Simona – queere Winzerin und Kellermeisterin

Simona – queere Winzerin und Kellermeisterin

Auch wenn ich, Redakteurin der Frauengesundheit, es in meinem Umfeld schon erlebt habe, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie es ist, im falschen Körper gefangen zu sein. Ebenso wenig wie es sein muss, einen Teil der eigenen Identität abzustreifen, um sich zu finden: den alten Namen, die Bilder aus der Vergangenheit und das ganze bisherige Leben alles endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig muss das unglaublich befreiend sein, endlich die sein zu können, die immer schon da sein wollte.

Das ist ein Grund, warum Dir heute die ZDF- Dokumentation „Friederike klopft an – Simona, die queere Weinmacherin“ nahelege. Sie erzählt die Geschichte eines Jungen, der sich schon früh im falschen Körper gefangen fühlt. Während der Pubertät wird er von Gleichaltrigen gemobbt und abgelehnt. Heimlich probiert er die Unterwäsche seiner Mutter an, um zu spüren, wie es als Frau sein könnte.

Simon wächst in einem kleinen Dorf auf. Die queere Welt mit Lesben und Homosexuellen, trans Frauen und Männern ist hier noch fremd. Menschen, die aus dem Rahmen fallen, werden gemieden und haben im Dorf nichts zu suchen. Gemeinsam mit seinem Vater pflegt er die Weinstöcke des elterlichen Weinguts, eine Arbeit, die ihm Spaß macht und bei der er sich wohl fühlt. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters übernimmt Simon sehr jung die Verantwortung für das Weingut und wird Winzer. Nach und nach beginnt sein steiniger Weg zur Frau. Trotz aller Widerstände ist er in der Heimat geblieben – Simon ist heute Simona, eine Weinmacherin.

Simona, die junge Winzerin, spricht mit der Reporterin
Simona, Winzerin und Kellermeisterin

Simona, die queere Winzerin und Kellermeisterin

Heute ist Simona ist nicht nur eine Winzerin, die ihr Handwerk versteht. Sie ist eine der wenigen deutschen Kellermeisterinnen, die mit jedem Schluck ihrer Weine eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die von Mut, Leidenschaft und der unerschütterlichen Kraft handelt, den eigenen Weg zu gehen – auch und gerade, wenn dieser anders ist.

Ihr Aufstieg ist alles andere als geradlinig. Lange fühlt sie sich wie ein Fremdkörper in der traditionellen, von Männern dominierten Winzerbranche. Die Erwartungen, die Normen, die starren Regeln – nichts davon passt zu ihrer lebhaften Persönlichkeit und zu ihrem Wesen. Lange verbirgt sie ihre queere Identität, aus Angst, abgelehnt zu werden. Sie kämpft gegen Unsicherheiten und Vorurteile, die ihr sowohl von der dörflichen Gemeinschaft, von der Gesellschaft als auch von der Branche entgegengebracht werden.

Die Befreiung in der Flasche

Doch anstatt sich unterkriegen zu lassen, findet Simona ihre Befreiung in den Weinbergen. Sie erkennt, dass der Wein selbst keine Vorurteile hat. Er unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, zwischen heterosexuell und queer. Er ist einfach nur das, was er ist: ein Produkt von Erde, Klima und menschlicher Handwerkskunst. In dieser Erkenntnis findet Simona ihre wahre Stärke. Sie beginnt, ihre Weine nicht nur als Getränk zu sehen, sondern als Ausdruck ihrer Seele.

Sie experimentiert mit unkonventionellen Rebsorten und neuen Gärungsmethoden. Sie bricht mit alten Traditionen und schafft Weine, die genauso einzigartig und vielschichtig sind wie sie selbst. Ihre Weine sind frisch und kühn, mit überraschenden Aromen und einer Tiefe, die unter die Haut geht. Sie weigern sich, in eine Schublade gesteckt zu werden – genau wie Simona selbst.

Eine Stimme für die Andersartigkeit

Mit der Zeit wächst ihr Selbstvertrauen. Simona beginnt, ihre Identität offen zu leben. Ihre Mutter akzeptiert den Wandel von Sohn zu Tochter, unterstützt ihn aber nie. Nach zehn teils schweren Operationen ist Simona angekommen, wo sie immer hinwollte – die ist eine junge Frau. Nach dem körperlichen Wandel geht sie offen damit um, eine trans* Frau zu sein. Sie wird eine Fürsprecherin, geht in Schulen und erzählt ihr Geschichte, macht anderen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre Botschaft ist einfach: Authentizität ist der Schlüssel. „Nur wenn du wirklich du selbst bist, kannst du etwas Einzigartiges und Echtes erschaffen.“

Eine Collage mit 3 Bildern von Simona, der jungen Winzerin. Nachdenklich mit der Krone der Weinkönigin, sitzend in einem großen Weintank, sie klebt Etiketten auf eine Weinflasche.

Simonas Zukunft ist queer und schmeckt nach Wein

Heute ist Simona eine Winzerin, die nicht nur für die Qualität ihrer Weine, sondern auch für ihren Mut und ihre Entschlossenheit gefeiert wird. Sie hat bewiesen, dass man nicht in eine Form passen muss, um erfolgreich zu sein. Im Gegenteil, es ist die eigene Einzigartigkeit, die einen zum Leuchten bringt.

