Jahr 2024 seine Frauenfußballmannschaft nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung komplett auf – und KEIN Aufschrei erschüttert die Öffentlichkeit. Bei den Männern undenkbar. Dieser Fall zeigt, wie fragil das System des Frauenfußballs in Deutschland noch immer ist. Ein traditionsreicher Standort für den Frauenfußball, der zahlreiche Profi-Spielerinnen hervorgebracht hat, verschwindet aus dem professionellen Spielbetrieb – und es scheint kaum jemanden zu interessieren.
Was nach der EM 1989 geschah, als die Spielerinnen der deutschen Nationalmannschaft den EM-Titel erkämpften, wird heute noch mit Empörung und Unverständnis kommentiert. Als Anerkennung erhielten die Frauen damals ein Kaffee-Service mit Blümchen. Das war 1989. Fast vier Jahrzehnte später hat man nach wie vor nicht daraus gelernt. Ein besonders aufsehenerregender Fall ereignete sich im Januar 2025 im Skispringen: Während männliche Athleten für die gleiche Platzierung 3.000 CHF Preisgeld erhielten, bekam die Top-Skispringerin Selina Freitag ein Dusch Set und vier Handtücher. Hier und jetzt – es ist zum Fremdschämen. Es ist empörend und es passt nicht in das gesellschaftliche Gesamtbild. Wir müssen deutlich lauter werden!
Es sind genau solche Vorfälle, die uns zeigen, dass Gleichberechtigung im Sport noch lange nicht erreicht und dass es höchste Zeit für Veränderungen ist. Diese Ungleichheiten sind dabei keineswegs auf den Profisport beschränkt. Auch im Leistungs- und Breitensport fehlen Frauen gleichwertige Optionen: Sei es durch schlechtere Trainingsbedingungen, eine unzureichende Infrastruktur oder die mangelnde Unterstützung von Frauen- und Mädchenmannschaften in den Vereinen. Dabei gibt es einen klaren Markt für leistungsorientierte Mädchen und Frauen.
Besonders bedenklich ist die geringe Anzahl weiblicher Entscheidungsträgerinnen in Sportgremien und Vereinsvorständen. In den Führungsetagen der deutschen Fußball-Bundesligen sind Frauen selten vertreten. Nur sechs von 84 Top-Management-Positionen in 36 befragten Vereinen sind durch Frauen besetzt. Dieses Ungleichgewicht zeigt den dringenden Handlungsbedarf, um eine gerechtere Repräsentation von Frauen in Führungsrollen innerhalb des Sports zu erreichen.
Wir müssen stärker zusammenrücken – Frauen müssen die gleichen Rahmenbedingungen, wie Zugang zu Sportstätten, Gehältern usw., haben. Dazu benötigen sie eine größere Lobby.
Warum Gleichberechtigung im Sport so wichtig ist
Es geht nicht nur um Fairness, sondern um die grundlegende Frage, welche Rolle Frauen und Mädchen im Sport – und in der Gesellschaft – wahrnehmen können, wollen und sollen. Sport vermittelt wichtige Werte wie Teamgeist, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein. Mädchen, die früh damit konfrontiert werden, dass ihre Leistungen weniger wertgeschätzt werden als die von Jungen, verinnerlichen diese Botschaft. Wir können es uns nicht leisten, junge Talente zu verlieren, nur weil ihnen die nötige Förderung verwehrt bleibt.
Ein zentraler Aspekt ist auch die Vorbildfunktion von Spitzensportlerinnen. Wenn Frauen im Profisport die gleiche Anerkennung und Sichtbarkeit erhalten wie Männer, wird das automatisch auch positive Effekte auf den Breitensport haben.
Ohne Spitze keine Breite
Durch starke Vorbilder, gerne auch auf höchstem Niveau, werden sich mehr Mädchen ermutigt fühlen, ihre sportlichen Ambitionen ernst zu nehmen, sich zu engagieren, zu trainieren und sich dauerhaft zu begeistern. So lernen sie, dass sie ihre Freiräume nutzen und gestalten können, dass sie selbstbestimmt wirken dürfen. Sie werden mutiger und erleben, dass sie ihre eigenen Träume leichter realisieren können.
