Warum dein Kind die Welt nicht auf deinem Arm, sondern auf eigenen Füßen entdeckt
Wenn dein Kind stolpert oder versucht aufzustehen, ist dein erster Impuls wahrscheinlich, es schnell hochzunehmen. Das ist völlig verständlich. Schließlich möchtest du dein Kind schützen.
Nähe, Sicherheit und körperlicher Kontakt sind für Kinder enorm wichtig. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch etwas anderes: die Möglichkeit, ihre Umwelt selbst zu entdecken. Krabbeln, Aufstehen, Hinfallen und Wiederaufstehen gehören zu den wichtigsten Lernprozessen in der frühen Kindheit.
Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass selbstständige Bewegung eine zentrale Rolle für die gesamte Entwicklung eines Kindes spielt (Adolph & Hoch, 2019).
Bewegung ist Gehirntraining
In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn besonders schnell. Neue Nervenverbindungen entstehen vor allem durch aktive Bewegung und Sinneserfahrungen. Wenn dein Kind krabbelt, greift, sich hochzieht oder läuft, trainiert es gleichzeitig mehrere wichtige Systeme:
Gleichgewicht
Koordination
Muskelkraft
räumliche Orientierung
Körperwahrnehmung
Bewegung aktiviert dabei auch das vestibuläre System im Innenohr, das für Gleichgewicht und Orientierung im Raum zuständig ist. Gleichzeitig werden Propriozeptoren in Muskeln und Gelenken aktiviert. Diese Rezeptoren liefern dem Gehirn Informationen darüber, wie sich der Körper im Raum bewegt. Diese Prozesse sind entscheidend für motorisches Lernen und neurologische Entwicklung eines Kindes (Thelen & Smith, 1994).
Warum Bewegung auch Sprache fördert
Motorische Entwicklung und Sprachentwicklung sind enger miteinander verbunden, als viele Eltern vermuten. Der Zusammenhang wird in Studien deutlich belegt (Iverson, 2010).
Bewegungslernen aktiviert besonders stark das Kleinhirn (Cerebellum), das für Koordination und motorisches Lernen zuständig ist. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass dieses Hirnareal auch an kognitiven Prozessen beteiligt ist.
Auch im Frontallappen, insbesondere im sogenannten Broca-Areal, liegen Zentren für Bewegungsplanung und Sprachproduktion räumlich nah beieinander.
Wenn dein Kind seine Umwelt aktiv erkundet, entstehen außerdem viele Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit. In der Entwicklungsforschung spricht man hier von Joint Attention, einem wichtigen Baustein des Spracherwerbs (Tomasello, 2003).
Wenn Bewegung zu kurz kommt
Im Alltag verbringen Kinder heute häufig viel Zeit in Kinderwagen, Autositzen, Wippen oder anderen Sitzsystemen. Diese sind praktisch und manchmal auch notwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn freie Bewegung dadurch dauerhaft zu kurz kommt. Das kann sich auf verschiedene Entwicklungsbereiche auswirken.
Verzögerte motorische Entwicklung
Kinder lernen möglicherweise später:
krabbeln
stehen
laufen
Gleichgewicht halten
Schwächere Muskulatur
Zu wenig Bewegung kann zu
schwächerer Rumpfmuskulatur
Haltungsschwächen
Koordinationsproblemen
führen.
Verzögerte Sprachentwicklung
Da Bewegung und Kommunikation eng zusammenhängen, kann sich auch der Spracherwerb langsamer entfalten.
Unsicherheit bei Bewegungen
Kinder mit wenig Bewegungserfahrung wirken oft unsicher beim Laufen oder Stolpern häufiger. Auch internationale Gesundheitsorganisationen betonen die Bedeutung regelmäßiger Bewegung bereits im frühen Kindesalter (WHO, 2019).
Warum dein Kind auch fallen darf
Viele Eltern versuchen verständlicherweise, jeden Sturz zu verhindern. Doch kleine Stürze gehören zur Entwicklung. Durch Versuch und Irrtum lernt dein Kind:
seinen Körper zu kontrollieren
Gleichgewicht zu halten
Bewegungen einzuschätzen
Selbstvertrauen aufzubauen
Eine sichere Umgebung, in der sich dein Kind ausprobieren darf, ist deshalb wichtiger als die vollständige Risikovermeidung.
