Damit ein ungewöhnlicher Kalender in die Verbreitung gehen konnte, war eine Crowdfunding-Kampagne der richtige Ansatz: Die gesamte Auflage des Vulven-Kalenders 2021 ist ausverkauft. Ein Artikel in der FAZ hat uns das spannende Projekt nähergebracht.
Vulvaversity
Das Projekt „Vulvaversity“ räumt mit der allgemein vorherrschenden Scham bezüglich der Vulva auf und will das Bild der Norm-Vulva in den Köpfen der Menschen durch eine realistische Vorstellung ersetzen. Dabei ist das Motto des Abreißkalenders „Mal so richtig hinschauen“ Programm: Es werden 365 unbearbeitete Fotografien von Vulven gezeigt, die die Realität widerspiegeln: vielfältig und divers in all ihren Formen und Farben.
Hinter dem Projekt steht das Freiburger Kollektiv. Engagierte Künstler:innen zwischen 25 und 30 Jahren wollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Das haben sie erfolgreich umgesetzt. Es gab sehr viel Lob, aber auch einem Shitstorm haben sie mit ihrer Idee ausgelöst.
Eine zweite Auflage ist in Planung und wir sind bereits jetzt sehr gespannt, wie die Umsetzung durch das Team um Indra Küster aussehen wird.
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Das Interview in der FAZ ist absolut lesenswert und wir sind der Meinung, dass das Thema insgesamt mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfordert. Was meinst Du dazu?
Andrea Hitzke ist Sozialarbeiterin und leitet seit 2012 die Dortmunder Mitternachtsmission e.V., die eine Beratungsstelle für Prostituierte, ehemalige Prostituierte und die Opfer von Menschenhandel unterhält. Der Verein ist bundesweit anerkannt und Mitglied im Dachverband des Diakonischen Werks.
Hallo Andrea, herzlichen Dank für Deine Zeit, uns ein Interview zu geben. Bitte erzähle unseren Leser:innen, was macht die Mitternachtsmission eigentlich?
Die Dortmunder Mitternachtsmission e.V. macht sich für die sozialrechtliche Gleichstellung aller in der Prostitution arbeitenden Menschen und für die Beendigung von Diskriminierung und Kriminalisierung stark. Wir helfen unseren Klient:innen, ein gesundes, selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben in Sicherheit zu führen. Sie sollen sich frei von Angst bewegen und ihre Entscheidungen ohne finanzielle und emotionale Abhängigkeit treffen können.
Wir sind ein kleiner gemeinnütziger Verein, der im Jahr 1918 gegründet wurde. Wir missionieren nicht. Wir verstehen unseren Namen als Auftrag: wir beraten und unterstützen Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, helfen jenen beim Ausstieg, die eine andere berufliche Perspektive wollen, und wir bieten Schutz und Hilfe für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution.
Der Schwerpunkt der Arbeit mit Prostituierten liegt in der aufsuchenden Sozialarbeit, das heißt Streetwork an den Orten wo Sexdienstleistungen angeboten werden, wie z. B. auf der Straße, in Clubs oder Bordellen.
Unsere Arbeit besteht aus zwei Hauptbereichen, die wir unbedingt getrennt sehen: Die Arbeit mit Prostituierten und die Hilfen für Opfer von Menschenhandel.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist das Hilfeangebot für Kinder und Jugendliche, die der Prostitution nachgehen. Das Angebot überschneidet sich zwar mit der Prostituiertenhilfe und der Hilfe für Opfer von Menschenhandel, doch die Minderjährigkeit der Zielgruppe schafft andere Rahmenbedingungen, daher betrachten wir diesen Bereich separat.
Die Prostituiertenhilfe umfasst sowohl die Beratung und Unterstützung von Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen freiwillig für die Sexarbeit entschieden haben, als auch Hilfe für diejenigen, die aus dem Milieu aussteigen wollen.