Wir alle können einen Beitrag leisten
Es ist an uns, dazu beizutragen, dass die Bedürfnisse und Wünsche von Frauen und Mädchen im Sport gehört, gesehen und respektiert werden. Indem wir die Frauenmannschaften unterstützen, für Gleichberechtigung im Sport eintreten und uns aktiv für die Förderung von Athletinnen auch im Breitensport einsetzen. Gemeinsam können wir einen nachhaltigen Beitrag leisten und damit meine ich jede Person egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, sportlich oder unsportlich.
Es gibt bereits erfolgreiche Initiativen, die zeigen, dass Veränderung möglich ist. Programme wie „Mädchen an den Ball“ bieten gezielte Trainings und Förderungen für junge Mädchen im Fußball. Es gibt Schulungen für Trainer:innen, um Trainingseinheiten an die Bedürfnisse von Sportlerinnen anzupassen, in denen z. B. die unterschiedlichen Zyklusphasen berücksichtigt werden.
Auch Unternehmen sind gefragt: Sponsoren sind eingeladen, ihre gesellschaftliche Verantwortung für Frauen im Sport bewusst wahrzunehmen und damit ein deutliches Zeichen für Gleichberechtigung zu setzen. Dies lässt sich als Nachhaltigkeitsziel definieren und hat im Rahmen der Corporate Social Responsibility Strategien (CSR) positive Auswirkungen.
Eine stärkere Medienpräsenz von Frauen im Sport – sei es durch Live-Übertragungen, Berichterstattung in der (Online-) Presse oder größere Sichtbarkeit in den sozialen Medien – leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag.
Ein weiteres Ziel muss die Stärkung der professionellen Strukturen in Vereinen sein, sodass auch Mädchen- und Frauen-Teams effizient gefördert und vermarktet werden können. Letztlich geht es darum, ihnen den gleichen Zugang zu Ressourcen wie Trainingszeiten, Ausrüstung und Infrastruktur zu schaffen.
Die Energie, die von einem enthusiastischen Frauenteam während eines Ligaspiels ausgeht, ist inspirierend. Wenn Einlaufkinder im Basketball ihre Spielerin anstrahlen, ist das ein Gänsehauterlebnis. Es müssen nicht immer die großen Stadien sein, die Endorphine pur erzeugen. Es sind die vielen kleinen Momente, die uns weiterbringen und die uns immer wieder in unserem Tun bestätigen. Es ist immens wichtig, sich im Sport zu engagieren. Jeder Besuch eines Ligaspiels ist Anerkennung für die Leistung der Athletinnen, die ohne Entgelt dreimal die Woche trainieren und nebenbei ihre Ausbildung abschließen oder ihrem Beruf nachgehen.
Gleichberechtigung im Sport geht uns alle an – egal, ob wir selbst aktiv sind oder nicht. Jede und Jeder kann helfen, Frauen- und Mädchen im Fußball oder jeder anderen Sportart zu stärken. Denn nur wenn Frauen und Mädchen die gleichen Chancen und Anerkennung im Sport erhalten wie Männer und Jungen, können wir von einer wirklich gleichberechtigten Sportwelt sprechen.
Lasst uns gemeinsam die Lücken schließen – damit Träume wahr werden können!
Die Autorin: Anja Merl, Inhaberin connected by Anja Merl
Seit 12 Jahren vernetzt Anja Merl in Duisburg und im Kreis Wesel branchenübergreifend regionale Unternehmen miteinander zu unterschiedlichen strategischen Themen. Durch ihr Engagement als Leiterin Sponsoring bei Rot-Weiß Oberhausen hat sie erhebliche finanzielle Mittel für den Verein gesichert und dessen Wachstum mit vorangetrieben. Zunächst ausschließlich für den Männerfußball zuständig, hat Anja Merl seit 2021 maßgeblich zum Aufbau des gleichberechtigten, leistungsorientierten Mädchen- und Frauenfußballs bei RWO beigetragen.
Mit Gründung der Marke „connected by Anja Merl B.C.“ baut sie den Bereich des Sportmarketings aus und unterstützt mit ihrem fünf-köpfigen Team Sportvereine im Breiten- und Spitzensport, um Mehrwerte in Wirtschaft und Sport für alle zu generieren. Und um mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Die Förderung von Mädchen und Frauen ist dem Team ein besonderes Anliegen. „Hiermit leisten wir einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir bessere Bedingungen für junge Talente gestalten.“
Ich gestehe, mein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten. Trotzdem habe ich das Gefühl, immer noch mehr Klamotten kaufen zu müssen. Gerne darf es auch mal ein Stück aus dem Outlet sein. Oder ein Online-Kauf bei dem bekannten Kaffeeriesen. Geht es Dir auch so?