5 Dinge, die dein Kind täglich für seine Entwicklung braucht
1. Bodenzeit Dein Kind sollte täglich ausreichend Zeit haben, sich frei auf dem Boden zu bewegen.
2. Bewegungsfreiheit Vermeide zu lange Zeiten in Wippen oder Sitzen.
3. Sichere Umgebung Eine sichere Umgebung ermöglicht deinem Kind, Bewegungen selbst auszuprobieren und seinen Körper zu erfahren.
4. Ermutigung statt Übervorsicht Begleite dein Kind beim Ausprobieren, ohne jede Bewegung sofort zu korrigieren.
5. Gemeinsames Spielen Bewegung und Kommunikation entstehen besonders gut im gemeinsamen Spiel.
Fazit
Kinder brauchen Nähe und Geborgenheit. Gleichzeitig brauchen sie Raum, um sich zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln. Wenn dein Kind krabbelt, aufsteht, fällt und wieder aufsteht, lernt es mehr über seinen Körper und seine Umwelt als auf jedem Arm der Welt.
Oder anders gesagt: Kinder lernen die Welt nicht auf dem Arm kennen – sondern auf ihren eigenen Füßen.
Der Autor: Benjamin Krupitza, Physiotherapeut
Benjamin Krupitza ist Physiotherapeut und Inhaber der Praxis Neokinetik in Gaggenau.
Sein Schwerpunkt liegt auf neurologischer Rehabilitation, funktioneller Therapie.
Kontakt
Benjamin Krupitza Neokinetik – Praxis für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie Standorte: Gaggenau & Hö rden
Das 18. Jahrhundert war kein Zeitalter, in dem sich Frauen frei entwickeln durften. Sie hatten Hausfrau und Mutter zu sein und ihrem Ehemann zu gehorchen. Bestimmte Instrumente, wie z. B. Orgel oder Cello, waren für sie tabu. Dabei hätten sie die Beine spreizen müssen und das galt höchst unsittlich. Auch eine Anstellung als Musikerin wäre undenkbar gewesen, und das nicht nur, weil die Kirche der Hauptarbeitgeber für Musiker war. Nur in der Abgeschiedenheit eines Nonnenklosters durften Frauen auch Komponistinnen sein, alle Instrumente spielen und eigene Stücke zu Gehör bringen.
Der Film „Mozart’s Schwester“ ist eine GEO-Filmdokumentation, die im November 2024 ihre Europapremiere in Salzburg feierte.
Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, von der Familie liebevoll „Nannerl“ genannt, wurde am 30. Juli 1751 in Salzburg geboren, ihr berühmter Bruder Wolfgang Amadeus folgte 5 Jahre später. Die beiden wurden von ihrem Vater, dem Geiger und späteren Vizekapellmeister, Leopold Mozart zu Hause unterrichtet. Sie erhielten eine gute Allgemeinbildung und die gleiche musikalische Ausbildung, in der sich das Talent der beiden Kinder schnell zeigte. Als sie 8 Jahre alt war, erhielt Maria Anna von ihrem Vater ein Notenbuch, dass sie zum Üben inspirierte und Stücke enthielt, mit denen sie zugleich ihre Fingerfertigkeit trainieren konnte. Ihr Bruder eiferte ihr schon mit 5 Jahren nach und konnte bereits zu diesem Zeitpunkt erste Stücke aus dem Notenbuch spielen, das bis heute als „Nannerl-Buch“ bekannt ist.
Der Vater wollte seine beiden Wunderkinder bekannt machen, ihre Karrieren fördern und organisierte 1762 eine erste Tournee nach Wien und München. Nannerl und Wolfgang Amadeus spielten im Alter von 10 und 6 Jahren zum ersten Mal vor dem Königspaar in Wien. Dieses Konzert brachte der Familie mehr Geld ein, als der Jahresverdienst des Vaters und sicherte so den Unterhalt der Familie. Die nächste Tournee sollte durch Europa gehen und insgesamt drei Jahre dauern, sie endete 1766 in London. Für die beiden Kinder war das eine aufregende Zeit, in der sie Sehenswürdigkeiten bestaunen und großartige Musiker kennenlernen konnten, auch wenn die langen Reisen in der Kutsche sehr beschwerlich waren. Nannerl hielt ihre Erinnerungen in einer Art Tagebuch fest und entwickelte in dieser Zeit ihre Fähigkeiten und ihr Talent weiter. Sie wurde mit viel Aufmerksamkeit bedacht, dennoch stand meist ihr kleiner Bruder im Mittelpunkt, war er doch 5 Jahre jünger.
