Frauen im Gefängnis – zwischen Schuld, Alltag und der Hoffnung auf ein neues Leben
Hohe Mauern, schwere Türen, sterile Flure. Wer an Gefängnisse denkt, hat oft Bilder aus Krimiserien im Kopf: harte Gesichter, Gewalt, Isolation. Doch die Dokumentation „Zwischen Zelle und Zukunft – Frauenknast in Frankfurt“ zeigt eine andere Perspektive. Sie blickt hinter die Mauern der JVA Frankfurt-Preungesheim und erzählt von Frauen, deren Leben aus den Fugen geraten ist – und die trotzdem versuchen, sich eine Zukunft aufzubauen.
Der Film begleitet mehrere Inhaftierte durch ihren Alltag, ohne ihre Taten zu entschuldigen oder Mitgefühl zu wecken. Vielmehr zeigt die Dokumentation Menschen, die zwischen Schuld, Reue, Hoffnung und Verzweiflung leben. Frauen, die arbeiten, Freundschaften schließen, Therapien machen und die lernen müssen, mit ihrer Vergangenheit umzugehen.
Besonders auffällig ist dabei: Das Frauengefängnis funktioniert anders, als viele es erwarten würden. Weniger Gewalt und mehr emotionale Spannungen. Mehr Gespräche. Mehr Nähe. Und oft eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie.
Strafvollzug in Zahlen (Informationen vom BAG-S)
Frauen sind im Strafvollzug zahlenmäßig stark unterrepräsentiert. Mit einem Anteil von etwa 5 % an inhaftierten Personen stehen ihre spezifischen Lebensrealitäten oft im Schatten eines überwiegend auf Männer ausgerichteten Strafvollzugssystems. 2024 verbüßen ca. 3.000 weibliche Inhaftierte eine Freiheitsstrafe im geschlossenen Vollzug, während es rund 60.000 männliche waren.
Frauenkriminalität unterscheidet sich in vielen Aspekten von der Kriminalität von Männern: Sie wird oft durch sozioökonomische Notlagen, Erfahrungen von Gewalt und Traumatisierungen sowie durch Verantwortlichkeiten in der Familie geprägt. Viele straffällig gewordene Frauen haben eine Geschichte von Abhängigkeiten, Missbrauch oder Armut hinter sich. Häufig sind sie die Hauptverantwortlichen für die Pflege und Erziehung der Kinder, was ihre Inhaftierung nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familien besonders belastend macht.
Trotz dieser besonderen Ausgangslage orientieren sich Maßnahmen im Strafvollzug, vorwiegend an den Bedürfnissen von Männern. Geschlechtsspezifische Angebote sind oft nur unzureichend vorhanden. Die BAG-S (Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e.V.) sieht es als zentrale Aufgabe die Perspektiven und Lebenslagen straffällig gewordener Frauen in den Fokus zu rücken. Sie setzen sich dafür ein, dass Frauenkriminalität nicht nur als Randthema behandelt wird, sondern als soziale Realität, die spezifische Lösungen erfordert.
Die JVA Frankfurt-Preungesheim hat dabei eine besondere Geschichte: Sie gilt als erstes Frauengefängnis Deutschlands und wurde bereits 1955 gegründet. Heute sitzen dort Frauen mit ganz unterschiedlichen Geschichten ein – von Drogendelikten bis hin zu schweren Gewaltverbrechen.
Der geregelte Alltag hinter Gittern
Eine der zentralen Figuren der Dokumentation ist Tuba. Sie arbeitet in der Großküche der JVA und beschreibt das Gefängnis als den ersten Ort in ihrem Leben, an dem sie überhaupt Strukturen kennengelernt hat. Ein Satz, der hängen bleibt. Während draußen Freiheit herrscht, erlebt sie hinter Gittern zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf.
Tuba wurde wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Jahrelang habe sie ihre Taten verdrängt, erzählt sie. Heute spricht sie offen darüber. Die Kamera zeigt sie nicht als sensationsheischende „Mörderin“, sondern als Frau mit Vergangenheit, Brüchen und einer späten Erkenntnis darüber, was sie angerichtet hat.
Gerade diese ruhigen Momente machen die Dokumentation so eindringlich. Wenn Tuba Gemüse schneidet, Essen ausgibt oder über Verantwortung spricht, wird deutlich, weshalb Arbeit im Gefängnis mehr sein kann als bloßer Zeitvertreib. Sie gibt Struktur, Selbstwertgefühl und manchmal sogar erstmals das Gefühl, gebraucht zu werden.
Arbeit gehört in deutschen Gefängnissen zum Alltag, Strafgefangene haben nach hessischem Strafvollzugsgesetz eine Arbeitspflicht, Untersuchungsgefangene nicht. Die Leiterin der JVA, Nora Strang-Albrecht sagt „Eigentlich durchgängig möchten alle (Frauen) hier arbeiten, denn Arbeit ist Beschäftigung, man kann zusätzlich auch Geld verdienen. Und es bringt im Tagesablauf einfach Struktur.“
Viele Insassinnen arbeiten in Küchen, Wäschereien oder Werkstätten. Manche machen Schulabschlüsse oder Ausbildungen. Das Ziel dahinter ist Resozialisierung – also die Vorbereitung auf ein Leben nach der Haft. Denn irgendwann kehren die meisten Gefangenen zurück in die Gesellschaft.
