Ein Notfall, der zu oft nicht als Notfall erkannt wird

Das Wissenschaftsmagazin NANO zeigt in der Dokumentation „Sepsis: Warum sterben jährlich 85.000 Menschen?“ eindrücklich, warum eine sogenannte „Blutvergiftung“ so gefährlich ist. Sie sieht am Anfang selten dramatisch aus. Betroffene wirken vielleicht „nur“ sehr krank, atmen schneller, sind verwirrt, haben Fieber, Schüttelfrost oder Herzrasen. Gerade diese unspezifischen Symptome machen die Erkrankung tückisch. Was für Laien wie eine schwere Grippe aussehen kann, ist für die Mediziner ein Wettlauf gegen die Zeit.

Medizinisch betrachtet ist bei einer Sepsis tatsächlich kein „Gift im Blut“, der Begriff „Blutvergiftung“ irritiert etwas. Der Auslöser ist eine Infektion, wie etwa durch Bakterien, Viren oder Pilze. Gefährlich wird es, weil die Immunabwehr nicht mehr nur gezielt gegen die Erreger arbeitet, sondern den ganzen Körper in attackiert. Dann werden Gewebe und Organe geschädigt und im schlimmsten Fall versagen Lunge, Niere, Herz oder Kreislauf. Kommt es zu einem septischen Schock, fällt der Blutdruck lebensbedrohlich ab.

Jaceks Geschichte zeigt, was verlorene Stunden bedeuten

In der NANO-Dokumentation steht unter anderem die Geschichte von Jacek Kardas im Mittelpunkt. Einige Tage nach einer Routineoperation erlitt er zuhause einen Magendurchbruch. Erst Stunden nach der Einlieferung in die Notaufnahme wurde die Sepsis erkannt. Die Folgen waren massiv: Organversagen, eine lange Rehabilitation, psychische Belastungen und der Verlust seiner beruflichen Existenz. Sein Schicksal macht deutlich, dass Sepsis nicht nur eine todbringende Krankheit ist. Wer überlebt, hat oft lange mit körperlichen und seelischen Folgen zu kämpfen.

Gerade Frauen kennen die Situation, für andere Verantwortung zu übernehmen: für Kinder, Partner, Eltern oder pflegebedürftige Angehörige. Deshalb ist es wichtig, Kenntnisse über die Sepsis im Alltag zu haben. Eine ältere Mutter mit Harnwegsinfekt, ein Kleinkind mit hohem Fieber, eine Freundin nach einer Operation oder man selbst nach einer Lungenentzündung. In all diesen Situationen ist es entscheidend die Frage zu stellen: Könnte es Sepsis sein? Die Kampagne  #DeutschlandErkenntSepsis hat sich auf die Fahnen geschrieben, Sepsis, ihre Erkennung und Folgen bekannter machen.

Warum sterben so viele Menschen an einer „Blutvergiftung“?

Ein Hauptgrund ist die späte Diagnose. Sepsis kündigt sich nicht mit einem einzigen eindeutigen Zeichen an. Der bekannte „rote Strich“, der oft als Erkennungsmerkmal genannt wird, ist kein verlässliches Sepsis-Symptom. Er kann auf eine Entzündung der Lymphbahnen hinweisen, fehlt aber bei den meisten Sepsis-Erkrankungen. Viel wichtiger ist es, die Veränderungen des Allgemeinzustands im Blick zu behalten: plötzliches schweres Krankheitsgefühl, schnelle Atmung, Herzrasen, Verwirrtheit, Benommenheit, Fieber, Schüttelfrost, kalte oder fleckige Haut und starke Schmerzen.

Ein weiterer Grund liegt im Gesundheitssystem. In Kliniken, Notaufnahmen, Rettungsdiensten und Arztpraxen müssen viele Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden. Wenn Warnsysteme fehlen, Laborwerte nicht schnell genug verfügbar sind oder Zuständigkeiten unklar bleiben, geht kostbare Zeit verloren. Fachleute kritisieren seit Jahren, dass Deutschland im internationalen Vergleich starken Nachholbedarf bei der strukturierten Früherkennung, digitaler Unterstützung und der konsequenten Umsetzung der Sepsis-Standards hat.