Simonas Geschichte ist eine Inspiration. Sie erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht darin liegt, sich anzupassen, sondern darin, den Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen – ganz gleich, wohin er führt. Sie zeigt uns, dass die Zukunft der Weinwelt nicht nur von traditionellen Werten, sondern auch von einer neuen Generation von Winzerinnen und Winzern geformt wird, die bereit sind, die Regeln neu zu schreiben. Ein Ausblick, der queer ist und nach Freiheit und Abenteuer schmeckt.

Einen Wunsch hat sie noch – sie will nicht immer etwas Besonderes sein, sondern lieber nur eine Randnotiz, einfach eine Weinmacherin. Ehrlich gesagt hat sie mich beeindruckt, ihr so steiniger Weg und ihr Mut, trotz aller Widerstände in der Heimat zu bleiben.

* Die Redaktion der Frauengesundheit betrachtet das Wort trans als Adjektiv, das im Deutschen die Eigenschaften einer Person beschreibt: eine brünette Frau, ein kleiner Mann. Wir folgen dabei der Notation des Bundesverband Trans* e.V.


Das Video ist bis zum 27.03.2027 in den ARD- und ZDF-Mediatheken verfügbar. Auf Youtube sicher auch länger.

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ZDF Mediathek

Youtube

Nachhaltigkeit – kann das weg?

Nachhaltigkeit – kann das weg?

Und warum moderne Frauen längst anders denken.

„Nachhaltig? Ich kann’s nicht mehr hören.“
Ein Satz, der oft fällt – am Stammtisch, in Team-Meetings, auf Podien. Und er ist verständlich. Kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren so überstrapaziert, so entkernt, so oft auf Dinge geklebt, die alles sein wollen – nur nicht wirklich nachhaltig. Bio-Wasser in Plastikflaschen. Aktienfonds mit grünem Anstrich. Billigmode mit Recyclinglogo.

Aber was bedeutet „nachhaltig“ denn tatsächlich?

Nachhaltig ist alles, was auch dann noch gut funktioniert, wenn unsere Enkelkinder so alt sind wie wir. Der Satz stammt sinngemäß von Unternehmerin Christiane Underberg, die den Begriff „enkelfähig“ geprägt hat. Dieses Wort passt besser. Weil es Bilder weckt. Weil es Verantwortung fühlbar macht. Weil es die Zukunft ganz persönlich nimmt.

Stell Dir vor: Du baust Möbel aus Holz. Enkelfähig sind die nur, wenn Deine Enkel noch immer gutes Holz finden – weil dafür gesorgt wurde, dass neuer Wald entsteht. Der Begriff „Enkelfähigkeit“ denkt weiter, fühlt mit, rechnet langfristig.

Genau diese Denkweise steckt in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen.
2015 von allen UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet, ist sie ein globaler Plan, wie gutes Leben für alle möglich werden kann – überall auf der Welt. Ihr Ziel ist radikal einfach: Keiner wird zurückgelassen. Ob Bildung, Gesundheit, Gleichstellung, Frieden oder Klimaschutz – die 17 Ziele der Agenda umfassen alle Aspekte des Lebens. Sie wollen sicherstellen, dass jeder Mensch versorgt, geschützt und frei leben kann – da, wo er lebt. Und das, ohne die Erde dafür auszubeuten.

Aber: Wo stehen wir damit wirklich?

Status heute

2015, im Jahr der Agenda-2030-Verabschiedung, wurden weltweit etwa 35,4 Milliarden Tonnen CO₂ ausgestoßen. Das war der Ausgangspunkt – und der Wendepunkt, zumindest auf dem Papier.
Bis 2030, so fordern es die UN-Klimaziele, müssten diese Emissionen um 43 % sinken, um die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Doch passiert ist fast das Gegenteil.
2023 lag der weltweite CO₂-Ausstoß bei 37,8 Milliarden Tonnen – das sind 2,4 Milliarden Tonnen mehr als 2015. Statt minus 43 % bewegen wir uns auf ein Plus von knapp 7 % zu. Und mit jedem weiteren Jahr wird es schwieriger, die Lücke noch zu schließen.

Viele Maßnahmen verlieren sich im Klein-Klein der Bürokratie, andere versanden im globalen Machtgerangel. Und selbst gut gemeinte Initiativen verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn CO₂-Zertifikate verkauft werden, die keine reale Basis haben – oder Bäume, die die Kompensation übernehmen sollen, nie gepflanzt wurden.

Was fehlt, ist Verbindlichkeit.
Was fehlt, ist ein System, das Wirkung sichtbar macht – und Vertrauen weckt.

Was wir wirklich brauchen

Die Agenda 2030 ist kein Geheimvertrag, der hinter verschlossenen Türen unterschrieben wurde. Sie ist öffentlich, global beschlossen – und dennoch erschreckend unbekannt.
Fragt man auf der Straße, was die Abkürzung SDG bedeutet, erntet man meist Schulterzucken. Sie steht für Sustainable Development Goals – jene benannten 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Grundlage für eine bessere Welt legen sollen.