Seit einiger Zeit frage ich mich, wie die Textilbranche es schafft, dass wir immer mehr kaufen, als wir wollen und brauchen. Und welche Auswirkungen hat dieses Kaufverhalten auf mich und welche hat es auf unsere Umwelt? Mehr zufällig habe ich die ZDF-Info Dokumentation „Nice Price – Die Tricks der Textilindustrie“ gesehen. Die Redakteurin Pia Osterhaus schaut hinter die Kulissen der Textilbranche, denn für nichts geben wir mehr Geld aus als für unsere Kleidung – 2023 waren es allein in Deutschland über 65 Milliarden Euro … nur für Kleidung! Das macht die Textilindustrie zur umsatzstärksten Nonfood-Branche.
Outlet – günstig und gut?
Outlets – sind sie noch zeitgemäß oder längst ein alter Hut? Der Begriff „Outlet“ (zu deutsch „Auslauf“) ist erst Ende der 1990er Jahre entstanden. Dort verkaufen große Marken ihre Ware zu deutlich reduzierten Preisen. Outlet Stores gibt es (inzwischen) deutschlandweit, von einzelnen Ladenlokalen bis hin zu Outlet-Cities. Natürlich ist der Hype auch in den sozialen Medien angekommen. Vor allem Mikro-Influencer werden gezielt im Marketing eingesetzt, um Kleidung und Accessoires subtil zu bewerben und unser Konsumverhalten zu beeinflussen. Sie nehmen ihre Follower mit auf eine (private) Shoppingtour und promoten so auch die Schnäppchen der großen Marken.
Sind diese Schnäppchen wirklich gut und billig? Ist es Ware aus dem letzten Jahr oder der letzten Saison? Handelt es sich tatsächlich um Kleidung, die in den regulären Geschäften keine Abnehmer gefunden hat oder wird die Kleidung extra für die Outlets billig hergestellt?
Für alle Fragen gilt ein vorsichtiges „Ja“, denn nicht immer und nicht bei allen Marken ist das die Strategie für die Outlet-Stores. Einige müssen zugeben, dass sie tatsächlich für ihre Outlets Ware günstiger produzieren lassen. Im direkten Vergleich der Ware findet die Textiltechnikerin Vanessa Gudehus schnell die markanten Unterschiede, z. B. zwischen einer Jeans aus dem Outlet und einer aus dem regulären Angebot der gleichen Marke. Die Hose aus dem Outlet ist günstiger, aber von schlechterer Stoffqualität. Sie hat einen einfacheren Schnitt und wurde in einem Niedriglohnland hergestellt. Zudem fehlen ihr einige Details im Design. Doch nur, weil es einige Marken so machen, heißt das nicht, dass alle so handeln.
Was heißt das für mich?
1. Ich kann im Outlet ein Schnäppchen machen, muss mir aber bewusst sein, dass der Hersteller unter Umständen an Stoff, Verarbeitungsqualität und Design gespart hat. 2. Nicht jedes Teil, das ich im Outlet kaufe, ist wirklich ein Schnäppchen. Rechtlich betrachtet darf ein Händler mit der (oft deutlich höheren) unverbindlichen Preisempfehlung der Hersteller werben, auch wenn ein Artikel nie zu diesem Preis angeboten und verkauft worden ist.
3. In Zukunft werde ich mir die Etiketten genauer anschauen und mich vergewissern, dass ich in meinem Lieblings-Outlet wirklich erstklassige Ware günstiger bekomme. Mehr Aufmerksamkeit kann hier nicht schaden.
Rabatt-Aktionen – spare ich hier wirklich?
Was haben die Geschäfte nur immer mit ihren Rabatt-Aktionen? „Kaufe 3 – Zahle 2“ oder „Sale – spare bei jedem Produkt 30 %“. Hand aufs Herz – rechnest Du hier wirklich nach oder greifst Du einfach zu, frei nach dem Motto „Hauptsache günstig“? Sind die Schilder „Sale“ oder „Rabatt“ groß genug und leuchtend rot, fallen wir immer wieder auf diese (oft nur) Scheinrabatte herein. Sie vermitteln uns das Gefühl der Dringlichkeit und wir dürfen DAS auf keinen Fall verpassen. Die allgegenwärtigen „Sale“-Schilder in Fast-Fashion-Läden suggerieren Schnäppchen, doch häufig stecken ausgeklügelte Preisstrategien dahinter. In der Psychologie und Wirtschaftswissenschaft heißt unser Verhalten „Verlustaversion“ und beschreibt die generelle Tendenz, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne.