In der Prostitution arbeitende Menschen sehen sich häufig Diskriminierungen ausgesetzt und sind aus diesem Grund eher misstrauisch. Wie erreicht ihr die Prostituierten?
Unsere Streetworkerinnen sind ausgebildete Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen. Wir gehen dort hin, wo die Prostitution stattfindet. Wir kommen ins Gespräch mit den Frauen und bauen Vertrauen auf. Wir beraten vor Ort und bieten Hilfe an. Wir verteilen Kondome und klären im Bereich sexuell übertragbarer Infektionen auf. Wir helfen natürlich auch, wenn wir von Männern oder Transgender-Personen aus der Zielgruppe angesprochen werden.
Vor Corona waren wir zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten in den Clubs, Bars und Bordellen und auf dem Straßenstrich unterwegs, um mit den Sexarbeiter:innen zu sprechen. Mit dem Einsatz von mehrsprachigen Mitarbeiterinnen versuchen wir Sprachbarrieren zu überwinden und auch Prostituierte ohne Deutschkenntnisse zu erreichen.
Jetzt ist Coronazeit und das Kontaktverbot hat das gesamte Milieu lahmgelegt. Wie hast Du diese Einschnitte wahrgenommen und wie hat sich die Arbeitsweise verändert?
Das Corona bedingte Kontaktverbot hat die Prostitution zum Erliegen gebracht. Sexuelle Dienstleistungen sind verboten und die meisten Prostituierten haben seit März 2020 keinerlei Einkünfte mehr. Die Verzweiflung bei den Betroffenen ist unfassbar. Viele haben ihre Rücklagen aufgebraucht, um die Familie weiter ernähren zu können. Wertsachen werden verkauft, um über die Runden zu kommen. Wer seine Scham überwunden hat, konnte anfangs noch recht einfach einen Hartz IV Antrag stellen. Nun sind die Bedingungen für einen Sozialleistungsbezug deutlich schwieriger geworden. Teilweise werden Nachweise verlangt, die die Sexarbeiter:innen nicht beibringen können. Somit fallen sie aus dem Sozialleistungsbezug raus. Dies gilt auch für die Soforthilfen für Soloselbständige.
Ohne Hart IV fehlen sämtliche Einkünfte, die Miete kann nicht mehr bezahlt werden und Obdachlosigkeit ist eine der Folgen. Andere haben sich Geld leihen müssen und sind in Schuldenfallen geraten. Viele arbeiten illegal und unter unsicheren Arbeitsbedingungen, um ihre Familien versorgen zu können.
Einige Bordellbetriebe haben den wohnungslos gewordenen Prostituierten ihre Zimmer kostenlos zur Verfügung gestellt, damit sie eine sichere Unterkunft haben. Das ist ein Lichtblick, zumal die Betreiber:innen ja ebenfalls keine Einnahmen generieren können.
Mit dem Lockdown mussten wir unsere Arbeit umstrukturieren. Die Besuche vor Ort in den Clubs und Bordellen waren nicht mehr möglich, da sie geschlossen sind. Der Beratungs- und Unterstützungsbedarf war aber sehr hoch. Um auch die Mitarbeiterinnen zu schützen, wird Beratung überwiegend telefonisch oder per E-Mail durchgeführt, wenn das möglich ist. Das funktioniert aber nicht immer, so dass eine Face-to-Face Beratung notwendig ist. Dann können Termine vereinbart werden, entweder in der Beratungsstelle oder z. B. bei Hausbesuchen oder bei Beratungsspaziergängen. In der Beratungsstelle arbeiten wir nach einem Arbeitsplan und sonst im Homeoffice.
Was sind die Gründe für den Einstieg in die Prostitution und worum geht es bei der nachgehenden Ausstiegshilfe für Prostituierte?
