Warum dein Kind die Welt nicht auf deinem Arm, sondern auf eigenen Füßen entdeckt
Wenn dein Kind stolpert oder versucht aufzustehen, ist dein erster Impuls wahrscheinlich, es schnell hochzunehmen. Das ist völlig verständlich. Schließlich möchtest du dein Kind schützen.
Nähe, Sicherheit und körperlicher Kontakt sind für Kinder enorm wichtig. Gleichzeitig brauchen sie jedoch auch etwas anderes: die Möglichkeit, ihre Umwelt selbst zu entdecken. Krabbeln, Aufstehen, Hinfallen und Wiederaufstehen gehören zu den wichtigsten Lernprozessen in der frühen Kindheit.
Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass selbstständige Bewegung eine zentrale Rolle für die gesamte Entwicklung eines Kindes spielt (Adolph & Hoch, 2019).
Bewegung ist Gehirntraining
In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn besonders schnell. Neue Nervenverbindungen entstehen vor allem durch aktive Bewegung und Sinneserfahrungen. Wenn dein Kind krabbelt, greift, sich hochzieht oder läuft, trainiert es gleichzeitig mehrere wichtige Systeme:
Gleichgewicht
Koordination
Muskelkraft
räumliche Orientierung
Körperwahrnehmung
Bewegung aktiviert dabei auch das vestibuläre System im Innenohr, das für Gleichgewicht und Orientierung im Raum zuständig ist. Gleichzeitig werden Propriozeptoren in Muskeln und Gelenken aktiviert. Diese Rezeptoren liefern dem Gehirn Informationen darüber, wie sich der Körper im Raum bewegt. Diese Prozesse sind entscheidend für motorisches Lernen und neurologische Entwicklung eines Kindes (Thelen & Smith, 1994).
Warum Bewegung auch Sprache fördert
Motorische Entwicklung und Sprachentwicklung sind enger miteinander verbunden, als viele Eltern vermuten. Der Zusammenhang wird in Studien deutlich belegt (Iverson, 2010).
Bewegungslernen aktiviert besonders stark das Kleinhirn (Cerebellum), das für Koordination und motorisches Lernen zuständig ist. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass dieses Hirnareal auch an kognitiven Prozessen beteiligt ist.
Auch im Frontallappen, insbesondere im sogenannten Broca-Areal, liegen Zentren für Bewegungsplanung und Sprachproduktion räumlich nah beieinander.
Wenn dein Kind seine Umwelt aktiv erkundet, entstehen außerdem viele Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit. In der Entwicklungsforschung spricht man hier von Joint Attention, einem wichtigen Baustein des Spracherwerbs (Tomasello, 2003).
Wenn Bewegung zu kurz kommt
Im Alltag verbringen Kinder heute häufig viel Zeit in Kinderwagen, Autositzen, Wippen oder anderen Sitzsystemen. Diese sind praktisch und manchmal auch notwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn freie Bewegung dadurch dauerhaft zu kurz kommt. Das kann sich auf verschiedene Entwicklungsbereiche auswirken.
Verzögerte motorische Entwicklung
Kinder lernen möglicherweise später:
krabbeln
stehen
laufen
Gleichgewicht halten
Schwächere Muskulatur
Zu wenig Bewegung kann zu
schwächerer Rumpfmuskulatur
Haltungsschwächen
Koordinationsproblemen
führen.
Verzögerte Sprachentwicklung
Da Bewegung und Kommunikation eng zusammenhängen, kann sich auch der Spracherwerb langsamer entfalten.
Unsicherheit bei Bewegungen
Kinder mit wenig Bewegungserfahrung wirken oft unsicher beim Laufen oder Stolpern häufiger. Auch internationale Gesundheitsorganisationen betonen die Bedeutung regelmäßiger Bewegung bereits im frühen Kindesalter (WHO, 2019).
Warum dein Kind auch fallen darf
Viele Eltern versuchen verständlicherweise, jeden Sturz zu verhindern. Doch kleine Stürze gehören zur Entwicklung. Durch Versuch und Irrtum lernt dein Kind:
seinen Körper zu kontrollieren
Gleichgewicht zu halten
Bewegungen einzuschätzen
Selbstvertrauen aufzubauen
Eine sichere Umgebung, in der sich dein Kind ausprobieren darf, ist deshalb wichtiger als die vollständige Risikovermeidung.
5 Dinge, die dein Kind täglich für seine Entwicklung braucht
1. Bodenzeit Dein Kind sollte täglich ausreichend Zeit haben, sich frei auf dem Boden zu bewegen.
2. Bewegungsfreiheit Vermeide zu lange Zeiten in Wippen oder Sitzen.
3. Sichere Umgebung Eine sichere Umgebung ermöglicht deinem Kind, Bewegungen selbst auszuprobieren und seinen Körper zu erfahren.