In der Dokumentation probiert Pia Osterhaus es aus. An ihrem improvisierten Sale-Stand auf dem Kurfürstendamm in Berlin bietet sie 6 Paar Socken für 5,99 € und 3 Paar Socken für 2,49 € an. Mit versteckter Kamera filmt sie ihre Aktion. Und tatsächlich: Nur ein Kunde rechnet nach und stellt fest, dass es deutlich günstiger ist, 2 Pakete mit 3 Paar Socken zu kaufen. Alle anderen Käufer:innen sind auf den „Rabatt-Trick“ hereingefallen. Ooops!
Jetzt frage ich mich, wann ich das letzte Mal in eine solche Falle getappt bin … ok, das passiert mir nur, wenn es um Wolle zum Häkeln oder Stricken geht. Da vergesse ich zu Denken und der einfache Dreisatz ist mir in dem Moment auch entfallen. Übrigens: auch „Special Price“ und „Black Friday“ arbeiten mit diesen Methoden. Also Augen auf beim Schnäppchenkauf!
Warum arbeitet denn gerade die Textilindustrie so krass mit hohen Rabatten? Ist ihnen ihr Gewinn egal? Tatsächlich wollen sie Geld sparen und ihre Kosten senken. Klingt erstmal gegensätzlich, ist aber korrekt. Gerade in der Fast-Fashion kommen pro Jahr bis zu 12 Kollektionen heraus. Die Lagerung der Ware ist für die Geschäfte der Hauptanteil ihrer Kosten. Im Schnitt kostet ein liegend gelagertes Kleidungsstück 0,009 €, das sind bei durchschnittlich 1 Mio. gelagerten Teilen 63.000 € pro Woche. Daher verkaufen sie ihre Ware lieber mit einem geringeren Gewinn (eben rabattiert) als sie gar nicht zu verkaufen und noch länger zu lagern. Die großen Bekleidungshändler (online und in den Geschäften) machen ca. 20 bis 30 % ihres Umsatzes mit Rabatt-Aktionen und Sales. Hättest Du das gewusst? Ich nicht!
Ein Social-Media Trend „Lauft nicht, rennt!“?
In den 50er Jahren war es Marilyn Monroe, dann Stars wie Kate Moss, David Beckham, Madonna und Heidi Klum – die Markenbotschafter. Heute heißen sie Mega-Influencer und haben extrem viele Follower – wie zum Beispiel dagibee (6,7 Mio.), carodaur (4,6 Mio.) oder in den USA kyliejenner (398 Mio.). Posten diese Menschen ein Produkt, ist es in Sekunden ausverkauft. Große Modemarken arbeiten schon seit Jahren mit solchen Social-Media-Spezialisten (oder Botschafter:innen), um ihre Produkte an die Frau und den Mann zu bringen.
Auf TikTok, Instagram und Co gibt es aber auch viele Videos von sogenannten Mikro-Influencern, die „nur“ zwischen 2.000 und 200.000 Follower haben. Viele Modemarken haben sie in den letzten Jahren für ihr Empfehlungsmarketing entdeckt. Ihr Vorteil: ihr Produktplacement wirkt eher wie eine persönliche Empfehlung, da sie nahbar sind und eine intensivere Verbindung zu den Followers aufbauen. Der Verhaltenspsychologe Riccardo Frink nennt das eine „parasoziale Beziehung“ – die positive Einstellung zum/zur Influencer:in überträgt sich auf das Produkt, das vorstellt bzw. empfohlen wird.
Pia Osterhaus trifft sich mit der Mikro-Influencerin Josephine Lueck (aka officialjosi). Sie bekommt täglich mehrere Anfragen für Werbedeals. Ihre Instagram Videos wirken, wie von einer besten Freundin erstellt. Josephine stellt Pia Osterhaus DEN Trend des letzten Sommers vor – „Lauft nicht, rennt.“ Dabei posten Influencer:innen kurze Videos, in denen sie eine Marke oder Produkt als „Schnäppchen“, „süß“, „trendy“ oder „must have“ vorstellen. Sie raten ihren Followern, diese sofort zu kaufen, bevor sie nicht mehr zu haben sind.