Hinzu kommt: Sepsis wird gesellschaftlich unterschätzt. Herzinfarkt und Schlaganfall sind als Notfälle fest im Bewusstsein verankert. Viele wissen, dass Brustschmerz, halbseitige Lähmung oder Sprachstörungen sofortiges Handeln erfordern. Bei Sepsis fehlt dieses Wissen zumeist. Dabei zählt auch hier jede Stunde. Je früher die Infektion kontrolliert, Antibiotika oder andere passende Medikamente gegeben, Flüssigkeit verabreicht und Organfunktionen überwacht werden, desto größer sind Überlebenschancen und reduzierte Folgeschäden.

Was passiert im Körper?

Bei einer normalen Infektion arbeitet die Abwehr wie eine gut koordinierte Einsatztruppe: Sie erkennt Erreger, bekämpft sie und fährt anschließend die Reaktion wieder herunter. Bei einer Sepsis gerät dieses System sofort aus dem Gleichgewicht. Entzündungsbotenstoffe, also körpereigene Signalstoffe, werden in großer Menge ausgeschüttet. Dadurch werden Blutgefäße durchlässiger, wichtige Organe schlechter durchblutet, die Blutgerinnung gestört und in der Folge bekommen Zellen zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe.

Das erklärt, warum eine Sepsis so schnell kippen kann. Ein Mensch kann morgens noch ansprechbar sein und wenige Stunden später auf der Intensivstation um sein Leben kämpfen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Neugeborene, Menschen mit geschwächtem Immunsystem, chronisch Kranke sowie Patientinnen und Patienten nach Operationen. Aber eine Sepsis kann grundsätzlich jede und jeden treffen, auch Menschen ohne Vorerkrankungen.

Digitale Warnsysteme und Schnelltests: Hoffnung auf frühere Diagnosen

Die NANO-Dokumentation zeigt zwei Ansätze, die Leben retten könnten. An der Universitätsmedizin Greifswald wird eine Screening-Software eingesetzt, die Patientendaten fortlaufend auswertet und Alarm schlägt, wenn Werte kritisch werden. Screening bedeutet: Es wird systematisch nach Warnzeichen gesucht, noch bevor jemand offensichtlich im Schockzustand ist. Solche Systeme können Pflegekräfte, Ärzte und Ärztinnen entlasten. Sie ersetzen nicht die klinische Aufmerksamkeit, aber helfen, Veränderungen schneller zu erkennen.

Im Main-Taunus-Kreis wird zudem ein Schnelltest auf Procalcitonin erprobt. Das Prohormon ist ein Indikator, der bei schweren bakteriellen Infektionen ansteigen kann. Er weist darauf hin, dass es eine Sepsis sein könnte und ermöglicht in der Gesamtbetrachtung aller Symptome und Befunde eine schnellere Entscheidung. Besonders hilfreich ist der Einsatz im Rettungswagen oder in Arztpraxen, also, bevor Betroffene überhaupt in der Klinik angekommen sind. Solche Innovationen zeigen, dass Unterstützung für beschleunigte Diagnosen möglich sind und die Todesfallraten sinken können. Die Weltgesundheitsorganisation hat Sepsis bereits 2017 als globale Gesundheitsbedrohung eingestuft und fordert bessere Prävention, frühere Diagnose und wirksame Behandlungspfade. In Deutschland verweisen Fachgesellschaften, Patientensicherheitsinitiativen und die Sepsis-Stiftung darauf, dass ein erheblicher Teil schwerer Verläufe vermeidbar wäre, wenn Infektionen schneller erkannt, Impfungen (z. B. Grippe, Pneumokokken oder COVID-19) konsequent genutzt, Hygienestandards eingehalten und mögliche Erkrankungen als Verdachtsfälle strukturiert behandelt würden.

Die Warnzeichen, die jede Familie kennen sollte

Eine Sepsis beginnt meist mit einer Infektion. Entscheidend ist deshalb die Kombination aus Infekt und einer deutlichen Verschlechterung der körperlichen und/oder geistigen Verfassung – Verwirrtheit, Luftnot, schneller Atem, hohe Pulsfrequenz, kaum ansprechbar, Krankheitsgefühl. Auch kalte, blasse oder marmorierte Haut, ein starker Blutdruckabfall, extreme Schmerzen oder ungewöhnliche Schläfrigkeit sind Alarmsignale.