Sie war 15 Jahre alt, als sie aus London wieder in Salzburg eintrafen – und damit galt sie als Erwachsene, die nicht mehr als Pianistin auftreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich die Gleichbehandlung der beiden Kinder, die der Vater stets praktiziert hatte. Fortan durfte nur noch Wolfgang Amadeus auf Tournee gehen. Die gesellschaftlichen Zwänge im Zeitalter der Vernunft (die ausschließlich den Männern zugeordnet war) ließen nichts anderes zu. Nannerl wurde von ihrer Mutter zu einer guten Hausfrau und Mutter ausgebildet. Sie muss sehr frustriert gewesen sein, denn ihr Tagebuch enthielt ab diesem Zeitpunkt nur noch Notizen über das Wetter. Sie nutzte die Musik als Ventil, spielte weiterhin für Bekannte, gab Klavierunterricht und besserte so das Familieneinkommen auf.
Mit ihrem Bruder hielt sie stetigen Briefkontakt. Leider sind ihre Briefe nicht mehr aufzufinden, doch ein Teil ihrer Kompositionen wurde in den Nachrichten von ihrem Bruder gefunden, in denen er sie lobt und ermuntert, weitere Stück zu komponieren.
Während der gemeinsamen Zeit in Salzburg, als sie 22 und er 17 Jahre waren – schrieb Wolfgang ein Klavierstück für vier Hände, das sie gemeinsam spielen konnten und in dem ihre kunstvolle Virtuosität sehr gut zur Geltung kam. Als ihre Mutter und ihr Bruder auf Reisen waren, um eine Anstellung für ihn zu finden, kümmerte Nannerl sich um den väterlichen Haushalt. Mit 33 Jahren ließ sie sich auf eine Vernunftehe mit Freiherrn Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg ein. Sie zog zu ihm und seinen fünf Kindern nach Sankt Gilgen, ein Ort fernab kulturellen Lebens, an einem See gelegen, dessen feuchte Luft ihren Instrumenten schadete. Sie brachte drei eigene Kinder zur Welt und konnte sich dank der Bediensteten im Adelshaus, weiterhin täglich drei Stunden ihren Übungen und der Musik widmen. Auch wenn das keinen Menschen weit und breit interessierte. Nur für ihren Bruder blieb sie die Person, auf deren musikalisches Urteil er allergrößten Wert legte.
Nach dem Tod ihres Bruders im Jahr 1791 versorgt sie den Biografen und einen Verlag mit Erinnerungen aus der gemeinsamen Kindheit. 10 Jahre später starb ihr Mann und sie zog im Alter von 50 Jahren mit den Kindern nach Salzburg zurück. Sie war als Baronin finanziell abgesichert, nahm aber ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin und Pianistin wieder auf. Da sie jetzt den Status einer Witwe hatte, durfte sie wieder öffentlich auftreten und wurde erneut als großes Talent bewundert und gefeiert. In den Folgejahren wurde sie von vielen Menschen besucht, die Mozarts Schwester kennenlernen wollten. Mit 74 Jahren erblindete Nannerl und starb im Oktober 1829 an „Entkräftung“.
Mein persönliches Resümee
Die Filmdokumentation „Mozart’s Schwester“ hat mich sehr beeindruckt. Die Mischung der filmischen Darstellung mit Expertenaussagen von Musiker:innen, Historiker:innen und Wissenschaftler:innen, bietet einen spannenden Einblick in die Zeit, das Talent von Maria Anna Mozart und die damalige Rolle der Frau als Musikerin.
Und ich frage mich, ob sie in einer anderen Zeit bessere Bedingungen vorgefunden hätte? Ob sie ebenfalls so berühmt wie ihr Bruder hätte werden können.
Interessanter Fakt
Im Film berichtet Gabriella Di Laccio, Sopranistin, Gründerin und Direktorin der DONNE Foundation (The Global Voice for Women in Music) davon, wie sie neugierig geworden ist, weil sie viele Konzerte besucht hat, in denen nie Stücke von Komponistinnen gespielt wurden. Sie hat recherchiert und bei einer Befragung (2022/2023) der Top 110 Orchester in 30 Ländern kam heraus, dass immer noch 92% der Stücke im Orchesterrepertoire von Männern komponiert wurden – und 87% von toten Männern mit weißer Hautfarbe. Immerhin – die Zahlen haben sich in der letzten Befragung schon positiv verändert, mehr dazu findest Du unter DONNE Foundation Research.