Doch genau dort beginnt oft das nächste Problem.
Die Angst vor dem Leben danach
Wer viele Jahre im Gefängnis verbracht hat, verliert oft den Anschluss an die Außenwelt. Technik verändert sich, Beziehungen zerbrechen, Familien gehen auseinander. Manche Frauen haben keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern oder Angehörigen. Andere wissen nicht einmal, wo sie nach der Entlassung wohnen sollen.
Angel ist ein Beispiel dafür. Sie hat insgesamt bereits mehr als zwei Jahrzehnte ihres Lebens in Haft verbracht und sitzt wegen schwerer Raubdelikte sogar in Sicherungsverwahrung. Eine Maßnahme, die bei Frauen in Deutschland nur äußerst selten verhängt wird.
Im Film wirkt Angel gleichzeitig hart und verletzlich. Sie arbeitet an ihrer Aggressivität, besucht therapeutische Angebote und hofft auf eine Entlassung. Doch man spürt ihre Unsicherheit. Was passiert, wenn die Gefängnistür tatsächlich aufgeht? Wie lebt man ein normales Leben, wenn man einen Großteil seiner Erwachsenenjahre hinter hohen Mauern verbracht hat?
Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation. Es wird klar: Freiheit ist nicht automatisch Erlösung. Für viele ehemalige Inhaftierte beginnt draußen ein neuer Kampf: gegen Vorurteile, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit.
Besonders Frauen stehen nach einer Haftstrafe oft unter sozialem Druck. Während männliche Straftaten gesellschaftlich fast erwartbar erscheinen, sieht es bei kriminellen Frauen häufig nach einer „doppelten Grenzüberschreitung“ aus. – Sie haben nicht „nur“ gegen Gesetze verstoßen, sondern auch gegen gesellschaftliche Erwartungen an Weiblichkeit, Fürsorge und Mutterrolle.
Das macht den Weg zurück besonders schwer.
Freundschaft als Überlebensstrategie
Neben Tuba und Angel begleitet die Dokumentation auch Alexandra und Melissa, die wegen Drogendelikten inhaftiert sind. Zwischen den beiden ist t eine enge Freundschaft entstanden. Sie lachen zusammen, reden über ihre Fehler und geben sich gegenseitig Halt.
Gerade diese Beziehung zeigt, wie wichtig emotionale Bindungen im Gefängnisalltag sind. Viele Frauen leiden stärker unter Isolation als männliche Häftlinge. Häufig kreisen ihre Gedanken um Kinder, Familien oder verlorene Beziehungen. Freundschaften innerhalb der Haftanstalt können deshalb als emotionaler Rettungsanker fungieren.
Der Film zeigt dabei keine romantisierte Gefängniswelt. Konflikte, Spannungen und psychische Belastungen bleiben sichtbar. Doch er macht deutlich, dass Empathie und Menschlichkeit selbst an Orten existieren, die viele nur mit Strafe verbinden.
Interessant ist, wie offen einige der Frauen über ihre Vergangenheit sprechen. Viele erzählen von Drogenproblemen, Gewalt in Beziehungen oder schwierigen Kindheiten. Das bedeutet nicht, dass Kriminalität entschuldbar wird. Aber die Dokumentation zeigt, dass Straftaten selten isoliert entstehen. Oft stehen unruhige Lebensläufe mit vielen unglücklichen Ereignissen dahinter.
Themenvielfalt vs. Sparmaßnahmen
Da Frauen nur einen kleinen Teil der Gefängnisinsassen in Deutschland ausmachen, wird über ihre Bedürfnisse vergleichsweise selten gesprochen. Sie haben andere Themen und beispielsweise spielen Mutterschaft, Traumata oder psychische Erkrankungen eine deutlich größere Rolle als bei männlichen Inhaftierten. Zudem haben viele weibliche Gefangene vor ihrer Inhaftierung selbst Gewalt erlebt. Einige kämpfen mit Suchterkrankungen oder Depressionen.
Wie Marion. Sie hatte einen guten Mann, der sie aus der Sucht herausgeholt hat. Dann hatte er einen Schlaganfall und Marion hat ihn ein Jahr lang liebevoll in den Tod begleitet. Die Trauer und das nicht wissen, wie es weitergehen soll, haben sie wieder in altbekannte und vertraute Muster abrutschen lassen – ihre Drogensucht. Für sie ist es das zweite Mal hinter Gittern. Sie arbeitet in der Wäscherei und weiß inzwischen, dass sie ihr Leben nach dem Gefängnis in den Griff bekommen wird.
Deshalb setzen viele Frauengefängnisse stärker auf Therapie, soziale Betreuung und Gesprächsangebote. Doch auch dort fehlen häufig Personal und finanzielle Mittel. Immer wieder wird kritisiert, dass Resozialisierung zwar politisch gewünscht sei, in der Praxis aber an Überlastung und Sparmaßnahmen scheitere.
Diskussionen darüber finden auch gesellschaftlich immer häufiger statt. In öffentlichen Debatten wird betont, dass ein funktionierender Strafvollzug nicht nur bestrafen, sondern vor allem verhindern soll, dass Menschen erneut straffällig werden. Genau darin liegt letztlich auch ein Schutz für die Gesellschaft.