 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung

 

 

 

17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung

2015 von allen UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet, ist die Agenda 2030 ein globaler Plan, wie gutes Leben für alle möglich werden kann – überall auf der Welt. Ihr Ziel ist radikal einfach: Keiner wird zurückgelassen. Ob Bildung, Gesundheit, Gleichstellung, Frieden oder Klimaschutz – die 17 Ziele der Agenda umfassen alle Aspekte des Lebens. (Quelle: United Nations Information Service, Wien)

Woran es fehlt, ist Bekanntheit.

Diese Ziele gehören nicht in Regierungsdokumente, sondern ins Klassenzimmer – am besten in den Kindergarten. Warum lernen Kinder das Alphabet, aber nicht, wie man gemeinsam auf einem Planeten lebt, ohne ihn zu zerstören? Warum gibt es kein Schulfach „Zukunft“, in dem erklärt wird, was globale Gerechtigkeit bedeutet?

Zum Glück ändert sich etwas.
Immer mehr bekannte Persönlichkeiten verleihen dem Thema Gesicht und Stimme:
Die frühere RTL-Moderatorin Janine Steeger, heute als Green Janine unterwegs, macht Nachhaltigkeit zum Medienformat. Dr. Eckart von Hirschhausen erklärt mit seiner Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen, wie Klima- und Gesundheitsschutz zusammengehören.

Denn eines ist klar:
Nachhaltigkeit ist kein Luxus für Privilegierte.
Sie darf kein Trend für Bio-Supermärkte und Wohlstandsblasen bleiben. Wenn sie ernst gemeint ist, muss sie alle erreichen – in jeder Lebensrealität, auf jedem Kontinent.

TRACA – Wenn Verantwortung sichtbar und bekannt wird

Wie aber kann das konkret aussehen – diese neue Form von Nachhaltigkeit, die wirkt, die messbar ist, die Menschen einlädt, mitzuwirken?

Eine Antwort darauf kommt aus dem Ruhrgebiet: TRACA – kurz für Transparency and Climate Action – ist eine digitale Plattform, die Klimaschutz, Bildungsarbeit und CO₂-Ausgleich auf neue Füße stellt. Entwickelt wird sie von der Genossenschaft visibleRuhr eG, einem Netzwerk von Expert:innen für digitale Transformation und Nachhaltigkeit.

„TRACA ist für uns mehr als nur ein Projekt“, erklärt Katja Kohlstedt, Vorständin der visibleRuhr eG. „Für mich ist es die persönliche Antwort auf die Frage, was wir tun können, um zukünftigen Generationen – meinem Sohn und vielleicht auch meinen Enkeln – später einmal mit gutem Gewissen in die Augen schauen zu können. Ich möchte sagen können: Ich war Teil der Lösung – nicht nur Zuschauerin.“

TRACA dokumentiert Umwelt- und Bildungsprojekte mithilfe modernster Technologien – von Satellitendaten über KI bis zur Blockchain. So lässt sich beispielsweise bei Aufforstungsprojekten genau nachvollziehen, welcher Baum wo wächst und gedeiht, wie viel CO₂ er speichert – und ob das Versprechen einer Kompensation wirklich eingehalten wird.

Gleichzeitig begleitet TRACA auch Bildungsinitiativen, etwa in Bangladesch – mit der ersten Modellschule für Klimabildung von Klasse 1 bis 13.
Wirkung ist hier kein Slogan, sondern System.

Du kannst mitmachen

TRACA ist kein Konzernprodukt, sondern eine Plattform, die noch wachsen will – ein Startup, das gerade in die Finanzierungsphase geht. Im Juni 2025 startet die Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter (Anm. der Redaktion: Die Verlinkung folgt, sobald die Kampagne freigeschaltet wurde), bei der man schon mit 15 Euro mitmachen kann: Für jede Beteiligung wird ein Baum in Tansania oder Bangladesch gepflanzt – durch Partner wie die Mikoko Development Foundation, die mit Schulen, Gemeinden und Jugendlichen langfristige Klimaprojekte aufbaut.

Mitglieder des Verein Madaripur-Hilfe e.V. besuchen mit Bürgern einer Dorfgemeinschaft in Madaripur, Bangladesch, ein potentielles Grundstück für eine Aufforstung

Mitglieder des Verein Madaripur-Hilfe e.V. aus Werl besuchen zusammen mit Bürgern einer Dorfgemeinschaft in Madaripur, Bangladesch, ein potentielles Grundstück für eine Aufforstung mit lokalen Bäumen, wie Mahagoni, Mango oder Jackfrucht. (Quelle: Madaripur-Hilfe e.V., Werl)

Wer mehr tun möchte, hat weitere Möglichkeiten:

Denn eines ist sicher:
Die Zukunft wird nicht von denen gestaltet, die zuschauen – sondern von denen, die mitmachen.

Frauen in der Armutsfalle

Frauen in der Armutsfalle

Frauen verdienen im Beruf immer noch weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. Zusätzlich managen Frauen den Haushalt, erziehen häufig die Kinder, sind stark in der Care-Arbeit und pflegen die Angehörigen. Ihr Risiko in der Alternsarmut zu landen, unterschätzen die meisten, zudem kümmern sich nur wenige um ihre Finanzen. Rund 70 Prozent der heute berufstätigen Frauen müssen damit rechnen, sich im Alter drastisch einschränken zu müssen.

