Wie Katharina Schulze Landtag und Familienleben organisiert
Morgens Termine im Bayerischen Landtag, abends Bauklötze im Kinderzimmer: Für Katharina Schulze gehört beides ganz selbstverständlich zusammen. Die Grünen-Politikerin ist nicht nur Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, sondern auch Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie ein Modell, das viele Frauen kennen: Karriere, Kinder und ein Partner, der unter der Woche in einer anderen Stadt arbeitet.
Denn ihr Ehemann, Danyal Bayaz, ist Finanzminister in Baden-Württemberg und arbeitet überwiegend in Stuttgart, während Katharina in München politisch aktiv ist. Das bedeutet: Unter der Woche organisiert sie den Alltag meistens allein. Keine klassische Alleinerziehende – aber eben auch kein typisches Familienmodell mit gemeinsamer Abendroutine von Montag bis Freitag.
Spitzenpolitik mit Kind? Für sie keine Ausnahme
In der ZDF-Reportage „Friederike klopft an – Katharina – Spitzenpolitik mit Kind“ zeigt sich Katharina offen. Zwischen Terminen, Interviews und Landtagssitzungen spricht sie darüber, wie anstrengend der Spagat zwischen Politik und Familie tatsächlich ist. Glamour gibt es dabei wenig. Stattdessen Kinderbetreuung organisieren, Schlafmangel, spontane Planänderungen und die ständige Frage, wie man allem gerecht werden soll.
Dabei wirkt Katharina pragmatisch, nie verbittert. Sie gehört zu jener Generation Politikerinnen, die nicht mehr so tun wollen, als ließe sich das Familienleben perfekt verstecken. Im Gegenteil: Sie macht sichtbar, wie schwierig Vereinbarkeit selbst für privilegierte Menschen mit öffentlicher Unterstützung sein kann.
Dass sie nach der Geburt ihres ersten Sohnes vergleichsweise schnell wieder in den politischen Alltag zurückkehrte, wurde öffentlich intensiv diskutiert. Katharina Schulze selbst sagte damals, sie sei „nicht so der Typ“ für lange Elternzeit. Arbeiten und Muttersein seien für sie kein Widerspruch.

Zwischen München und Stuttgart
Kompliziert wird das Familienleben durch die zwei Lebensmittelpunkte. Während Katharina in München politische Verantwortung trägt, sitzt ihr Ehemann Danyal Bayaz als Minister in Stuttgart im Kabinett von Baden-Württemberg. Die beiden führen damit mehr oder weniger eine Wochenend-Ehe mit Familienanschluss.
Dazu sagt Danyal: „Ein Satz, der im Büro oft fällt, ist: ‚das muss ich erst noch mit meiner Frau (oder mit Katharina) besprechen‘.“
Schon 2021 sprach Schulze offen darüber, dass bestimmte Karriereoptionen für sie deshalb nicht infrage kämen. Für den Bundesvorsitz der Grünen wurde sie damals gehandelt, doch sie sagte ihn ab. Ihre Begründung war bemerkenswert ehrlich: „Berlin, Stuttgart, München – not working.“
Gerade viele Frauen dürften diesen Satz nachvollziehen können. Denn häufig sind es noch immer Mütter, die ihre Karriere an familiäre Strukturen anpassen. Die Verteilung der Sorgearbeit ist meistens nicht komplett gleichberechtigt. Frauen übernehmen mehr Familienorganisation.
Eine Politikerin, die Nähe zulässt
Politisch polarisiert sie durchaus. Die einen feiern ihre direkte Art, ihre Energie und ihre Social-Media-Präsenz, andere kritisieren ihren manchmal sehr offensiven Politikstil. Doch gerade ihre Offenheit als Mutter macht sie für viele Menschen greifbarer.
Im Gespräch erzählt sie von improvisierten Lösungen, kranken Kindern kurz vor wichtigen Terminen oder davon, wie schwierig spontane Reisen sein können. Nicht inszeniert, sondern erstaunlich normal. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Schulze vermittelt nicht das Bild der perfekten Politikerin, sondern das einer Frau, die versucht, vieles gleichzeitig zu stemmen – und dabei auch an Grenzen stößt.
Das neue Bild moderner Politik
Katharina Schulze steht damit auch für einen Wandel in der Politik. Lange galt Spitzenpolitik als Welt für Menschen ohne familiäre Verpflichtungen oder mit einem vollständig organisierten Privatleben im Hintergrund. Vor allem Frauen mussten oft entscheiden: Familie oder Karriere.
Dazu sagt Katharina: „Wir haben das Glück, dass wir unsere Familien in der Nähe haben, die auch gerne helfen wollen. Ohne die Omas und die Opas hätten wir das so nicht geschafft“.
Schulze versucht, beides sichtbar zusammenzubringen. Nicht perfekt, nicht immer ausgewogen, aber realistisch. Gerade deshalb wirkt sie für viele junge Frauen wie eine Politikerin der eigenen Generation.
Sie gehört zu den bekanntesten Grünen-Politikerinnen Deutschlandsund spricht gleichzeitig öffentlich über Kita-Organisation, Müdigkeit und Familienchaos. Vielleicht ist genau das ihr modernstes politisches Statement.

Alltag zwischen Verantwortung und Erschöpfung
Was Katharina Schulze erlebt, dürfte vielen Alleinerziehenden in Deutschland sehr vertraut vorkommen. Offiziell ist sie zwar keine Alleinerziehende, aber unter der Woche bleibt ein großer Teil des Familienalltags an ihr hängen. Genau das macht sie für viele so nahbar: Sie steht für all jene Mütter – und inzwischen auch immer mehr Väter – die Job, Kinder und Alltag oft irgendwie gleichzeitig jonglieren müssen, ohne dass sie im Hintergrund ständig von jemandem aufgefangen werden.
Frauen stecken dabei oft zurück, arbeiten in Teilzeit, verschieben Karrierepläne oder tragen die finanzielle Belastung aktuell und später in die Rente mit hinein. Gleichzeitig gibt es immer mehr Väter, die nach Trennungen oder durch ihre Lebenssituation ebenfalls einen Großteil der Betreuung übernehmen. Was viele verbindet, ist dieses zermürbende Gefühl, pausenlos organisieren zu müssen, kaum durchatmen zu können und trotzdem nichts anderes tun als weiterzulaufen.
Studien zeigen seit Jahren, wie hoch der Druck auf Alleinerziehende wirklich ist – emotional, organisatorisch und oft auch finanziell. Umso wichtiger ist es, dass sich endlich mehr bewegt: flexible Arbeitszeiten, verlässliche Kinderbetreuung und vor allem mehr Verständnis für Familienmodelle, die ganz anders aussehen als das ehemalige Ideal von Mutter, Vater und Kindern unter einem Dach.
Hinweis der Redaktion: Die Dokumentation wurde am 05.04.2023 zum ersten Mal im SWR ausgestrahlt. Alle Aussagen und Fakten entsprechen dem damaligen Stand und wurden seitdem nicht aktualisiert.
Links
ZDF-Dokumentation – „Friederike klopft an – Katharina – Spitzenpolitik mit Kind“ (verfügbar bis 27.03.2027)
Frankfurter Rundschau – „Ich habe gelernt, dass das Private politisch ist“
stuttgart.t-online – Schulze will nach Mutterschutz wieder arbeiten
Weitere Folgen der Serie „Friederike klopft an“ in unserem Blog
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