Zwischen Schuld und Menschlichkeit
Was die Dokumentation besonders sehenswert macht, ist ihr Blick auf die Menschen hinter den Urteilen. Sie zeigt keine reißerischen Bilder und keine künstliche Dramatik. Stattdessen beobachtet sie ruhig und aufmerksam.
Gerade dadurch wird ein unangenehmer, aber wichtiger Aspekt deutlich: Menschen können schwere Schuld auf sich laden und trotzdem mehr sein als ihre Tat.
Tuba bleibt eine verurteilte Mörderin. Angel hat schwere Straftaten begangen. Doch gleichzeitig sieht man Frauen, die arbeiten, lachen, hoffen oder an sich scheitern. Die Dokumentation zwingt den Zuschauer dazu, diese Widersprüche auszuhalten.
Vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke. Sie zeigt, dass Resozialisierung nicht bedeutet, Taten zu vergessen. Sondern anzuerkennen, dass die Gesellschaft entscheiden muss, was nach der Strafe kommt.
Denn wenn Haft ausschließlich Wegsperren bedeutet, entsteht keine Zukunft. Weder für die Inhaftierten noch für die Gesellschaft.
Hoffnung hinter Mauern
Am Ende bleibt kein einfaches Fazit. Nicht jede Frau im Gefängnis wird ein neues Leben beginnen. Nicht jede Geschichte endet hoffnungsvoll. Manche werden rückfällig, andere bleiben dauerhaft traumatisiert oder isoliert.
Und doch erzählt „Zwischen Zelle und Zukunft“ von kleinen Chancen. Von Menschen, die lernen, Verantwortung zu übernehmen. Von Frauen, die zum ersten Mal Stabilität erleben. Von Freundschaften, die Halt geben. Und von der schwierigen Hoffnung, dass ein Mensch mehr sein kann als seine schlimmste Tat.
Gerade weil die Dokumentation keine einfachen Antworten liefert, wirkt sie lange nach. Sie erinnert daran, dass hinter Gefängnismauern keine abstrakten „Fälle“ leben, sondern Menschen – mit Fehlern, Brüchen und manchmal dem ehrlichen Wunsch nach einem anderen Leben.
Anmerkung der Redaktion: Nicht die Dokumentation empfinden wir als schockierend, sondern die Kommentare auf YouTube dazu. Sie zeigen nur selten Offenheit für die Situation der Frauen in der JVA, dafür umso häufiger Hass und Unverständnis. Damit zeichnen sie ein deutlicheres Bild unserer Gesellschaft als die Dokumentation selbst.
Warum unser Körper manchmal lauter spricht als unsere Stimme
Manchmal reicht ein einziger Blick und wir wissen sofort, woran wir sind. Ein Lächeln, das nicht ganz die Augen erreicht, verschränkte Arme, obwohl jemand „alles gut“ sagt. Oder der eine Moment im Gespräch, in dem die Worte perfekt klingen – aber sich trotzdem irgendwie falsch anhören.
Stell Dir folgende Szene vor: Du sitzt im Vorstellungsgespräch, bist perfekt vorbereitet, kennst Deinen Lebenslauf und hast sogar drei kluge Fragen parat, die Du am Ende stellen willst. Alles läuft nach Plan – zumindest verbal. Doch während Du von Deinen Stärken erzählst, zupfst Du nervös an Deinem Ohrläppchen, Deine Schultern sind hochgezogen, und Dein Blick wandert immer wieder zur Tür, als würdest Du am liebsten flüchten. Welche Botschaft kommt bei Deinem Gegenüber wohl an?
Willkommen in der faszinierenden Welt der Körpersprache – jenem schweigenden Orchester, das fortwährend im Hintergrund spielt, während wir glauben, die Hauptmelodie mit unseren Worten zu dirigieren.
Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick brachte es auf den Punkt: „Wir können nicht nicht kommunizieren.“ Dieser Satz klingt zunächst paradox, ist aber im Alltag absolut nachvollziehbar. Selbst wenn wir schweigen, senden wir Signale – durch unsere Haltung, unsere Mimik, unseren Blick. Unser Körper spricht immer, ob wir wollen oder nicht.
Der berühmte Pantomime und Körpersprache-Experte Samy Molcho formuliert es etwas anders: „Der Körper ist der Handschuh der Seele.“ Was er damit meint: Unsere Gefühle, unsere wahren Absichten, unsere echten Emotionen – all das spiegelt sich in unserer Körpersprache wider, oft ohne unser Wissen und unsere Kontrolle.
Was ist Körpersprache – die Grammatik des Körpers
Körpersprache ist keine Fremdsprache, die wir mühsam lernen müssen – wir beherrschen sie von Geburt an intuitiv. Schon Babys kommunizieren nonverbal, lange bevor sie das erste Wort sprechen. Sie lächeln, weinen, strecken die Arme aus, wenden sich ab. Und auch im Erwachsenenalter verstehen wir die meisten körpersprachlichen Signale instinktiv, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Aber was genau gehört alles zur Körpersprache? Da wäre die Mimik – das Spiel der Gesichtsmuskeln, das Freude, Ärger, Überraschung, Ekel, Angst oder Traurigkeit ausdrücken kann. Der amerikanische Psychologe Paul Ekman hat nachgewiesen, dass diese Basis-Emotionen kulturübergreifend auf die gleiche Weise im Gesicht ablesbar sind. Ein echtes Lächeln erkennst Du in Tokio genauso wie in Berlin oder Buenos Aires.