Frauen in der Armutsfalle - Statistik
Frauen in der Armutsfalle – Statistik

Ein persönlicher Einblick

Das wird mir sehr wahrscheinlich auch so gehen. Ich werde dieses Jahr 63 – ok, der offiziellen Renteneintritt ist zwar erst 2029, aber will ich wirklich noch so lange arbeiten? Die Frage stelle ich mir immer wieder.

Ich habe sofort nach meinem Studium 1986 angefangen zu arbeiten – 30 Jahre festangestellt und in Vollzeit. Für „weibliche“ Verhältnisse habe ich immer gut verdient. Im Januar 2015 wurde ich entlassen – genau wie meine 2.999 Kollegen:innen. Ich war Anfang 50 und die freundlichsten Absagen bei der Suche nach einer neuen Stelle waren „Sie sind unflexibel!“ (heißt: sie haben zu viel Erfahrung und wir können sie nicht mehr nach unseren Wünschen formen) und „Sie sind überqualifiziert!“ (heißt: wir müssen ihnen ein gutes Gehalt zahlen und dazu sind wir nicht bereit).

Also habe ich mich selbständig gemacht und bin es bis heute. Der Wechsel von einer Festanstellung in die Selbständigkeit war ein Schritt vom sicheren und geregelten monatlichen Auskommen hin zu Monaten mit nur begrenzt planbaren und wechselhaften Umsätzen. Ich musste mich von meinem bis dato gewohnten Lebensstandard verabschieden und mich mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Vielleicht waren diese Einschränkungen gut für mich, denn so ist der Unterschied zur Rente nicht mehr so krass.

Trotz meines guten Verdienstes wird meine Rente aufgrund der vielen selbstständigen Jahre nicht sehr üppig ausfallen. Ich werde mich, wie viele Frauen, deutlich einschränken müssen. Für mich heißt das vor allem, meine schöne Wohnung mit Aussicht aufzugeben und mir eine kleinere und günstigere Wohnung zu suchen. Auch meine drei bis vier Urlaube im Jahr sind dann Geschichte. Eine Traumreise werde ich mir schon gar nicht mehr leisten können. Teure Hobbies und Restaurantbesuche sind dann auch nicht mehr finanzierbar.

Wenn das Geld nicht ausreicht – Die leise Bedrohung im Ruhestand

So wie es mir mit der Rente geht, geht es der Mehrheit der Frauen. Altersarmut ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine Realität, in der sich immer mehr Frauen wiederfinden. Trotz jahrelanger Berufstätigkeit, guter Ausbildung und sorgfältiger Lebensplanung sehen sie sich am Ende ihres Arbeitslebens mit einem Rentenbescheid konfrontiert, der kaum zum Leben reicht. Traditionelle Rollenbilder, Teilzeit- bzw. Care-Arbeit und die Abwesenheit der eigenen finanziellen (Zukunfts-)Planung wirken sich über Jahrzehnte kumulierend aus.

Die ZDF-Reportage „Frauen in der Armutsfalle – Viel Arbeit, wenig Lohn“ begleitet vier Frauen auf ihrem individuellen Weg – von der Generation des Schweigens bis zur jungen Studentin, die bereits heute auf ihre finanzielle Zukunft setzt. Ihre Lebensgeschichten verdeutlichen: Altersarmut ist kein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Versagen.

Frauen in der Armutsfalle - Hilde Fromm
Frauen in der Armutsfalle – Hilde Fromm

Sprachlosigkeit als Stolperfalle

Die 68-jährige Hilde Fromm verkörpert eine Generation, die „über Geld nicht spricht“. Als gelernte Rechtsanwaltsgehilfin bekam sie nach der Geburt ihrer beiden Töchter nur noch Jobs zu Niedriglöhnen. Auch wenn sie immer hart gearbeitet hat, fehlte ihr das Bewusstsein für die langfristige Bedeutung der Rentenabsicherung. Finanzplanung war ein ungeliebtes Thema, Riesterrente, Fondssparpläne oder private Rentenversicherungen spielten in ihrem Leben keine Rolle. Heute, wo jeder eingehende Cent sorgfältig kalkuliert werden muss, spürt sie die Folgen dieses Schweigens. Der Gang zur Tafel wird für sie zur Routine, und regelmäßige Besuche bei der LichtBlick Seniorenhilfe e. V. ermöglichen ihr erst den wöchentlichen Einkauf. Die einst moderne Frau fühlt sich von einer Gesellschaft im Stich gelassen, die Rentengerechtigkeit predigt, aber keine wirksamen Mechanismen schafft, um Frauen wie ihr einen würdigen Ruhestand zu ermöglichen.

Frauen in der Armutsfalle - Jana Schütze
Frauen in der Armutsfalle – Jana Schütze