4. Ermutigung statt Übervorsicht Begleite dein Kind beim Ausprobieren, ohne jede Bewegung sofort zu korrigieren.
5. Gemeinsames Spielen Bewegung und Kommunikation entstehen besonders gut im gemeinsamen Spiel.
Fazit
Kinder brauchen Nähe und Geborgenheit. Gleichzeitig brauchen sie Raum, um sich zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln. Wenn dein Kind krabbelt, aufsteht, fällt und wieder aufsteht, lernt es mehr über seinen Körper und seine Umwelt als auf jedem Arm der Welt.
Oder anders gesagt: Kinder lernen die Welt nicht auf dem Arm kennen – sondern auf ihren eigenen Füßen.
Der Autor: Benjamin Krupitza, Physiotherapeut
Benjamin Krupitza ist Physiotherapeut und Inhaber der Praxis Neokinetik in Gaggenau.
Sein Schwerpunkt liegt auf neurologischer Rehabilitation, funktioneller Therapie.
Kontakt
Benjamin Krupitza Neokinetik – Praxis für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie Landstraße 4 76571 Gaggenau
Zu diesem Beitrag hat mich ein Gespräch aus der letzten Woche inspiriert.
Ich erfuhr von einer Mutter, die mit ihrem Abiturienten auf einer Ausbildungs-Messe in Erfahrung bringen wollte, wie es für den Filius nach dem Abi weitergehen könnte. Es gibt so viele unterschiedliche Studiengänge, vielleicht ist eine Ausbildung besser oder ein duales Studium die richtige Wahl. Auf jeden Fall ist es richtig, sich umfassend zu informieren oder sogar eine Beratung in Anspruch zu nehmen, bevor eine Entscheidung fällt. Sie fand einen darauf spezialisierten Berater und setzt ihn zu Beginn des Gesprächs direkt in Kenntnis, dass ihr Kind hochbegabt ist und es bestimmt schwierig sei, eine interessante und angemessene Auswahl zu treffen.
Kurzinfo Hochbegabung
Hochbegabt sind etwa 2,3% der Bevölkerung. Per Definition haben diese Menschen eine weit über dem Durchschnitt liegende intellektuelle Begabung. Lt. Mensa (einem der größten Netzwerke für Hochbegabte in Deutschland) sind das Menschen, bei denen ein Intelligenzquotient (IQ) von 130 und höher festgestellt wurde. Mit normierten Tests werden verschiedene Facetten der Intelligenz gemessen. Die Tests sind unterschiedlich und auf die jeweilige Altersgruppe angepasst. Jedoch sagt der IQ noch nichts über das Begabungsprofil aus.
Elternstolz und Wunschdenken?
Danach erklärte der Berater, dass er zu Beginn eine anerkannte Neigungs- und Denkstilanalyse erstellt (HBDI® Herrman Brain Dominanzinstrument). Das würde über einen Online-Fragebogen erfolgen, den der Sohn ausfüllen sollte. Nach der Auswertung würde er die Ergebnisse mit dem jungen Mann in einem 1- bis 2-stündigem persönlichen Termin besprechen, die Eltern wären nicht dabei. Die Mutter war entsetzt und teilte mit, dass sie ihm auf gar keinen Fall erlauben würde, das Gespräch ohne sie zu führen.
Warum hat sie so reagiert?
Traut sie ihrem hochbegabten Kind nicht zu, ein solches Gespräch zu führen? Zur Erinnerung: Wir sprechen von einem jungen Mann, dessen IQ der über 130 liegt und der mit hoher Wahrscheinlichkeit imstande ist, sich in einem Gespräch alle Informationen zu holen, die für die Entscheidung seines weiteren Lebensweges notwendig sind – und ja, ein ausgebildeter Berater ist auch noch dabei.
Liegt vielleicht doch keine Hochbegabung vor? Ist das nur eine Wunschvorstellung der Eltern, weil ihm mit dieser Fähigkeit – von außen betrachtet – alle Möglichkeiten offenstehen?
Sollte der Sohn vielleicht einen Beruf ergreifen, den die Mutter gern selbst ausgeübt hätte? Doch ihr war das aufgrund der Lebensumstände nicht möglich und jetzt überträgt sie ihre Wünsche auf den Sohn?
Möchte sie die Kontrolle nicht verlieren, ein Mitspracherecht haben oder konkret bestimmen, wohin die Reise geht? In diesem Fall könnte das Hinzuziehen eines Beraters auch nur dazu dienen, ihren eigenen Wunsch zu „legalisieren“, ihn als korrekt und angemessen darzustellen.