Dann gibt es die Gestik – also die Bewegungen unserer Hände und Arme. Interessanterweise gestikulieren wir sogar dann, wenn uns niemand sieht, etwa beim Telefonieren. Ja, selbst Menschen, die von Geburt an blind sind, begleiten ihre Worte mit Gesten, obwohl sie diese nie bei anderen beobachten konnten. Das zeigt, wie tief der Ausdruck im Köper verankert ist.
Zur Körpersprache gehört außerdem unsere Körperhaltung: Stehen wir aufrecht und offen oder zusammengesunken und verschlossen? Sind wir unserem Gesprächspartner zugewandt oder lehnen wir uns zurück? Und schließlich spielt auch die Proxemik eine Rolle. Dahinter verbirgt sich unser Distanzverhalten, also die Frage, wie nah wir anderen Menschen kommen und welche unsichtbaren Grenzen wir dabei respektieren oder überschreiten.
Die Magie der kleinen Gesten
Es sind oft die kleinen Dinge, die große Wirkung haben. Ein leichtes Nicken signalisiert Aufmerksamkeit. Ein offener Blick schafft Vertrauen. Ein Schritt zurück kann benötigte Distanz ausdrücken, ohne ein Wort zu sagen. Doch Vorsicht: Körpersprache ist kein Wörterbuch, das sich eins zu eins übersetzen lässt. Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch Ablehnung – vielleicht ist der Person einfach kalt. Entscheidend ist immer der Kontext. Das macht das Thema so komplex und gleichzeitig sehr spannend. Körpersprache ist kein festgezurrtes System, sondern ein Zusammenspiel aus Situation, Persönlichkeit und Kultur.
Du hast vielleicht schon mal gehört oder gelesen, dass Körpersprache für 55 % unserer Wirkung verantwortlich sei, die Stimme für 38 % und die Worte selbst nur für klägliche 7 %. Diese Zahlen stammen vom US-amerikanischen Psychologieprofessor Albert Mehrabian und werden in Kommunikationsseminaren und Ratgeberbüchern geradezu inflationär zitiert. Auch wenn diese Zahlen oft vereinfacht dargestellt werden, steckt ein wichtiger Kern darin: Kommunikation ist immer ein Zusammenspiel aus mehreren Ebenen. Was wir sagen, wie wir es sagen – und wie der Körper den Inhalt transportiert.
Das bedeutet auch: Eine Botschaft kann anders aufgenommen werden, wenn Körpersprache und Worte nicht zusammenpassen. Ein Kompliment mit gelangweiltem Blick? Wirkt eher wie Kritik. Ein schlichtes „Danke“ mit einem warmen Lächeln? Bleibt im Gedächtnis.
Wenn der erste Eindruck zählt: Dating, Job und Freundschaft
Wusstest Du, dass wir uns innerhalb von Sekundenbruchteilen ein Urteil über einen Menschen bilden? Studien zeigen, dass dieser erste Eindruck bereits nach etwa 100 Millisekunden feststeht – das ist schneller, als du „Hallo“ sagen kannst. Und dieser erste Eindruck basiert natürlich ausschließlich auf dem, was wir wahrnehmen: Aussehen, Haltung, Mimik, Gestik, Kleidung.
Das klingt vielleicht oberflächlich, hat aber evolutionäre Gründe. Unsere Vorfahren mussten blitzschnell einschätzen können, ob ein Fremder Freund oder Feind ist. Diese Fähigkeit zur raschen Einschätzung hat sich bis heute gehalten – auch wenn es heute nicht mehr um Leben und Tod geht, sondern um Vorstellungsgespräche, erste Dates oder Netzwerktreffen.
„You never get a second chance to make a first impression “- für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Aber die gute Nachricht ist: Mit ein bisschen Wissen über Körpersprache kannst Du dafür sorgen, dass der erste Eindruck, den andere von Dir haben, positiv ausfällt. Und Du kannst lernen, die ersten Eindrücke, die Du von anderen Menschen hast, kritisch zu hinterfragen, statt ihnen blind zu vertrauen.
Gerade im Alltag spielt Körpersprache eine größere Rolle, als wir denken. Beim ersten Date entscheidet oft nicht das Gespräch allein, sondern wie wir wirken. Ein offenes Lächeln, ein zugewandter Körper – das alles signalisiert Interesse.
Im Job kann Körpersprache sogar über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wer sicher auftritt, wirkt kompetenter. Wer Blickkontakt hält, wird eher ernst genommen. Und wer nervös wirkt, obwohl er gut vorbereitet ist, verliert schnell an Überzeugungskraft.
Auch in Freundschaften ist Körpersprache ein stiller Begleiter. Wir spüren sofort, wenn etwas nicht stimmt – selbst wenn niemand es ausspricht. Der Körper verrät oft, was Worte verschweigen.
Können wir Körpersprache lernen?
Die Deutung der Körpersprache ist vielschichtig und wir können lernen, bewusster damit umzugehen. Der erste Schritt ist Beobachtung. Wie wirken andere Menschen? Und wie wirke ich auf andere? Oft hilft es schon, im Gespräch kurz zu reflektieren. Sitze ich angespannt? Schaue ich mein Gegenüber an? Wirke ich offen oder verschlossen?
Der zweite Schritt ist Übung. Körpersprache lässt sich trainieren – ähnlich wie eine Sprache. Wer sich seiner eigenen Signale bewusst wird, kann sie gezielter einsetzen und Missverständnisse vermeiden.