Auch wenn der Film sehr sehenswert ist, es gibt ihn leider nur im kostenpflichtigen TV. Aber auf Youtube findest Du hingegen einiges zu Maria Anna Mozart. Solltest Du weitere Aspekte finden, teile sie gern im Kommentar.
Deine Helga
Verlinkungen:
GEO Filmdokumentation: „Mozart‘s Sister“ zu sehen auf RTL+ (kostenpflichtig)
Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch eine Serie in der ARD Mediathek: Mozart/Mozart: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“, doch die SWR Serien-Kritik ist so übel ausgefallen, dass ich das hier nicht verlinken mag.
„Für immer“ klingt groß. Ein bisschen pathetisch und vielleicht auch wie aus einer anderen Zeit. Und doch ist es genau dieses Wort, das wir uns bei Hochzeiten nach wie vor zuflüstern, versprechen, feiern. Für immer lieben, für immer bleiben, für immer das „wir“.
Doch was heißt das heute, im Jahr 2026, in dem Beziehungen flexibler, Lebensentwürfe vielfältiger und Erwartungen an die Liebe höher sind als je zuvor? Ich habe mich auf Spurensuche begeben und bei mir selbst angefangen. Zwischen romantischer Hoffnung, nüchterner Statistik und persönlichen Geschichten stellt sich mir eine Frage immer wieder: Wie lange ist für immer – und was ist notwendig, damit das Zusammensein für immer hält?
Meine Ehe
Ich war 37 Jahre alt, als ich geheiratet habe und mein Ehemann war 10 Jahre jünger. Wir kannten uns bereits 4 Jahre und hatten schon 2 Jahre eine gemeinsame Wohnung. Natürlich haben wir uns „für immer“ geschworen. Ein für immer, dass ziemlich genau 10 Jahre dauerte. Die Gründe für unser Scheitern waren vielfältig, nicht wirklich fassbar. Irgendwie war die Luft raus, wir haben uns nicht um unsere Ehe gekümmert, haben gedacht, dass sie ganz automatisch gut laufen würde. Wir haben uns über befreundete Paare amüsiert, die wie Kletten aneinanderklebten und alles gemeinsam machten … echt spießig. Darüber haben wir vergessen, uns gegenseitig Unterstützung zu geben, gemeinsam um unsere Ehe zu kämpfen. Wir haben uns in verschiedene Richtungen entwickelt und einfach nichts mehr gemeinsam gemacht, nicht einmal den wöchentlichen Einkauf. Und dann war sie zu Ende. Erst nach der Trennung haben wir versucht, unsere Ehe zu kitten; aber wie eine Schüssel mit einem Sprung, die nie wieder dicht wird, wurde aus uns auch nie wieder ein Paar.
Heute haben wir noch gelegentlich Kontakt. Mein Ex-Mann hat eine neue Partnerin gefunden, ich bin Single und glücklich damit.
Ehe ist nicht mehr gleich Ehe
Die klassische Vorstellung einer Ehe ist vertraut: Zwei Menschen heiraten, am besten jung, sie ziehen zusammen, bekommen Kinder, bleiben ein Leben lang zusammen. Dieses Modell existiert noch, aber es ist längst nicht mehr das einzige. Moderne Ehen sind so vielfältig wie die Menschen, die sie führen.
Da sind Paare, die bewusst getrennte Wohnungen haben und trotzdem verheiratet sind, weil Nähe für sie nicht über gemeinsame Quadratmeter definiert werden. Andere öffnen ihre Ehe, verhandeln Treue neu und verstehen Monogamie als Option und weniger als Regel. Wieder andere heiraten wie ich eher spät, nach langen Jahren des Single-Daseins oder mehreren gescheiterten Beziehungen, und bringen eine große Portion Lebenserfahrung mit.
Was alle Modelle verbindet, ist die Haltung: Ehe ist heute kein starres Konstrukt mehr, sondern ein Rahmen, der individuell abgestimmt wird. Für manche bedeutet er Sicherheit, für andere Freiheit – idealerweise beides.