Die Schattenseiten der Teilzeit

Jana Schütze ist 51 Jahre alt und war lange Jahre als OP-Assistenz in einem städtischen Klinikum tätig. Mit der Geburt ihres zweiten Kindes entschied sie sich bewusst für eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Die neue Stelle als Sterilisationsassistentin finanzierte zwar die Bedürfnisse der inzwischen sechsköpfigen Familie, führte jedoch zu einem drastischen Einkommensverlust – und damit auch zu einem spürbar geringeren Rentenkonto. Zunächst empfand Jana es als Erleichterung, nicht mehr jeden Nachmittag im Klinikkittel zu verbringen und sich den Kindern und dem Haushalt zu widmen. Erst Jahre später wurde ihr bewusst, wie stark sich diese Entscheidung auf ihre Zukunft auswirkt. Teilzeit bedeutet nicht nur weniger Gehalt im Hier und Jetzt, sondern auch eine schleichende, aber stetige Verringerung der späteren Rentenbezüge. Dabei hatte sie mit dem Management des Haushaltes und der Erziehung ihrer vier Kinder eigentlich einen zweiten (Teilzeit-)Job. Wenn Jana heute ihren Rentenbescheid liest, empfindet sie vor allem eines: Sorge. Und die Erkenntnis, dass sie über Jahre hinweg Entscheidungen getroffen hat, ohne das langfristige Risiko zu erkennen. Erst die Beratung der Deutschen Rentenversicherung machte ihr deutlich, dass ihr ja die Jahre der Kindererziehung auf die Rente angerechnet werden und ihre Rente damit um einiges höher ausfallen wird als anfangs gedacht.

Frauen in der Armutsfalle - Mandy Mewes
Frauen in der Armutsfalle – Mandy Mewes

Wenn der Absturz zum Alltag wird

Mandy Mewes, 47 Jahre alt und ehemalige Bundeswehrsoldatin und Militärpolizistin, hat gelernt, sich durchzusetzen und klar zu sagen, was sie will. Nach der Bundeswehr arbeitete sie als Betriebsleiterin in einem Sicherheitsunternehmen. Sie besaß alles, was man sich unter einem komfortablen Leben vorstellt: einen gut dotierten Job, Dienstwagen, regelmäßige Urlaube und eine großzügige Wohnung. Doch die Geburt ihrer Tochter und die anschließende Trennung von ihrem Partner führten sie in eine Welt, die sie sich nie hätte ausmalen können. Der Unterhalt blieb aus, die gemeinsam aufgenommenen Kredite waren weiterhin zu bedienen. Als alleinerziehende Mutter macht sie sich als Personalberaterin selbständig – das ging allerdings schief.

Aus finanzieller Unabhängigkeit wechselte das Leben in eine existenzielle Bedrohung: Mandy rutscht ins Bürgergeld. Plötzlich muss sie als Mutter eines Kleinkindes von 1.200 € leben. Die Verzweiflung sitzt tief, denn Mandy ahnt: Wenn sie heute schon mit knapper Not über die Runden kommt, droht ihr im Alter völlige Verarmung. Die Reportage zeigt, wie wenig Rücklagen bei vielen alleinerziehenden Müttern möglich sind und wie schnell die dünne Fassade von Stabilität einstürzen kann. Heute gibt Mandy ihre Erfahrung aus der Bundeswehrzeit an junge Frauen weiter und bringt ihnen in einem Selbstverteidigungskurs bei, übergriffigen Männer Grenzen zu zeigen. Denn sie weiß, dass das Erlernte für die Frauen auch in anderen Lebenssituationen hilfreich sein kann. Trotz einer Weiterbildung sucht sie immer noch einen neuen Arbeitsplatz, denn sie würde sehr gerne wieder selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Frauen in der Armutsfalle - Laura Stuhldreier
Frauen in der Armutsfalle – Laura Stuhldreier

Vorsorge als Akt der Selbstermächtigung

Die 22-jährige Studentin Laura Stuhldreier gehört zur ersten Generation, die scheinbar selbstverständlich Zugang zu Finanzinformationen und digitalen Anlagemöglichkeiten hat. Während ihre Großmütter und Mütter oftmals aus Unsicherheit oder Unwissenheit auf eine private Altersvorsorge verzichteten, hat sie bereits im ersten Semester begonnen, kleine Beträge in einen ETF-Sparplan zu investieren. Dank des Zinseszinseffekts und der langfristigen Wachstumsprognosen sieht sie ihre Strategie als Versicherung gegen eine ungewisse Rentenrealität. Für Laura ist klar, dass finanzielle Selbstbestimmung kein Thema ist, das man aufschiebt: Wer früh beginnt, profitiert später umso mehr. Mithilfe von Blogs, Podcasts und YouTube-Kanälen hat sie sich Wissen angeeignet, das ihr Umfeld oft belächelt, das für ihre Generation aber überlebenswichtig sein könnte. An der Universität Münster studiert sie Volkswirtschaftslehre und organisiert mit einigen Studienkolleginnen nebenbei einen Kurs für Frauen. Darin gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen über ihren Umgang mit der Altersvorsorge weiter.

Wege aus der Armutsfalle

Die Lebensgeschichten von Hilde, Jana, Mandy und Laura zeigen eines unmissverständlich: Ohne strukturelle Änderungen werden noch viele Frauen in eine Zukunft ohne ausreichende finanzielle Mittel rutschen. Es braucht eine neue Offenheit, damit über Geld gesprochen wird – von der Schule bis ins Berufsleben. Jobs, die heute noch als familienfreundlich gelten, müssen so gestaltet werden, dass sie die Rentenansprüche nicht ausdünnen. Arbeitgeber sind gefordert, transparente Lohnstrukturen zu etablieren und gleiche Bezahlung für alle Geschlechter zu garantieren. Die Politik wiederum muss gezielt Anreize setzen, damit Frauen unabhängig von ihrer Lebenssituation frühzeitig in die Altersvorsorge investieren können.