Aber: Es geht nicht darum, sich zu verstellen. Authentizität bleibt der Schlüssel. Denn aufgesetzte Körpersprache wirkt schnell unecht – und wird meistens auch so wahrgenommen.
So hilfreich Körpersprache auch ist, sie kann Missverständnisse befeuern. Denn wir interpretieren Signale stets durch unsere eigene Brille. Was für den einen freundlich wirkt, kann für den anderen distanziert erscheinen. Hinzu kommt: Körpersprache ist kulturell geprägt. Ein direkter Blick gilt in manchen Kulturen als Zeichen von Interesse, in anderen als unhöflich.
Deshalb ist es wichtig, Körpersprache nie isoliert zu betrachten. Sie ist immer Teil eines größeren Gesamtbildes – gemeinsam mit dem gesprochenen Wort, der Stimme und der Situation.
Fazit: Der Körper spricht immer mit
Körpersprache ist wie eine zweite, stille Sprache, die ständig mitschwingt. Sie ergänzt unsere Worte, widerspricht ihnen manchmal und verrät oft mehr, als uns lieb ist.
„Wir können nicht nicht kommunizieren“ bedeutet am Ende: Es gibt keinen Aus-Knopf für Kommunikation. Selbst Schweigen ist eine Botschaft.
Und vielleicht liegt genau darin die Chance. Wenn Du lernst, diese leisen Signale wahrzunehmen – bei dir selbst und bei anderen – verstehst Du Menschen ein Stück besser. Und Du erscheinst selbst klarer, authentischer und wirkungsvoller.
Denn am Ende zählt nicht nur, was wir sagen. Sondern vor allem, wie wir es präsentieren.
Bei meinen Recherchen zu Uma Thurman, bin ich auf einen Arte Beitrag – oder eher eine ganze Serie von Mini-Dokumentationen – gestoßen. Die komprimierten Informationsbeiträge haben mich begeistert. Nur 5 min lang und sehr kurzweilig, informativ und witzig. Ehe ich mich versah, hatte ich mir drei Dokus angesehen, bevor ich mich wieder dem Schreiben zuwenden konnte 😊.
So landete ich bei Arte und der Doku-Serie „Flick Flack – Kultur über Kopf“ und zu meiner Suche wurde mir „Wenn Frauen zurückschlagen“ angezeigt. Inhaltlich geht es um Frauen, die für sich einstehen und sich verteidigen – auf der Leinwand. Diese Bilder sind in den letzten Jahrzehnten löblicherweise mehr geworden. Während es vorher nur den „sanften Weg“ in der weiblichen Darstellung gab, hat sich das mittlerweile deutlich gewandelt. Dennoch ist ein Unterschied erkennbar, ob die Filme von Männern gedreht werden oder ob Feministinnen Regie führen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen und den „Male Gaze“ – den männlichen Blick – außen vorlassen. Historisch betrachtet sind Gewaltakte von Frauen eine Reaktion auf ihre Unterdrückung. Die Suffragetten, die für das Wahlrecht der Frauen kämpften, wehrten sich u. a. mit Bomben. Diese Erkenntnis führt zu der Fragestellung, ob es sinnvoll sein könnte, Männern Angst zu machen. Virginie Despentes, Schriftstellerin, Regisseurin und Feministin, hat es so formuliert: „Doch an dem Tag, an dem die Männer Angst haben müssen, dass ihr Schwanz mit einem Cutter zerfetzt wird, wenn sie versuchen, einer Frau Gewalt anzutun, werden sie plötzlich ihre ‚männlichen Triebe‘ besser beherrschen können.“
Und da Uma Thurman in diesem Beitrag nur eine „Randerscheinung“ ist, werde ich ihr Thema später aufgreifen. In der Zwischenzeit möchte ich Dir die Doku-Serie von Arte „Flick Flack – Kultur über Kopf“ ans Herz legen. Mich haben die Informationsvielfalt und -dichte, die interessanten Perspektiven und die Würze der Kürze richtig begeistert. Daher habe ich Dir hier eine kleine Auswahl zusammengestellt.