Soziologische Studien desDeutschen Jugendinstituts zeigen, dass die Ehe heute weniger als Pflichtstation verstanden wird, sondern als bewusste Entscheidung unter vielen möglichen Formen des Zusammenlebens. Fernbeziehungen mit Trauschein, Ehe mit getrennten Wohnungen, Ehe ohne Trauschein, Polyamorie und andere offene oder teiloffene Modelle – all das ist längst Realität und kein Randphänomen mehr. Auffällig dabei ist, dass die Ehe heute oft mehr leisten soll als früher. Sie soll emotional erfüllen, persönliche Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig Sicherheit geben. Ein Balanceakt, der nicht immer gelingt.
Warum manche Ehen Jahrzehnte überstehen
Trotz aller Veränderungen gibt noch die Paare, die seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren verheiratet sind. Fragt man sie nach ihrem Geheimnis, bekommt man selten romantische Hollywood-Antworten. Stattdessen fallen Worte wie Geduld, Humor oder Arbeit. Dabei geht es nicht um die Arbeit zum Geld verdienen, sondern um die Arbeit an einer Ehe, die den Bedürfnissen beider Partner gerecht wird.
Lange Ehen scheinen weniger von permanenter Verliebtheit zu leben als von einer tiefen Freundschaft. Von der Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne den anderen gleich infrage zu stellen. Von der Bereitschaft, sich immer wieder neu kennenzulernen, weil niemand mit 25 derselbe Mensch ist wie mit 55.
Auffällig ist auch, dass viele lang verheiratete Paare die Idee aufgegeben haben, alles voneinander zu erwarten. Sie haben verstanden, dass ein Mensch nicht gleichzeitig beste Freund:in, leidenschaftliche:r Geliebte:r, Therapeut:in und Lebenscoach:in sein kann. Diese Erkenntnis soll erstaunlich verbindend wirken. Fachmedien wiePsychologie Heute greifen diese Erkenntnisse regelmäßig auf und betonen, dass emotionale Freundschaft, gegenseitige Wertschätzung und realistische Erwartungen zentrale Faktoren für langanhaltende Partnerschaften sind. Liebe, so scheint es, ist weniger ein Dauerzustand als eine praktische Übung.
Wenn Liebe sich verändert und manchmal endet
So tröstlich diese Geschichten sind, so ehrlich müssen wir auch über das Scheitern sprechen. Denn Ehen enden häufig, und das nicht nur, weil „die Liebe weg“ ist. Oft sind es unerfüllte Erwartungen, mangelnde Kommunikation oder schlicht das Gefühl, sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt zu haben.
Moderne Frauen sind finanziell unabhängiger, selbstbewusster und weniger bereit, dauerhaft unglücklich zu bleiben. Das ist kein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit, sondern von gestiegenen Ansprüchen an das eigene Leben. Gleichzeitig sind Männer heute stärker gefordert, emotionale Arbeit in eine Ehe einzubringen, doch das ist noch nicht überall angekommen.
Manche Ehen scheitern leise und Stück für Stück – durch jahrelanges Aneinander-vorbei-Leben. Andere explodieren an einem Punkt, an dem einer sagt: „So nicht mehr.“ Wieder andere schlafen einfach ein, werden zu einer Wohn- oder Zweck-Nutzengemeinschaft, weil auch die Trennung Arbeit und Aktivität bedeuten würde.
Trennungen sind schmerzhaft, aber sie sind nicht automatisch ein Versagen. Manchmal sind sie auch ein Akt der Selbstachtung.
Realistische Beispiele, die Mut machen
Da ist etwa meine Freundin, Mitte 40, seit 18 Jahren verheiratet. Sie erzählt offen, dass sie und ihr Mann zwei schwere Krisen überstanden haben, inklusive Paartherapie und zeitweiser räumlicher Trennung. Heute sagt sie: „Wir sind nicht zusammengeblieben, weil es leicht war, sondern weil es uns wichtig war.“
Oder eine Bekannte, die sich nach zwölf Ehejahren getrennt hat. Ohne Drama, ohne Rosenkrieg. „Unsere Ehe war nicht falsch“, sagt Julia. „Sie war nur zu Ende.“ Auch das ist eine Wahrheit, die in unserer Gesellschaft langsam Platz bekommt.