Aber Achtung: Bei Babys und Kindern können Warnzeichen anders aussehen. Trinkschwäche, ungewöhnliche Teilnahmslosigkeit, schnelle Atmung, blasse oder fleckige Haut, schrilles Schreien, Krampfanfälle oder ein Zustand, der den Eltern „nicht geheuer“ ist, gehören ernst genommen. Auch in der Schwangerschaft, im Wochenbett und bei älteren Menschen kann eine Sepsis untypisch verlaufen. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh Hilfe holen als einmal zu spät.

Bei Verdacht auf eine Sepsis sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden. Die ausdrückliche Erwähnung, dass eine Infektion vorliegt oder vermutet wird und dass man an Sepsis denkt, ist wichtig. Dieser Satz kann helfen, die Dringlichkeit klarzumachen. Sepsis ist kein Fall für Abwarten, Hausmittel oder „morgen zum Arzt gehen“. Sie ist ein medizinischer Notfall.

Was wir selbst tun können

Eine Sepsis lässt sich nicht immer verhindern. Aber das Risiko kann verringert sich, wenn wir unsere Infektionen ernst nehmen und rechtzeitig behandeln lassen. Dazu gehört ggf. ein guter Impfschutz, etwa gegen Grippe, Pneumokokken oder COVID-19, eine gute Wundversorgung, Händehygiene, das vollständige Auskurieren schwerer Infekte und das Gespräch mit dem Arzt, wenn Beschwerden sich verschlechtern.

Ebenso wichtig ist die Nachsorge. Viele Überlebende berichten von Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, Schmerzen, Muskelschwäche, Schlafstörungen, Angst oder Depressionen. Diese Folgen werden nicht immer sofort mit der Sepsis in Verbindung gebracht. Wer eine Sepsis überlebt hat, braucht deshalb nicht nur medizinische Kontrolle, sondern oft auch Rehabilitation, psychologische Unterstützung und Verständnis im Umfeld.

Mehr Bewusstsein kann Leben retten

Die Zahl von jährlich mindestens 85.000 Todesfällen ist deshalb mehr als eine Statistik. Sie steht für Menschen, deren Infektion zu spät als lebensbedrohlich erkannt wurde, für Familien, die jemanden verloren haben, und für Überlebende, deren Alltag sich von einem Tag auf den anderen stark verändert hat. Die Sepsis ist gefährlich, weil sie schnell ist und weil sie im Bewusstsein vieler Menschen noch nicht die Aufmerksamkeit hat, den Herzinfarkt und Schlaganfall längst haben.

Die wichtigste Botschaft lautet daher: Eine schwere Infektion plus plötzliche Verschlechterung sind Warnsignale. Wer dann an Sepsis denkt, nachfragt, den Notruf wählt und nicht lockerlässt, kann die so wichtige Behandlungszeit herausholen. Und ganz sicher ist eins: bei einer Sepsis bedeutet Zeit oft Leben.

Anmerkung der Redaktion

Wir sind auf das Thema „Sepsis“ durch die NANO-Dokumentation „Sepsis: Warum sterben jährlich 85.000 Menschen?“ von 3sat/ZDF aufmerksam geworden.

Natürlich sind wir keine Ärztinnen, trotzdem haben wir uns entschieden, diesen Beitrag zu schreiben. Unser Ziel ist, Dich für das Thema zu sensibilisieren und damit vielleicht dazu beizutragen, dass in Zukunft weniger Menschen an einer Blutvergiftung sterben. Der Beitrag ist absichtlich allgemein gehalten und mit kompetenten Quellen versehen, bei denen Du Dich umfangreich informieren kannst.


Quellen:

3sat/ZDF NANO – Sepsis: Warum sterben jährlich 85.000 Menschen?

ZDF Heute Nachrichten – Sepsis: So gefährlich ist eine Blutvergiftung

Sepsis verstehen, erkennen und vorbeugen

DeutschlandErkenntSepsis

Institut für Qualitätssicherung und Transparenz in Gesundheitswesen

Robert Koch Institut – Sepsis – Epidemiologisches Bulletin

Ärztekammer Niedersachsen – Sepsis – so gefährlich wie Herzinfarkt oder Schlaganfall