„Diven – göttlich kapriziös“ stellt kurzweilig fest, dass Hildegard von Bingen unwissentlich die erste Diva (lat. Göttin) war, da ihre Stimme als göttlich galt. Doch der Begriff bekam im Laufe der Zeit einen sexistischen Beigeschmack. Zudem verschwand die männliche Form der Diva „Divo“ aus dem Sprachgebrauch und weibliche Diven galten als launenhaft und gefährlich. Der Begriff wurde immer negativer besetzt, so dass es in den 90-ern zu einer Umkehrung kam und die Bezeichnung „Diva“ zur positiven Selbstaneignung genutzt wurde. (verfügbar bis zum 26.07.2028)
„Michèle Lamy: Im Ringkampf gegen Konventionen“ – die Französin ist eine Königin der Popkultur und hat es geschafft, das Schönheitsideal auf den Mond zu schießen. (verfügbar bis zum 26.07.2028)
Der Frage „Ist Feminismus Science Fiction?“ geht dieser Beitrag nach. „Science-Fiction ist das Erzählen von „Was wäre wenn“: Was wäre, wenn alle Männer an einem Virus sterben würden und nur Frauen überleben würden? Was wäre, wenn organische Roboter mit Venusmenschen von einem anderen Planeten EINS wären? Was wäre, wenn die Gesellschaft für alle gleich wäre? Die SF ist keineswegs ein fiktionales Genre, das nur für Jungen interessant ist, sondern im Gegenteil ein mächtiges feministisches Werkzeug, das Autorinnen seit Jahrhunderten dazu dient, den realen Sexismus zu hinterfragen.“ (Quelle Arte) (verfügbar bis zum 11.09.2029)
In „Wendy Carlos: Elektro für alle“ erfährst Du, wie die erste Frau ein ganzes Album mit elektronischer Musik selbstständig komponiert, produziert und herausgebracht hat. Und das in den 70er Jahren und einer Männerdomäne. (verfügbar bis zum 31.07.2028)
In „Frauen zeigen Größe“ geht es um die Perspektive und das Körpergefühl mit der eigenen Körpergröße. Das Größe für Frauen herausfordernd sein kann, Hollywood nicht damit klarkommt, dass Schauspieler kleiner als Schauspielerinnen sein können und wie andere Weltsichten möglich sind, wird sehr charmant aufgezeigt. (verfügbar bis zum 18.09.2029)
Es gibt noch so viele Folgen mit unterschiedlichen Themen, so dass ich mir noch einige davon anschauen werde. Hast Du auch mal reingeschaut? Was meinst Du? Schreib mir gern einen Kommentar 😊.
Hintergrund zur Doku-Serie: Flick Flack | Kultur über Kopf
„Flick Flack – ist ein Kulturphänomen, ein Trend, ein Porträt … locker und witzig, aufgedröselt in 4 Minuten. Flick Flack will neugierig machen und unterhalten und gleichzeitig eine prägende Geschichte aus der Vergangenheit oder unserer Gegenwart erzählen. Über die Aktualität hinaus, interessiert sich Flick Flack für bleibende Ereignisse, große Paukenschläge und Verblüffendes aus verschiedensten Genres: Kino, Musik, Bildende Kunst, Bühne, Architektur, Design, Literatur… Kultur bei ARTE: unterhaltsam und zugänglich.“ (Quelle: Arte)
Warum dein Kind die Welt nicht auf deinem Arm, sondern auf eigenen Füßen entdeckt
Wenn dein Kind stolpert oder versucht aufzustehen, ist dein erster Impuls wahrscheinlich, es schnell hochzunehmen. Das ist völlig verständlich. Schließlich möchtest du dein Kind schützen.
Nähe, Sicherheit und körperlicher Kontakt sind für Kinder enorm wichtig. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch etwas anderes: die Möglichkeit, ihre Umwelt selbst zu entdecken. Krabbeln, Aufstehen, Hinfallen und Wiederaufstehen gehören zu den wichtigsten Lernprozessen in der frühen Kindheit.
Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass selbstständige Bewegung eine zentrale Rolle für die gesamte Entwicklung eines Kindes spielt (Adolph & Hoch, 2019).
Bewegung ist Gehirntraining
In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn besonders schnell. Neue Nervenverbindungen entstehen vor allem durch aktive Bewegung und Sinneserfahrungen. Wenn dein Kind krabbelt, greift, sich hochzieht oder läuft, trainiert es gleichzeitig mehrere wichtige Systeme:
Gleichgewicht
Koordination
Muskelkraft
räumliche Orientierung
Körperwahrnehmung
Bewegung aktiviert dabei auch das vestibuläre System im Innenohr, das für Gleichgewicht und Orientierung im Raum zuständig ist. Gleichzeitig werden Propriozeptoren in Muskeln und Gelenken aktiviert. Diese Rezeptoren liefern dem Gehirn Informationen darüber, wie sich der Körper im Raum bewegt. Diese Prozesse sind entscheidend für motorisches Lernen und neurologische Entwicklung eines Kindes (Thelen & Smith, 1994).
Warum Bewegung auch Sprache fördert
Motorische Entwicklung und Sprachentwicklung sind enger miteinander verbunden, als viele Eltern vermuten. Der Zusammenhang wird in Studien deutlich belegt (Iverson, 2010).
Bewegungslernen aktiviert besonders stark das Kleinhirn (Cerebellum), das für Koordination und motorisches Lernen zuständig ist. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass dieses Hirnareal auch an kognitiven Prozessen beteiligt ist.
Auch im Frontallappen, insbesondere im sogenannten Broca-Areal, liegen Zentren für Bewegungsplanung und Sprachproduktion räumlich nah beieinander.
Wenn dein Kind seine Umwelt aktiv erkundet, entstehen außerdem viele Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit. In der Entwicklungsforschung spricht man hier von Joint Attention, einem wichtigen Baustein des Spracherwerbs (Tomasello, 2003).
Wenn Bewegung zu kurz kommt
Im Alltag verbringen Kinder heute häufig viel Zeit in Kinderwagen, Autositzen, Wippen oder anderen Sitzsystemen. Diese sind praktisch und manchmal auch notwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn freie Bewegung dadurch dauerhaft zu kurz kommt. Das kann sich auf verschiedene Entwicklungsbereiche auswirken.
Verzögerte motorische Entwicklung
Kinder lernen möglicherweise später:
krabbeln
stehen
laufen
Gleichgewicht halten
Schwächere Muskulatur
Zu wenig Bewegung kann zu
schwächerer Rumpfmuskulatur
Haltungsschwächen
Koordinationsproblemen
führen.