Gemeinsam starten Pia und Josephine den Versuch mit einem Berliner In-Label. Josephine dreht einen kurzen Instagram-Clip und postet ihn. Keine zwei Stunden später kommen deutlich mehr Menschen in das Geschäft und fragen nach dem Artikel, um den es in dem Instagram Post ging. Josephine hat also mit ihrem Video einen vorher nicht vorhandenen Bedarf geschaffen und den Verkauf eines Produktes deutlich gesteigert.
Große Marken haben das schon lange erkannt und haben oft mehr als 1.000 Kooperationen zeitgleich mit verschiedenen Influencern. Hier macht „Kleinvieh auch Mist“.
Retouren und Umweltbelastung
Seit Jahren verzeichnet der Onlinehandel starke Umsatzsteigerungen. Durch Corona wurde das Einkaufen im Netz zum Standard. Die Händler hatten die Herausforderung, den Käufern die gleichen Umtauschrechte einräumen zu müssen, wie im Ladenlokal. Seitdem steigt die Anzahl der Retouren und der Umgang mit Rücksendungen ist inzwischen ein großes Problem im Onlinehandel.
Denn so geht doch Online-Shopping – ein paar Größen testen, einen neuen Style ausprobieren oder mal was Ausgefallenes wagen. Ein Click hier, einer da und schnell ist der Warenkorb gefüllt und die neuen Klamotten sind bestellt. Kommt die Kleidung nach Hause, stellst du schnell fest, dass die Bluse zwar schön, aber doch zu kurz ist und die Jeans nicht passt.
Also schnell wieder zurückschicken – ist ja ganz einfach und kostenlos. Das hat dazu geführt, dass im Schnitt 25 % der Kleidung wieder zurückgeschickt wird. 2021 gingen 440 Mio. Modebestellungen retour. Alle bekannten Handelsketten schreiben auf ihren Webseiten, dass sie die Emissionen der Retouren reduzieren wollen, ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen. Aber was passiert mit den Rücksendungen? Pia Osterhaus probiert es aus und versieht 18 Kleidungsstücke für die Retoure mit einem GPS-Tracker. Anschließend schickt sie die 18 Pakete einzeln zurück und verfolgt deren Wege. Keines der Teile bleibt lange an einem Ort, sie bewegen sich durch ganz Europa.
Eine Hose kommt besonders weit herum. Sie reist von Berlin nach Polen, von dort nach Bayern und wieder zurück nach Polen. Dann geht es quer durch Deutschland nach Amsterdam, zurück über Berlin wieder nach Polen. Am Ende hat sie über 5.000 km auf dem Zettel.
Auch bei den Retouren spielen wieder die Lagerkosten eine Rolle. Es ist offensichtlich kostengünstiger, Retouren „in Bewegung“ zu halten, als sie irgendwo lange zu lagern. Die 18 Kleidungsstücke haben nach den 3 Monaten des Experiments insgesamt über 38.000 km zurückgelegt!
Umweltfreundlich geht anders! Aber jede:r, der online etwas bestellt, kann beeinflussen, wie sehr die Umwelt geschädigt wird – weniger Retouren sind da ein nicht unwesentlicher Faktor.
Die Bekleidungsindustrie setzt in Zukunft wohl auf Künstliche Intelligenz und will damit den Online-Einkauf revolutionieren. Dann probiert unser Avatar die Kleidung an und wir Menschen können entscheiden, ob uns ein Kleidungsstück gefällt und passt. Damit wird sich die Anzahl der Retouren hoffentlich deutlich verringern.
Mein Fazit
Die Textilindustrie erzielt Jahr für Jahr Rekordumsätze und beeinflusst unsere Kaufentscheidungen oft unbemerkt. Ich werde mir in Zukunft genau überlegen, ob und welche Kleidung ich online kaufe und versuchen, auf Retouren zu verzichten. Bei Rabatt-Aktionen werde ich meinen Taschenrechner anwerfen und mir ausrechnen, wie viel ich wirklich spare. Und in Outlets werde ich mir die Schildchen in der Kleidung genauer anschauen, um festzustellen, wo die Kleidung produziert wurde und aus welchem Material sie genäht ist. Danke an ZDF-info für diese Dokumentation – mein Konsumverhalten bei Kleidung wird sie auf jeden Fall verändern.
Die vollständige Dokumentation ist in der ZDF-Mediathek verfügbar.