Einige Frauen entscheiden sich aus einer finanziellen Notlage heraus, in den Dienstleistungssektor zu gehen. Oft wissen die Angehörigen nichts davon und die Prostituierten sehen sich ständig der Gefahr ausgesetzt, dass die Tätigkeit entdeckt wird. Dann müssen sie mit Diskriminierung und Verachtung rechnen.
Häufig geht es auch um die Beschaffung von Geldmitteln für den Kauf von Drogen. Diese Frauen sehen sich selbst nicht als Sexarbeiterinnen. Sie entscheiden sich für diesen Weg an Geld zu kommen, statt Raubüberfälle zu begehen und damit in die Beschaffungskriminalität zu rutschen.
Mit der nachgehenden Ausstiegshilfe unterstützen wir Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen oder bereits ausgestiegen sind. Wir begleiten z. B. bei Behördengängen, unterstützen bei der Jobsuche und führen die Begleitung der Frauen auch über einen längeren Zeitraum durch.
Aktuell gibt es eine hitzige Diskussion um das „Schwedische Modell“. Was ist das und wie stehst Du dazu?
Das „Schwedische Modell“ soll Prostitution verhindern, indem u. a. der Kauf von sexuellen Dienstleistungen unter Strafe gestellt wird, um die Frauen vor Gewalt zu schützen. Wir fürchten, dass bei einer Einführung dieses Modells die Prostituierten in ein Dunkelfeld und die Illegalität gedrängt werden, sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern und das Risiko für die Sexarbeiter:innen steigt, Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel zu werden. Die Nachfrage wird dadurch nicht verschwinden. Die Kontaktaufnahme durch das Unterstützungssystem wäre nur noch sehr schwierig oder gar nicht möglich. Man könnte das Modell mit der Prohibition vergleichen. Wem hat sie letztendlich genutzt? Aufgrund der nicht versiegenden Nachfrage konnte die Mafia hohe Gewinne erzielen.
Liebe Andrea, herzlichen Dank für den Einblick in den Bereich der Prostituiertenhilfe. Wir wünschen Dir und Deinem Team weiterhin viel Erfolg.
Hinweis der Redaktion: Teil 2 des Interviews, in dem es um die Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und Zwangsprostitution geht, erscheint demnächst in diesem Magazin.
Kontakt zur Dortmunder Mitternachtsmission e.V.
Dortmunder Mitternachtsmission e. V. Dudenstraße 2-4 44137 Dortmund Tel.: 0231/14 44 91 Website: https://mitternachtsmission.de/
Weihnachten ist vorbei! Die Tage der Festessen und des Überflusses liegen hinter uns und viele Menschen sind mit neuen Vorsätzen ins Jahr gestartet. Eine gute Idee dafür haben wir im Mittagsmagazin gefunden: Lebensmittel wertschätzen und damit die Welt ein bisschen besser machen! In der Sendung vom 07.12.2020 berichtet Hanna Legleitner vom Verein „Restlos Glücklich“ über ihre Art, das Weltklima zu verbessern.
Ressourcenverschwendung durch weggeworfene Lebensmittel
In Deutschland landen jedes Jahr 75 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, dadurch werden wichtige Ressourcen vernichtet. Hanna ist seit 4 Jahren Foodsaverin. Sie und ihre Mitstreiter:innen retten aussortierte, aber noch verwendbare Lebensmittel in großen und kleinen Supermärkten und Betrieben. Einen kleinen Teil behalten sie für sich, alles andere bringen sie in sogenannte „Fair-teiler“, öffentlich zugängliche Kühlschränke der Initiative Foodsharing. Hier dürfen die Lebensmittel gratis mitgenommen werden.
Der Verein „Restlos Glücklich“
Hanna Legleitner ist Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins „Restlos Glücklich“ aus Berlin, der sich für mehr Wertschätzung und gegen die Verschwendung von Lebensmitteln engagiert. Mit Vorträgen, Events und digitalen Kochworkshops (Anmeldung) soll das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln gestärkt und mehr Menschen fit gemacht werden, sich im Alltag nachhaltig zu ernähren.