Und dann gibt es Paare, die sich bewusst gegen die Ehe entscheiden und trotzdem ein Leben lang zusammenbleiben. Vielleicht ist auch das eine Antwort auf die Frage nach dem Für immer: dass es nicht zwingend einen Trauschein braucht, sondern eine Verbindlichkeit, die täglich neu gewählt wird.
„Für immer“ ist kein Zeitraum, sondern eine Entscheidung
Vielleicht liegt das Missverständnis bereits in der Wortwahl. „Für immer“ klingt nach Endlosigkeit, nach Garantie, nach ohne Ausweg. Doch Beziehungen sind lebendig, und alles Lebendige verändert sich. Wer heute heiratet, verspricht nicht, dass alles gleich bleibt, sondern dass man bereit ist, sich gemeinsam zu verändern.
„Für immer“ kann zehn Jahre dauern oder fünfzig. Es kann fast das ganze Leben umfassen oder einen wichtigen Abschnitt davon. Entscheidend ist nicht die Länge, sondern der ehrliche Umgang miteinander und das Aufeinander eingehen und die Marotten der Partner:in auszuhalten. Und vielleicht ist das die modernste Definition von Ehe überhaupt.
Wie sieht Deine Ehe oder Lebenspartnerschaft aus. Kommentiere gerne und erzähl uns Deine Geschichte.
Wer träumt nicht von der Rente? Endlich genug Zeit für lange Frühstücke ohne Termine, für ausgedehnte Urlaubreisen in ferne Länder, inspirierende Freiwilligenprojekte oder einfach Chillen und einem stummen Wecker, der nicht mehr mitten in der Nacht klingelt.
Aber für viele Frauen in Deutschland ist dieser Traum nicht nur eine Frage des „Möchte ich gerne“, er hängt unweigerlich mit dem Wort „Geld“ zusammen. Wir leben zwar im fortschrittlichen 21. Jahrhundert, aber in der Realität schauen Frauen auch nach einem langen Arbeitsleben häufig mit einem mulmigen Gefühl auf den Ruhestand. In Deutschland arbeiten rund 77 % der Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren, dennoch sind viele von der Altersarmut betroffen. Das hängt damit zusammen, dass Frauen häufig nur in Teilzeit arbeiten und nebenbei Kinder oder Eltern versorgen. Sie bekommen geringere Löhne und haben Ausfälle durch die Erziehungszeiten. Bei vielen Frauen führen diese Gründe zu einer Rente unter 1.000 Euro. Besonders betroffen sind Frauen mit biografischen Brüchen, Alleinerziehende oder Minijoberinnen.
Frauen im Alter über 65 Jahren bekommen deutlich weniger Rente als Männer: Deren durchschnittliche jährliche Renteneinkünfte lagen – nach aktuellen Zahlen – fast ein Drittel niedriger als die der Männer (Quelle: Destatis). Was bedeutet das für den (Renten-)Alltag? Viele Frauen schauen auf einen Rentenbescheid, bei dem am Ende des Monats nicht mehr viel übrigbleibt.
Meine Geschichte
Ich bin Iris, 63 Jahre, seit 10 Jahren selbständig und arbeite unter anderem als Redakteurin in unserem Team. Vor der Selbständigkeit habe ich über 30 Jahre festangestellt und mit einem überdurchschnittlich guten Gehalt gearbeitet. In den Jahren der Selbständigkeit konnte ich nur noch wenig Geld in die Rentenkasse einzahlen, was sich am Ende natürlich auf die Höhe der zu erwartenden Rente auswirkt. Mit 63 Jahren stehe ich jetzt vor der Frage, wann kann und wann will ich in Rente gehen? Und wie muss ich mein Leben verändern, damit ich mit meiner Rente gut leben kann?
Schnell war mir klar, dass ich meine Ausgaben reduzieren muss, wenn ich mit meiner Rente auskommen will. Meine Lösung, mit der ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen habe: ich bin endlich dorthin gezogen, wo ich schon sehr lange wohnen wollte – nach Friesland. Mit meiner neuen, kleineren Wohnung, ebenerdig und ruhig gelegen, erfülle ich mir den langgehegten Traum vom Landleben und habe meine Ausgaben gleichzeitig um ein Viertel reduziert. So kann ich ab Mai 2026 sogar drei Jahre früher Rente beziehen und trotz der Abschläge von rund 11 % (!) gut leben.