Verzögerte Sprachentwicklung
Da Bewegung und Kommunikation eng zusammenhängen, kann sich auch der Spracherwerb langsamer entfalten.
Unsicherheit bei Bewegungen
Kinder mit wenig Bewegungserfahrung wirken oft unsicher beim Laufen oder Stolpern häufiger. Auch internationale Gesundheitsorganisationen betonen die Bedeutung regelmäßiger Bewegung bereits im frühen Kindesalter (WHO, 2019).
Warum dein Kind auch fallen darf
Viele Eltern versuchen verständlicherweise, jeden Sturz zu verhindern. Doch kleine Stürze gehören zur Entwicklung. Durch Versuch und Irrtum lernt dein Kind:
seinen Körper zu kontrollieren
Gleichgewicht zu halten
Bewegungen einzuschätzen
Selbstvertrauen aufzubauen
Eine sichere Umgebung, in der sich dein Kind ausprobieren darf, ist deshalb wichtiger als die vollständige Risikovermeidung.
5 Dinge, die dein Kind täglich für seine Entwicklung braucht
1. Bodenzeit Dein Kind sollte täglich ausreichend Zeit haben, sich frei auf dem Boden zu bewegen.
2. Bewegungsfreiheit Vermeide zu lange Zeiten in Wippen oder Sitzen.
3. Sichere Umgebung Eine sichere Umgebung ermöglicht deinem Kind, Bewegungen selbst auszuprobieren und seinen Körper zu erfahren.
4. Ermutigung statt Übervorsicht Begleite dein Kind beim Ausprobieren, ohne jede Bewegung sofort zu korrigieren.
5. Gemeinsames Spielen Bewegung und Kommunikation entstehen besonders gut im gemeinsamen Spiel.
Fazit
Kinder brauchen Nähe und Geborgenheit. Gleichzeitig brauchen sie Raum, um sich zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln. Wenn dein Kind krabbelt, aufsteht, fällt und wieder aufsteht, lernt es mehr über seinen Körper und seine Umwelt als auf jedem Arm der Welt.
Oder anders gesagt: Kinder lernen die Welt nicht auf dem Arm kennen – sondern auf ihren eigenen Füßen.
Der Autor: Benjamin Krupitza, Physiotherapeut
Benjamin Krupitza ist Physiotherapeut und Inhaber der Praxis Neokinetik in Gaggenau.
Sein Schwerpunkt liegt auf neurologischer Rehabilitation, funktioneller Therapie.
Kontakt
Benjamin Krupitza Neokinetik – Praxis für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie Landstraße 4 76571 Gaggenau
Das 18. Jahrhundert war kein Zeitalter, in dem sich Frauen frei entwickeln durften. Sie hatten Hausfrau und Mutter zu sein und ihrem Ehemann zu gehorchen. Bestimmte Instrumente, wie z. B. Orgel oder Cello, waren für sie tabu. Dabei hätten sie die Beine spreizen müssen und das galt höchst unsittlich. Auch eine Anstellung als Musikerin wäre undenkbar gewesen, und das nicht nur, weil die Kirche der Hauptarbeitgeber für Musiker war. Nur in der Abgeschiedenheit eines Nonnenklosters durften Frauen auch Komponistinnen sein, alle Instrumente spielen und eigene Stücke zu Gehör bringen.
Der Film „Mozart’s Schwester“ ist eine GEO-Filmdokumentation, die im November 2024 ihre Europapremiere in Salzburg feierte.
Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, von der Familie liebevoll „Nannerl“ genannt, wurde am 30. Juli 1751 in Salzburg geboren, ihr berühmter Bruder Wolfgang Amadeus folgte 5 Jahre später. Die beiden wurden von ihrem Vater, dem Geiger und späteren Vizekapellmeister, Leopold Mozart zu Hause unterrichtet. Sie erhielten eine gute Allgemeinbildung und die gleiche musikalische Ausbildung, in der sich das Talent der beiden Kinder schnell zeigte. Als sie 8 Jahre alt war, erhielt Maria Anna von ihrem Vater ein Notenbuch, dass sie zum Üben inspirierte und Stücke enthielt, mit denen sie zugleich ihre Fingerfertigkeit trainieren konnte. Ihr Bruder eiferte ihr schon mit 5 Jahren nach und konnte bereits zu diesem Zeitpunkt erste Stücke aus dem Notenbuch spielen, das bis heute als „Nannerl-Buch“ bekannt ist.
Der Vater wollte seine beiden Wunderkinder bekannt machen, ihre Karrieren fördern und organisierte 1762 eine erste Tournee nach Wien und München. Nannerl und Wolfgang Amadeus spielten im Alter von 10 und 6 Jahren zum ersten Mal vor dem Königspaar in Wien. Dieses Konzert brachte der Familie mehr Geld ein, als der Jahresverdienst des Vaters und sicherte so den Unterhalt der Familie. Die nächste Tournee sollte durch Europa gehen und insgesamt drei Jahre dauern, sie endete 1766 in London. Für die beiden Kinder war das eine aufregende Zeit, in der sie Sehenswürdigkeiten bestaunen und großartige Musiker kennenlernen konnten, auch wenn die langen Reisen in der Kutsche sehr beschwerlich waren. Nannerl hielt ihre Erinnerungen in einer Art Tagebuch fest und entwickelte in dieser Zeit ihre Fähigkeiten und ihr Talent weiter. Sie wurde mit viel Aufmerksamkeit bedacht, dennoch stand meist ihr kleiner Bruder im Mittelpunkt, war er doch 5 Jahre jünger.