Der Beitrag vom „ZDF Mittagsmagazin vom 07.12.2020“ ist leider abgelaufen.
Der Song von Ina Müller aus dem Album von 2006 „Weiblich, ledig, 40“ hatte es mir damals schon angetan. Das Lied handelt (sachlich betrachtet) davon, dass der Modetrend „Arschgeweih“ vorbei und es nun an der Zeit ist, sich einer entfernenden Laserbehandlung zu unterziehen. Beim Zuhören entstehen witzige Bilder im Kopf und ich finde das gesamte Album nach wie vor sehr hörenswert.
Kunstwerke unter der Haut
Schon immer hatte ich Menschen in meinem Umfeld, die der Körperkunst des Tattoos frönen. Eigene Erfahrung habe ich nicht, doch großen Respekt vor den Personen, die sich ihre Wunschbilder in der Haut verankern lassen.
Veränderungen
Das Leben verändert sich. Ob man Modetrends mitmacht, eine Fehlentscheidung getroffen hat oder Lebensphasen abgeschlossen sind, manchmal möchte man das Tattoo oder die Erinnerung an das damit verbundene Ereignis wieder loslassen. Das ist nicht ganz einfach und ich habe noch Worte im Ohr wie „Die Haut war nach der Behandlung ganz vernarbt!“.
Daher habe ich mich auf die Suche gemacht, um mehr über die Entfernung von Tattoos zu erfahren. Während meiner Recherche ist mir klar geworden, dass es hier nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern durchaus sämtliche Schattierungen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Entscheidung auf Dauer
Es gibt mehrere Möglichkeiten der Entfernung. Da ist es wichtig, die Wahl gut zu überdenken. Von Laserbehandlung über Cover Up bis zum Blast-over, jede Option ist ein neuer Angriff auf die Haut und kann zu Schwierigkeiten führen.
Es gilt, die mentale Seite des vorhandenen Kunstwerks zu berücksichtigen:
Soll das Tattoo ganz weg?
Sind schöne Momente damit verbunden und es soll doch bleiben?
Will ich die Fehlentscheidung „rückgängig“ machen oder soll ein misslungenes Tattoo verschwinden?
Und auch die körperliche Betrachtung sollte nicht vernachlässigt werden:
Eignet sich das vorhandene Tattoo für die jeweilige Entfernungs-Methode?
Welche Risiken gibt es – sowohl optisch als auch hauttechnisch?
Ist genügend Platz (für ein Cover Up oder Blast-over) vorhanden?
Ist eine Kombination aus Lasern und Überstechen sinnvoll?
In jedem Fall sollte eine ausführliche Beratung und sorgfältige Auswahl der ausführenden Personen das A und O sein.
Veränderung eines Tattoos nach mehrfacher Laserbandlung – Copyright AdobeStock 187863385
Tattoo-Entfernung per Laser
Die Grundlage: Mit dem Laser werden energiereiche, gebündelte Lichtstrahlen für Sekundenbruchteile auf die betroffenen Stellen geschossen. Damit werden die Farbpigmente, die in der Lederhaut sind, aufgesprengt. Sie zerfallen in kleine Teilstücke, die dann vom Lymphsystems des Körpers nach und nach abtransportiert werden. Das braucht Zeit und ein funktionierendes Immunsystem.
Mehrfarbige Tattoos müssen mit unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts behandelt werden und halten vielleicht eine Überraschung bereit. Farbintensive Tattoos werden unter Umständen nicht komplett zu entfernen sein und als Schatten unter der Haut bleiben.
Im Regelfall werden für die Entfernung mehrere Sitzungen benötigt, so dass die Kosten um einiges höher liegen als das Stechen. Der Zeitfaktor kommt noch dazu, so dass sich die komplette Entfernung über Monate hinziehen kann.