Andere Frauen erzählen ihre Geschichten
Es gibt weitere Beispiele, die wir für Dich in unterschiedlichen Dokumentationen gefunden haben.
Da ist Heidi, 65 Jahre, aus Nordhessen. Sie hat ihr ganzes Leben in unterschiedlichen Berufen gearbeitet – im Einzelhandel, als Hospizhelferin und zeitweise im Büro. Ihre Rente? Rund 600 Euro im Monat. So viel, dass sie trotz harter Arbeit ihr Leben nicht so gestalten kann, wie sie es sich erträumt hatte. Arbeit im Ruhestand? Für Heidi keine romantische Idee, sondern Notwendigkeit: Sie arbeitet noch an sechs Tagen in der Woche in einem Minijob, weil sie sich besser fühlt, wenn sie Geld verdient und weil sie ihren Enkeln etwas bieten möchte, ohne nur zuzusehen.
Und dann ist da die 71-jährige Frau aus Regensburg, die über 45 Jahre Vollzeit gearbeitet hat – als Erzieherin, später in technischen Betrieben. Trotz dieser langen Erwerbsbiografie reicht ihre Rente nicht einmal für einen gelegentlichen Café-Besuch am Nachmittag. Sie erzählt, dass sie lieber zu Hause bleibt, Wasser trinkt und genau nachrechnet, statt wie früher spontan mit Freundinnen auszugehen. Sie beantragt Wohngeld und muss sich Unterstützung von sozialen Einrichtungen holen, um über die Runden zu kommen. Dabei hat sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lassen.
Dorishat früh vorgesorgt, sich extra privat abgesichert und bezieht jetzt eine stabile Rente. Sie kommt mit wenig aus, hat aber die Sorge, kein Polster für Unvorhergesehenes zu haben. Daher hat sie einen 450-Euro-Job angenommen und spart diesen Betrag. Es sind ihre Rücklagen für die Steuer und unvorhergesehene Ausgaben. Und für sie ist es einfach schöner, mit Menschen in Kontakt zu sein und aktiv zu bleiben. Sie genießt ihren Ruhestand mit einem Sinn für Selbstbestimmung und Lebensfreude.
Bleibt das entspannte Rentenleben ein Traum?
Die Beispiele machen deutlich, wie unterschiedlich das Leben in der Rente verlaufen kann: Frauen, die mit trotzigem Lächeln weitermachen, Frauen, die nicht aufgegeben haben, und Frauen, die trotz harter Arbeit über Jahrzehnte immer noch ums finanzielle Überleben kämpfen müssen. All das hat seine Gründe: mehr Teilzeitbeschäftigung, Pausen im Berufsleben für unbezahlte und familiäreCare-Arbeit, geringere Löhne in typisch weiblichen Branchen, das sind die Tatsachen, dass fast die Hälfte aller Frauen im Rentenalter ein Risiko der Altersarmut trägt.
Aber was bleibt von dem Traum von der Rente, wenn die finanzielle Basis nicht vorhanden ist? Für viele ist es ein Mix aus Anpassung, neuen Routinen und neuem Mut. Einige Frauen entdecken in der Rente mehr Zeit für Freundschaften und Ausflüge, die sie sich früher zeitlich nicht leisten konnten. Sie melden sich zu Volkshochschulkursen an, machen Pilates am Vormittag, gestalten ihren Garten um oder lernen endlich Spanisch. Die Zeit der Rente wird so zu einer Bühne für Selbstverwirklichung – trotz oder gerade wegen der Herausforderungen.
Und da sind sie, die schönen Momente: Der Kaffee am frühen Morgen mit langjährigen Freundinnen, die Fahrradtour mitten in der Woche, das Konzert im Park oder einfach der Blick auf den See an einem Sommernachmittag. Manche Frauen sehen die Rente nicht als Ende der Leistungsfähigkeit, sondern als Anfang einer neuen Freiheit. Es ist die Freiheit, den eigenen Tag selbstbestimmt zu gestalten, statt einem Zeitplan zu folgen, der von anderen diktiert wird.