Solidarische Netzwerke und niedrigschwellige Beratungsangebote können betroffene Frauen unterstützen, finanzielle Stolperfallen zu erkennen und zu umschiffen. Nur wenn jeder Akteur – von der Einzelperson bis zur Gesellschaft – Verantwortung übernimmt, lässt sich die Armutsfalle endgültig schließen und das Leben und Altern in Würde und Sicherheit gewährleisten.

Einen Tipp habe ich noch aus persönlicher Erfahrung:
Es ist sehr hilfreich, frühzeitig einen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zu vereinbaren. Die Beratung ist kostenlos. So kann man sicher sein, dass auch alle anrechenbaren Zeiten, z. B. Studienjahre, Elternzeit, Kindererziehung, in einem Rentenbescheid berücksichtigt werden. Und vielleicht kommt dann ja die Überraschung und die Rente ist höher als ursprünglich gedacht.


Die ZDF-Reportage „Frauen in der Armutsfalle“ ist noch bis Januar 2030 verfügbar.

Wir haben uns bereits in einem älteren Beitrag mit der Gleichberechtigung der Frauen beschäftigt. 

Weitere Informationen finden Sie bei der Lichtblick Seniorenhilfe e. V.
und der Deutschen Rentenversicherung.

„Kroymann – Ist die noch gut?“ … oder gehört die auf’s Abstellgleis?

„Kroymann – Ist die noch gut?“ … oder gehört die auf’s Abstellgleis?

Der Tag ihrer großen Show ist gekommen. Nach über 30 Jahren in der Unterhaltungsbranche wird ihr zu Ehren eine Gala ausgerichtet. Die Entertainerin Maren Kroymann ist begeistert und will die Show, die zur besten Sendezeit läuft, rocken. Sie trifft auf viele bekannte Gesichter und Wegbegleiterinnen, u. a. Katrin Bauerfeind, Denise M’Baye, Meret Becker, Gesine Cukrowski, Hazel Brugger und Annette Frier.
Doch schon bei ihrer Ankunft im Studio gibt es die ersten Irritationen und es wird klar, das dieser Abend nicht so rund laufen wird, wie sie sich das gedacht hat.

„Kroymann – Ist die noch gut“ gibt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der Film- und Fernsehbranche. Etwas überzogen und mit einem Augenzwinkern – und dennoch bleibt einem das Lachen irgendwie im Halse stecken. Vielleicht liegt es zu dicht an der Wahrheit, denn machen wir uns nichts vor, Altersdiskriminierung ist keine Seltenheit und hatte oft die „Regel“.

Grimme-Preis 2025 für Maren Kroymann

Das fanden wohl auch die Grimme-Juroren im April 2025. So erhielt Maren Kroymann für die Folge 20 den renommierten deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Unterhaltung“, insgesamt ist es ihr vierter Grimme-Preis.

In ihrer Serie „Kroymann“ verkörpert sie unterschiedlichste Frauenrollen und rückt die Absurditäten des Alltags ins helle Scheinwerferlicht. Meist in kurzen Dialogen, in Folge 20 jedoch als durchgehende Story. Maren Kroymann hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger, sprechen die Szenen mit einer guten Prise Humor für sich. Was auf den ersten Blick politisch korrekt wirkt, hält beim genauen Hinsehen nicht lange Stand. Das Abstellgleis ist näher als man denkt, gerade in der Unterhaltungsbranche.

Verlinkungen zum Beitrag:

ARD Mediathek: Kroymann – Ist die noch gut? (20) (Staffel 6, Folge 20 – Verfügbar bis 08.04.2027)

Youtube: Ist die noch gut? | Die ganze Grimme-Preis-Folge „Kroymann“

Grimme-Preis – Bekanntgabe der Preisträgerinnen und Preisträger 2025

ARD Mediathek: Alle Folgen von „Kroymann“

Kriegsmädchen – Sechs Frauen – Drei Kriege – Ein Schicksal

Kriegsmädchen – Sechs Frauen – Drei Kriege – Ein Schicksal

Eine 3-teilige ARD-Dokumentation

Leen, Nermina, Carola, Ingrid, Wesam, Alisa – diese sechs Frauen im Alter zwischen 14 und 87 Jahren teilen ein Schicksal. Sie haben ihre Kindheit in Zeiten erlebt, die in ihrem Land Krieg bedeutete. Krieg in Deutschland, Krieg in Bosnien und Krieg in Syrien. Die Dokumentation der ARD erzählt die Geschichten dieser Frauen. Sie alle erlebten den Verlust, kämpften für einen Neuanfang und hielten trotz der Umstände an ihren Träumen fest. Ihre Schicksale zeigen, wie Krieg das Leben von Generationen prägt – aber auch, dass die Hoffnung nie ganz verschwindet.

Verlust – Das Ende der Kindheit

Krieg bedeutet Angst, Zerstörung und den Verlust alles Vertrauten.

Leen war drei Jahre alt, als der Krieg in Syrien begann. Sie musste schon als Kleinkind den Tod ihres Vaters erleben, der vom sogenannten „Islamischen Staat“ ermordet wurde. „Ich war noch so klein, als mein Vater gestorben ist. Sein Tod hat eine Lücke hinterlassen, die nicht mehr gefüllt werden kann.“ 2018 floh sie mit ihrer Schwester und ihrer Mutter über Marokko, Spanien und Frankreich nach Deutschland. Bis heute wissen sie nicht, ob sie bleiben dürfen. In Syrien lebte die Familie in einem großen Haus, heute lebt Leen mit ihrer Mutter und Schwester in einem Zimmer im Flüchtlingslager.