Auf der Website infoMedizin gibt es ein kurzes Video von der Hautärztin Dr. Heike Heise mit einer verständlichen Erklärung zur Entfernung von Tattoos.
Laserbehandlung und Cover Up – Copyright Pixabay Herco-Roelofs
Cover Up und Blast-over
Einige Sendungen suchen in Castings nach Menschen, mit „schlechten“ Tattoos. Die Personen werden dann mit der Kamera beim Prozess des Cover Ups begleitet. Das Entfernen eines ungewollten Tattoos erfolgt dabei so, dass das alte Bild in einem größeren neuen Kunstwerk „versteckt“ wird und nicht mehr sichtbar ist. Das ist die Königsdisziplin bei Tätowierern und erfordert jahrelange Erfahrung, großes Können und sehr viel gestalterisches Geschick.
Diese Methode ist im Regelfall günstiger als eine Laserbehandlung. Trotzdem gehört auch hier eine ausführliche Beratung im Vorfeld dazu. Wichtig ist auch, sich über die Arbeiten des Tätowierers zu informieren und so sicherzustellen, dass die erforderlichen Fähigkeiten vorhanden sind.
Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Beitrag zum Thema „Cover up – Tattoos – Das solltest du wissen“ habe ich auf einer Singlebörse für tätowierte Singles entdeckt, wirklich charmant.
Inas Lösung
Ina Müller hat sich Gedanken über ihre Möglichkeiten gemacht und ihre individuelle Lösung gefunden:
„Die Trennung wird bestimmt nicht billig Ich werd‘ mein Konto überzieh’n, Aber wenn alles klappt, dann kann ich Mir ’n bisschen Geld dazu verdien’n. Denn über meinem Hinterteil, Da wird jetzt Werbefläche frei.“
Aktuell gibt es einen weiteren interessanten Beitrag zu diesem Thema und den Einfluss, den sichtbare Tattoos auf den beruflichen Kontext haben. Das Online Magazin Mia Boss hat dazu den Artikel „Tattoos an sichtbaren Stellen, beruflicher Selbstmord?“ veröffentlicht.
Ein Einblick in eine Genossenschaft für Frauen, die etwas bewegen wollen.
Frau Dr. Katja von der Bey ist seit 1996 im Vorstand der Frauengenossenschaft WeiberWirtschaft eG und ist immer noch fasziniert von den Möglichkeiten, die sich durch den Zusammenschluss von Frauen ergeben. Die promovierte Kunsthistorikerin ist seit 1992 genossenschaftlich aktiv und wurde für ihre Verdienste bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie gibt uns in einen Einblick in die Themenvielfalt der Genossenschaft, die vor über 30 Jahren gegründet wurde und aus einer kleinen Fraueninitiative entstanden ist.
Hallo Katja, herzlichen Dank für Deine Bereitschaft, uns für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Als Vorstandsmitglied und Geschäftsführerin der WeiberWirtschaft eG kümmerst Du Dich unter anderem um die Öffentlichkeitsarbeit und das Gründerinnenzentrum. Kannst Du uns etwas zur Rechtsform sagen und uns die Entstehung und Zielsetzung der Genossenschaft etwas näherbringen?
Mitte der 1980-er Jahre nahm alles mit einer Studie seinen Anfang. Einige Frauen schlossen sich zu einer Initiative zusammen, um ein Trägermodell eines Gründerinnenzentrums zu entwickeln. Daraus entwickelte sich der Verein Weiberwirtschaft e.V., der Anfang der 1990-er Jahre in die Frauengenossenschaft „WeiberWirtschaft eG“ überging.
Die Rechtsform der Genossenschaft hat den Vorteil, dass alle Genossinnen – unabhängig vom Kapitaleinsatz – das gleiche Stimmrecht haben. Mittlerweile sind wir über 2000 Frauen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Viele davon sind keine Existenzgründerinnen, sie unterstützen das Modellprojekt aus frauenpolitischem Interesse. Wir wollen die Welt verändern und zeigen, was Frauen auf die Beine stellen können. Frauen helfen Frauen, denn gemeinsam sind wir stärker – das haben wir mehrfach bewiesen.