Ja, die Zahlen sind hart. Viele Frauen wissen, dass ihre Rente niedriger ausfällt als die ihrer männlichen Altersgenossen, und berichten von Existenzängsten und Sparsamkeitsstrategien, um zurechtzukommen. Aber gleichzeitig haben sie ihre Träume – Bücher, die sie noch schreiben möchten, Reisen, die sie noch antreten wollen, Enkelkinder, die sie aufwachsen sehen möchten und die Kunst, jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen.
So viel ist klar: Der Traum von Rente ist nicht einfach eine Abfolge von Zahlen auf dem Kontoauszug – er ist eine Lebensphase, die man bewusst leben kann, mit all den Höhen und Tiefen. Und wir Frauen, die wir unseren Traum heute leben, zeigen, dass das Leben auch im Alter so bunt und vielfältig ist wie das Leben selbst.
Hast Du noch Gedanken oder Tipps für unsere Leser:innen, dann hinterlasse uns gern einen Kommentar.
Ich wünsche Dir, dass Du Dir von Deiner Rente alle Träume erfüllen kannst!
2016 bekam sie als Küchenchefin im Restaurant „Schloss Loersfeld“ ihren ersten Michelin Stern. Da war sie gerade 27 Jahre alt und die jüngste Sterneköchin – eine von insgesamt 17 Sterneköchinnen in Deutschland. Im Gegensatz dazu gibt es hier jedoch 301 Sterneköche.
2018 verließ Julia das Restaurant und machte eine Weltreise, um neue Aromen zu entdecken und weiter zu lernen. Damit hat sie den ersten Stern wieder „verloren“, denn der blieb in der Gastronomie, aber ihr Anspruch, ihr Ehrgeiz und ihre Neugier sind geblieben.
Als sie mit ihrem Lebenspartner Yunus 2021 in der Kölner Innenstadt das Sahila – The Restaurant und nebenan die Yu*lia Mezze Bar eröffnete, war wieder ein „Stern“ das Ziel, auf das sie unermüdlich hinarbeitete. 2023 war es dann so weit: sie bekam einen Michelin-Stern für ihr Restaurant „Sahila“ – und auch in den Folgejahren wurde sie immer wieder ausgezeichnet.
Julia Komp ist Teil des perfekt funktionierenden multi-kulturellen Teams. Sie liebt es, Fische zu filetieren und präsentiert im „Sahila“ internationale Spitzenküche, die Tradition und Moderne miteinander vereint. Sie und ihr Team lassen immer neue Menü-Kreationen als geschmackliche Weltreise entstehen. Ihre Mitarbeiter mögen die ruhige und angenehme Chefin, die zwar hohe Anforderungen stellt, aber die Menschen in ihrem Team wertschätzt. Alle Mitarbeiter dürfen sich mit eigenen oder Familienrezepten einbringen. Doch bevor diese Gerichte es auf die Menükarte schaffen, müssen sie Julia mit Geschmack und Komposition überzeugen. Die Gäste erleben eine Weltreise mit wunderbaren Gerichten und mit vielfältigen Aromen, die eigene Geschichten erzählen und für Begeisterung sorgen.
Ein Leben für die Küche
Julias Anspruch an sich selbst ist hoch: perfekt, kreativ und fleißig – mit dieser Leidenschaft steht sie jeden Tag in der Küche. Sie kümmert sich um Bestellungen, bereitet vieles vor, behält alles im Auge und geht abends zu den Gästen. Sie trägt die Verantwortung und hat ihr Leben lang hart für die Anerkennung gekämpft. Die letzten 14 Jahre hat sie in der Küche verbracht, aber das geht nur, wenn man – wie Julia – Spaß an der Arbeit hat.
Selbst an ihren freien Tagen fährt sie zu Lieferanten, denkt über neue Gerichte nach oder versucht abzuschalten. Dabei ist für das Familienleben nur wenig Zeit. In der ZDF-Dokumentation „Friederike klopft an! Julia – Sterneköchin mit Biss“ antwortet sie auf die Frage, ob sie sich vorstellen kann, Kinder zu bekommen: „Das wird eine Herausforderung. Aber das ist ja genau mein Ding.“
Julia Komp ist eine Frau, die ihre Ziele engagiert und fokussiert angeht. Ihr ist bewusst, dass ihr Leben ziemlich durchgetaktet ist und sie auch an den freien Tagen nicht nur entspannt auf der Couch sitzen mag. Sie ist lebenslustig, neugierig und möchte weiter lernen – und das lebt sie mit jeder Faser ihres Seins.