Nermina ist in Zivinice, zweieinhalb Stunden von Sarajevo (Bosnien) entfernt, aufgewachsen. Als 1992 der Krieg in Bosnien ausbrach, war sie 10 Jahre alt. Musste sie mit ihren Eltern bei Angriffen in den Bunker laufen, hatte Nermina immer einen Rucksack dabei, mit dem sie ein bisschen Kleidung, eine Kerze und ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Spiel bei sich tragen konnte. Nach dem Krieg gab es in ihrer Heimat für sie keine Perspektive mehr; heute lebt Nermina in Deutschland. „Die Flucht war das Schlimmste. Alles Vertraute zurückzulassen und ins Ungewisse gehen, hat mich tief geprägt.“

Ingrid ist 1941 als zweites von fünf Kindern mitten im zweiten Weltkrieg geboren. Ihre Mutter war glühende Anhängerin des Nazi-Regimes. Als Mädchen hat sie ihren Vater wegen des Krieges jahrelang nicht gesehen und wurde früh mit Angst und Entbehrung konfrontiert. Sie erinnert sich heute noch an die Nächte im Luftschutzkeller, an das Heulen der Sirenen. Diese Bilder lassen sie nicht los. Sie ist zutiefst erschüttert, wenn sie daran denkt, dass das Leid, wie sie es erlebt hat, aktuell in der Ukraine über tausende von Familien hereinbricht.

Alisa wurde in Sarajevo (Bosnien) geboren. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag musste sie zusammen mit ihren Eltern aus ihrer Heimat fliehen. „Wir mussten alles zurücklassen. Die Ungewissheit war das Schlimmste.“ Trotz aller Anstrengungen sind ihre Eltern in Deutschland immer Fremde geblieben. Heimat ist für Alisa ein ambivalentes Wort.

Carola war 4 Jahre alt, als 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Ihre Mutter war fast blind und ihr Vater beim Militär. So musste das kleine Mädchen bei Bombenangriffen die Mutter und ihre kleineren Geschwister zum Bunker führen. Am 5. Oktober 1944 schlug eine Bombe in ihr Elternhaus in Saarbrücken ein und legte es in Schutt und Asche. „Ich erinnere mich an den Tag, als unser Haus zerstört wurde. Es war der Moment, in dem meine Kindheit endete.“ Sie hatten nur noch, was sie am Leib trugen, und in den kleinen Taschen hatten, aber am wichtigsten war für Carola der Zusammenhalt. „Wir hatten uns noch“ sagt sie.

Bis zur achten Klasse ging Wesam in Syrien zur Schule. Zukunftspläne konnte sie nicht machen, denn sie wusste nie, ob sie den nächsten Tag noch erleben würde. „Als ich mit meiner kleinen Schwester unser Zuhause verließ“, sagt sie, „wusste ich nicht, ob ich meine Familie jemals wiedersehen würde.“ Sie floh erst in die Türkei und kam dann nach Deutschland.

In den Erzählungen der Frauen ist immer wieder zu erkennen, dass es die Machthaber sind, die diese Kriege wollen. Wenn man die Bevölkerung fragen würde, wollte das niemand. Die Kinder leiden am meisten, an zweiter Stelle die Mütter und die Männer, die ihre Familien verlassen und in den Krieg ziehen müssen, um ihr Land zu verteidigen.

Neuanfang – Zwischen Fremde und Hoffnung

Nach der Flucht begann für die Frauen ein langer, mühsamer Weg.

„Wir hatten nichts mehr, aber wir hatten uns. Das gab uns die Kraft, neu anzufangen“ erzählt Carola. Trotz aller Schicksalsschläge, die sie in ihrem langen Leben ertragen musste, hat sie das Singen nicht verlernt. „Musik bedeutet für mich einfach das Leben.“ 2012 lernt Carola ihren Lebensgefährten kennen. Die beiden wollen gemeinsam alt werden, zuhause und nicht in einem Altenheim.

Auch Ingrid wuchs in den Trümmern des zerstörten Deutschlands auf. Sie lernte früh, sich durchzukämpfen, denn als Kind und Jugendliche hat sie gelispelt und wurde dafür von ihrer Mutter geschlagen. Gemäß der Nazi-Ideologie hatte sie keine gesunde Tochter zur Welt gebracht, das war eine Schande. Ingrid erzählt, wenn sie immer daran gedacht hätte, wie schlimm alles gewesen ist, wäre sie nicht die Frau geworden, die sie heute ist. „Es war eine harte Zeit, aber wir haben gelernt, mit wenig auszukommen und trotzdem glücklich zu sein.“

Für Wesam bedeutete das neue Leben in Deutschland nicht nur Sicherheit, sondern auch Herausforderungen. Für sie heißt positiv denken nicht darauf zu schauen, was sie verloren hat (ihre ganze Familie), sondern das zu schätzen, was sie noch hat. Wesam schafft, trotz aller Selbstzweifel, ihr Abitur. Immer wieder kümmert sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester um ihren autistischen Bruder. „Ich wollte nicht nur überleben, ich wollte leben. Also habe ich angefangen, mir hier ein neues Leben aufzubauen.“