Der Blick in die Satzung legt dar, dass wir nicht auf Gewinnerzielung aus sind. Der Zweck der WeiberWirtschaft ist die Förderung ihrer Mitglieder, die Verbesserung der Ausgangsbedingungen von Frauenbetrieben und -projekten durch Bereitstellen von Gewerberäumen in einem Gründerinnenzentrum, die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen für Frauen sowie die Stärkung von Frauen auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet.
Unser Kerngeschäft ist die Vermietung von Gewerberäumen: Unsere Schwesterorganisation Gründerinnenzentrale bietet mit unserer finanziellen Unterstützung eine Orientierungsberatung an, wir haben ein Mentoring-Programm aufgelegt und neue Fortbildungsformate für Gründerinnen entwickelt. Wir wollten etwas Großes nach eigenen Regeln erschaffen – und der Erfolg gibt uns Recht: Wir betreiben Europas größtes Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum mit rund 70 Mieterinnen.
Copyright Florian Bolk
Katja, die aus dem Satzungszweck resultierenden Themen sind vielfältig. Kannst Du uns einen kleinen Überblick zu den aktuellen Themen der WeiberWirtschaft geben?
Die deutsche Wirtschaft ist weder Familien- noch Frauenfreundlich aufgestellt. In der Vergangenheit wurden zwar einige „Schönheitsreparaturen“ vorgenommen, doch die Nachteile für Frauen liegen immer noch klar auf der Hand. Unsere Themen gehen in die Bereiche, in denen für Verbesserungen gesorgt werden muss. Das sind z. B.
Gründungsberatung von Frauen Die berufliche Option Selbständigkeit sollte für Frauen genauso selbstverständlich werden, wie sie für Männer schon lange ist. Wir setzen uns für eine Gründungskultur ein, in der Frauen genauso gefördert und unterstützt werden wie Männer.
Entwicklung einer zukunftsfähigen Form der Wirtschaft Dabei geht es um die Entwicklung von nachhaltigen Modellen, die eine größere Lebenszufriedenheit ermöglichen und um die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen mit Zukunftsperspektive.
Altersarmut Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit sind notwendig, weil immer noch viele Frauen kein eigenes Geld haben und später nicht abgesichert sind.
Vergabe von Mikrokrediten Wir sind als akkreditiertes Finanzinstitut in der Lage, Kredite zu vergeben und können Gründerinnen unterstützen.
Befürwortung einer angemessenen Bezahlung der erbrachten Leistung Bieterplattformen, auf denen der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält, richten großen gesellschaftlichen Schaden an. Wir thematisieren und klären auf, um den Schaden dieser Art von „Lohndumping“ sichtbar zu machen.
Der amtierende Vorstand – Copyright Anke Großklaß
Die Themen sind breit gefächert. Bleiben wir mal bei dem Unterschied von Frauen und Männern. Das gilt für das Einkommen, aber auch für den Grund einer Existenzgründung. Was ist dabei besonders bemerkenswert?
Ein Beispiel ist die Vertrauenslücke „Confidence-Gap“. Das sehen wir im Gründungsbereich häufig.
Während Frauen sich eher unterschätzen machen Männer genau das Gegenteil. Ein gesellschaftliches Problem wird deutlich, denn Männern wird die Selbstständigkeit eher zutraut. Ihnen wird auf die Schulter geklopft, sie werden gefragt: „Und, wann hast Du die erste Million zusammen?“ Bei Frauen sieht das ganz anders aus. Sie werden gefragt, ob sie sich das zeitlich überhaupt erlauben können, sie müssen ja schließlich auch noch für die Familie sorgen. Um es klar zu sagen: Männer haben die Familie im Rücken, während Frauen die Familie im Nacken haben. Diese altmodischen Ansichten lassen in ihrer Wirkung nur sehr langsam nach.