Sie war 15 Jahre alt, als sie aus London wieder in Salzburg eintrafen – und damit galt sie als Erwachsene, die nicht mehr als Pianistin auftreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich die Gleichbehandlung der beiden Kinder, die der Vater stets praktiziert hatte. Fortan durfte nur noch Wolfgang Amadeus auf Tournee gehen. Die gesellschaftlichen Zwänge im Zeitalter der Vernunft (die ausschließlich den Männern zugeordnet war) ließen nichts anderes zu. Nannerl wurde von ihrer Mutter zu einer guten Hausfrau und Mutter ausgebildet. Sie muss sehr frustriert gewesen sein, denn ihr Tagebuch enthielt ab diesem Zeitpunkt nur noch Notizen über das Wetter. Sie nutzte die Musik als Ventil, spielte weiterhin für Bekannte, gab Klavierunterricht und besserte so das Familieneinkommen auf.
Mit ihrem Bruder hielt sie stetigen Briefkontakt. Leider sind ihre Briefe nicht mehr aufzufinden, doch ein Teil ihrer Kompositionen wurde in den Nachrichten von ihrem Bruder gefunden, in denen er sie lobt und ermuntert, weitere Stück zu komponieren.
Während der gemeinsamen Zeit in Salzburg, als sie 22 und er 17 Jahre waren – schrieb Wolfgang ein Klavierstück für vier Hände, das sie gemeinsam spielen konnten und in dem ihre kunstvolle Virtuosität sehr gut zur Geltung kam. Als ihre Mutter und ihr Bruder auf Reisen waren, um eine Anstellung für ihn zu finden, kümmerte Nannerl sich um den väterlichen Haushalt. Mit 33 Jahren ließ sie sich auf eine Vernunftehe mit Freiherrn Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg ein. Sie zog zu ihm und seinen fünf Kindern nach Sankt Gilgen, ein Ort fernab kulturellen Lebens, an einem See gelegen, dessen feuchte Luft ihren Instrumenten schadete. Sie brachte drei eigene Kinder zur Welt und konnte sich dank der Bediensteten im Adelshaus, weiterhin täglich drei Stunden ihren Übungen und der Musik widmen. Auch wenn das keinen Menschen weit und breit interessierte. Nur für ihren Bruder blieb sie die Person, auf deren musikalisches Urteil er allergrößten Wert legte.
Nach dem Tod ihres Bruders im Jahr 1791 versorgt sie den Biografen und einen Verlag mit Erinnerungen aus der gemeinsamen Kindheit. 10 Jahre später starb ihr Mann und sie zog im Alter von 50 Jahren mit den Kindern nach Salzburg zurück. Sie war als Baronin finanziell abgesichert, nahm aber ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin und Pianistin wieder auf. Da sie jetzt den Status einer Witwe hatte, durfte sie wieder öffentlich auftreten und wurde erneut als großes Talent bewundert und gefeiert. In den Folgejahren wurde sie von vielen Menschen besucht, die Mozarts Schwester kennenlernen wollten. Mit 74 Jahren erblindete Nannerl und starb im Oktober 1829 an „Entkräftung“.
Mein persönliches Resümee
Die Filmdokumentation „Mozart’s Schwester“ hat mich sehr beeindruckt. Die Mischung der filmischen Darstellung mit Expertenaussagen von Musiker:innen, Historiker:innen und Wissenschaftler:innen, bietet einen spannenden Einblick in die Zeit, das Talent von Maria Anna Mozart und die damalige Rolle der Frau als Musikerin.
Und ich frage mich, ob sie in einer anderen Zeit bessere Bedingungen vorgefunden hätte? Ob sie ebenfalls so berühmt wie ihr Bruder hätte werden können.
Interessanter Fakt
Im Film berichtet Gabriella Di Laccio, Sopranistin, Gründerin und Direktorin der DONNE Foundation (The Global Voice for Women in Music) davon, wie sie neugierig geworden ist, weil sie viele Konzerte besucht hat, in denen nie Stücke von Komponistinnen gespielt wurden. Sie hat recherchiert und bei einer Befragung (2022/2023) der Top 110 Orchester in 30 Ländern kam heraus, dass immer noch 92% der Stücke im Orchesterrepertoire von Männern komponiert wurden – und 87% von toten Männern mit weißer Hautfarbe. Immerhin – die Zahlen haben sich in der letzten Befragung schon positiv verändert, mehr dazu findest Du unter DONNE Foundation Research.
Auch wenn der Film sehr sehenswert ist, es gibt ihn leider nur im kostenpflichtigen TV. Aber auf Youtube findest Du hingegen einiges zu Maria Anna Mozart. Solltest Du weitere Aspekte finden, teile sie gern im Kommentar.
Deine Helga
Verlinkungen:
GEO Filmdokumentation: „Mozart‘s Sister“ zu sehen auf RTL+ (kostenpflichtig)
Der Vollständigkeit halber: Es gibt noch eine Serie in der ARD Mediathek: Mozart/Mozart: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“, doch die SWR Serien-Kritik ist so übel ausgefallen, dass ich das hier nicht verlinken mag.