Alisa integrierte sich in Deutschland und schuf sich eine Zukunft. Für sie war es nicht einfach, aber sie hat gelernt, „dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern dort, wo man sich wohlfühlt.“ Als Kind träumte sie davon, Schriftstellerin zu werden. In Deutschland hat sie dann Abitur gemacht und studiert. „Es gibt fast nichts in meinem Leben, das mich so glücklich gemacht hat, wie die Möglichkeit, studieren zu gehen.“

In Deutschland angekommen, musste auch Leen eine neue Sprache lernen und sich in einer ihr bisher fremden Kultur zurechtfinden. „Es war schwer, aber ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte meinem Vater zeigen, dass ich stark bin.“ Inzwischen geht sie in die achte Klasse und hat viele Freunde. Unterstützt wird sie von der Betreuerin der freiwilligen Ganztagsschule. Mit ihrer Schwester und ihrer Mutter lebt sie seit Jahren im Flüchtlingsheim und wünscht sich ein neues Zuhause.

Nermina kämpfte anfangs noch mit ihren Ängsten. Sie sah die zerstörten Gebäude und die Armut in ihrer Heimat. Auch heute hat sie Probleme mit lauten Geräuschen und Flugzeugen – das erinnert sie an den Bombenalarm im Krieg. 2003 lernte sie ihren deutschen Mann kennen, der in Bosnien Urlaub machte. 2005 folgte sie ihm nach Deutschland. „Ich wusste, dass ich für meine Familie stark sein musste. Also habe ich angefangen, Deutsch zu lernen und mich zu integrieren.“  Sie hat sich ihr Leben aufgebaut und führt mit ihrem Mann ein Restaurant, trotzdem ist Deutschland nicht ihre Heimat geworden.

Nicht aufgeben, immer weitermachen, sich ein neues Leben aufbauen, das kostet unglaublich viel Kraft. Es ist aber auch der einzige Weg, wenn man nicht am Schmerz des Verlustes zerbrechen will. Für ausländische Geflüchtete ist es in Deutschland allerdings oft ein Weg voller Hindernisse.

Träume – Der Blick nach vorn

Trotz der schweren Vergangenheit haben die Frauen ihre Träume nie aufgegeben.

So sehr der Krieg ihr Leben auch geprägt hat: alle sechs Frauen sind dankbar für das, was sie haben, nutzen Chancen, die sich bieten, schmieden Zukunftspläne. Ob Traumjob, Traumreise oder Traumkonzert – das Leben hält auch wieder Schönes parat.

Leen hofft auf eine Zukunft in Frieden. „Ich möchte, dass meine Kinder in einer Welt ohne Krieg aufwachsen.“ Nermina sehnt sich nach ihrer alten Heimat. „Eines Tages möchte ich zurückkehren und beim Wiederaufbau meines Landes helfen.“ Carola wünscht sich, dass zukünftige Generationen nie wieder Krieg erleben müssen. „Ich hoffe, dass unsere Kinder niemals erleben müssen, was wir durchgemacht haben.“ Ingrid teilt diesen Wunsch. „Ich träume von einer Welt, in der niemand mehr fliehen muss.“ Wesam möchte, dass sich ihre Familie in Deutschland eine Zukunft aufbaut, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. „Ich hoffe, dass meine Kinder sich nicht zwischen zwei Kulturen zerrissen fühlen müssen.“ Sie sieht ihre eigene Zukunft im gesundheitlichen oder sozialen Bereich, so ganz genau weiß sie das noch nicht. Alisa hat sich ein neues Leben aufgebaut und blickt nach vorne. „Mein größter Traum ist es, endlich Frieden mit der Vergangenheit schließen zu können.“

Die Geschichten dieser sechs Frauen sind Zeugnisse von Verlust, Stärke und Hoffnung. Sie zeigen, dass Krieg nicht nur auf Schlachtfeldern Opfer fordert, sondern auch in den Herzen jener, die ihn überleben, großen Schaden anrichtet. Und sie machen deutlich: Selbst nach den schlimmsten Zeiten kann ein neuer Anfang gelingen – wenn man an sich glaubt und an seinen Träumen festhält.

Wir als die Nachkriegsgenerationen, können uns Krieg und Zerstörung nur schwer vorstellen. Auch wenn uns der Krieg seit über 3 Jahren wieder nähergekommen ist, erleben wir ihn „nur“ in den Medien, nicht hautnah und erst recht nicht am eigenen Leib. Vielleicht sollten wir lernen, unser ruhiges Leben zu schätzen und aufhören, uns über Kleinigkeiten aufzuregen.

Mich haben die drei Filme sehr berührt, ist mir doch bewusst geworden, was für ein schönes, sicheres und sorgenfreies Leben ich führen kann. Dir will ich diese Dokumentationen ans Herz legen – schau sie Dir an und Du bekommst vielleicht auch einen anderen Blick auf Dein Leben.


Quellen

ARD-Mediathek

Erster Teil: Verlust (verfügbar bis 08.03.2027)

Zweiter Teil: Neuanfang (verfügbar bis 08.03.2027)

Dritter Teil: Träume (verfügbar bis 08.03.2027)