Oder ist die Mutter „nur“ überfürsorglich? Will sie ihren Sohn umfassend behüten und bewachen? Umgangssprachlich sind es Helikopter-Eltern, die einen Erziehungsstil von Überbehütung und permanenter Einmischung in das Leben der Kinder betreiben.
Sollten diese Überlegungen zutreffen, wäre das wirklich bedauerlich. Denn alle Eltern müssen irgendwann loslassen, um dem jungen Menschen ein vielfältiges, spannendes und interessantes Leben zu ermöglichen. In den meisten Fällen sind sie die ersten Ansprechpartner für die Berufswahl ihres Kindes. Trotzdem ist es manchmal hilfreich, die eigene Motivation zu hinterfragen. Natürlich möchten Eltern ihre Kinder vor Gefahren beschützen und bieten – manchmal auch ungefragt – Ratschläge an. Sie müssen mit ansehen, wie das Kind die wertvollen Tipps unbeachtet lässt und sich ins Leben stürzt.
Diese Situationen auszuhalten, aber weiterhin da zu sein und nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, ist herausfordernd. Doch im Rückblick auf ihre eigene Jugend werden sie feststellen, dass das Leben ohne selbst Erfahrungen zu machen, Entscheidungen zu treffen und mit den daraus resultierenden Konsequenzen umzugehen, nicht gut funktioniert.
Hochbegabung: Vorurteile und Mythen
Aus diesem Gespräch heraus, habe ich mich mit dem Thema „Hochbegabte Menschen“ etwas näher befasst. Denn so wie sich das Wort „Hochbegabt“ rein auf den IQ bezieht und vorerst keinen Hinweis auf die Begabung gibt, ist es wichtig, manche Begriffe voneinander abzugrenzen.
Beispielsweise ist ein Mensch mit einer Inselbegabung, also einer extrem ausgeprägten Fähigkeit in einem bestimmten Bereich, nicht zwangsläufig hochbegabt. Es ist „nur“ eine Begabung in einem bestimmten Bereich – und auch kein wissenschaftlich definierter Begriff. Hier findest Du weitere Mythen und Vorurteile, die sich bisher hartnäckig gehalten haben.
Hochbegabte sind in der Schule unterfordert, bringen Minderleistung oder stören den Unterricht
Minderleisterbzw. Underachiever sind weniger als ein Sechstel der Hochbegabten [1]
Das demonstrative Darstellen der Langeweile, das Stören des Unterrichts oder die erforderliche Anpassung an das Umfeld kann die korrekte Diagnose verzögern.
Einmal hochbegabt – immer hochbegabt
Zwar gelten diese Menschen zukünftig weiterhin als hochbegabt, doch eine Studie hat ergeben, dass 15% der so eingestuften Kinder, dieses Ergebnis nach sechs Jahren nicht wiederholen konnten. [2]
Eltern hochbegabter Kinder sind überehrgeizig
Diese Aussage konnte widerlegt werden, eher versuchen Eltern ihre Kinder in einigen Bereichen zu bremsen, um das Gefühl der Unterforderung zu vermeiden. [3] Im Umkehrschluss KÖNNTE die Aussage lauten: Eltern, die überehrgeizig sind, haben keine hochbegabten Kinder.
Nur 15% der Hochleister sind hochbegabt. Ein Teil der Spitzenschüler ist überdurchschnittlich begabt und weitere 15% sind durchschnittlich begabt. [4]
Weder gehören alle Hochbegabten zu den Hochleistenden, noch sind alle Hochleistenden hochbegabt. (Marburger Hochbegabtenprojekt)
Hochbegabung geht oft mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) einher
Beide Verhaltensweisen ähneln sich, doch es gibt keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang. ADHS tritt bei Normalbegabten und Hochbegabten in der gleichen Relation auf. Eine Fehldiagnose kann zur Verschlechterung führen. [5]
Was sind Deine Erfahrungen?
Hochbegabung ist ein spannendes Thema und wenn Du Deine Erfahrungen hier teilen möchtest, hinterlasse uns gern einen Kommentar.
Website Mensa in Deutschland e.V. (Mensa als die größte Hochbegabungscommunity in Deutschland und weltweit bietet Hochbegabten ein unterstützendes und förderndes Umfeld, in dem man seine Hochbegabung gemeinsam mit anderen, denen es ähnlich geht, entdecken und entwickeln kann.)
[3]Wikipedia/Hochbegabung [52]: Österreichisches Zentrum für Begabungsförderung und Begabungsforschung: Newsletter Nr. 11, Okt. 2005: Eltern und ihre hoch begabten Kinder begabtenzentrum.at