Frauen ticken anders, sie haben eine andere Vorstellung von der Welt und wollen sinnstiftenden Tätigkeiten nachgehen. Nicht umsonst sind viele im Care-Bereich und in der Sorge-Arbeit unterwegs. Frauen geht es weniger um den Profit, sie wollen der Gesellschaft etwas geben, etwas Gutes in die Welt tragen und anderen Menschen helfen. Männer sind eher gewinnorientiert, die nachhaltige oder soziale Komponente der Tätigkeit spielt dabei keine große Rolle.
Auffallend sind die kulturellen Unterschiede. Im Osten sind wesentlich mehr junge Frauen in technischen Berufen tätig und es gibt auch mehr Frauen in Führungspositionen. Durch die staatliche Regelung der Kinderversorgung konnten und mussten die Frauen immer arbeiten und auch selbstverständlich in allen Berufen. Das hat eine andere gesellschaftliche Wahrnehmung bewirkt.
Copyright Florian Bolk
Das bedeutet zwar lokal gesehen eine bessere Ausgangsposition für die Frauen, doch durchgängig ist das nicht. Du erwähnst hohe Hürden, die Frauen überwinden müssen, um aus gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auszubrechen. Kannst Du das an einem Beispiel verdeutlichen?
Nehmen wir z. B. Corona, oder die Sorge- und Pflegearbeit. Es geht mir dabei um das Bewusstsein, dass die altbekannten Klischees ganz tief in der Gesellschaft verankert sind. Corona hat uns das im Frühjahr extrem deutlich gemacht.
Thema Homeschooling: Der Lockdown kam und die Kinder mussten zu Haus unterrichtet werden. Wie viele Männer haben diese Aufgabe freiwillig übernommen? Die meisten Frauen hatten keine Wahl, das gesellschaftliche Denken ist sehr konservativ im Hinblick auf Veränderungen.
Thema Pflege der Eltern: Häufig wird vorausgesetzt, dass Frauen die elterliche Pflege übernehmen. Manche kommen gar nicht auf den Gedanken, dass man darüber durchaus diskutieren kann. Sie übernehmen sowohl die Verantwortung als auch die körperliche Arbeit. Doch die Gesellschaft nimmt das nicht wahr und wertgeschätzt wird das auch nicht.
Thema Gendern: Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die sprachliche Umsetzung konsequent erfolgen muss. Damit sind Erfolge sichtbar geworden. Frauen fühlen sich eher angesprochen und reagieren auf entsprechende Formulierungen. Zum Beispiel wurde ein Online-Fragebogen mit einem Kooperationspartner gendergerecht angepasst. Die Konsequenz war eine wesentlich höhere Rücklaufquote von Frauen im Vergleich zu den Vorjahren.
Thema Familiengründung: Das klingt nach einem privaten Thema, doch tatsächlich ist es politisch. Die Frage: „Wer kümmert sich um die Kinder“ ist berechtigt, doch die Antwort ist in Gesetzen verankert. Elternzeit 12/2: Das bedeutet, dass der Vater, wenn er die Elternzeit nicht verschenken möchte, mindestens 2 Monate nehmen muss. Seitens der Politik könnten hier doch auch 50:50 vorgesehen werden.
Nach der Generalversammlung – Copyright Anke Großklaß
Das waren schon wirklich viele Informationen zu der kleinen Themenauswahl. Herzlichen Dank Katja, für den spannenden Einblick. Wir wünschen Dir und allen Mitgliedern weiterhin viel Erfolg für die Zukunft, die uns alle betrifft.
Wenn Du Interesse daran hast, Genossenschafterin zu werden und bei der WeiberWirtschaft eG mitzumachen, stehen hier die Details.